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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Abschluss von Ass­mann, Exo­dus

1. Über­blick

Die letz­ten Über­le­gun­gen zu Ass­mann, Exo­dus, ori­en­tie­ren sich an der Schluss­zu­sam­men­fas­sung, kurz noch ein­mal an der Fra­ge des „gött­li­chen“ Rechts“ und sei­ner Bedeu­tung, dazu auch am geäu­ßer­ten Zwei­fel, dass Ass­manns Ver­wen­dung von „demo­kra­tisch“ gut gerecht­fer­tigt ist – und die Fra­ge, inwie­weit Ass­manns Bestim­mung des Erzähl­ver­laufs des Buchs Exo­dus auf eine „Ein­woh­nung Got­tes bei sei­nem Volk“ hin­rei­chend ist.

Rezen­sio­nen fin­den sich hier.

2. Haupt­zü­ge der Thes Ass­manns

Wesent­lich ist, dass Ass­mann sein Modell und das Modell sei­ner Frau vom „kul­tu­rel­len Gedächt­nis“ hier sehr frucht­bar macht.

Er kann damit erfas­sen:

  • die Rezep­ti­on im Juden­tum, was sich u. a. in der ritu­el­len Rezep­ti­on ver­dich­tet (Pes­sach);
  • iden­ti­täts­zen­trier­te Rezep­tio­nen im Juden­tum (Eifer­sucht Got­tes, Lie­bes­se­man­tik usf.). Dar­auf wird die frü­he­re The­se aktu­ell redu­ziert („Mono­the­is­mus der Treue“). Pro­blem: Schon die Gene­sis lässt sich nicht so lesen, Deu­tero­je­sa­ja eben­falls nicht …
  • Ass­mann kann nach­voll­zieh­bar die Gewalt­the­se auf­recht­erhal­ten („Anti­ka­naa­nis­mus“, Über­tra­gung assy­ri­scher Bun­des­re­geln auf inner­is­rae­li­ti­sche Ver­hält­nis­se: „Gol­de­nes Kalb“, Hypo­the­sen zum Tod des Mose, Mord?);
  • die Annah­me, dass sich das Modell von alt­ori­en­ta­li­schen Mus­tern unter­schei­det, ist rich­tig. Mit Mark­schies (Rezen­si­on in der SZ) ist frei­lich zu fra­gen, ob die (spät-)israelitische bzw. jüdi­sche Ent­wick­lung sehr stark aus der grie­chisch-römi­schen Ent­wick­lung her­aus­fällt. Hier ist das schon in den Hei­li­gen Schrif­ten der Juden erwähn­te (und von Ass­mann zumin­dest gestreif­te Modell der „Sit­ten der Älteren“/„Gesetze der Väter“) zu erwäh­nen. Denn die Groß­mäch­te seit den Per­sern ermög­lich­ten es besieg­ten Eth­ni­en, ihre Tra­di­tio­nen als Selbst­ver­wal­tungs­recht zu ver­wen­den. So ist das für die per­si­sche Pro­vinz Jehud bei Esra, Nehemia und im Sach­ar­ja­buch erkenn­bar. Hier liegt eine Chan­ce, Ass­manns Ver­such wei­ter­zu­ent­wi­ckeln und aus Ein­sei­tig­kei­ten zu befrei­en.

Eine Stär­ke besteht in der Beach­tung der Wir­kungs­ge­schich­te bestimm­ter Tex­te, deren vor­läu­fig letz­te mög­li­cher­wei­se in der Zer­stö­rung des Baal-Tem­pels und der Zer­stö­rung des Baal-Scha­mim-Tem­pels in Pal­my­ra bestehen könn­te.

3. Demo­kra­tie und Schrift­aus­le­gungs­pro­zess

M. E. soll­te man im Sin­ne Ass­manns die Rede von „demo­kra­tisch“ ent­schär­fen. Was er sagen möch­te, besteht in der Beto­nung des Sach­ver­halts, dass das Modell der gött­li­chen Gesetz­ge­bung einen König über­flüs­sig macht. Zu wenig betont er, dass die rab­bi­ni­sche Aus­le­gung unter­stellt, jede/r sei am Sinai anwe­send gewe­sen – und der kon­tro­ver­se Schrift­aus­le­gungs­pro­zess habe dort schon begon­nen. Und die­ser kon­tro­ver­se Pro­zess ist der jüdi­sche Bei­trag zur Demo­kra­tiefra­ge, was sich bis in „Mein Kampf“ nie­der­ge­schla­gen hat.

Wei­ter ist zu beto­nen, dass etwa die Fremd­lings- und Flücht­lings­ge­setz­ge­bung von Exo­dus bis Deu­te­ro­no­mi­um tat­säch­lich die Ten­denz auf­weist, die Ass­mann behaup­tet, dass sonst ethisch in der Weis­heits­li­te­ra­tur emp­foh­le­ne Hand­lungs­wei­sen jetzt gel­ten­des Recht wer­den. Ass­mann hät­te stär­ker her­vor­he­ben kön­nen, dass nach dem Zwei­ten Welt­krieg die­se „gött­li­che“ Gesetz­ge­bung in die Men­schen­rech­te und etwa die Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on ein­ge­gan­gen ist. Schon Kant hat­te das berück­sich­tigt. In die­ser Wei­se ist das Exo­dus­syn­drom ganz aktu­ell.

4. Die „Ein­woh­nung Got­tes“ („Wohn­ge­mein­schaft“)

Eine Stär­ke von Ass­manns Buch besteht in der deut­li­chen Berück­sich­ti­gung der „Zelt“-Passagen der Exo­du­s­er­zäh­lung, wo sozu­sa­gen ein Modell des künf­ti­gen Tem­pels gebaut bzw. Anwei­sun­gen zu die­sem Bau gege­ben wer­den. Der Punkt ist aber auch hier, dass es Ass­mann nicht gelingt zu zei­gen, dass der Erzähl­fa­den der Pries­ter­schrift aus­schließ­lich dar­auf zuläuft. M. E. ist es nicht gut mög­lich, die­sen Erzähl­fa­den in Gen 1 begin­nen zu las­sen – und dann es dar­auf zulau­fen zulas­sen, dass ein iden­ti­täts­zen­trier­tes Modell des „Mono­the­is­mus der Treue“ ent­wi­ckelt wird. Gen 1-11 sind tat­säch­lich mono­the­is­tisch. Die­ser
Gott ist der ein­zi­ge Gott. Ass­mann kommt m. E. mit die­sem Befund nicht zurecht.

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Info:
Abschluss von Ass­mann, Exo­dus ist Beitrag Nr. 4641
Autor:
Martin Pöttner am 22. November 2015 um 11:14
Category:
Kultur
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