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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Ver­an­stal­tun­gen am 15. und 16. Juni

3. Das Frei­heits­ver­ständ­nis im Neu­en Tes­ta­ment (Gal 5,1-6 [Uni Hd])

 

Pro­to­kol­lan­tin­nen: San­dra, Maren und Judith

 

In der Sit­zung beschäf­tig­ten wir uns damit, den Auf­satz „Zur Frei­heit hat uns [der] Chris­tus befreit!“ über das pau­li­ni­sche Frei­heits­ver­ständ­nis in Gala­ter 5 von Prof. Dr. Pött­ner kri­tisch zu ana­ly­sie­ren.

Im bibli­schen Text hebt Pau­lus her­vor, dass die Men­schen nur durch die befrei­en­de Kraft des Todes Jesu von der Skla­ve­rei der Sün­de befreit wer­den kön­nen und es nicht mög­lich ist, durch das Erfül­len des Geset­zes Gerech­tig­keit zu erlan­gen. Pau­lus betont, dass die Beschnei­dung in Chris­tus ihre Wir­kung ver­liert, und weist dar­auf hin, dass Men­schen, die sich beschnei­den las­sen, wie­der im Zwang ste­hen, allein durch das Erfül­len des Geset­zes Gerech­tig­keit zu erstre­ben. Indem sie sich rüh­men, dem gan­zen Gesetz zu fol­gen, begeh­ren sie nicht zu begeh­ren und gera­ten erneut in Unfrei­heit. Sie fal­len aus der in der Zuwen­dung Chris­ti eröff­ne­ten Mög­lich­keit her­aus, allein durch den in der Lie­be täti­gen Glau­ben gerecht­fer­tigt zu wer­den.

Der bespro­che­ne Auf­satz glie­dert sich in vier Abschnit­te. Um den Text reli­gi­ons­ge­schicht­lich ein­ord­nen zu kön­nen, beschäf­tigt er sich zunächst mit der Ent­ste­hung des pau­li­ni­schen Chris­ten­tums aus der Grund­pro­ble­ma­tik vie­ler Strö­mun­gen des Juden­tums her­aus: Die im Dtn zuge­spro­che­ne und ver­hei­ße­ne Hand­lungs­macht und Refle­xi­ons­kraft, die dem Men­schen Frei­heit zuspricht, muss mit dem Auf­ruf, dem Gesetz zu fol­gen in Ein­klang gebracht wer­den. Vor die­sem Hin­ter­grund ent­wi­ckel­te das frü­he Chris­ten­tum ins­be­son­de­re bei Pau­lus eine neue Erlö­sungs­kon­zep­ti­on. Im zwei­ten Abschnitt geht Pött­ner auf den argu­men­ta­tiv-syl­lo­gis­ti­schen bzw. enthy­me­ma­ti­schen Aspekt des Bibel­tex­tes ein. Also dar­auf, wel­che Prä­mis­sen und Schluss­fol­ge­run­gen in der pau­li­ni­schen Argu­men­ta­ti­ons­ket­te ergänzt wer­den kön­nen. Der drit­te Abschnitt behan­delt die Skla­ven­los­kauf­me­ta­pher des Kreu­zes­to­des Chris­ti, bevor sich der vier­te Abschnitt mit dem mys­ti­schen Sein und Wir­ken Chris­ti in den Glau­ben­den aus­ein­an­der­setzt.

Die Dis­kus­si­on star­te­te mit einer Fra­ge, inwie­weit sich das mys­ti­sche Leben Chris­ti in mir (bloß in der bild­li­chen) Kom­mu­ni­ka­ti­on mani­fes­tiert. Der Dozent wies dar­auf hin, dass dies eine Form des Erle­bens sei, die auf Ganz­heits­fah­rung zielt. Mit Gal 2,20 las­se sich die indi­vi­du­el­le Per­son nicht mehr scharf unter­schei­den von Chris­tus.

