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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


VI-VIII">Jan Ass­mann, Exo­dus, Kapi­tel VI-VIII

Marc Chagall: Mose emp­fängt die Geset­zes­ta­feln

Jan Ass­mann bear­bei­tet the­ma­tisch in den Kapi­teln VI-VIII:

a) die ägyp­ti­schen Pla­gen und ihre ritu­el­le Bedeu­tung;

b) die Idee der Beru­fung des Vol­kes und des ent­spre­chen­den Volks­be­griffs;

c) die Idee des gött­li­chen Rechts.

Das kann eine hilf­rei­che Struk­tu­rie­rung der Infor­ma­ti­ons­mas­sen sein.

 

Die Dar­stel­lung folgt die­ser Struk­tu­rie­rung.

 

A) Die ägyp­ti­schen Pla­gen und die ritu­el­le Bedeu­tung ins­be­son­de­re der zehn­ten Pla­ge für das Juden­tum

Ass­mann zeigt auf, dass vie­le Pla­gen durch­aus dem ägyp­ti­schen Lokal­ko­lo­rit ent­spre­chen. Dazu kommt, dass die ägyp­ti­schen Vor­le­se­pries­ter die­se z. T. eben­falls erzeu­gen kön­nen. Das führt dazu, dass Ass­mann ägyp­ti­sche lite­ra­ri­sche Vor­bil­der auf­zei­gen kann.

Wei­ter­hin kann er Gegen­ge­schich­ten auf­zei­gen, aber auch den mög­li­chen Bezug des Aus­sat­zes (Lepra) im drit­ten Buch Mose (Levi­ti­kus) dort ver­an­kern.

Es han­delt sich bei den Pla­gen um Macht­er­wei­se JHWHs, denen der Pha­rao lan­ge Zeit nicht nach­gibt.

Erst die zehn­te Pla­ge, die Tötung der ägyp­ti­schen Erst­ge­burt in der Nacht vor dem Aus­zug, hat den erwünsch­ten Effekt. Dar­an knüpft das Pes­sach (Pas­sah) an. Es ist neben dem Beschnei­dungs­ri­tu­al (Initia­ti­ons­ri­tu­al) das zen­tra­le Ritu­al des Juden­tums. Dabei han­delt es sich um ein Über­gangs­ri­tu­al. Ass­mann macht das u. a. an der Rol­le der Kin­der in “jener“ Nacht, die erin­nert wird, deut­lich.

Ass­mann ist dabei beson­ders an dem kul­tu­rel­len Iden­ti­täts­bil­dungs­pro­zess inter­es­siert, der sich in die­sem Ritu­al zeigt. Die­se durch Erin­ne­rungs­mo­di erzeug­te Iden­ti­tät ist ein wesent­li­cher Hin­ter­grund des von Alei­da und Jan Ass­mann ent­wi­ckel­ten Kon­zepts des “kul­tu­rel­len Gedächt­nis­ses“.

In einer Anzei­ge der New York Times konn­te man vor eini­gen Jah­ren lesen:

Über Tau­sen­de von Jah­ren haben die Juden gezeigt, dass wir in der Teil­nah­me am Seder den Exo­dus nicht nur erin­nern, son­dern buch­stäb­lich erle­ben und sei­ne ver­wan­deln­de Kraft in unse­rem eige­nen Leben zur Gel­tung brin­gen.

Das ist eine vor­züg­li­che Defi­ni­ti­on des lit­ur­gi­schen Gedächt­nis­ses. (Po. 3204, 35 %)

Die­ses lit­ur­gi­sche Gedächt­nis ist der Urahn des kul­tu­rel­len Gedächt­nis­ses.

Dabei ver­sucht er die sozio­lo­gisch nach­voll­zieh­ba­re Durch­ar­bei­tung des Ritu­als im Juden­tum fest­zu­hal­ten:

Dif­fe­renz ist ein Schlüs­sel­be­griff der Seder-Zere­mo­nie. Gott wird dafür geprie­sen, dass er einen Unter­schied gesetzt hat: zwi­schen die­ser Nacht und allen ande­ren Näch­ten, «zwi­schen dem Hei­li­gen und dem Pro­fa­nen, zwi­schen Licht und Fins­ter­nis, zwi­schen dem Sab­bat und den sechs ande­ren Wochen­ta­gen und zwi­schen Juden und Hei­den» – und zwi­schen Skla­ven­dienst (‘ avo­dāh) und Frei­heit (kherût), dem Grund­the­ma der zu erin­nern­den Geschich­te. Alle die­se Unter­schei­dun­gen wer­den erfahr­bar und ver­ständ­lich gemacht durch die eine Unter­schei­dung, die sinn­lich insze­niert wird durch die frap­pan­te Außer­ge­wöhn­lich­keit der Sze­ne­rie. Die Kin­der sol­len Fra­gen stel­len, und die Ant­wor­ten haben den Sinn einer Initia­ti­on in die jüdi­sche Iden­ti­tät, die sich vom Exo­dus her ver­steht. (Po. 3227, 36 %)

Für Ass­mann hat das Ritu­al auch einen Initia­ti­ons­cha­rak­ter, was wegen der lit­ur­gisch vor­ge­se­he­nen Rol­le der Kin­der berech­tigt ist.

