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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Ver­an­stal­tun­gen am 29. und 30. Juni

3               Der Johan­ne­s­pro­log (Das neu­tes­ta­ment­li­che Frei­heits­ver­ständ­nis [Uni Hd])

Zum Pro­blem des „Mono­the­is­mus“ vgl. hier.

In der ers­ten Sit­zung zu Joh 1,1-18 haben wir uns den Pro­ble­men des Pro­logs stark ange­nä­hert.

Der Beginn des Tex­tes ist eine Auf­nah­me von Gen 1,1LXX (ἐν ἀρχῇ [בְּרֵאשִׁ֖ית (bereschit) in der Hebräi­schen Bibel]). Wir hat­ten Gen 1,1ff schon im Semi­nar wahr­ge­nom­men und konn­ten die Dif­fe­renz erken­nen, die in Joh 1,1ff gemeint ist. Wäh­rend in Gen 1,1ff eine Fol­ge von sechs Schöp­fungs­wer­ken plus der „Erschaf­fung“ des Sab­bats erzählt wird, die von Gott als „gut“ oder „sehr gut“ bewer­tet wer­den, stockt der Pro­zess in Joh 1,1ff schon in V. 5: Καὶ τὸ φῶς ἐν τῇ σκοτίᾳ φαίνει, καὶ ἡ σκοτία αὐτὸ οὐ κατέλαβεν. Dabei unter­stel­le ich, dass der rela­ti­ve Gleich­klang von κατέλαβεν (5b) und παρέλαβον (11b) dafür spricht, dass gemeint ist, die „Fins­ter­nis“ hat sich als eige­nes sozu­sa­gen gegen­gött­li­ches Prin­zip aus­ge­bil­det, was Luthers Über­set­zung „… und die Fins­ter­nis hat es nicht ergrif­fen“ m. E. impli­ziert. Anders als in Gen 1,4f wer­den also Licht und Fins­ter­nis nicht „geschie­den“, sodass „Tag“ und „Nacht“ von­ein­an­der unter­schie­den wer­den kön­nen, son­dern der Ori­en­tie­rungs­ge­dan­ke in Gen 1,4f wird exis­ten­zi­ell ver­tieft. Man/frau ist „leben­dig“ (so Hans Weder in einer Zür­cher Vor­le­sung im SS 2001) im Licht des Logos (vgl. καὶ ἡ ζωὴ ἦν τὸ φῶς τῶν ἀνθρώπων (4b) mit ὃ φωτίζει πάντα ἄνθρωπον (9b). Ζωή und φῶς sind mit­hin am bes­ten als Exis­tenz­me­ta­phern zu bezeich­nen, die eine „erhell­te“ Form des indi­vi­du­el­len und sozia­len Lebens dar­stel­len. Und so ver­hält es sich auch mit σκοτία. In der gewöhn­li­chen Exege­se wur­den die­se Gegen­sät­ze als kon­tra­dik­to­ri­sche Gegen­sät­ze im Johan­nes­evan­ge­li­um gele­sen. Es galt daher lan­ge und gilt vie­len noch immer als dua­lis­ti­scher Text (vgl. z. B. die Ein­lei­tung von Schnel­le).

Bei einem kon­tra­dik­to­ri­schen Gegen­satz von „Licht“ und „Fins­ter­nis“ soll es aber nicht blei­ben nach dem Pro­log. Denn nun tritt Johan­nes der Täu­fer auf (6-8) und die kon­kre­ten irdi­schen und zeit­li­chen Vor­gän­ge begin­nen. Er zeugt von die­sem Licht und unter­schei­det sich selbst von die­sem.

Ab 1,9 wird die­ser Pro­zess wei­ter vor­be­rei­tet und man­ches wie­der­holt, was schon in 1,3f gesagt wur­de. Ab 1,11 wer­den in der Wie­der­ho­lungs­struk­tur dyna­mi­sche Prä­zi­sie­run­gen ein­ge­fügt, der Logos ist nicht nur in den Kos­mos (die Men­schen­welt) gekom­men, son­dern sein Eige­nes, wobei sich eine Dif­fe­ren­zie­rung ergibt: Er wur­de abge­lehnt, aber eini­ge nah­men ihn (doch) auf, die dann in 1,12 als „Kin­der Got­tes“ (τέκνα θεοῦ) bezeich­net wer­den.

Der Her­kunfts­cha­rak­ter die­ser Meta­pher aus dem Geschlech­ter­ver­hält­nis von Män­nern und Frau­en erzeugt seman­tisch den Fort­gang zu „Blut“ und „Fleisch“ in 1,13. Wie aber ἐκ θελήματος σαρκὸς … zeigt, ist auch σάρξ eine Exis­tenz­me­ta­pher. Und dann ist der Weg frei zu for­mu­lie­ren: Καὶ ὁ λόγος σὰρξ ἐγένετο … (1,14). Bis hier­hin hat­ten wir die Glie­de­rung des Tex­tes ver­stan­den. Dort set­zen wir fort.