Im Hin­blick auf die befrei­en­de Erlö­ser­fi­gur Chris­ti wur­de hin­ter­fragt, wie die erwirk­te Befrei­ung von der Macht der Sün­de mit der all­täg­li­chen Erfah­rung, doch Din­ge zu tun, die man eigent­lich nicht will, zusam­men­ge­dacht wer­den kann. Der Dozent erläu­ter­te, dass die pro­blemgeschicht­li­che Kon­zep­ti­on des neu­en Lebens nicht aus­schließt, dass alte Pro­ble­me wie­der auf­tre­ten kön­nen. Er wer­tet das Chris­tus­ge­sche­hen nicht als eine rei­ne Erfolgs­ge­schich­te. Bis zum Escha­ton fal­len Men­schen immer wie­der in Unfrei­heit. Doch der Mensch hat durch Chris­tus schon ein­mal Momen­te der Frei­heit und der Erlö­sung erfah­ren, auf die er sich rück­be­sin­nen kann, auch wenn er den­noch in der Gefahr steht, wie­der alten Mus­tern zu fol­gen.

In die­sem Zusam­men­hang ergab sich die Fra­ge, ob dann tat­säch­lich von einem fröh­li­chen Wech­sel (Luther) die Rede sein kann. Pau­lus sieht das Pro­blem, dass der Mensch sich selbst recht­fer­ti­gen will, in der direk­ten Inter­ak­ti­on mit Chris­tus gelöst. Wenn Luther betont, dass der Mensch zugleich Sün­der und Gerecht­fer­tig­ter ist (simul ius­tus et pec­ca­tor), wird deut­lich, dass der fröh­li­che Wech­sel häu­fi­ger statt­fin­den muss und der dies­sei­ti­ge Glau­be ein ange­foch­te­ner Glau­be ist.

Ver­folgt man das Pro­blem, dass Frei­heit mit der Nei­gung zu Selbst­be­zo­gen­heit ein­her­geht und die­se mit dem Fluch der Skla­ve­rei belegt wur­de, zu sei­nem Ursprung zurück, kommt man unwei­ger­lich zu der Fra­ge, wer den Fluch aus­ge­spro­chen hat, ob es Gott selbst ist, der uns mit die­sem Fluch belegt hat. Hier­zu kann gesagt wer­den, dass Pau­lus kei­ne Apo­lo­gie Got­tes betreibt, son­dern über den Ver­lauf der Geschich­te unglück­lich ist. Gott ändert jedoch sein Ver­hal­ten auf­grund des­sen, dass die Geschich­te, die mit dem Gesetz initi­iert wor­den ist, als geschei­tert ange­se­hen wer­den muss, was sich bei jedem Indi­vi­du­um per­sön­lich voll­zie­hen kann (vgl. Röm 7). Es muss deut­lich her­aus­ge­stellt wer­den, dass die Selbst­be­zo­gen­heit für Pau­lus durch Glau­ben, der in der Lie­be wirk­sam ist, über­wun­den wer­den kann, was durch Bibel­stel­len wie Gal 5,6 belegt wer­den kann.

