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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


HD])">Mt 5,13-16 (Geschlech­ter­ge­rech­te Rede von Gott [Uni HD])

Ein Kol­le­ge aus der Dia­ko­nie­wis­sen­schaft sprach mich vor dem Semi­nar an, was das The­ma der Sit­zung sei. Als ich „Mt 5,13-16“ sag­te und wor­auf ich fokus­sie­ren wol­le, mein­te er, im Neu­en Tes­ta­ment wür­den ja noch zen­tra­le Fra­gen erör­tert. Ich beeil­te mich zu sagen, dass geschlech­ter­ge­rech­te Rede von Gott ohne­hin kein Neben­the­ma sei, wozu er bei­pflich­te­te.

Dass die Sit­zung sich dann so ent­wi­ckel­te, hät­te ich aller­dings nicht erwar­tet. Tat­säch­lich wur­den zen­tra­le Fra­gen erör­tert, ohne dass wir schon zu einem Abschluss der Dis­kus­si­on gekom­men wären.

Jeden­falls war der Text so rele­vant, dass wesent­li­che Fra­gen des Semi­nars im Vor­der­grund stan­den. Nach der Mei­nung des Dozen­ten las­sen sich die­se Fra­gen wis­sen­schaft­lich trans­pa­rent dis­ku­tie­ren, in theo­lo­gi­schen wie in phi­lo­so­phi­schen Fra­gen (darf und) wird aber stets die eige­ne Lebens­ein­stel­lung zu die­sen Fra­gen the­ma­ti­siert (wer­den).

Bei den Fra­gen der geschlech­ter­ge­rech­ten Rede von Gott geht es stets (auch) um Meta­phern, also um etwas, das seit der Rhe­to­rik und Poe­tik des Aris­to­te­les als Über­tra­gungs­pro­zess (μεταφέρειν [meta­pher­ein]) durch­aus im Blick­punkt der abend­län­di­schen Dis­kus­si­on steht. Mag­da­le­ne Frett­löh sichert den Anschluss der Erör­te­rung der Fra­ge der geschlech­ter­ge­rech­ten Rede von Gott an die­sen Dis­kurs, indem sie an die The­se der frü­hen „Dia­lek­ti­schen Theo­lo­gie“ anknüpft, wir könn­ten als Men­schen nicht von Gott reden, müss­ten es aber gleich­wohl tun (Karl Barth). Dies wen­det sie auch auf die bibli­schen Tex­te an, sodass in ihnen das glei­che Pro­blem auf­tritt, sofern die­se von Men­schen geschrie­ben sind. Zugleich akzep­tiert sie die The­se Rudolf Bult­manns aus „Wel­chen Sinn hat es von Gott zu reden?“, dass bei jedem Reden von Gott unse­rer­seits wir uns stets exis­ten­zi­ell mit­the­ma­ti­sie­ren müs­sen, weil wir nicht neu­tral als Zuschauer/innen über Gott reden sol­len (Frett­löh, 155ff).

Mt 5,13-16 berück­sich­tigt bei­des: So wer­den die Ange­re­de­ten als Men­schen vom mat­t­häi­schen Jesus als Salz der Erde (Ὑμεῖς ἐστε τὸ ἅλας τῆς γῆς) und Licht der Welt (Ὑμεῖς ἐστε τὸ φῶς τοῦ κόσμου) bezeich­net, die ihre „guten“ bzw. „schö­nen“ Wer­ke sehen las­sen sol­len, sodass dadurch ihr „Vater in den Him­meln“ in Glanz ver­setzt oder zum Strah­len gebracht wird – und die (ande­ren) Men­schen dies sehen und Gott ent­spre­chend ver­eh­ren.

