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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Eli­as Canet­ti, Mas­se und Macht, 53ff

 

Mei­ne Lek­türe­hy­po­the­se lau­tet: Die eth­no­lo­gisch anmu­ten­den Anmer­kun­gen zu Stam­mes­ge­sell­schaf­ten die­nen dazu, das The­ma breit abzu­si­chern – und „moder­ne“ Varia­tio­nen des­sel­ben ver­ständ­li­cher zu machen.

Inhalt­lich, von ihrem Gehalt her sol­len die Mas­sen nach dem sie „tra­gen­den Affekt“ her unter­schie­den wer­den (53).

Bei der Hetz­mas­se geht es um den Affekt des Töten­wol­lens.

Bei der Flucht­mas­se geht es um eine affek­ti­ve Reak­ti­on auf eine Dro­hung.

Bei der Ver­bots­mas­se geht es um eine affek­ti­ve Reak­ti­on auf ein Ver­bot.

Bei der Umkeh­rungs­mas­se han­delt es sich um eine affek­ti­ve Reak­ti­on auf einen Sta­chel, der durch Befeh­le aus­ge­löst wird. Canet­ti erwähnt z. B. Revo­lu­tio­nen.

 

Die bei­den ers­ten Mas­sen­ty­pen sind bei Tie­ren eben­falls fest­zu­stel­len, die bei­den letz­te­ren sind men­schen­ty­pisch. Also ist eines der The­men von Canet­ti das Ver­hält­nis von Natur und Kul­tur.

Bei der Fest­mas­se geht es um den Genuss des Lebens.

Bei der Dop­pel­mas­se erwähnt er den Gegen­satz von Frau­en und Män­nern. Das ist nicht über­ra­schend, weil es dafür vie­le Bele­ge der Ver­schrän­kung gibt, ein affek­ti­ver Pro­zess. Schwie­ri­ger ist die Ver­schrän­kung von Toten und Leben­den. Ster­ben ist Canet­ti zufol­ge ein Kampf, in dem es offen­bar um auf ein­an­der bezo­ge­ne Fein­de geht.

Das leuch­tet natür­lich bei der Dop­pel­mas­se Krieg ein, hier geht es um die Samm­lung der Fein­de auf einem Hau­fen. Dabei scheint es um einen Wett­be­werb um grö­ße­re Hau­fen zu gehen.

Eine meta­pho­ri­sche Ver­wen­dung von „Kris­tall“ fin­det sich in Mas­sen­kris­tal­le. Hier ist die Kon­stanz einer sol­chen Mas­se lei­tend.

Bekann­te Mas­sen­sym­bo­le (Feu­er, Wind, Meer, Regen, Wald, Korn und Sand, aber auch Hau­fen, Stein­hau­fen und Schatz) wer­den erör­tert. Meer impli­ziert die gegen­wär­tig ver­wen­de­te Meta­pher Flut. Auch dazu ver­sucht Canet­ti Affek­te zu benen­nen, z. B. Gier beim Schatz.

Das Pro­blem von Natur und Kul­tur wird durch den Begriff der Meu­te ver­stärkt (109ff). Jagd- und Kriegs­meu­te über­ra­schen nicht so sehr, Kla­ge­meu­te schon eher, zumal es Kla­ge­re­li­gio­nen (aus­führ­lich dann 169ff) geben soll, ein in der Reli­gi­ons­wis­sen­schaft eher unbe­kann­ter Begriff. In der Kla­ge­meu­te gibt es For­men der Soli­da­ri­sie­rung mit dem Toten, aber auch sol­che der Absto­ßung, denn der Tote ist gefähr­lich.

Die Ver­meh­rungs­meu­te soll die eigent­li­che Trieb­kraft zum „Umsich­grei­fen“ des Men­schen sein. Das stellt wohl Canet­tis Evo­lu­ti­ons­theo­rie des Men­schen dar, der s. E. als Ein­zel­ner unter ande­ren Tie­ren usf. auf­trat. Die­se ver­such­te er zu ver­wan­deln. Dabei sol­len die Ahnen als Misch­we­sen eine Rol­le gespielt haben. Hier­zu ent­wi­ckelt er eine Totem­auf­fas­sung.

Auf die­sen Zusam­men­hang bezieht er auch die Kom­mu­ni­on.

Unter­schie­den wird dann zwi­schen äuße­ren und inne­ren Meu­ten. Jagd- und Kriegs­meu­te sind äuße­re, auf ein Ziel gerich­te­te Meu­ten. Kla­ge- und Ver­meh­rungs­meu­te sind inne­re Meu­ten, zumal die Kom­mu­ni­on den Toten ein­ver­leibt. Es geht um kon­zen­tri­sche Bil­dun­gen um einen Toten.

Es gibt zudem Erwar­tungs­meu­ten, die still sind (im Unter­schied zur Kla­ge­meu­te).

Meu­ten sind bestimmt, also klar abge­grenzt und wie­der­hol­bar, hier dient wie­der der Begriff Mas­sen­kris­tall.

Die Bele­ge aus den Legen­den der Aran­da ver­su­chen wei­ter eth­no­lo­gi­sches Mate­ri­al zu bie­ten.

 

 

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Info:
Eli­as Canet­ti, Mas­se und Macht, 53ff ist Beitrag Nr. 4868
Autor:
Martin Pöttner am 2. Februar 2016 um 22:47
Category:
Kultur
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