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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


2Kor 1,8-11 (EfG Gries­heim)

Prof. Dr. Ruth Klü­ger, *1931

8Denn wir wol­len euch nicht ver­schwei­gen, lie­be Schwes­tern und Brü­der, dass wir in der Pro­vinz Klein­asi­en in eine bei­spiel­lo­se Gefahr gera­ten sind. Die schwe­re Bedro­hung ging so sehr über unse­re Kraft, sodass wir am Leben ver­zwei­fel­ten. Wir sahen kei­nen Aus­weg mehr.

9Wir selbst hat­ten uns in der Tat schon inner­lich mit dem Todes­ur­teil abge­fun­den.

Wir ver­trau­ten daher nicht mehr auf unse­re eige­ne Kraft, son­dern auf den Gott, der die Toten „auf­weckt“.

10 Gott hat uns aus schreck­li­chen Todes­nö­ten geret­tet und wird uns erneut ret­ten.

Von Gott erhof­fen wir immer wie­der Ret­tung,

11wenn auch ihr durch euer Gebet für uns mit­helft. So wird aus dem Mund vie­ler Men­schen für die Zuwen­dung Got­tes gedankt, die uns geschenkt wur­de.[1]

 

Lie­be Gemein­de,

 

wer schon ein­mal oder auch öfter am Leben ver­zwei­felt ist, der könn­te sich von man­chen Tex­ten wie dem heu­ti­gen Pre­digt­text, der heu­ti­gen Schrift­le­sung (Ps 22,1-11) und ent­spre­chen­den pau­li­ni­schen Tex­ten ange­zo­gen füh­len. Oder aber sie oder er will so etwas nicht mehr hören, das zieht eine/n ja noch tie­fer in die anschei­nend aus­weg­lo­se Lebens­si­tua­ti­on hin­ein. Viel­leicht denkt er oder sie auch dar­an, dem eige­nen Leben ein Ende zu set­zen – man/frau hat sich schon

mit dem Todes­ur­teil abge­fun­den [,]

wie es Pau­lus for­mu­liert – und will es dann wenigs­tens selbst bestim­men, wann und wie das Ende genau ein­tritt. So ist heu­te die Debat­te um Ster­be­hil­fe manch­mal orga­ni­siert. Jeden­falls Pau­lus führt das dazu, dass er wahr­nimmt, sei­ne Kraft sei nicht mehr aus­rei­chend, um jene Situa­ti­on in der Pro­vinz Klein­asi­en, der heu­ti­gen Tür­kei aus eige­ner Kraft zu bewäl­ti­gen. Das bringt er in Bezie­hung mit dem Schick­sal Jesu von Naza­reth, der gekreu­zigt wur­de und nach Mar­kus und Mat­thä­us dabei mit dem Anfang von Psalm 22 schrie:

Mein Gott, mein Gott, war­um hast Du mich ver­las­sen? –

und nach des­sen Tod sich Gott als der­je­ni­ge zeig­te, der Tote „auf­weckt“. Und lebens­be­droh­li­che Situa­tio­nen, in denen die eige­ne Kraft nicht mehr aus­zu­rei­chen scheint, ver­wei­sen Pau­lus zufol­ge auf die Situa­ti­on Jesu, wie eben jene Situa­ti­on, die er in der heu­ti­gen Tür­kei erleb­te.

Jesus starb bru­tal miss­han­delt am Kreuz – und Esoteriker/inn/en, die sich als Reinkar­na­ti­on der Maria Mag­da­le­na aus­ge­ben, geben vor, ihn pal­lia­tiv oder schmerz­lin­dernd behan­delt zu haben – eine Wei­se, wie Men­schen mit dem Ent­set­zen umge­hen, wel­che der Tod Jesu aus­löst. Dahin­ter steht die Über­zeu­gung, das Leben gin­ge letzt­lich trotz allem gut:

Et hätt’ noch immer jot jejan­ge –

wie in Köln häu­fig und wohl auch in die­sem Kar­ne­val gesagt wird.

Pau­lus sah dem­ge­gen­über das Todes­ur­teil in jener Situa­ti­on in der Pro­vinz Klein­asi­en als gefällt an, mit sei­ner Kraft war ange­sichts der schwe­ren Bedro­hung nichts mehr zu leis­ten, viel­leicht wur­de er in einer Are­na Löwen aus­ge­setzt, wir wis­sen es nicht. Sein Ver­trau­en ging daher auf den Gott, der die Toten „auf­weckt“, wie bei dem gekreu­zig­ten Jesus, der sich als gott­ver­las­sen erfährt, aber den­noch sei­ne Kla­ge gegen­über Gott äußert. Und tat­säch­lich wur­de Pau­lus erret­tet – gegen alle Wahr­schein­lich­keit des­sen, was Men­schen als mög­lich erscheint.

