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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Ver­an­stal­tun­gen am 06. und 07. Juli

3               Johan­ne­s­pro­log II, Joh 17 (Frei­heits­ver­ständ­nis im Neu­en Tes­ta­ment [Uni Hd])

Joh 1,14b-18 wur­de wei­ter ver­tieft.

Die hym­nus­ar­ti­ge Struk­tur gro­ßer Tei­le des Tex­tes kommt auch durch die Ein­füh­rung der 1. Pers. Plu­ral zum Aus­druck. Vor­stel­len lässt sich, dass 1,1-5.9-14.17f teil­wei­se zu die­sem Hym­nus gehö­ren, aber wie z. B. Thy­en fest­hält, sind die Rekon­struk­tio­nen des Hym­nus sehr kon­tro­vers. Den­noch ist die plu­ra­le Struk­tur wesent­lich, sie fin­det eine auf­fäl­li­ge Par­al­le­le in 21,24.

Hier spricht eine selbst­be­wuss­te Gemein­de, die den Glanz des Erlö­sers schaut, den fleisch­ge­wor­de­nen Logos.

Gna­de und Wahr­heit kom­men von ihm, wäh­rend Mose nur das Gesetz zu bie­ten hat. Mög­li­cher­wei­se ist dies auf die Rezep­ti­on der pau­li­ni­schen Kri­tik zurück­zu­füh­ren. Eine ande­re Mög­lich­keit besteht dar­in, dass immer schon in der dyna­mi­schen Schrift­aus­le­gung ande­res bei der Aus­le­gung der Hei­li­gen Schrif­ten ent­deckt wor­den ist. Joh 5,39 lässt die­sen Schluss zu – 1,1-3 scheint das als Mög­lich­keit auch zu impli­zie­ren. Der­je­ni­ge, durch den alles geschaf­fen ist, ist in der Schöp­fung und in den Hei­li­gen Schrif­ten der Juden prä­sent.

Wir ent­deck­ten, dass in Ex 24,10f doch die Ältes­ten usf. den Gott Isra­els sahen und in sei­nem Ange­sicht aßen und tran­ken (vgl. aber 24,1f). Das Johan­nes­evan­ge­li­um ori­en­tiert sich dar­an, dass jeden­falls Mose ansons­ten höchs­tens indi­rekt Gott schaut. Daher wird die inti­me Nähe des ein­zi­gen gebo­re­nen Soh­nes (1,14c.18b) zum Vater betont und behaup­tet, (nur) die­ser habe ihn aus­ge­legt.

An Joh 17 im Kon­text von Joh 3,16 sahen wir, dass die Lie­be zwi­schen Vater und Sohn bzw. das „In“(einander)-„Sein“ der bei­den sich in der Lie­be der Schüler/innen fort­setzt – und so auch der Kos­mos ange­zo­gen wer­den soll. Denn Gott liebt auch das sich gegen ihn Ent­wer­fen­de.

Dass in die­sem Sinn Gott als Lie­be kon­zi­piert wird, hat zumin­dest zwei Kon­se­quen­zen:

  1. Gott lei­det am mensch­li­chen Lei­den mit, stark sym­bo­li­siert durch den gewalt­sa­men Kreu­zes­tod Jesu.
  2. Die schar­fe Unter­schei­dung der Tran­szen­denz Got­tes gegen­über allem mensch­li­chem Gesche­hen scheint nicht mehr auf­recht­zu­er­hal­ten zu sein.

Im Semi­nar erga­ben sich zwei exis­ten­zi­ell wich­ti­ge Dis­kus­sio­nen:

  • Ist man/frau als Neutestamentler/in nicht gera­de­zu zwangs­läu­fig dazu ver­ur­teilt, Antisemit/in zu sein?
  • In wel­cher Wei­se ist das johan­n­ei­sche Got­tes­kon­zept akzep­ta­bel?

Zunächst leben wir in Deutsch­land und das bedeu­tet, dass wir in dem Land leben, das in den Jah­ren 1933-1945 sechs Mil­lio­nen Juden indus­tri­ell getö­tet hat, unter mehr oder weni­ger bewuss­ter Dul­dung fak­tisch der gesam­ten Bevöl­ke­rung. Z. B. in der „Beken­nen­den Kir­che“ gehör­te Diet­rich Bon­hoef­fer als einer der weni­gen zu den Men­schen, die genau Bescheid wuss­ten und sich daher genö­tigt sahen, durch Gewalt die­sem Pro­zess ein Ende zu machen. Es gab also einen recht schwa­chen Wider­stand dage­gen, aber aufs Gan­ze gese­hen war das uner­heb­lich. Ich selbst habe noch in den 1970er Jah­ren gespürt, dass mei­ne Eltern durch die­se Zeit trau­ma­ti­siert waren. Mein Vater war Nazi­geg­ner und wur­de nach dem Krieg von den Eng­län­dern zum Bür­ger­meis­ter sei­nes Hei­mat­dor­fes ernannt. Mei­ne Mut­ter war aber BdM-Schar­füh­re­rin gewe­sen und hat bis zu ihrem Tod nicht ein­ge­se­hen, dass sie fak­tisch für den Tod so vie­ler Men­schen ver­ant­wort­lich war. Daher habe ich mich mit die­sem Pro­blem seit mei­ner Jugend exis­ten­zi­ell aus­ein­an­der­set­zen müs­sen.