Schwie­rig ist die For­mu­lie­rung ἐὰν δὲ τὸ ἅλας μωρανθῇ, ἐν τίνι ἁλισθήσεται; εἰς οὐδὲν ἰσχύει ἔτι εἰ μὴ βληθὲν ἔξω καταπατεῖσθαι ὑπὸ τῶν ἀνθρώπων. Dabei ist dar­auf zu ach­ten, dass der meta­pho­ri­sche Pro­zess wei­ter geht. Das Salz könn­te töricht wer­den (vgl. den Weis­heits­dis­kurs im Epi­log der Rede [Mt 7,24-27]). Dann wäre jenes Salz nur wür­dig auf die Stra­ße gewor­fen und von den Men­schen zer­tre­ten zu wer­den, es ver­lö­re im törich­ten Zustand sei­ne sal­zen­de bzw. wür­zen­de Fähig­keit – die Men­schen hät­ten das Wahr­neh­mungs­phä­no­men nicht, auf­grund des­sen sie Gott ver­eh­ren könn­ten. Es lässt sich kei­nes­wegs aus­schlie­ßen, dass Mt hier einen Gerichts­mar­ker set­zen will der­art, dass die­ser die Ange­re­de­ten bedroht, wenn sie kei­ne guten Wer­ke erbräch­ten, dann müss­ten sie lei­der an dem Ort gefol­tert wer­den, wo unauf­hör­li­ches Heu­len und Zäh­ne­klap­pern der gewöhn­li­che Zustand ist. M. E. ist das durch den Kon­text aber nicht nahe­ge­legt, son­dern es soll eine sehr gro­ße Unwahr­schein­lich­keit bezeich­net wer­den wie in 5,14b.15. Dar­über ließ sich kei­ne Einig­keit erzie­len. Der Dozent ver­such­te pro­vo­ka­tiv die Kon­se­quen­zen eines sol­chen Ver­ständ­nis­ses trans­pa­rent zu machen, wenn es sich um eine Gerichts­dro­hung han­deln soll­te, wel­che mit Angst o. Ä. arbei­ten soll­te.

Der zwei­te Dis­sens bestand in der Auf­fas­sung von Meta­phern. Der Dozent liest mit der lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­chen und phi­lo­so­phi­schen Debat­te bis zum zwei­ten Drit­tel der 1990er Jah­re die Meta­phern so: „Ihr seid das Salz der Erde“ – und: „Ihr seid das Licht der Welt“. Dann ist zu fra­gen, wer mit „ihr“ ange­re­det ist.
Vgl. Mar­tin Pött­ner, Meta­phern der uni­ver­sa­len Lie­be (Mt 5,13a.l4a), ThLZ 122 (1997), 105-122; dort auch eine Skiz­ze des Meta­phern­dis­kur­ses bis dahin. Die­ser legt nahe, das Phä­no­men der Meta­pher als seman­ti­sche Span­nung im Über­tra­gungs­pro­zess zu bestim­men, hier zwi­schen den­je­ni­gen, die mit „ihr“ indi­ziert wer­den und dem Salz der Erde bzw. Licht der Welt. Jene durch „ihr“ indi­zier­ten Men­schen des Publi­kums sind: … ὑμεῖς πονηροὶ ὄντες (Mt 7,11a), ihr seid böse. Und die­se hier als „böse“ bezeich­ne­ten Men­schen sind zugleich das Salz der Erde bzw. Licht der Welt bzw. wer­den vom mat­t­häi­schen Jesus dazu (tau­te­go­risch) im Über­tra­gungs­pro­zess erklärt bzw. in die­sen Zustand ver­setzt. M. E. kön­nen sol­che tau­te­go­ri­schen Sprech­ak­te ein Poten­zi­al, eine rea­le Mög­lich­keit erzeu­gen, vor des­sen bzw. deren Hin­ter­grund Men­schen leben könn­ten. Der Zustand ist mit­hin eine rea­le Mög­lich­keit des Exis­tie­rens. Die­se Span­nung zwi­schen dem Böse-Sein und dem Salz-der-Erde- bzw. Licht-der-Welt-Sein ist m. E. die­je­ni­ge Span­nung, die den meta­pho­ri­schen Pro­zess bestimmt, m. E. bis zum heu­ti­gen Tag. Sicher ist es also nicht, dass „wir“ Salz der Erde wer­den bzw. sind, aber real mög­lich.