Und für die­se Ret­tung – und alle wei­te­ren – macht er auch die Soli­da­ri­tät der Beten­den, also auch die Für­bit­te der korin­thi­schen Gemein­de ver­ant­wort­lich:

Von Gott erhof­fen wir immer wie­der Ret­tung, 11wenn auch ihr durch euer Gebet für uns mit­helft. So wird aus dem Mund vie­ler Men­schen für die Zuwen­dung Got­tes gedankt, die uns geschenkt wur­de.

Natür­lich ist ein huma­ni­tä­rer Rechts­staat bes­ser als die wil­den Spie­le der Römer, die in der römi­schen Gesell­schaft als Unter­hal­tung dien­ten, aber das ist auf Kon­sens der gesam­ten Gesell­schaft ange­wie­sen – und man­che hal­ten sich nicht an das beschlos­se­ne Recht. Und man­che Rechts­re­geln kön­nen uns sogar in Schwie­rig­kei­ten brin­gen, dann brau­chen wir Kraft und Ener­gie, um die­se zu ändern.

Damit rech­net Pau­lus nicht. Sei­ne Situa­ti­on in der heu­ti­gen Tür­kei erschien ihm aus­weg­los, das ging über alle Kraft und Ener­gie, die er sich zuschrieb. Und er erleb­te die­se Situa­ti­on so, dass sie ihn auf die Kraft des „auf­we­cken­den“ Got­tes ver­wies, der Jesus von den Toten „auf­ge­weckt“ hat­te. Der nach sei­nem Urteil schon tote Pau­lus erleb­te eine wun­der­ba­re Ret­tung, er ver­gisst aber nicht an die Gemein­schaft der Beten­den zu erin­nern und ihr zu dan­ken, die sich bei Gott für ihn ein­ge­setzt hat – ein Band der Soli­da­ri­tät und Lie­be, das Pau­lus hier betont. Auch Pau­lus ist also nicht allei­ne, kein blo­ßer Ein­zel­kämp­fer wie er im Blick auf die Korinther/inn/en sagt, mit denen es viel Streit und vie­le Aus­ein­an­der­set­zun­gen gab.

Viel­leicht sind wir für uns selbst gera­de ähn­lich gestimmt, aber vor allem haben wir eine öffent­li­che Dis­kus­si­on dar­über, wie wir schwie­ri­ge und von vie­len als Bedro­hung emp­fun­de­ne Lagen bewäl­ti­gen sol­len. Die Bun­des­kanz­le­rin sagt: „Wir schaf­fen das!“, weil Deutsch­land so ein tol­les Land ist. Der Bun­des­prä­si­dent meint auch, wir hät­ten ein gro­ßes Herz, aber viel­leicht nicht so vie­le Kapa­zi­tä­ten. Der Bun­des­prä­si­dent hat viel­leicht nicht so oft die Kin­der­se­rie „Bob, der Bau­meis­ter“ auf KIKA gese­hen wie Frau Mer­kel. Bob, der Bau­meis­ter, beginnt jeden Auf­trag mit der Fra­ge an sei­ne Mitarbeiter/innen: „Kön­nen wir das schaf­fen?“ Die­se ant­wor­ten: „Ja, wir schaf­fen das!“ Und dann schaf­fen sie es auch trotz man­cher Wid­rig­keit. Auch Barack Oba­mas „Yes, we can!“ ist ent­spre­chend ori­en­tiert. Es ist das Mus­ter einer Erfolgs­ge­schich­te, in der man/frau vor dem Hin­ter­grund eige­ner Res­sour­cen mit eini­ger Anstren­gung ein Pro­blem trotz aller Wid­rig­kei­ten besei­tigt. Und natür­lich wur­de in den „Qua­li­täts­me­di­en“ Bob-der-Bau­meis­ter-mäßig gespielt: „Schaf­fen wir das wirk­lich?“ In Talk­shows kamen dann jene zu Wort, die sag­ten: „Nein, wir schaf­fen es nicht!“ – „Wir kön­nen es nicht!“

Sehr ernst kann das aber wer­den, wenn die posi­ti­ve For­mu­lie­rung von Men­schen ver­wen­det wird, die selbst schwe­re Ver­fol­gun­gen erlebt haben. Die Wie­ner Jüdin Ruth Klü­ger wur­de durch einen Zufall bei der Selek­ti­on in Ausch­witz zur Zwangs­ar­beit bestimmt und über­leb­te. Sie sprach am Mitt­woch im Bun­des­tag zum Gedenk­tag an die Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus und erin­ner­te auch an die Ver­drän­gung der Zwangs­ar­beit im Nach­kriegs­deutsch­land. Am Schluss ihrer Rede wies sie dar­auf hin, dass sie vor allem der Ein­la­dung zur Gedenk­re­de gefolgt sei, weil sich Deutsch­land geän­dert zu haben schei­ne und ver­wies auf die Auf­nah­me der Flücht­lin­ge. Und sie sag­te:

Sie schaf­fen das!

Offen­bar ist dies aber nicht das Modell für die Art von Situa­tio­nen, in die Pau­lus gera­ten ist und wei­ter erwar­tet zu gera­ten. Der Bun­des­prä­si­dent hat als frü­he­rer Pfar­rer nicht dazu gera­ten zu beten, obwohl er es selbst wahr­schein­lich tut.

