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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Ver­an­stal­tun­gen am 01. und 02. Juni

 

3               Das Frei­heits­ver­ständ­nis im Neu­en Tes­ta­ment (Röm 7,7-25a [Uni Hd])

Röm 7,25b ist wohl als Glos­se zu betrach­ten (so schon Bult­mann, Glos­sen …, Exege­ti­ca, 1967).

Im Text klagt eine Per­son, die sich oft durch die 1. Pers. Sg. indi­ziert und sich auch expli­zit selbst mit ἐγώ bezeich­net. Sie klagt dar­über, dass sie einst leben­dig war (7,9a), doch die Sün­de (ἁμαρτία) töte­te sie – und die­se wur­de leben­dig. Zuvor war sie tot (χωρὶς … νόμου ἁμαρτία νεκρά [7,8b]). Dabei spie­len νόμος (Gesetz, Tora) und ἐντολῆ (Gebot, Ein­zel­ge­bot) eine genau­er zu ver­ste­hen­de Rol­le.

Der Text ist rhe­to­risch stark sti­li­siert, vor allem rhe­to­ri­sche Fra­gen und Enthy­me­ne (ver­kürz­te Syl­lo­gis­men, vgl. Aris­to­te­les, Rhe­to­rik, II. Buch, 20 [1394aff], Über­set­zung z. B. bei Reclam erhält­lich, sonst in der Biblio­thek vor­han­den) ste­hen im Vor­der­grund. Beim Enthy­mem muss das Publi­kum die aus­ge­las­se­nen Prä­mis­sen ergän­zen. Die Enthy­me­me wer­den bei Pau­lus durch die Seri­en der Ver­wen­dung der begrün­den­den Par­ti­kel bzw. Kon­junk­ti­on γάρ ange­zeigt. Wir haben uns bemüht, die Ergän­zun­gen zu leis­ten. Her­me­neu­tisch ist aus­schlag­ge­bend, dass Tex­te wie die Tex­te der Prä­ka­no­ni­schen Edi­ti­on, die über­wie­gend rhe­to­risch sti­li­siert sind, die akti­ve Mit­ar­beit der Leser/innen vor­aus­set­zen.

Uns gelang es recht schnell, ange­sichts der wesent­li­chen Fra­gen eine plau­si­ble Grob­glie­de­rung zu errei­chen:

  1. 7,7-12:                Τί οὖν ἐροῦμεν; ὁ νόμος ἁμαρτία; μὴ γένοιτο.
  2. 7,13-24a             Τὸ οὖν ἀγαθὸν ἐμοὶ ἐγένετο θάνατος; μὴ γένοιτο.
  3. 7,24b-25a            τίς με ῥύσεται ἐκ τοῦ σώματος τοῦ θανάτου τούτου;

Der ers­te Abschnitt erzählt kla­gend den Tod der sich mit der 1. Pers. Sg. indi­zie­ren­den Per­son. Mör­de­rin ist die Sün­de – und nicht Gesetz oder Gebot, wel­che hei­lig gerecht und gut sind (vgl. ὥστε [„sodass gilt:“] als Con­clu­sio­zei­chen in 7,12).

Der zwei­te Abschnitt ver­sucht das sicher­zu­stel­len (οὖν [„also“] in 7,13). Dabei stellt die sich mit der 1. Pers. Sg. bezeich­nen­de Per­son dar, dass sie sich selbst ent­zo­gen ist. Die Sün­de han­delt in ihr. Sie kann das nur ohn­mäch­tig beob­ach­ten.

Der drit­te Abschnitt bezeich­net die Wen­de der Erlö­sung durch Chris­tus.

Als Gat­tung kann vor­sich­tig „Kla­ge­psalm“ erwo­gen wer­den.

Wer ist die­se Per­son? Offen­bar ver­wen­det Pau­lus das Rhe­to­ri­sche „ich“, also eine Figur, die prin­zi­pi­ell für alle Men­schen gel­ten soll, jeden­falls für sol­che Men­schen, die mit Gesetz und Gebot kon­fron­tiert sind. Die­se Men­schen bekla­gen ihre elen­de Situa­ti­on unter dem Gesetz, wofür die Sün­de ver­ant­wort­lich ist.[1]

Wir schlos­sen aus, dass jenes Gebot bzw. Ver­bot gemeint sein kann, das in Gen 2,4bff unter­sag­te, vom Baum der Erkennt­nis des Guten und Bösen zu essen. Denn Pau­lus lässt sei­ne kla­gen­de Per­son auf das 10. Gebot am Sinai ver­wei­sen:

Οὐκ ἐπιθυμήσεις.