Ent­schei­dend ist aber m. E. der Über­gangs­cha­rak­ter. Beim Geges­se­nen ist das m. E. am leich­tes­ten am unge­säu­er­ten Brot zu erken­nen, das sich stark von der all­täg­li­chen Pra­xis unter­schei­det. Ass­mann weist selbst auf das Dia­spo­ra-Juden­tum hin. Man kann im Pes­sach eine mög­li­che ritu­el­le Auf­fas­sung der jüdi­schen Exis­tenz als Dia­spora­exis­tenz sehen.

 

Gelehrt ver­tieft und ergänzt er man­ches durch den Hän­del­ex­kurs. Der sach­lich wich­tigs­te Hin­weis ist der­je­ni­ge auf die puri­ta­ni­sche Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem Volk des Exo­dus (Po. 3388, 37 %).

 

B) Die Idee der Beru­fung des Vol­kes und des ent­spre­chen­den Volks­be­griffs

Das ist sozu­sa­gen ver­min­tes Gelän­de. Denn es geht um das soge­nann­te aus­er­wähl­te Volk, was in anti­se­mi­ti­schen Fan­ta­si­en eine gro­ße Rol­le spielt.

Ass­mann geht das m. E. von der rich­ti­gen Sei­te an.

Denn in “Mein Kampf“ wird der jüdi­schen Ras­se die sozu­sa­gen gene­ti­sche Fest­le­gung auf Demo­kra­tie und Auf­klä­rung vor­ge­wor­fen, was sie von der gehor­sa­men Ari­er­ras­se unter­schei­det, für die das Füh­rer­prin­zip ange­mes­sen sei.

Ass­mann ist bemüht, zum einen den Gedan­ken der jüdi­schen Ras­se mög­lichst von der Bibel fern­zu­hal­ten.

Zum ande­ren geht es ihm aber schon dar­um, den Wahr­heits­cha­rak­ter des Demo­kra­tie­ge­dan­kens zumin­dest bei der Inter­pre­ta­ti­on im Spiel zu hal­ten.

Zu die­sem Zweck knüpft er an Hein­rich Hei­ne an:

Das Neue, das mit der Bun­des­theo­lo­gie in die Welt kommt, ist die Idee eines Vol­kes, das nicht auf Abstam­mung, Land, Spra­che, sou­ve­rä­ne Herr­schaft, son­dern auf ein gött­li­ches Gesetz gegrün­det ist: die Tora. Daher hat Hein­rich Hei­ne sie in sei­nen Geständ­nis­sen (1854) ein «por­ta­ti­ves Vater­land» genannt: ein Buch, das eine Mas­se aus­ge­wan­der­ter Skla­ven zum Got­tes­volk formt und ihm zur unver­lier­ba­ren Hei­mat wird … (Po. 3553, 39 %)

 

Die­ses “Volk“ berei­tet jede/r/m Leser/in Pro­ble­me, sofern es auf eine bestimm­te Eth­nie begrenzt wird. Ass­mann nennt die offen­sicht­li­chen Gegen­ar­gu­men­te, wenn er auf die uni­ver­sa­len Per­spek­ti­ven des Noah- und auch des Abra­ham­bun­des (Gen 9, 12, 15) ver­weist:

Aber der Sinai-Bund ist etwas ganz ande­res, weil er mit der Zusa­ge der Treue zugleich die Offen­ba­rung einer kol­lek­ti­ven Ver­fas­sung, Lebens­ord­nung und Kult­or­ga­ni­sa­ti­on ver­bin­det, die nicht nur dem Volk als «por­ta­ti­ves Vater­land» die­nen, son­dern ihm andau­ern­de Got­tes­nä­he, ja gera­de­zu eine Wohn­ge­mein­schaft mit Gott sichern kann. (Po. 3598, 40 %)

 

Die Fra­ge ist dann eigent­lich nur, wohin die­ses Vater­land trans­por­tiert wird. Nach der jüdi­schen Bibel ist der mög­li­che Raum die gesam­te Welt. Es geht also wohl um die Grün­dungs­er­zäh­lung der jüdi­schen Reli­gi­on, aber es ist Ass­mann zu kon­ze­die­ren, dass man/frau es auch anders lesen kann.

