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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Ver­an­stal­tun­gen am 22. und 23. Juni

3. Das neu­tes­ta­ment­li­che Frei­heits­ver­ständ­nis (1Kor 8,1-13 [Uni Hd])

Die Sit­zung beschäf­tig­te sich mit einem Kon­flikt, der durch das in Korinth aus­ge­bil­de­te Frei­heits­ver­ständ­nis aus­ge­löst scheint: Πάντα μοι ἔξεστιν ἀλλ’ οὐ πάντα συμφέρει· πάντα μοι ἔξεστιν ἀλλ’ οὐκ ἐγὼ ἐξουσιασθήσομαι ὑπό τινος
(1Kor 6,12).

Vie­le Exeget/inn/en unter­stel­len, dass im Slo­gan πάντα μοι ἔξεστιν sich das korin­thi­sche Frei­heits­ver­ständ­nis aus­spre­che, alles sei erlaubt. Pau­lus ver­sucht dem­ge­gen­über Ein­schrän­kun­gen vor­zu­neh­men, die stets argu­men­ta­tiv begrün­det wer­den. In 1Kor 7ff beant­wor­tet Pau­lus häu­fig Fra­gen, die von den Korinther/inn/en auf­ge­wor­fen wer­den. Vgl. περὶ δὲ ὧν ἐγράψατε in 7,1a.

In 8,1-13 und 10,23ff geht es um das „Göt­zen­oper­fleisch“ (vgl. die Posi­ti­on von Dtjes in Jes 40,18ff). Pau­lus ent­fal­tet ent­spre­chend eine mono­the­is­ti­sche Posi­ti­on (8,6). Im frü­hen Chris­ten­tum ist die Fra­ge des Essens von Fleisch, das beim Opfern übrig blieb und nicht von den Priester/inne/n geges­sen wur­de, umstrit­ten (vgl. ins­be­son­de­re Apos­tel­ge­schich­te 15,20 und Apk 2,14.20).

Wir ent­wi­ckel­ten im Semi­nar zunächst eine Glie­de­rung des Tex­tes:

  1. Grund­le­gung (8,1-3): Περὶ … τῶν εἰδωλοθύτων …
  2. Die posi­ti­ve The­se (8,4-6): Περὶ τῆς βρώσεως οὖν τῶν εἰδωλοθύτων …
  3. Ein­schrän­kung der The­se (8,7-12):  Ἀλλ’  οὐκ ἐν πᾶσιν ἡ γνῶσις …
  4. Con­clu­sio (8,13): Διόπερ …

In der Grund­le­gung behan­delt Pau­lus die Fra­ge, wie mit einer zutref­fen­den Ein­sicht oder Erkennt­nis umzu­ge­hen ist, sie kann „auf­plus­tern“ o. Ä. Dem­ge­gen­über steht die ἀγάπη, wel­che (die Gemein­de) auf­baue (vgl. 1Kor 14,1ff).

Die posi­ti­ve The­se lau­tet:

  1. Es gibt kei­nen Gott, Herrn usf. außer dem Vater und Chris­tus.
  2. Göt­zen­op­fer­fleisch hat kei­ne reli­giö­se „Qua­li­tät“.

⇒ Die­ses Fleisch kann geges­sen wer­den.

Das ist ein prak­ti­scher Syl­lo­gis­mus, der nach der Niko­ma­chi­schen Ethik des Aris­to­te­les zuläs­sig ist. Eine Hand­lungs­re­gel kann durch die Unter­stel­lung bestimm­ter Ver­hält­nis­se in der Wirk­lich­keit begrün­det wer­den.

Das ist die Argu­men­ta­ti­on der frei­heits­lie­ben­den „Star­ken“, die Pau­lus als γνῶσις teilt.

