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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Ver­an­stal­tun­gen am 14. und 15. Dezem­ber in Hei­del­berg und Darm­stadt

 

1               Mt 5,43-48: Das Gebot der Fein­des­lie­be

Der Text wur­de exem­pla­risch wg. des Vater­bil­des her­an­ge­zo­gen, natür­lich wur­de aber auch inhalt­lich wg. des Lie­bes- und Fein­des­lie­bes­ge­bo­tes dis­ku­tiert, was nahe­lie­gen­der­wei­se Erör­te­run­gen des Ver­hält­nis­ses zum Juden­tum zur Fol­ge hat.

43Ἠκούσατε ὅτι ἐρρέθη·

  • ἀγαπήσεις τὸν πλησίον σου* καὶ μισήσεις τὸν ἐχθρόν σου.

44ἐγὼ δὲ λέγω ὑμῖν· ἀγαπᾶτε τοὺς ἐχθροὺς ὑμῶν καὶ προσεύχεσθε ὑπὲρ τῶν διωκόντων ὑμᾶς …

43 Ihr habt gehört, dass Gott gesagt hat: Lie­be dei­ne Nächs­te und dei­nen Nächs­ten und has­se die feind­li­che Macht. 44 Ich lege das heu­te so aus: Begeg­net denen, die euch Feind­schaft ent­ge­gen­brin­gen, mit Lie­be und betet für die, die euch ver­fol­gen. (Lui­se Schott­roff, „Bibel in gerech­ter Spra­che“, 1842)

Die Rede von den „Anti­the­sen“ in Bezug auf Mt 5,21-48 ist rhe­to­risch unin­for­miert. Denn eine Anti­the­se hat die syn­tak­ti­sche Regel: οὐ(κ) – ἀλλ’(ά) [nicht A, son­dern B]. Gleich­wohl fin­den sich in 5,21ff Gegen­sät­ze – und die­se sind stets genau zu bestim­men. Es sind nicht immer die glei­chen Gegen­sät­ze. Im Blick ist 5,17-20 zu behal­ten, wonach „Gesetz und Pro­phe­ten nicht auf­ge­löst, son­dern erfüllt“ wer­den sol­len. „Gesetz und Pro­phe­ten“ ist eine Kurz­for­mel für die Hei­li­gen Schrif­ten der Juden. Da sol­len auch Klei­nig­kei­ten nicht ver­än­dert wer­den. Die Ver­tre­ter der „Anti­the­sen-Frak­ti­on“ haben das Pro­blem so zu lösen ver­sucht, dass sie Tei­le von 5,21ff dem „his­to­ri­schen Jesus“ zuschrie­ben, wäh­rend 5,17-20 der mat­t­häi­schen Redak­ti­on ange­hö­re. Wie­so das in einem Text ste­hen kann, wur­de in der Sache nicht erör­tert.So kann es nicht sein. 5,17-20 ent­hält das Pro­gramm der dyna­mi­schen Schrift­aus­le­gung, ohne wel­che die Ent­wick­lung des Juden­tums und das Ent­ste­hen des Chris­ten­tums nicht erklärt wer­den kön­nen. Schon seit dem drit­ten Jahr­hun­dert v. d. Z. wird das im Juden­tum dis­ku­tiert (vgl. die Bele­ge bei Agus, Das Juden­tum in sei­ner Ent­ste­hung, 2001).

In 5,43ff ist das Pro­blem ver­schärft. Die Nächs­ten­lie­be ist durch Lev 19,18 fest­ge­legt. Es gibt kei­nen Text, indem expli­zit zum Has­sen auf­ge­for­dert wür­de – wohl aber Erzäh­lun­gen, die schon im Ex dazu füh­ren, dass zwi­schen den­je­ni­gen, die JHWH lie­ben und den­je­ni­gen, die das s. E. nicht tun, bei­spiels­wei­se durch Ermor­dung unter­schie­den wird. Glei­ches gilt für die kana­a­näi­schen Stäm­me, auch die Phi­lis­ter usf. JHWH führt teil­wei­se selbst Krieg. Vgl. jetzt Ass­mann, Exo­dus, 2015. Nach der Über­zeu­gung des Dozen­ten bezieht sich die Emo­ti­on des Has­sens dar­auf, dass man/frau bereit wird, ande­re Men­schen zu töten. Vor allem in vie­len Tex­ten des Jesa­ja­buchs wird die­se Tra­di­ti­on umge­schrie­ben, eben­so Sach­ar­ja 9.