Jeden­falls hat Ass­mann gezeigt, dass es nicht nur in Athen demo­kra­ti­sche Impul­se gab, son­dern auch in Jeru­sa­lem. Eben­so zei­gen sich die von Weber als uner­läss­lich für Moder­ni­sie­rungs­pro­zes­se erach­te­ten Büro­kra­ti­sie­run­gen in der Aus­zugs­er­zäh­lung, anhand der nume­ri­schen Glie­de­rung in Grup­pen (Ex 18).

An Hei­ne und Freud zeigt er, wie die jüdisch inspi­rier­te Kul­tur Mose als Heros oder Geni­us kon­zi­piert.

Nietz­sche hat in der “Genea­lo­gie der Moral“ nicht recht:

Die heu­ti­ge Anthro­po­lo­gie sieht das anders. Sie sieht den Men­schen als von Natur aus auf Bin­dung, auf Empa­thie und Sym­pa­thie ange­legt, anders könn­te er gar nicht über­le­ben. Sei­ne gan­ze men­ta­le und emo­tio­na­le Aus­stat­tung bil­det sich über sozia­le Bin­dun­gen in ihm aus. Der homo natu­ra­lis ist als ein homo civi­lis ange­legt; er müss­te min­des­tens eben­so müh­sam zu dem ein­sa­men Wolf erzo­gen wer­den, als den ihn Hob­bes und Nietz­sche ima­gi­nie­ren, wie zu dem ver­ant­wort­li­chen Indi­vi­du­um, in dem Nietz­sche das End­pro­dukt schmerz­haf­ter Mne­mo­tech­nik sieht.

(Po. 3634, 40 %)

Daher fin­det es Ass­mann legi­tim, das gilt:

Gedächt­nis und Erin­ne­rung erwei­sen sich … als die wich­tigs­te Grund­la­ge des bibli­schen Volks­be­griffs. (Po. 3679, 41 %)

 

Das Kon­zept des kul­tu­rel­len Gedächt­nis­ses knüpft dar­an an:

 

Alei­da Ass­mann hat in ver­schie­de­nen Publi­ka­tio­nen der letz­ten Jah­re den Begriff der nor­ma­ti­ven Ver­gan­gen­heit auf die 12 Jah­re der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gewalt­herr­schaft in Deutsch­land und vor allem den Holo­caust bezo­gen und gezeigt, dass das die Sache einer kaum 30 Jah­re zurück­lie­gen­den grund­le­gen­den Wen­de sowohl unse­res all­ge­mei­nen west­li­chen Zeit­be­wusst­seins als auch unse­rer Erin­ne­rungs­kul­tur ist. (Po. 3695, 41 %).

 

C) Das gött­li­che Recht

Ass­mann geht die 10 Gebo­te und das Bun­des­buch durch und pro­fi­liert bei­des vor dem Hin­ter­grund ägyp­ti­scher und meso­po­ta­mi­scher Tra­di­tio­nen.

Dass Gott als Gesetz­ge­ber gilt, hat drei Kon­se­quen­zen:

  1. Auch weis­heit­li­che Tra­di­tio­nen wer­den zum Gesetz erklärt.
  2. Das König­tum ver­schwin­det.
  3. Eine kla­re Bestim­mung der jüdi­schen Iden­ti­tät scheint mög­lich.

Der ers­te Punkt scheint auf eine Gleich­set­zung von Recht und Ethik hin­aus­lau­fen.

Der zwei­te Punkt ver­weist auf den inno­va­ti­ven Cha­rak­ter ins­be­son­de­re des deu­te­ro­no­mi­schen Rechts: Die Tora ersetzt den König.

Der drit­te Punkt hat Schwä­chen:

Wenn wir Deka­log und Toten­a­po­lo­gie gegen­über­stel­len, fin­den wir nur drei Gebo­te, zu denen sich aus struk­tu­rel­len Grün­den in Ägyp­ten kei­ne Ent­spre­chung fin­det: kei­ne ande­ren Göt­ter, (das heißt) kei­ne Bil­der, den Sab­bat hei­li­gen.

Auch hier bleibt ein­zu­wen­den, dass nach Gen 1,26-28 Gott sei­ne Bil­der nach sei­nem Bild selbst schafft, es sind die ver­schie­den­ge­schlecht­li­chen Men­schen (vgl. Gen 5,1f).

Im Deka­log ist nur die Ver­eh­rung von Sta­tu­en bzw. Kult­bil­dern unter­sagt.

Daher konn­te sich im Juden­tum die Idee des völ­li­gen Bil­der­ver­bots kaum je durch­set­zen, es gibt aber eini­ge Grup­pen, die es ver­tre­ten.

 

 

 

« Bibel­kun­de Hei­del­berg: Das ers­te Buch Mose (Gene­sis) – Maas will dem Bun­des­ver­fas­sungs­schutz Arbeit erspa­ren »

Info:
Jan Ass­mann, Exo­dus, Kapi­tel VI-VIII ist Beitrag Nr. 4346
Autor:
Martin Pöttner am 22. August 2015 um 13:33
Category:
Kultur
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