Im Zusam­men­hang mit dem Fluch der Skla­ve­rei, womit die wie­der­keh­ren­de Nei­gung, selbst­be­zo­gen zu han­deln, gemeint ist, und der spä­te­ren Über­nah­me des Flu­ches durch Chris­tus, kam dann die Fra­ge auf, ob die­ses Nega­ti­vum des Gefan­gen­seins in der Ten­denz selbst­be­zo­gen zu han­deln, nur durch den grau­sa­men Kreu­zes­tod gelöst wer­den konn­te. Hier­bei ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass es Deu­tun­gen gibt, die den gewalt­sa­men Tod Jesu als heil­voll anse­hen, ohne jedoch die ande­re Kom­po­nen­te unter­zu­be­to­nen. Folgt man der Logik der Pro­blem­ge­schich­te, kön­nen die Men­schen, die unter dem Fluch der Skla­ve­rei leben, nur durch eine Erlö­ser­fi­gur, die gleich­zei­tig sowohl den Segen bringt als auch vom Fluch betrof­fen ist, geret­tet wer­den. Pau­lus zitiert des­halb die Schrift­stel­le Dtn 31,21, die besagt, dass der­je­ni­ge ver­flucht ist, der am Pfahl hängt. Die­se Aus­sa­ge lässt sich plau­si­bel mit dem Kreu­zes­tod ver­bin­den, dar­über hin­aus wird ersicht­lich, dass Jesus vom Gesetz ver­flucht wor­den ist, und zwar sowohl nach dem jüdi­schen als auch nach dem römi­schen. Pau­lus ver­tritt also nicht wie Lukas einen Jus­tiz­irr­tum, der den jüdi­schen und dann den römi­schen Behör­den unter­lau­fen ist. Die Figur des gewalt­sa­men Todes ist wohl des­halb so posi­tiv von Pau­lus inter­pre­tiert wor­den, weil es dadurch mög­lich ist, den Gekreu­zig­ten und damit auch den Fluch als ver­nich­tet betrach­ten zu kön­nen. Vor dem Hin­ter­grund, dass Chris­tus auf­er­weckt wur­de, kann auch von einem heil­vol­len Aspekt der Auf­er­ste­hung gespro­chen wer­den: Der Gekreu­zig­te geht immer vom Tod zum Leben. Bei die­ser Deu­tung wird als not­wen­dig erach­tet, dass er den tat­säch­li­chen Tod erlit­ten hat. Die Not­wen­dig­keit des Kreu­zes­to­des wur­de dann dahin­ge­hend wei­ter hin­ter­fragt, ob die Mensch­wer­dung Chris­ti nicht hät­te aus­rei­chen kön­nen, um die Men­schen zu erlö­sen und ob Gott nicht in der Begeg­nung mit den sün­di­gen Men­schen den Fluch hät­te über­win­den kön­nen. Hier­zu ist es wich­tig, die Geschich­te Jesu aus zwei Per­spek­ti­ven zu betrach­ten. Neben Über­le­gun­gen auf einer sys­te­ma­ti­schen Meta­ebe­ne muss die inne­re Logik der bibli­schen Tex­te betrach­tet wer­den. Der Dozent ver­wies dar­auf, dass Joh 1,1-18 erst noch im Semi­nar kommt – und dort der Logos Fleisch wird, was natür­lich impli­ziert, dass er Mensch wird, aber das sei dem Johan­nes­evan­ge­li­um zufol­ge nicht aus­rei­chend, um das Gesche­hen zu cha­rak­te­ri­sie­ren.