Es gibt auch im Neu­en Tes­ta­ment den typi­schen anti­ken Anti­se­mi­tis­mus, vor allem in dem wohl nicht von Pau­lus stam­men­den Slo­gan, die Juden sei­en allen Men­schen feind (1Thess. 1,15). Aber es bringt wenig, die Ableh­nung der reli­giö­sen Struk­tur des Juden­tums von einer eth­ni­schen oder sozu­sa­gen gene­tisch-bio­lo­gi­schen Ableh­nung zu unter­schei­den. Zum anti­ken Anti­se­mi­tis­mus vgl. Ass­mann, Exo­dus, Ers­ter Teil, drit­tes Kapi­tel, drit­ter Abschnitt mit Anmer­kun­gen.

Inter­es­san­ter­wei­se ist es den „Deut­schen Chris­ten“ damals nicht gelun­gen, das Alte Tes­ta­ment aus dem christ­li­chen Kanon zu ent­fer­nen, was von der Prä­ka­no­ni­schen Edi­ti­on ganz bewusst dort hin­ein­ge­setzt wur­de. Dabei ist aber das Prin­zip der dyna­mi­schen Schrift­aus­le­gung anzu­wen­den. Denn es geht in die­ser Edi­ti­on dar­um, den Gott Isra­els als den Gott Jesu Chris­ti zu ver­ste­hen. Das ist nur dann mög­lich, wenn der Gott Isra­els eine Geschich­te durch­läuft – und z. B. in Jes 42 und Sach 9,9f scheint das auch der Fall zu sein. In die­sem Sinn hal­te ich es für nor­ma­tiv, das Alte Tes­ta­ment anzu­er­ken­nen, wenn man/frau sich als Christ/in ver­steht. Aber ich beto­ne, ohne Schrift­aus­le­gung geht es nicht. Ent­spre­chend bin ich mit Bult­mann der Über­zeu­gung, dass Jesus die wesent­li­chen Gehal­te des Juden­tums ver­tre­ten hat (Theo­lo­gie des Neu­en Tes­ta­ments, § 1). Hier glau­be ich, wie Otto Kai­ser, Der Gott des Alten Tes­ta­ments I, 1993ff, § 1, urtei­len zu müs­sen, dass Schlei­er­ma­chers anders­lau­ten­de Mei­nung wohl nach dem Natio­nal­so­zia­lis­mus schwer­lich dis­ku­ta­bel ist. Was aber mög­lich ist, ist theo­lo­gi­sche Arbeit, die sich z. B. mit den Got­tes­kon­zep­tio­nen im Juden­tum aus­ein­an­der­setzt. Es läuft dar­auf hin­aus, dass der Gott Isra­els auf ver­schie­de­ne Wei­se ver­ehrt wird und wer­den kann.
Die Got­tes­kon­zep­ti­on, dass Gott im johan­n­ei­schen Sinn Lie­be ist, ist m. E. sehr attrak­tiv. Sicher soll­te dafür gesorgt wer­den, dass Gott mit Jün­gel auf sei­ne All­macht selbst­be­stimmt ver­zich­tet hat.  Einer der Vor­zü­ge ist, dass Gott einen Leib hat, wenn er in unse­rer Lie­be unter­wegs ist und die bild­li­che Rede wird auch durch die­ses Spre­chen von Gott expli­zit gerecht­fer­tigt. M. E. ist das nicht zuletzt ein Ver­such mit dem Grau­en in der Rea­li­tät umzu­ge­hen und dar­auf zu set­zen, dass die­ses Grau­en nicht durch wei­te­res Grau­en besiegt wer­den kann. Und den­noch soll das Grau­en nicht ewig sein, son­dern über­wun­den wer­den kön­nen.

 

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  1. Über­set­zen Sie Joh 8,31-45 und schrei­ben Sie den Text mög­lichst ab!
  2. Erstel­len Sie eine Glie­de­rung des Tex­tes!
  3. Wor­aus muss die Wahr­heit die Juden befrei­en?
  4. Ver­su­chen Sie den Dia­log nach­zu­zeich­nen!
  5. Vgl. Sie den Text und sei­ne Zuspit­zung, die Juden sei­en Kin­der des Teu­fels, mit Joh 16,7ff. Wie geht die­ser Text mit dem Urteil in Joh 8 um?

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Info:
Ver­an­stal­tun­gen am 06. und 07. Juli ist Beitrag Nr. 4241
Autor:
Martin Pöttner am 8. Juli 2015 um 11:16
Category:
Das Freiheitsverständnis im Neuen Testament
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