Vor die­sem Hin­ter­grund „erfüllt“ oder „voll­endet“ 5,43f allen­falls die­sen Dis­kurs. Damit ord­net sich die Berg­pre­digt in die Fort­schrei­bungs­pro­zes­se ein, die in den Hei­li­gen Schrif­ten der Juden statt­fin­den und ganz deut­lich im Tal­mud doku­men­tiert sind. Mög­li­cher­wei­se müs­sen wir das in der nächs­ten Sit­zung noch­mals bespre­chen.

An der Über­set­zung von Schott­roff ist nur „feind­li­che Macht“ zu kri­ti­sie­ren. Bis heu­te geht es stets um die gewalt­sa­me Tötung von Ein­zel­nen, auch wenn das meh­re­re Ein­zel­ne oder vie­le Ein­zel­ne sind, die gehasst wer­den. Alles ande­re ist begründ­bar. Sie hat in der Ten­denz den dyna­mi­schen Schrift­aus­le­gungs­pro­zess aus­zu­drü­cken ver­sucht.

Nach mei­nem Ein­druck geht es nicht um einen Gegen­satz von Juden­tum und Chris­ten­tum, son­dern um einen Gegen­satz von pazi­fis­ti­schen und den Krieg akzep­tie­ren­den Posi­tio­nen in bei­den Reli­gio­nen.

Im Kon­text der Inter­pre­ta­ti­on des Nächs­ten­lie­be­ge­bo­tes der Fremd­lings­pro­ble­ma­tik ist auch der Gegen­satz zu Lev 19,18 nicht beson­ders stark. So auch die Para­bel vom Barm­her­zi­gen Sama­ri­ta­ner (Lk 10,25ff). D. h., auch im Juden­tum wie im Islam (Navid Ker­ma­ni) kann das Fein­des­lie­be­ge­bot ver­tre­ten wer­den.

Δὲ …. muss nicht mit „aber“ im Deut­schen wie­der­ge­ge­ben wer­den. Die Par­ti­kel trennt bzw. unter­schei­det Text­tei­le. Schott­roff löst das refe­ren­zi­ell, indem sie mit „das“ auf den Vor­text ver­weist. Eben­so ist der expli­zit tem­po­ra­le Aspekt gerecht­fer­tigt, weil nicht nur das Prä­sens λέγω das anzeigt, son­dern auch die Rede von den „Alten“ o. Ä. in eini­gen Tex­ten seit 5,21 vor­han­den. 7,29 erwähnt den schrift­ge­lehr­ten Kon­text (οἱ γραμματεῖς αὐτῶν).

Der sach­li­che Streit geht aus­schließ­lich dar­um, wann der Zeit­punkt ange­setzt wer­den kann, seit dem das Chris­ten­tum eine eigen­stän­di­ge Reli­gi­on ist. Gal 3,26-28 bele­gen mit der wesent­li­chen Tau­fe als Initia­ti­ons­ri­tu­al, das an die Stel­le der Beschnei­dung tritt, dass das spä­tes­tens etwa 50 d. Z. gewe­sen sein muss, in den pau­li­ni­schen Gemein­den. Ob über­all, kön­nen wir nicht sicher fest­stel­len. Sicher geht man/frau dar­in, dass im letz­ten Drit­tel des zwei­ten Jahr­hun­derts jener Zeit­punkt sehr breit erreicht ist, da dann die Prä­ka­no­ni­sche Edi­ti­on exis­tier­te, wel­che die LXX als Altes Tes­ta­ment zusam­men mit den nor­ma­ti­ven Schrif­ten des Chris­ten­tums als Neu­es Tes­ta­ment her­aus­gab, wobei u. a. sicher­ge­stellt war, dass der Aus­le­gungs­pro­zess der Hei­li­gen Schrif­ten des Juden­tums wei­ter­ging bzw. wei­ter­ge­hen soll­te. Dabei wer­den die Hei­li­gen Schrif­ten des Juden­tums als „Gesetz der Väter“ oder „Sit­ten der Älte­ren“ aner­kannt, was sowohl für das Römi­sche Reich als auch für das Chris­ten­tum wich­tig war.