Aber die gemein­de­auf­bau­en­de Lie­be berück­sich­tigt ab 8,7 die tat­säch­li­che Situa­ti­on der­je­ni­gen, die noch ihre reli­giö­se und ritu­el­le Inter­ak­ti­on mit den Göt­zen in deut­li­cher Erin­ne­rung haben. Daher ist ihr Gewis­sen, Selbst­ver­ständ­nis oder Selbst­be­wusst­sein schwach und unsi­cher. Und nach Pau­lus besteht die Gefahr, dass sie dann das Göt­zen­op­fer­fleisch wie­der ritu­ell inter­pre­tie­ren und zum Göt­zen zurück­keh­ren. Das ver­stie­ße gegen das Prin­zip der gemein­de­auf­bau­en­den Lie­be.

Die eher selbst­be­zo­ge­ne Hand­lungs­wei­se der „Star­ken“ scheint dar­in zu bestehen, dass sie die „Schwa­chen“ dazu pro­vo­zie­ren, selbst ihre Frei­heit wahr­zu­neh­men, indem sie demons­tra­tiv im „Tem­pel­re­stau­rant“ (Johan­nes Weiß für ἐν εἰδωλείῳ [8,10]) sol­ches Fleisch genie­ßen.

Die Con­clu­sio for­mu­liert die Hand­lungs­re­gel in der rhe­to­ri­schen 1. Pers. Sg., des­we­gen auf den Genuss der­ar­ti­gen Flei­sches zu ver­zich­ten.

Dar­an schloss sich eine Dis­kus­si­on an, ob Pau­lus mani­pu­lie­re und nur sei­ne Sicht durch­set­zen wol­le. Der Dozent hielt das für gewöhn­li­che rhe­to­ri­sche Här­te, die anti­ke Men­schen abkonn­ten und wie die Korin­ther­kor­re­spon­denz zei­ge, auch nicht wort­los hin­nah­men. In der anti­ken Rhe­to­rik wird die Per­son des Reden­den wich­tig genom­men i.H.und es gibt ent­spre­chen­de Ver­fah­ren, um die Per­son des Reden­den z. B. zu des­avou­ie­ren. In Korinth lief das u. a. so, dass die Gegner/innen des Pau­lus unter­stell­ten, dass er die Kol­lek­te für die Urge­mein­de in Jeru­sa­lem für sich behal­ten wol­le (2Kor 10-13). In der Sache aber geht es dar­um, ob das pau­li­ni­sche Argu­ment auch heu­te noch über­zeu­gend ist – oder nicht. Das war schon damals so.

 

Auf­ga­ben zur nächs­ten Sit­zung

  1. Über­set­zen Sie Joh 1,1-18 und schrei­ben Sie den Text mög­lichst ab!
  2. Ver­su­chen Sie, sich den Gedan­ken­gang klar zu machen. Dazu ist eine Glie­de­rung des Tex­tes hilf­reich!
  3. Zur Ori­en­tie­rung vgl. Hart­wig Thy­en, Das Johan­nes­evan­ge­li­um ‚ 2005 (HNT 6), im Appa­rat!
  4. Wer ist in Joh 1,6-8.15 mit Ἰωάννης gemeint? Und war­um? Über­le­gen Sie, wie ein/e Leser/in in der Ent­ste­hungs­zeit des Tex­tes die­se Fra­ge beant­wor­tet hät­te!
  5. Wie ist das Ver­hält­nis von λόγος, ζωή und φῶς (auch sprach­lich-poe­tisch) in 1,1-4 zu bestim­men?
  6. Wie ist σάρξ zu bestim­men, vgl. 1,13!
  7. Wie­so befin­det sich der ein­zi­ge gebo­re­ne Sohn im Schoß/an der Brust des Vaters?

« Jan Ass­mann, Exo­dus, Kapi­tel II und III – Ver­an­stal­tun­gen am 22. und 23. Juni »

Info:
Ver­an­stal­tun­gen am 22. und 23. Juni ist Beitrag Nr. 4197
Autor:
Martin Pöttner am 24. Juni 2015 um 05:28
Category:
Das Freiheitsverständnis im Neuen Testament
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