Zum Inhalt springen


Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Ver­an­stal­tun­gen am 08. und 09. Juni

3. Frei­heit im Neu­en Tes­ta­ment (Uni Hd)

Zunächst stel­le ich den Text zu Gal 5 zur Ver­fü­gung.

Die Sit­zung befass­te sich inten­siv mit Röm 7,13ff und streif­te nur en pas­sant Gal 5,1-6. Die Ana­ly­se die­ses Tex­tes geschieht im Kon­text der Erör­te­rung mei­nes Auf­sat­zes zu Gal 5,1ff.

Ein wesent­li­cher Aspekt der Sit­zung bestand in einem Klä­rungs­ver­such, wie das Ver­hält­nis von Tex­ten wie Röm 5,12ff und 1Kor 15,42ff zu Röm 7,7ff zu bestim­men ist. In Röm 5,12ff ver­an­kert Pau­lus das Ent­ste­hen des Todes für alle in der Figur Adams. Dabei ist aus­schlag­ge­bend, dass ἁμαρτία … οὐκ ἐλλογεῖται μὴ ὄντος νόμου (die Sün­de nicht ange­rech­net wur­de bis das Gesetz exis­tier­te [5,13b; vgl. auch die Peri­ode von Adam bis Mose in 5,13c]). Gleich­wohl war die Sün­de da – und Adams Frucht­ge­nuss erbrach­te neben Frei­heit und ethi­scher Kom­pe­tenz den Tod, wie Pau­lus im Anschluss an Gen 2,4bff sagt (vgl. auch Sap­Sal 2,23f). Alle star­ben, weil alle sün­dig­ten. Nur Hen­och bil­de­te eine Aus­nah­me. Eine Auf­fas­sung von der Erb­sün­de ist das nicht.

Was aber die Sün­de ist, wie sie agiert, wird dann aus Röm 7,7ff deut­lich, womit wir uns befasst haben. M. E. muss das­je­ni­ge, was pau­li­nisch ἁμαρτία ist, von die­sem Text her bestimmt wer­den. Die ver­brei­ter­te Auf­fas­sung im Chris­ten­tum ist die­je­ni­ge, dass man/frau ein Gebot über­tritt. Selbst wenn Pau­lus die­sen Kode gele­gent­lich bedient, soll­te m. E. das von Röm 7,7ff her gele­sen wer­den.

Hier hebt Pau­lus auf das Gebot οὐκ ἐπιθυμήσεις ab. Die Sün­de erscheint als sol­che im Kon­text die­ses Gebo­tes und dabei wird ihre ver­skla­ven­de Macht deut­lich. Sie wohnt in der Per­son, die spricht und hat sie gekauft. Sie ist die eigent­li­che Hand­lungs­in­stanz. Die Per­son kann das nur ohn­mäch­tig beob­ach­ten. Sie ist sich selbst ent­zo­gen.

Pau­lus beschreibt also in Röm 7,7ff, wie die Sün­de im Kon­text der Para­do­xie des Gebo­tes ent­steht und auf­lebt. Zuvor war sie tot. Aber wenn sie leben­dig ist, ist die Frei­heit der Per­son ver­schwun­den, die nun Skla­vin der Sün­de ist. Der Pro­zess lässt sich m. E. fol­gen­der­ma­ßen beschrei­ben:

  1. Ich wer­de gefühls­mä­ßig ange­spro­chen: Du sollst nicht begeh­ren!
  2. Es ergibt sich eine Gefühls­re­gung, die dem ent­spricht. Ich begeh­re nicht.
  3. Dar­auf baut die nächs­te Stu­fe auf: Ich begeh­re, nicht zu begeh­ren, weil ich mei­ne, dadurch gut zu sein bzw. zu wer­den.
  4. Die­ser Pro­zess sta­bi­li­siert sich und wird mein regel­mä­ßi­ges Selbst­ver­ständ­nis, das mich exis­ten­zi­ell bestimmt.

Das Bestehen die­ser Regel­mä­ßig­keit bezeich­net Pau­lus als ἁμαρτία, inso­fern dies s. E. Selbst­ruhm ein­schließt. Ich will das Gute, tue aber das Böse – und beob­ach­te das ohn­mäch­tig. Nach mei­ner Über­zeu­gung hat Pau­lus hier so etwas wie das Ent­ste­hen des Exis­ten­zi­als der Selbst­ent­zo­gen­heit ent­deckt.

Die­ses ist als rea­le Mög­lich­keit stets prä­sent und aktua­li­siert sich z. B. dann, wenn wir ver­su­chen, ethisch etwas zu tun, um unse­re Iden­ti­tät zu gewin­nen. Pau­lus möch­te aber, dass die Ethik nicht sote­rio­lo­gisch betrach­tet wird. Wir tun das Gute, weil es das Gute ist – und das ist uns nach Gen 3,22 in Frei­heit auch mög­lich.