Die Kreu­zi­gung Jesu unter Pon­ti­us Pila­tus ist ein his­to­ri­sches Fak­tum, dem Lukas kei­ne Heils­be­deu­tung zuspricht, das er aber in den gött­li­chen Kon­text ein­ord­net. Dabei stellt sich die Fra­ge, wie dann alt­tes­ta­ment­li­che Mes­si­as­vor­stel­lun­gen zu sehen sind. Pau­lus geht wohl davon aus, dass die Hei­li­gen Schrif­ten der Juden Erzähl­pro­gram­me und her­me­neu­ti­sche Ver­fah­ren ent­hal­ten, wie Pro­ble­me, wel­che die Schrift auf­wirft, aus der Schrift selbst her­aus gelöst wer­den kön­nen. Die Emma­us­ge­schich­te (Lk 24,13-35) zeigt, dass mit dem Kom­men Jesu nicht mehr ein mili­tä­ri­scher Sieg über die Römer und der Auf­bau eines mes­sia­ni­schen Frie­dens­rei­ches erwar­tet wur­den (vgl. noch Psal­men Salo­mos 17/18). Schon in Sach­ar­ja 9,9 (und eben­so in Jes 42,1ff) wur­de ein neu­es Mes­si­as­kon­zept („Skla­ve des Herrn“ bei Dtjes) ent­fal­tet. Der neue König zieht nicht auf einem Streitross, son­dern auf dem Foh­len einer Ese­lin in Jeru­sa­lem ein. Die stark mar­tia­lisch ori­en­tier­te Vor­stel­lung wur­de also bereits im Juden­tum revi­diert (3. Jhd. v. Chr.) und durch das Bild eines lei­den­den Mes­si­as (z. B. Jes 43) ersetzt. Indem er Bezug auf die begrenz­te Bedeu­tung des Geset­zes nimmt, ver­sucht Pau­lus dann auf­zu­zei­gen, dass die Pha­se zwi­schen Abra­ham und Mose eine Bedeu­tung haben muss und dass die Geschich­te Jesu kein Schei­tern war, son­dern, dass in dem gewalt­sa­men Tod eine nach­voll­zieh­ba­re Bedeu­tung liegt und sich inner­halb der Schrif­ten und des nar­ra­ti­ven Pro­gram­mes die Not­wen­dig­keit des Todes abzeich­net. Auch für Bult­mann ist die Kreu­zi­gung Chris­ti nicht aus dem Chris­ten­tum her­aus­halt­bar. Im Johan­nes­evan­ge­li­um wird der Logos als gött­li­che Grö­ße Fleisch, was die Mög­lich­keit des Todes ein­schließt. Der Tod wird als Tat der σάρξ gese­hen. Wenn der Mensch mit sei­nen lebens­ge­schicht­li­chen Ver­wirk­li­chun­gen ernst­ge­nom­men wird, dann muss die Erlö­ser­fi­gur auch an mensch­li­chen Abgrün­den par­ti­zi­pie­ren und Gott mit dem Gekreu­zig­ten mit­lei­den.

Bleibt auf sys­te­ma­tisch-theo­lo­gi­scher Ebe­ne die Fra­ge, wer das „Muss“ aus­spricht. Dabei wur­de der Text „Das Kreuz Jesu Chris­ti als Risi­ko der Inkar­na­ti­on“ von Gün­ther Tho­mas ange­spro­chen, dem­nach das Kom­men Jesu zu den Men­schen ein Muss ist, mit dem Gott auf das Risi­ko der sich selbst ent­fal­ten­den Schöp­fung reagiert und sich als Mensch einem wei­te­ren Risi­ko, der Gefahr des Todes, aus­setzt. Die Ver­stri­ckun­gen von Macht, Poli­tik und Reli­gi­on füh­ren dann zum Kreu­zes­tod Jesu. Der Gala­ter­brief als Pro­blem­ge­schich­te stellt die Gegen­sät­ze her­aus, die durch die Erlö­ser­fi­gur ver­mit­telt wer­den (Fluch / Segen, Skla­ve­rei / Frei­heit). Folgt man die­sem Erzähl­pro­gramm, so muss Chris­tus als Erlö­ser­fi­gur bei­de Aspek­te in sich tra­gen, um eine Ent­wick­lung zum Posi­ti­ven ansto­ßen zu kön­nen. Eine end­gül­ti­ge Auf­he­bung der Gegen­sät­ze ist erst in der Ewig­keit denk­bar.