Wir küm­mer­ten uns um das Ver­ständ­nis der Voll­kom­men­heit der Ange­re­de­ten, aber auch des himm­li­schen Vaters. Sicher ist die­ser wet­ter­gott­mä­ßig unter­wegs, aber in der Ten­denz der spä­ten Weis­heit bevor­zugt er z. B. nicht den Gerech­ten vor dem Unge­rech­ten, Gerech­tig­keit zahlt sich also nicht dadurch aus, dass häu­fi­ger die Son­ne scheint. Das her­me­neu­ti­sche Pro­blem besteht u. a. dar­in, dass es heu­te Argu­men­te dafür gibt, die Ereig­nis­se des Wet­ters cha­os­theo­re­tisch zu beschrei­ben. Aber im Dezem­ber kann das Schei­nen der Son­ne Stim­mungs­schwan­kun­gen ent­ge­gen­wir­ken. M. E. ist es mit Bult­mann mög­lich, das mit „Gott“ zusam­men­zu­brin­gen, weil ich das exis­ten­zi­ell erfah­re. Das ist eine Fra­ge der ein­zel­nen Exis­tenz, die z. T. kirch­lich geprägt sein kann.

Jeden­falls zeigt die­ses Han­deln an Gerech­ten und Unge­rech­ten, Zöll­nern (pri­va­te Steu­er­ein­trei­ber für den Römi­schen Staat) und „Hei­den“ bzw. Völ­kern Got­tes Voll­kom­men­heit an. Und da er so auch gegen­über den­je­ni­gen han­delt, die ihn nicht ver­eh­ren wie die „Hei­den“, liegt hier auch ein Fall von Fein­des­lie­be vor. Die­ser ent­spricht die Fein­des­lie­be der Ange­re­de­ten (und poten­zi­ell Nach­fol­gen­den).

Anhand von Weis­heit Salo­mos 13 mach­ten wir uns die Trans­for­ma­ti­on des Got­tes­bil­des inner­halb des Juden­tums deut­lich, die sich voll­zo­gen hat. Dort wird die vor­s­o­kra­ti­sche Phi­lo­so­phie gewür­digt. Es steht jeden­falls fest, Gott ist auch der Gott der Grie­chen und Römer, sodass sogar ein kos­mo­lo­gi­sches Argu­ment gewagt wird, das für vie­le neu­tes­ta­ment­li­che Tex­te wich­tig ist (z. B. Röm 1). Die­ser Text ist auch eine Vor­aus­set­zung im alex­an­dri­ni­schen Juden­tum für Mt 5,43ff.

Ob der Text tat­säch­lich etwas zum Vater­bild aus­sagt? Offen­bar trägt der Vater hier Sor­ge für alle sei­ne Geschöp­fe, es kann auch von Für­sor­ge die Rede sein. Ob man das gen­der­mä­ßig adres­sie­ren muss? Schott­roff wählt „Gott im Him­mel“, das ist o. k. Wie eini­ge Schrift­ge­lehr­te hat Jesus die Vate­r­an­re­de gepflegt, vgl. hier. Prak­tisch wird es aus­schlag­ge­bend sein, wie vie­le Men­schen ein Pro­blem mit der Vate­r­an­re­de haben, um sie zu ver­wen­den oder zu erset­zen.

Auf­ga­ben zur nächs­ten Sit­zung

  1. Über­set­zen Sie Mt 5,13-16!
  2. Bestim­men Sie das Ver­hält­nis von „Licht der Welt“ und „Salz der Erde“ zum „Vater in den Him­meln“!

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Info:
Ver­an­stal­tun­gen am 14. und 15. Dezem­ber in Hei­del­berg und Darm­stadt ist Beitrag Nr. 4719
Autor:
Martin Pöttner am 17. Dezember 2015 um 12:04
Category:
Geschlechtergerechte Rede von Gott
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