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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Ver­an­stal­tun­gen am 23. und 24. Novem­ber in Darm­stadt und Hei­del­berg

2               Ver­gleich von Gen 1,1-2,4a und 2,4b-3,24

Die Sit­zung befass­te sich mit den Glie­de­rungs­merk­ma­len. Das führ­te dann wei­ter zu sehr stark ver­tief­ten inhalt­li­chen Bestim­mun­gen – und sogar zu der Fra­ge, ob bestimm­te Hal­tun­gen „rein phi­lo­so­phisch“ sei­en und sich in der Pra­xis gar nicht durch­hal­ten lie­ßen. Aber so ist Phi­lo­so­phie nicht gemeint.

Das Pro­blem von 2,4

Die hebräi­schen und grie­chi­schen Tex­te sind nie­mals mit einer Vers­zäh­lung ver­se­hen. In der Bibel ist das erst durch den got­tes­dienst­li­chen Gebrauch der Tex­te ent­stan­den.

2,4 ist dafür ein gutes Bei­spiel:

4So sind Him­mel und Erde gewor­den, als sie geschaf­fen wur­den. [2,4a]

Das Para­dies

Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Him­mel mach­te. [2,4b]

So sieht das in der Luther­über­set­zung aus (WibiLex-Vari­an­te). Mög­li­cher­wei­se nimmt 2,4a Gen 1,1 wie­der auf. Jeden­falls blickt „So sind … gewor­den“ auf den in 1,2-2,3 erzähl­ten Schöp­fungs­pro­zess zurück.

Und 2,4b erzählt etwas Neu­es und „loka­li­siert“ den Beginn des jetzt Erzähl­ten – nimmt man Gen 1 als Maß­stab zwi­schen 1,10 und 1,11. Die Luther­über­set­zung fügt zwi­schen 2,4a und 2,4b eine Über­schrift ein: „Das Para­dies“. Die­se steht nicht im Ori­gi­nal, son­dern stellt für gegen­wär­ti­ge Lesen­de eine über­sicht­li­che Glie­de­rungs­hil­fe dar. Der Aus­druck „Para­dies“ stammt aus der Sep­tuag­in­ta, der grie­chi­schen Über­set­zung. Im hebräi­schen Text ist vom „Gar­ten Eden“ die Rede.

Der Ver­gleich

Im Wesent­li­chen erar­bei­te­ten die Stu­die­ren­den, dass in 1,2ff mit­tels eines regel­mä­ßi­gen Sche­mas die sechs Schöp­fungs­wer­ke dar­stellt, die Gott als „gut“ oder „sehr gut“ bewer­tet.

Es ent­steht der Ein­druck, dass alles gut gelau­fen ist: eine Erfolgs­ge­schich­te. Vgl. zu die­sem Erzähl­mus­ter im Neu­en Tes­ta­ment hier.

Dem­ge­gen­über scheint sich nach christ­li­cher Inter­pre­ta­ti­on von 2,4bff nun der Gegen­satz zu „gut“ durch­zu­set­zen: Es wer­de erzählt, wie das Böse in die Welt gekom­men ist.

Wir klär­ten zunächst, dass das Pro­blem von „gut“ und „böse“ schon in 1,26-31 ent­hal­ten sein muss. Denn die ver­schie­den­ge­schlecht­li­chen Men­schen sind ja nach dem Bild Got­tes als sei­ne Bil­der geschaf­fen wor­den, was sicher­lich die Hoff­nung impli­ziert, dass sie das Gute tun, wor­un­ter z. B. eine ver­ant­wort­li­che Hand­ha­bung ihres Herr­schafts­auf­trags zu ver­ste­hen ist. Das nicht zu tun, wäre „böse“.

Auch die Idee, dass 2,4bff eine „Sün­den­fall­ge­schich­te“ sei, stammt aus einer ein­sei­ti­gen Inter­pre­ta­ti­on von Gen 1. Rich­tig ist aber, dass die Erzäh­lung ab 2,4bff eine Dif­fe­ren­zie­rung sowohl in der Dar­stel­lung Got­tes („Gott, der Herr“) und sei­nes Vor­ge­hens als auch eine ande­re Auf­fas­sung der Men­schen­schöp­fung prä­sen­tiert. Das ist kei­ne Erfolgs­ge­schich­te, son­dern eine Pro­blem­ge­schich­te, näm­lich eine Erzäh­lung, die das Ent­ste­hen eines Pro­blems dar­stellt und unter­stellt, dass die­ses Pro­blem andau­ernd sei, obgleich ein posi­ti­ve Ver­bes­se­rung erreicht wor­den ist. Zu die­ser Erzähl­wei­se im Neu­en Tes­ta­ment vgl. hier.

Es geht also dar­um, wie das das Natur­we­sen Mensch zum Kul­tur­we­sen gewor­den ist – und wie der Unter­schied zu Gott auf­recht­erhal­ten wird.