Die Fra­ge nach Pro­blem- und Erfolgs­ge­schich­te gab Anlass zur Dis­kus­si­on: Bestimmt Gott selbst vor­her, wel­che Geschich­te zu einer Pro­blem- und wel­che zu einer Erfolgs­ge­schich­te wird? Ist das jewei­li­ge Erzähl­pro­gramm bereits inten­diert? Der Dozent ver­wen­det die­se Begrif­fe von Erzähl­pro­gram­men, um den Begriff der μῦθοι genau­er zu dif­fe­ren­zie­ren. In Gen 1,1-2,4a liegt s. E. eine Erfolgs­ge­schich­te vor. Als drit­tes Erzähl­pro­gramm dient s. E. die dua­lis­ti­sche Erzähl­wei­se, wie sie im Semi­nar zumin­dest in Gen 6,1-4 ange­deu­tet erschien, aber in 1Hen 6-11 tat­säch­lich aus­führ­lich vor­liegt. Men­schen, wie Pau­lus und Johan­nes, reden mit Hil­fe von Erzähl­pro­gram­men von Gott. Lukas ver­wen­det im Luka­sevan­ge­li­um sowie in der Apos­tel­ge­schich­te das Pro­gramm der Erfolgs­ge­schich­te. Damit wird aus­ge­drückt, dass Gott dafür gesorgt hat, dass das Chris­tus­ge­sche­hen und die Geschich­te der Kir­che in den Hei­li­gen Schrif­ten der Juden vor­aus­ge­sagt wer­den (Lk 24).

Ein all­ge­mei­ner Streit­punkt der christ­li­chen Theo­lo­gie scheint zu sein, ob alt­tes­ta­ment­li­che Tex­te mit Blick auf das NT zu mes­sia­nisch und damit über­in­ter­pre­tiert wer­den. Auf die­se Fra­ge bil­det die dyna­mi­sche Schrift­aus­le­gung, wel­che in der Zeit des anti­ken Juden­tums eine gän­gi­ge Metho­de der Text­in­ter­pre­ta­ti­on dar­stell­te (und schon in den Fort­schrei­bungs­pro­zes­sen der Hebräi­schen Bibel erkenn­bar ist), eine Ant­wort: Pau­lus ist in der dyna­mi­schen Schrift­aus­le­gung aus­ge­bil­det. Er setzt inner­halb der Schrif­ten bestimm­te Schwer­punk­te und kann dann ande­re neu­tra­li­sie­ren. Im Zuge der dyna­mi­schen Schrift­aus­le­gung ist immer der jewei­li­ge Erfah­rungs­mo­ment von Bedeu­tung, wel­cher als Got­tes­er­fah­rung begrif­fen und vor jenem Hin­ter­grund der Schrif­ten aus­ge­legt wird. So legt Pau­lus anschei­nend Geschichts­kon­struk­tio­nen vor, wie bei­spiels­wei­se in der Inter­pre­ta­ti­on der Abrahams­verheißung in Gen 12. Dabei ist das Juden­tum selbst eine dyna­mi­sche Grö­ße. His­to­risch war das Chris­ten­tum bis zum Ende des 2. Jh. auch eine Grö­ße inner­halb des Reli­gi­ons­ver­ban­des, der mit dem Juden­tum iden­tisch war. Aller­dings ist es zu einem Ablö­sungs­pro­zess gekom­men, der mit dem Erschei­nen der Prä­ka­no­ni­schen Edi­ti­on (175 n. Chr.) sicht­bar gewor­den ist. Mit den christ­li­chen nor­ma­ti­ven Tex­ten ist die LXX als Altes Tes­ta­ment ver­öf­fent­licht wor­den. Dies bedeu­tet, dass man das NT nicht ohne die Tex­te des AT ver­ste­hen kann. Ein Grund für die Ver­öf­fent­li­chung des AT mit dem NT ist fol­gen­der: Wenn die Geset­ze der Älte­ren ver­las­sen wor­den wären, hät­te man den Römern Anlass gege­ben, die Chris­ten als Auf­rüh­rer zu inter­pre­tie­ren. Der Haupt­grund ist aller­dings, dass der Gott des AT – weil er als wesent­lich begrif­fen wur­de – der­sel­be Gott ist, der in Jesus von Naza­reth in Erschei­nung tritt. Dabei müs­sen die Tex­te, in denen Gott Krie­ge führt oder den Bann voll­stre­cken lässt, im AT selbst neu­tra­li­siert wer­den (Jes 42, Sach 9,9+10). Das bedeu­tet, dass Gott in eini­gen Tex­ten des AT eine Geschich­te hat, die ein intel­li­gen­ter Schrift­aus­le­ger zu die­ser Zeit erkannt hat. So wie die Jün­ger in Lk 24 mei­nen, dass Jesus Isra­el erlö­sen soll­te und es aber schon in den Tex­ten des AT anders vor­aus­ge­sagt erschien. Die Lei­dens­an­kün­di­gun­gen in Jes 43 sind dabei ein gutes Bei­spiel. Vor dem Hin­ter­grund der grau­en­vol­len Erfah­run­gen des Todes Jesu konn­ten die Auto­ren sie im Sin­ne einer dyna­mi­schen Schrift­aus­le­gung als sol­che aus­le­gen.