Im Juden­tum wur­de die­ses hier ellip­tisch zitier­te Gebot als Pars pro Toto für die Tora ver­wen­det.[2] Prin­zi­pi­ell zeigt sich hier schon, dass ab dem 2. Jahr­hun­dert d. Z. die LXX als Altes Tes­ta­ment der Christ/inn/en betrach­tet wur­de – und mit den nor­ma­ti­ven Schrif­ten des Chris­ten­tums zusam­men ver­öf­fent­licht wur­de: Das Zitat stammt aus der LXX. Wir sahen das schon bei Gal 3,28.

Ἐπιθυμήσεις kann Impe­ra­tiv und Futur sein, es ist also eine ange­mes­se­ne Über­set­zung des hebräi­schen Jus­sivs (tache­mod)   תַחְמֹ֖ד        (lo)      לֹ֥א   .

Wir befass­ten uns mit der (von Pau­lus wohl so gese­he­nen para­do­xen) Struk­tur des Gebo­tes:

Du sollst nicht begeh­ren!

Zunächst wur­de erkannt, dass es eines sol­chen sank­ti­ons­be­wehr­ten (gött­li­chen) Gebo­tes eigent­lich nicht bedür­fe, was z. T. als dis­kus­si­ons­wür­dig betrach­tet wur­de. Das lässt sich mit Gen 3,22 ver­bin­den, wo den Men­schen ja zuge­stan­den wird, wie Gott Gutes und Böses unter­schei­den zu kön­nen.

Aber Pau­lus ist an der inne­ren Para­do­xie inter­es­siert, dass es zwar ein­fach sagt:

Du sollst nicht begeh­ren!

Dadurch weiß ich aber jetzt, dass ich begeh­ren kann. Damit kann ich mich zufrie­den geben und ein­fach nicht begeh­ren. Viel­leicht muss mir das ja gesagt wer­den, weil ich noto­risch trieb­haft bin o. Ä. Ein Teil­neh­mer kam dar­auf, was auch m. E. dahin­ter steckt. Ich kann näm­lich begeh­ren, nicht zu begeh­ren. Und wenn ich das dann schaf­fe, schrei­be ich es mir selbst zu – und rüh­me mich mei­nes Ver­zichts (vgl. zu die­sem bei Pau­lus stets auf­tau­chen­den Topos [häu­fig ver­wen­de­tes The­ma bzw. Argu­men­ta­ti­ons­mus­ter] 1Kor 1,30f [vgl. Röm 4,2, Gal 6,4, Phil 2,16]). Pau­lus bezieht das auf die Hei­li­gen Schrif­ten der Juden, wie 1Kor 1,31 beweist (vgl. Jer 9,22fLXX[3]).

Ἐπιθυμήσεις bezeich­net in Ex 20,17 eine Lei­den­schaft, die ande­res besit­zen will, das aber jemand ande­rem gehört. Es geht auch um das sexu­el­le Begeh­ren, aber kei­nes­wegs nur dar­um. Wir führ­ten eine Dis­kus­si­on dar­über, wor­um es eigent­lich gehe. Sowohl Ex 20 als auch Mt 5 betrach­ten sol­che Lei­den­schaf­ten oder Emo­tio­nen nicht als bloß intern inner­halb des Men­schen („Kopf­ki­no“) ange­sie­delt, son­dern als poten­zi­ell hand­lungs­be­stim­mend, was sich bei dem sexu­el­len Bedeu­tungs­as­pekt an kör­per­lich spür­ba­ren Aktio­nen des sym­pa­thi­schen Teils des Vege­ta­ti­ven Ner­ven­sys­tems zeigt. Tat­säch­lich sind wir in der Lage, die­sen Kon­nex von Ima­gi­na­ti­on und Fan­ta­sie zur voll­zo­ge­nen Hand­lung zu unter­bre­chen. Umge­kehrt ist die­ser Kon­nex wesent­lich. Ich kann z. B. nach einer Gehirn­blu­tung im Pons wie­der gehen, weil ich mir schwie­ri­ge Schrit­te men­tal vor­stel­len kann und dann „im Kopf“, aber auch durch „Tro­cken­übun­gen“ übe. Sowohl die Tora als auch die Berg­pre­digt wer­ten daher schon das „Kopf­ki­no“ als nega­tiv, mit­hin gilt das pau­li­ni­sche Argu­ment auch für das „Kopf­ki­no“.