Ver­stan­den wer­den muss­te noch ein­mal, dass die von Gott nach 2,9 gepflanz­ten Bäu­me den Erzähl­ver­lauf bestehen, wobei der „Baum der Erkennt­nis des Guten und Bösen“ fak­tisch die Haupt­rol­le spielt. Denn der Mensch bekommt Lebens­atem in sei­ne Nase ein­ge­bla­sen, wird chir­ur­gisch behan­delt – und aus einer sei­ner Sei­ten ent­steht sein adäqua­tes Gegen­über, nach­dem kein Tier die­se Rol­le über­neh­men konn­te. Mit­hil­fe eines Wesens aus der Natur, das frei­lich alle Züge eines Kul­tur­we­sens („lis­ti­ger als …“) zu tra­gen scheint, gelan­gen Eva und Adam zu der Fähig­keit, zwi­schen „gut“ und „böse“ zu unter­schei­den. Der Gar­ten­gott gesteht das zu (3,22) – und ver­hin­dert, dass die bei­den nun auch noch unsterb­lich wer­den, indem sie vom Baum des Lebens essen. Die­sen Erzähl­ver­lauf soll­ten Sie sich ein­prä­gen! Zu den Aus­le­gun­gen vgl. hier.

M. E. ist es einer der Kon­flikt­punk­te in den Hei­li­gen Schrif­ten der Juden, dass in Gen 3,22 dem Men­schen die glei­che ethi­sche Kom­pe­tenz wie Gott zuge­schrie­ben wird. Der Hin­weis auf die Geset­ze ver­weist auf die ande­re Tra­di­ti­on, die seit Ex 19 im Vor­der­grund ste­hen kann. In Gen 2f aber ist der Mensch ethisch kom­pe­tent, aber auch schuld­fä­hig, wie ab 4,1ff deut­lich wird. Vor­der­grün­di­ge Argu­men­te, dass man/frau sein Fami­li­en­mit­glied oder Volks­mit­glied nicht töten dür­fe, rei­chen nicht aus. Es geht hier dar­um, dass man/frau den ande­ren Men­schen nicht töten darf – und wei­ter, dass das auf­grund eige­ner ethi­scher Kom­pe­tenz auch erschlos­sen wer­den kann.

Vor allem Imma­nu­el Kant hat die­sen Grund­zug der Urge­schich­te ver­stan­den. Sei­ne Idee der selbst­be­stimm­ten Selbst­ge­setz­ge­bung ent­springt auch die­ser Text­wahr­neh­mung – oder ist jeden­falls eine Par­al­le­le dazu. Danach kön­nen wir mit­tels des Kate­go­ri­schen Impe­ra­tivs alle Lebens­re­geln bestim­men, indem wir über­le­gen, ob eine bestimm­te Hand­lungs­wei­se bzw. Hand­lungs­ma­xi­me auch eine ange­mes­se­ne Hand­lungs­wei­se oder Hand­lungs­ma­xi­me für alle ande­ren Men­schen sein kön­ne. Viel­leicht müs­sen da kul­tu­rel­le und indi­vi­du­el­le Dif­fe­ren­zen stär­ker berück­sich­tigt wer­den. Aber bis zur Dis­kurs­ethik von Haber­mas u. a. ist das unbe­strit­ten. Da wird berück­sich­tigt, dass alle Men­schen  am Dis­kurs teil­neh­men und so das Ergeb­nis ent­steht.

Daher dürf­te auch voll­kom­men klar sein, war­um man/frau ande­re Men­schen nicht töten darf. Es ist rich­tig, dass in Deutsch­land die­se ethi­sche Ein­sicht mas­sen­haft seit dem Kolo­nia­lis­mus und dann im Natio­nal­so­zia­lis­mus außer Kraft gesetzt wur­de. Dabei wur­den die zu Töten­den als Nicht-Men­schen („Wil­de“, „Unter­men­schen“) defi­niert.

Für wache Bürger/innen der Wei­ma­rer Repu­blik war klar, dass das so kom­men könn­te, zumal es in „Mein Kampf“ ange­kün­digt und in der Pro­pa­gan­da der Nazis erkenn­bar war. Die Metho­de hät­te dar­in bestehen müs­sen, die Nazis nicht an die Macht kom­men zu las­sen. Jede pazi­fis­ti­sche Posi­ti­on muss also bereit sein, die gesell­schaft­li­chen Pro­zes­se zu beein­flus­sen, damit ein der­ar­ti­ges ethi­sches Desas­ter nicht zustan­de kom­men kann. Wir haben in den letz­ten Tagen noch ein­mal prä­sen­tiert bekom­men, dass Hel­mut Schmidt behaup­tet hat, das noch wäh­rend sei­ner Zeit an der Ost­front nicht bemerkt zu haben. Aber da war die­ses Desas­ter schon sehr weit fort­ge­schrit­ten. Ein so ganz gro­ßer Intel­lek­tu­el­ler scheint er dann erst sehr viel spä­ter gewor­den zu sein.

Die im Semi­nar dis­ku­tier­te Fra­ge ist berech­tigt, ob es Aus­nah­men vom Tötungs­ver­bot geben kön­nen muss. Aber viel soll­te man sich nicht davon erwar­ten. Zuletzt hat sich gezeigt, dass die Bom­bar­de­ments und Droh­nen­an­grif­fe das Pro­blem in Afgha­ni­stan nicht gelöst haben. Denn die Tali­ban sind heu­te stär­ker als 2002. Hier ist die Posi­ti­on der EKD-Frie­dens­denk­schrift aus­schlag­ge­bend.

D. h.: Gen 3,22 setzt den Men­schen als selbst­ver­ant­wort­li­ches und selbst­be­stimm­tes Wesen vor­aus, das­sethisch genau­so gut urtei­len kann wie Gott.

 

 

 

 

 

 

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Info:
Ver­an­stal­tun­gen am 23. und 24. Novem­ber in Darm­stadt und Hei­del­berg ist Beitrag Nr. 4661
Autor:
Martin Pöttner am 26. November 2015 um 12:59
Category:
Einfünrung in die Exegese und Hermeneutik
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