Im Anschluss stell­te sich die Fra­ge, war­um das Juden­tum nicht erkannt hat, dass in Jesus Chris­tus die Schrift erfüllt wer­de. Im Blick auf Ass­mann muss man vor­sich­tig sein. Die Tex­te sind nicht ein­deu­tig. Wich­tig ist die Bedeu­tung des Aus­dru­ckes „Juden­tum“ wie die­je­ni­ge des Aus­drucks „Chris­ten­tums“. Bei­de Begrif­fe soll­ten nicht iden­ti­täts­zen­triert auf­ge­fasst wer­den. Durch­aus gibt es im Juden­tum Ten­den­zen (Jes 42, Sach 9,9ff), die in einer Situa­ti­on rezi­piert wer­den kön­nen, wenn der Heros von den Römern gekreu­zigt wird. Reli­gi­on muss die Frei­heit haben, die­sen Pro­zess der dyna­mi­schen Schrift­aus­le­gung auf sol­che Tex­te anwen­den zu kön­nen.

Ass­mann betont, dass sich an den Aus­le­gungs­pro­zes­sen im Dtn oder im Ex durch den Kano­ni­sie­rungs­pro­zess nichts geän­dert hat. Die Vor­stel­lung von Juden­tum und Chris­ten­tum, der Text stün­de fest, sei ein gro­bes Miss­ver­ständ­nis. Nach Schlei­er­ma­chers „Kur­zer Dar­stel­lung des theo­lo­gi­schen Stu­di­ums …“, 1811ff sind wir Chris­ten dazu berech­tigt, in unse­rer Lebens­pra­xis eine ent­spre­chen­de Pra­xis zu ent­fal­ten, die nach unse­rer Mei­nung das Wesen des Chris­ten­tums vor dem Hin­ter­grund der exege­ti­schen Beschäf­ti­gung mit bibli­schen Tex­ten und der „Phi­lo­so­phi­schen Theo­lo­gie“ ent­fal­tet – und auch das Wesen des Chris­ten­tums bes­ser und genau­er gegen­warts­be­zo­gen prak­tisch dar­stel­len kann. Aus unse­rer heu­ti­gen Sicht soll­ten wir des­halb auch Pau­lus in sei­ner Inter­pre­ta­ti­on ernst neh­men, damit kei­ne Über- und Unter­ord­nung ent­steht. Und natür­lich kön­nen wir ihn fort­schrei­ben.

Die Dis­kus­si­on kam dann noch ein­mal auf die Pro­ble­ma­tik der Befrei­ung zurück, für die cha­rak­te­ris­tisch ist, dass sie nie end­gül­tig erfolgt ist, da immer wie­der Rück­fäl­le auf­tau­chen. Eine Fra­ge schloss sich an den Ein­druck an, dass es sich bei der auf das Gesetz gerich­te­ten Erlö­sungs­hoff­nung um eine his­to­risch kon­tin­gen­te Hoff­nung hand­le, und hat­te zum Inhalt, wie Exege­ten die­se sich immer wie­der neu his­to­risch und gegen­wär­tig arti­ku­lie­ren­de Selbst­be­zo­gen­heit ver­ste­hen kön­nen.

