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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Ver­an­stal­tun­gen am 07. und 08. Dezem­ber in Hei­del­berg und Darm­stadt

1               Neue Häu­ser (Mk 10,17-31 [Uni Hd])

Die ers­te Sit­zung zum Vater­bild behan­del­te Mk 10,17-31.

Mk 10,17-31 wur­de vor dem Hin­ter­grund des Kon­tex­tes von Mk 10,1-16 dis­ku­tiert. Vgl. dazu in mei­ner Habi­li­ta­ti­ons­schrift, 235ff u. ö., mit aus­führ­li­chen Lite­ra­tur­an­ga­ben.

10,1-12 the­ma­ti­sie­ren das Ehe­pro­blem von Frau­en und Män­nern aus der Per­spek­ti­ve einer dyna­mi­schen Schrift­aus­le­gung von Gen 1,26ff und Gen 2. Es wur­de zu ver­ste­hen ver­sucht, was das „Ein-Fleisch-Sein“ bedeu­tet. Da der Mann Adam und die Frau Eva aus dem andro­gy­nen Wesen „der Mensch“ ent­stan­den sind, stre­ben bei­de zur Wie­der­ver­ei­ni­gung. Die chir­ur­gi­sche Metho­de JHWHs ent­spricht der­je­ni­gen von Zeus, wie sie im Sym­po­si­on erzählt wird. Bei Pla­ton wer­den weib­li­che und männ­li­che homo­se­xu­el­le Lie­be sowie die hete­ro­se­xu­el­le Lie­be durch einen chir­ur­gi­schen Akt Zeus’ mythisch in Sze­ne gesetzt bzw. ermög­licht. In Gen 2 ist es die hete­ro­se­xu­el­le Lie­be. Das „Ein-Fleisch-Sein“ ist mit­hin sowohl in Gen 2, 1Kor 6 als auch in Mk 10 jeden­falls auch eine sexu­el­le Meta­pher. In Mk 10 han­delt es sich um eine ent­schie­den sym­me­tri­sche Figur, was zwin­gend aus der Behand­lung der Schei­dungs­fra­ge her­vor­geht. Wie in der (grie­chi­schen und) römi­schen Gesetz­ge­bung kön­nen sich auch Frau­en schei­den las­sen. Im Unter­schied zu den Pha­ri­sä­ern ist Jesus der Mei­nung, dass die Ehe nicht auf­ge­löst wer­den sol­le. Mose habe das nur wegen der σκληροκαρδία zuge­stan­den, der Ver­här­tung des Her­zens. Der mar­ki­ni­sche Jesus unter­stellt also, falls die Her­zen dyna­mi­scher, beweg­li­cher sei­en, lie­ßen sich die Pro­ble­me in der Ehe lösen. Ein abso­lu­tes Schei­dungs­ver­bot lässt sich dem Text nicht ent­neh­men, wohl aber ein Ide­al der „roman­ti­schen“ Lie­be, wie es bei Schlei­er­ma­cher vor­liegt, der das in sei­ner „Ethik“ als „per­sön­li­che Wahl­an­zie­hung“ bestimmt hat. So ver­hiel­te es sich auch bei gleich­ge­schlecht­li­chen Bezie­hun­gen. Für Mk 10,1ff ist es typisch, dass bestimm­te Bezeich­nun­gen von Kom­mu­ni­ka­ti­ons­rol­len, die wir heu­te eher anhand ver­schie­de­ner Sys­tem­re­fe­ren­zen zu unter­schei­den pfle­gen (Inti­mi­täts­be­zie­hun­gen, Reli­gi­on, Wirt­schaft, Staat usf.), auch für die Bezeich­nung von Kom­mu­ni­ka­ti­ons­rol­len in der christ­li­chen Gemein­de genutzt wer­den. Das fiel uns beson­ders an „Kin­der“ auf.

Für den Ver­lauf von Mk 10 ist es wich­tig zu erken­nen, dass das Ehe­pro­blem des­we­gen the­ma­ti­siert wird, weil sehr vie­le Bezie­hun­gen des Hau­ses (οἶκος) bespro­chen wer­den, was wir spä­ter auch noch in der „Haus­ta­fel“ des Ephe­ser­briefs genau­er sehen. Die­se The­ma­tik wird im Lich­te der βασιλεία τοῦ θεοῦ, dem Reich Got­tes, der Got­tes­herr­schaft oder wie L. Schott­roff vor­schlägt, von „Got­tes neu­er Welt“ (ihre Über­set­zung in der „Bibel in gerech­ter Spra­che“) betrach­tet. Die latei­ni­sche Bezeich­nung des Hau­ses lau­tet fami­lia. Das hat auf unser Wort „Fami­lie“ gewirkt.