Aber Frau Mer­kel ist da etwas eisern. Sie weiß, dass Euro­pa ins­ge­samt das Pro­blem lösen könn­te, die Res­sour­cen wären spie­lend dazu da. Euro­pa könn­te die Men­schen­rech­te der Flücht­lin­ge respek­tie­ren. Aber in allen Gesell­schaf­ten regt sich Wider­stand dage­gen, auch bei uns, aller­dings nicht so star­ker wie z. B. in Polen, der Tsche­chei, Ungarn oder Däne­mark.

Daher ist wohl das Gebet ange­sagt.

In Köln geht lei­der nicht immer alles gut, wie die Sil­ves­ter­nacht beweist. Das hat der Stim­mung in Deutsch­land eine rich­ti­ge Del­le ver­passt. Reli­gi­ös ist wich­tig, dass das kei­ne vom Koran gedul­de­ten Hand­lun­gen waren. Frem­den Frau­en alko­ho­li­siert zwi­schen die Bei­ne zu grei­fen, ihren Po zu betat­schen oder ihre Brust­war­zen zu sti­mu­lie­ren, um sie berau­ben zu kön­nen, steht tat­säch­lich nicht im Koran. Dass es der­ar­ti­ge klein­kri­mi­nel­le Ban­den schon seit eini­ger Zeit in Köln und anders­wo gibt, kam dann lang­sam her­aus. Jeden­falls Gott hat sich über die Taten in Köln und anders­wo in der Sil­ves­ter­nacht nicht gefreut. Die sexu­el­le Selbst­be­stim­mung frem­der Frau­en ist auch im Koran vor­ge­se­hen. Auch in den mut­maß­li­chen Her­kunfts­län­dern der Täter ist das straf­bar. In den soge­nann­ten „Qua­li­täts­me­di­en“ wird das zu wenig trans­pa­rent. Aber es ist klar gewor­den, dass es für bestimm­te Grup­pen grö­ße­re Inte­gra­ti­ons­pro­ble­me als für ande­re gibt.

Für uns sind die Pro­ble­me viel­leicht doch in die Dimen­si­on gewach­sen, die Pau­lus meint. Sie schei­nen unse­re Kraft zu über­stei­gen. Daher sind wir ans Gebet ver­wie­sen.

Liegt Pau­lus da rich­tig? Wir sind da auf unse­re eige­ne Lebens­er­fah­rung ver­wie­sen. Es gibt aus­weg­lo­se Situa­tio­nen. Die soll­ten wir mög­lichst nicht ver­ein­zelt durch­zu­ste­hen zu ver­su­chen, son­dern wir soll­ten uns auf ande­re Men­schen bezie­hen, gera­de auch in der Gemein­de.

Die Fra­ge, die Pau­lus auf­wirft, ist die­je­ni­ge, wie wir unser Leben ver­ste­hen sol­len. Offen­bar nicht als etwas, das wir krampf­haft erhal­ten soll­ten. Das wäre eine Über­schät­zung unse­rer Kraft. Pau­lus unter­schätzt dabei nicht, dass wir für Ande­re da sein sol­len, etwa für unse­re Fami­lie, aber auch für die Gemein­de. Aber er hat den Blick dafür frei, dass er sehen kann, auch das kann über unse­re Kraft gehen. Und wenn uns so etwas erschöpft oder bedroh­lich für uns wird, dann ist das Ver­trau­en auf die Kraft jenes ange­sagt, wel­cher die Toten „auf­weckt“. Erst das gibt uns die Fähig­keit, unse­ren Lebens­sinn dar­in zu sehen, ande­ren zu hel­fen – und uns dar­über zu defi­nie­ren. Erst dadurch wer­den wir selbst frei und las­sen auch ande­re frei sein. Wir hän­gen also nicht dar­an, dass wir nur wir selbst sind, weil wir ande­ren hel­fen. Pau­lus betont das dadurch, dass er für die Gebe­te der Korinther/inn/en dankt.

Wenn man/frau an dem Punkt ange­langt ist, an dem Pau­lus in der Pro­vinz Klein­asi­en ange­langt war, ist man/frau ganz frei, man/frau hängt an nichts mehr – und erfährt die Erret­tung als gro­ßes Geschenk. Man/frau kann sogar sagen: Wir erfah­ren unser Leben als Geschenk. Hän­gen wir also an nichts mehr krampf­haft im All­tag!

Dazu wol­len wir uns von unse­rem Text ermu­ti­gen las­sen!

 

Amen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] Die Über­set­zung lehnt sich an die­je­ni­ge von Mar­le­ne Crü­se­mann in der „Bibel in gerech­ter Spra­che“ an.

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Info:
2Kor 1,8-11 (EfG Gries­heim) ist Beitrag Nr. 4838
Autor:
Martin Pöttner am 30. Januar 2016 um 18:44
Category:
Religion und Mystik
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