Zunächst ist zu beach­ten, dass der Gala­ter- und Römer­brief dazu ver­füh­ren, den Aspekt der Rück­fäl­le allein auf das Gesetz zu redu­zie­ren, durch die Betrach­tung von 1Kor 1,30 wird aber ersicht­lich, dass Pau­lus ver­schie­de­ne Bil­der anwen­det und so bei­spiels­wei­se die Weis­heit eben­falls als aus­schlag­ge­bend bewer­tet. Es exis­tie­ren dem­nach ver­schie­de­ne Model­le, zu denen u. a. Skla­ven­los­kauf und Gerech­tig­keit gezählt wer­den kön­nen. Gleich­wohl ist bei Pau­lus immer die Struk­tur zu fin­den, dass als Aus­gangs­punkt der Erlö­sungs­tä­tig­keit Got­tes das Phä­no­men auf­tritt, dass Men­schen ihre eige­ne Weis­heit auf­rich­ten (wie in 1Kor 1 dar­ge­stellt wird), was als Par­al­le­le zum Gesche­hen im Gesetz auf­ge­fasst wer­den kann. Die Auf­ga­be der Exege­ten bestehe in der Kon­se­quenz dar­in, bei der Über­tra­gung bibli­scher Inhal­te auf die Gegen­wart zu beden­ken, wor­in Rück­fäl­le heu­te bestehen könn­ten (hier lie­ße sich bei­spiels­wei­se das Phä­no­men der Kon­zen­tra­ti­on auf wirt­schaft­li­che Zusam­men­hän­ge ähn­lich ana­ly­sie­ren).

Zuletzt wur­de auf die Fra­ge ein­ge­gan­gen, ob die Selbst­be­zo­gen­heit nach Bult­mann exis­ten­ti­al sei. Da es sich bei der Selbst­be­zo­gen­heit um eine rea­le Mög­lich­keit han­delt, die struk­tu­rell vor­ge­ge­ben ist, kann die Fra­ge grund­sätz­lich bejaht wer­den. Zu beach­ten sei, dass in sol­chen Beschrei­bun­gen aber immer von dyna­mi­schen Pro­zes­sen aus­zu­ge­hen sei und nicht fes­te anthro­po­lo­gi­sche Struk­tu­ren pos­tu­liert wer­den dür­fen; es ist nicht die Rede davon, dass jemand exis­ten­ti­ell sich selbst ent­zo­gen wor­den wäre.

 

Auf­ga­ben zur nächs­ten Sit­zung

1. Über­set­zen Sie 1Kor 8,1-13 und schrei­ben Sie den Text mög­lichst ab!

2. Ver­su­chen Sie zu ver­ste­hen, wel­che Funk­ti­on die Lie­be (ἀγάπη) hat!

3. Zeigt sich im Text irgend­wo das Frei­heits­pro­blem?

4. Wie ist das Gewis­sen (συνείδησις [8,7]) zu bestim­men? Vgl. auch 10,23-30! Ist “Gewis­sen“ über­haupt eine ange­mes­se­ne Über­set­zung?

5. Wenn Sie möch­ten, sehen Sie in mei­nem Gewis­sens­auf­satz, ins­be­son­de­re Abschnitt 3.1.1 nach!

6. Ver­su­chen Sie eben­falls ἐξουσία (8,9) zu bestim­men!

7. Wie ist das Sach­pro­blem im Text zu bestim­men? (Göt­zen­op­fer­fleisch u. a., Grup­pen in der Gemein­de, reli­giö­se Ori­en­tie­rung)

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Info:
Ver­an­stal­tun­gen am 15. und 16. Juni ist Beitrag Nr. 4163
Autor:
Martin Pöttner am 17. Juni 2015 um 07:06
Category:
Das Freiheitsverständnis im Neuen Testament
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