Zur Aus­ein­an­der­set­zung mit Hans Jonas vgl. Ernst Fuchs, Mar­bur­ger Her­me­neu­tik, 1968, 163ff, wo die­se The­men zumin­dest gestreift wer­den. Dadurch bin ich beein­flusst wor­den. Jonas argu­men­tier­te in der Bult­mann­fest­schrift 1964 dafür, dass Pau­lus das Juden­tum vor dem Hin­ter­grund der Kennt­nis des pha­ri­säi­schen Juden­tums, was Jonas in Röm 7 wie­der­erkennt, deut­lich her­aus­ge­for­dert hat. Anders als Jonas hal­te ich aber den Gefühls­as­pekt für basal, wäh­rend Jonas von einer Refle­xi­on des Wil­lens als basal in Röm 7 aus­geht. Οὐκ ἐπιθυμήσεις spricht die basa­le Welt der Gefüh­le, Lei­den­schaf­ten an.

Ist die Iden­ti­tät des Juden­tums am Sinai defi­niert wor­den, scheint Pau­lus das Juden­tum ver­las­sen zu haben. Das ist aber vor­schnell, wie Röm 9-11 zeigt.

M. E. lässt sich der jüdisch-christ­li­che Dia­log nur dann gewinn­brin­gend füh­ren, wenn er nicht iden­ti­täts­zen­triert geführt wird, die ande­res dua­lis­tisch aus­schließt. Ass­mann hat in „Exo­dus“ die Gefahr nicht ganz ver­mei­den kön­nen, dass er das dua­lis­ti­sche iden­ti­täts­zen­trier­te Mus­ter, was er in Exo­dus, aber auch z. B. in den dras­ti­schen Bun­des­be­stim­mun­gen in Dtn 13 ent­deckt, für das gesam­te Juden­tum zu neh­men ver­sucht. Dafür sind aber m. E. auch die­se Tex­te zu kom­plex und zu unein­heit­lich, sodass in der Fol­ge gefragt wer­den soll­te, wie viel Pro­blem­ge­schich­te auch in Ex und Dtn ste­cken könn­te.

Unpro­ble­ma­tisch ist es, mit Tal­cott Par­sons Recht als Auf­bau von Erwar­tungs­si­cher­heit zu ver­ste­hen. So auch Frank Crü­se­manns Inter­pre­ta­ti­on der Tora: Die Tora. Theo­lo­gie und Sozi­al­ge­schich­te des alt­tes­ta­ment­li­chen Geset­zes, 32005. Dadurch, dass sie aber gött­li­ches Recht ist, tritt das Pro­blem auf, das Pau­lus mar­kiert hat. Viel­leicht ist hier noch ein­mal die Erin­ne­rung der Sze­ne hilf­reich, die Green­wald berich­tet.

Chris­tus erlöst im Rah­men einer Pro­blem­ge­schich­te aus der ver­skla­ven­den Unfrei­heit des Geset­zes. Ich hal­te Bult­manns Beschrei­bung nicht nur exege­tisch für rich­tig, dass das Chris­ten­tum eine Erlö­sungs­re­li­gi­on ist, son­dern hal­te das auch für nor­ma­tiv rich­tig. Phi­lo­so­phisch wird seit John Dew­ey in den 1930er Jah­ren dage­gen ein­ge­wen­det (Lit. in mei­nem Ent­my­tho­lo­gi­sie­rungs­ar­ti­kel), dass der Erlö­sungs­ge­dan­ke uns Men­schen die Krea­ti­vi­tät rau­be, unse­re Pro­ble­me selbst zu lösen. Micha­el Ham­pe hat 2014 zuge­stimmt (Lit. eben­da).

Auf­ga­ben zur nächs­ten Sit­zung

  1. Ver­su­chen Sie mei­nen Text zu ver­ste­hen und kri­tisch zu bewer­ten!
  2. Der gele­gent­lich ange­spro­che­ne Text befin­det sich hier. Es han­delt sich um Bei­trä­ge zu einem Sym­po­si­um in Olden­burg zur Gehirn­for­schung.
  3. Über­le­gen Sie, wer von Ihnen die Sit­zungs­lei­tung über­neh­men möch­te! Z. B. die Grup­pe der Damen, wel­che die Zusam­men­fas­sung schrei­ben möch­te?

 

« Ver­an­stal­tun­gen am 01. und 02. Juni – Ver­an­stal­tun­gen am 08. und 09. Juni »

Info:
Ver­an­stal­tun­gen am 08. und 09. Juni ist Beitrag Nr. 4144
Autor:
Martin Pöttner am 9. Juni 2015 um 17:57
Category:
Das Freiheitsverständnis im Neuen Testament
Tags:
 
Trackback:
Trackback URI

Keine Kommentare »

No comments yet.

Kommentar-RSS: RSS feed for comments on this post.

Leave a comment