Wer meint, dies lie­ße sich nur vor dem Hin­ter­grund von Angst oder Beloh­nung errei­chen, rech­net m. E. zu wenig mit der Frei­heit der Selbst­be­stim­mung. An die­ser darf und kann man/frau zwei­feln. Aber wenn man/frau sie negiert, gibt es Pro­ble­me mit dem Got­tes­bild, Gott strahlt dann ange­sichts der sol­cher­art erzwun­ge­nen „guten“ und „schö­nen“ Wer­ke doch ein wenig dun­kel, als patri­ar­cha­les Mons­ter, das alles beob­ach­tet und pein­lich bzw. gna­den­los bestraft. Als ich das in den Kon­text von Sar­tres Dik­tum stell­te: „Selbst wenn ein sol­cher Gott exis­tier­te, wür­de ich nicht an ihn glau­ben“, ent­stand eine span­nen­de Debat­te, weil das z. T. als Bruch im Semi­nar wahr­ge­nom­men wur­de. Denn mit der Zustim­mung zu Barths Kon­zep­ti­on sei gestar­tet wor­den, aber Barth hät­te nie­mals der Sym­pa­thie des Dozen­ten mit der Posi­ti­on Sar­tres zustim­men kön­nen. M. E. ist es evi­dent, Jün­gel hat das in sei­nen Barth-Stu­di­en, 1982, notiert, dass Barth den Frei­heits­be­griff Sar­tres teilt, der ja bei Licht bese­hen von Kant her­kommt. (Glei­ches gilt für Bult­manns Ent­schei­dungs­be­griff.) Und nach mei­ner Mei­nung hat Barth dar­an gear­bei­tet, auch für Men­schen wie Sart­re eine Got­tes­kon­zep­ti­on zu erar­bei­ten, die mit einem star­ken Frei­heits- und Auto­no­mie­be­griff kom­pa­ti­bel ist. Ob das bei Barth gelun­gen ist, darf bezwei­felt wer­den. M. E. hat Barth zumin­dest die­ses Pro­blem­ni­veau tat­säch­lich erreicht. Aber wenn das nicht rich­tig wäre, wür­de ich den­noch mei­ne Posi­ti­on auf­recht­erhal­ten. Denn eine Theo­rie der geschlech­ter­ge­rech­ten Rede von Gott setzt die­sen Frei­heits­be­griff m. E. zwin­gend vor­aus. M. E. weist die „Gol­de­ne Regel“ in Mt 7,12 in die­se Rich­tung.

Auf­ga­ben zur nächs­ten Sit­zung

  1. Erwä­gen Sie, wie die Sit­zung zu Mt 5,13-16 zu Ende gebracht wer­den kann: Wie ist der „Vater in den Him­meln“ zu ver­ste­hen und darf er so hei­ßen?
  2. Über­set­zen Sie Act 17,16-34 und vgl. Sie Ihre Über­set­zung mit Luther und der „Bibel in gerech­ter Spra­che“!
  3. Wie beur­tei­len Sie die Got­tes­kon­zep­ti­on des Tex­tes?
  4. In wel­chem Kon­text äußert der luka­ni­sche Pau­lus die­se Got­tes­kon­zep­ti­on?

« Joh 1,29-34: Ist das Offen­bar­sein Jesu für „Isra­el“ gerecht­fer­tigt (EfG Gries­heim [10.01.2016]) – oder ein Fall von Anti­ju­da­is­mus? – Ver­an­stal­tun­gen in Darm­stadt am 12.01.2016 (TUD) »

Info:
Mt 5,13-16 (Geschlech­ter­ge­rech­te Rede von Gott [Uni HD]) ist Beitrag Nr. 4808
Autor:
Martin Pöttner am 13. Januar 2016 um 14:28
Category:
Geschlechtergerechte Rede von Gott
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