Zum Haus gehö­ren in Mk 10 auch die Kin­der, die als die­je­ni­gen Wesen gel­ten, wel­che in die βασιλεία τοῦ θεοῦ ein­ge­hen. Die Poin­te von 10,1-12 ist aus der Per­spek­ti­ve des Hau­ses, dass anstel­le des „Haus­va­ters“ die sym­me­tri­sche Bezie­hung von „(poten­zi­el­ler) Mut­ter“ und „(poten­zi­el­lem) Vater“ tritt.

Der drit­te Aspekt des Hau­ses wird in Mk 10,17ff the­ma­ti­siert, es ist der im enge­ren Sinn öko­no­mi­sche Sinn, da vom Gegen­satz von „Reich­tum“ und „Armut“, von „Äckern“ sowie vom „Besitz“ oder den „Gütern“ die Rede ist. Der rei­che Mann erfüllt zwar alle genann­ten Gebo­te des Deka­logs, aber er kann nicht von sei­nem „Reich­tum“ las­sen, sein Gesicht ver­fins­tert sich und er geht trau­rig fort – und folgt nicht nach.

Das aber hat­ten die Schü­ler getan und den­noch sind sie erschro­cken über das Kamel-Nadel­öhr-Logi­on Jesu. Zu ihrer Ver­tei­di­gung weist Petrus dar­auf­hin, dass sie alles ver­las­sen hät­ten, gemeint sind alle Sozi­al­be­zie­hun­gen des Hau­ses – und Jesus nach­ge­folgt sei­en.

Die „neu­en Häu­ser“ sind gegen­wär­tig, jetzt in die­ser Zeit, sie ent­hal­ten eine 100 fäl­ti­ge Stei­ge­rung des­sen, was man/frau ver­las­sen hat­te (vgl. Mk 4,8). Aber die neu­en Häu­ser ent­hal­ten kei­ne Väter, son­dern nur Müt­ter. Inter­es­sant ist, dass sowohl im alten Haus als auch in den neu­en Häu­sern kei­ne Sklav/inn/en vor­kom­men, im Unter­schied zum Deka­log.

Wich­tig ist, dass die Beschrei­bung der „neu­en Häu­ser“ ohne andro­zen­tri­sche Bezü­ge aus­kommt, die Lehr­funk­ti­on wird über die Mut­ter­funk­ti­on sym­bo­li­siert (gebä­ren, näh­ren; vgl. auch Joh 1,13). Eben­so ist die Bezie­hung in der Ehe sym­me­trisch. Müt­ter sind asym­me­tri­sche Figu­ren, wes­halb der Dozent an sei­ner Behaup­tung fest­hält, die Lehr­funk­ti­on wer­de durch die Mut­ter­me­tapher sym­bo­li­siert.

All­ge­mein hat­ten wir jetzt schon zwei Tex­te, in denen das Vater­bild nicht mehr andro­zen­trisch oder patri­ar­chal ver­wen­det wird. Es ist klar, dass das nur für einen Teil des Neu­en Tes­ta­ments gilt, aber immer­hin.

Der Dozent schlug vor, am 21.12. die Sit­zung über Mt 5,13-16 durch­zu­füh­ren. Dar­über wird in der nächs­ten Sit­zung abge­stimmt.

Auf­ga­ben zur nächs­ten Sit­zung

  1. Über­set­zen Sie Mt 5,43-48 und vgl. sie Ihre Über­set­zung mit Luther und Schott­roff!
  2. In wel­chen Tex­ten der Hei­li­gen Schrif­ten der Juden ist davon die Rede, dass „wir“ unse­ren Feind has­sen sol­len – bzw. wor­auf ist ange­spielt?[1]
  3. Voll­zie­hen Sie den Argu­men­ta­ti­ons­gang nach!
  4. Wie kön­nen wir so voll­kom­men sein, wie unser himm­li­scher Vater voll­kom­men ist?
  5. Wodurch ist unser „himm­li­scher Vater“ voll­kom­men?
  6. Auf wel­che Tex­te der Hei­li­gen Schrif­ten der Juden bezieht sich das? Falls Sie die­se Fra­ge nicht beant­wor­ten kön­nen, brin­gen Sie eine Bibel mit, wel­che die LXX zumin­dest teil­wei­se ent­hält (wie die „Bibel in gerech­ter Spra­che“).

[1] Die berech­tig­te Span­nung, wel­che in der Exege­se herrscht, lässt sich vor dem Hin­ter­grund der Inter­pre­ta­ti­on von Mt 5,17-20 trans­pa­rent machen.

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Info:
Ver­an­stal­tun­gen am 07. und 08. Dezem­ber in Hei­del­berg und Darm­stadt ist Beitrag Nr. 4691
Autor:
Martin Pöttner am 9. Dezember 2015 um 14:51
Category:
Geschlechtergerechte Rede von Gott
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