Die Fra­ge stellt sich, war­um an der Ver­ei­ni­gung sol­cher Gegen­sät­ze so kom­pli­ziert und sub­til gear­bei­tet wird. Dar­auf ant­wor­tet das Modell der Pro­blem­ge­schich­te. Die Erfolgs­ge­schich­te in Gen 1,1ff erhält in der Urge­schich­te eine der­ar­ti­ge Pro­blem­ge­schich­te in Gen 2,4bff zur Schwes­ter. Dort wird der Gegen­satz von Natur und Kul­tur ver­mit­telt. Und die Erlö­ser­fi­gur, die das für Adam und Eva schafft, ist die „lis­ti­ge“ Schlan­ge, die bei­de Aspek­te an sich trägt. Typisch für Pro­blem­ge­schich­ten ist es, dass dies nicht ohne Ver­lus­te auf­zu­tre­ten pflegt, also gibt es Pro­ble­me mit die­ser Ver­mitt­lung bzw. Erlö­sung, stär­ker für Eva als für Adam. Die­se Pro­ble­me sind der Aus­gangs­punkt in der aktu­el­len Erfah­rung, wes­halb die Sto­ry erzählt wird, im Semi­nar tauch­ten daher stets Fra­gen der „Ätio­lo­gie“ auf, wie dies die his­to­ri­sche Exege­se zu chif­frie­ren sucht.

Von Gott wird also stets im Blick auf die The­ma­ti­sie­rung der eige­nen Erfah­rung erzählt. Die­se ist der Hin­ter­grund, war­um von Gott die Rede ist.

Die aktu­el­le Erfah­rung, die hin­ter dem Johan­ne­s­pro­log steht, ist die Unter­schei­dung von Men­schen, die Gott in Jesus wahr­neh­men und erfah­ren kön­nen – und sol­chen, die es defi­ni­tiv nicht tun. Die­se Erfah­rung wird in 1,11bf aus­ge­drückt. Dies geschieht äußerst kunst­voll, hym­nisch-poe­tisch. Tei­le des Tex­tes sind wohl tat­säch­lich ein Hym­nus, ich hat­te auf die auf­fäl­li­ge Wie­der­ho­lungs­struk­tur ver­wie­sen, aber ein Hym­nus, der sich auf die Ver­hält­nis­se bezieht, die in Gali­läa ihren Aus­gang nah­men, wes­halb von Johan­nes dem Täu­fer die Rede ist. Der poe­ti­sche Zug zeigt sich eben­falls in den homo­se­men Wort­spie­len, die vom λόγος, der ζωή und dem φῶς auf der posi­ti­ven Sei­te spre­chen und von σκοτία und σάρξ auf der nega­ti­ven Sei­te spre­chen.

Zu der Autor­fra­ge vgl. den Johan­nes­teil in mei­ner Dar­stel­lung der Pro­blem­ge­schich­ten im Neu­en Tes­ta­ment.

Die Fra­ge der „Mensch­wer­dung“ war wie­der viru­lent. Logisch ist die­se in der „Flei­sch­wer­dung“ impli­ziert, vgl. die For­mu­lie­rung in 2Joh 7, dass Jesus Chris­tus im Fleisch gekom­men sei (viel­leicht auch in „das Fleisch“, m. E. aber eher nicht). Gegen jede Inkar­na­ti­ons­chris­to­lo­gie ist nichts ein­zu­wen­den, sofern sie den gewalt­sa­men Tod Jesu Chris­ti fest­hält, u. a. das ist im Johan­nes­evan­ge­li­um gemeint. Der Aus­gangs­punkt in der Erfah­rung besteht dar­in, dass sehr viel Grau­sa­mes in der Rea­li­tät geschieht, wor­an wir betei­ligt sind, z. B. kann kaum jemand sagen, dass sie oder er nicht an der Kli­ma­ka­ta­stro­phe betei­ligt sei, auf­grund der vie­le Men­schen ster­ben müs­sen. Ich bin dadurch stark für die­ses Phä­no­men sen­si­bi­li­siert, weil mei­ne Mut­ter Schar­füh­re­rin im BdM in der Nazi­zeit war – und spä­ter nie­mals ein­se­hen konn­te, dass ihre Unter­stüt­zung des Sys­tems dazu bei­ge­tra­gen hat, dass 55 Mil­lio­nen Men­schen, dar­un­ter sechs Mil­lio­nen Juden, getö­tet wur­den. Han­nah Arendt hat die­ses Phä­no­men die „Bana­li­tät des Bösen“ genannt. Anders als sie bin ich der Mei­nung, dass das nicht erst im Tota­li­ta­ris­mus auf­ge­tre­ten ist. M. E. tritt es wohl stets als Neben­ef­fekt davon auf, wenn wir uns ganz auf uns selbst kon­zen­trie­ren und dies stän­dig tun.

Wir erwähn­ten schon, dass der Logos dann als Sohn gese­hen wird, der an der Brust bzw. im Schoß des Vaters liegt. Im Johan­nes­evan­ge­li­um ver­weist das auf Joh 13,23 vor­aus, wo der Schü­ler, den Jesus lieb­te, an der glei­chen Stel­le liegt (vgl. auch 21,20). Damit wird im Pro­log das Lie­bes­phä­no­men in Gott loka­li­siert und auf die Schü­ler über­tra­gen. Wir wer­den das in der nächs­ten Sit­zung dis­ku­tie­ren.

Auf­ga­ben zur nächs­ten Sit­zung

  1. War­um kom­men Gna­de und Wahr­heit aus­schließ­lich durch Jesus Chris­tus?
  2. War­um hat Gott nie­mand jemals gese­hen? Stimmt das? Auf wel­che Stel­len wird Bezug genom­men?
  3. Lesen Sie Joh 17 im deut­schen Text!
  4. Vgl. Sie das mit 3,16! Wie zeigt sich in Joh 17, dass Gott den Kos­mos (die Men­schen­welt) liebt?

 

 

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Info:
Ver­an­stal­tun­gen am 29. und 30. Juni ist Beitrag Nr. 4221
Autor:
Martin Pöttner am 1. Juli 2015 um 17:13
Category:
Das Freiheitsverständnis im Neuen Testament
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