All­ge­mein zu Emo­tio­nen und Lei­den­schaf­ten G. Thei­ßen, Erle­ben und Han­deln der ers­ten Chris­ten, 2007; Aris­to­te­les, Rhe­to­rik, II.1-9.

Jene kla­gen­de Per­son durch­lebt also ein durch die Hei­li­gen Schrif­ten der Juden bestimm­tes Leben und erlei­det den durch die Sün­de auf­grund der para­do­xen Struk­tur des Gebo­tes erzeug­ten Tod als frei han­deln­des Wesen, das selbst­be­stimmt zwi­schen Gut und Böse unter­schei­den kann, mit­hin nicht stän­dig beob­ach­tet wer­den muss.[4] Der Aus­druck „Tod“ bezeich­net also poe­tisch m. E. das Ende des selbst­be­stimm­ten Selbst­ver­hält­nis­ses.

Im Gala­ter­brief ist die Argu­men­ta­ti­on anders. Dort ori­en­tiert sich Pau­lus an der Ver­hei­ßung an Abra­ham (Gen 12), die erheb­lich bedeu­ten­der sei als jenes unter Mit­hil­fe der Engel von einem „Mitt­ler“ ver­öf­fent­lich­te Sinai­ge­setz, das 430 Jah­re nach Abra­ham erlas­sen wor­den sei (vgl. Gal 3,8-23 [wohl eine Anspie­lung auf Ex 12,40]). Auch im Gal ist Pau­lus also bemüht, die Tora als Zwi­schen­pha­se zu bestim­men, die durch die befrei­en­de Erlö­sung durch Chris­tus abge­löst wird. Und die Pha­se vor dem Gesetz scheint eine sol­che zu sein, in der die Sün­de offen­bar kei­ne dra­ma­ti­sche Rol­le spiel­te.

Auf­ga­ben zur nächs­ten Sit­zung

  1. Ver­su­chen Sie zu bestim­men, was Pau­lus mit „Sün­de“ bezeich­net!
  2. Wie inter­pre­tie­ren Sie den Frei­heits­ver­lust der Per­son, die sich mit der 1. Pers. Sg. bezeich­net?
  3. Ver­su­chen Sie mög­lichst alle Aspek­te zu erfas­sen, die den Frei­heits­ver­lust der kla­gen­den Per­son bezeich­nen!
  4. Über­set­zen Sie Gal 5,1-6 und schrei­ben Sie den Text mög­lichst ab!
  5. War­um muss­te der Chris­tus „uns“ zur Frei­heit befrei­en?
  6. War­um führt die­se Befrei­ung zum Glau­ben bzw. Ver­trau­en, „das in der Lie­be tätig ist“?

[1] M. E. ist also nicht der tra­gi­sche Kon­flikt gemeint, dass wir das Gute wol­len und dann doch (unbe­wusst) das Böse geschieht, wie es im grie­chi­schen Mythos bei Ödi­pus u. a. kom­mu­ni­ziert wird. Die kla­gen­de Per­son ist sich aller Aspek­te des Gesche­hens bewusst – und schaut ohn­mäch­tig zu.

[2] Ex 20,17LXX: οὐκ ἐπιθυμήσεις τὴν γυναῖκα τοῦ πλησίον σου. οὐκ ἐπιθυμήσεις τὴν οἰκίαν τοῦ πλησίον σου οὔτε τὸν ἀγρὸν αὐτοῦ οὔτε τὸν παῖδα αὐτοῦ οὔτε τὴν παιδίσκην αὐτοῦ οὔτε τοῦ βοὸς αὐτοῦ οὔτε τοῦ ὑποζυγίου αὐτοῦ οὔτε παντὸς κτήνους αὐτοῦ οὔτε ὅσα τῷ πλησίον σού ἐστιν.

 

[3] Τάδε λέγει κύριος Μὴ καυχάσθω ὁ σοφὸς ἐν τῇ σοφίᾳ αὐτοῦ, καὶ μὴ καυχάσθω ὁ ἰσχυρὸς ἐν τῇ ἰσχύι αὐτοῦ, καὶ μὴ καυχάσθω ὁ πλούσιος ἐν τῷ πλούτῳ αὐτοῦ, 23 ἀλλ᾽ ἢ ἐν τούτῳ καυχάσθω ὁ καυχώμενος, συνίειν καὶ γινώσκειν ὅτι ἐγώ εἰμι κύριος ποιῶν ἔλεος καὶ κρίμα καὶ δικαιοσύνην ἐπὶ τῆς γῆς, ὅτι ἐν τούτοις τὸ θέλημά μου, λέγει κύριος.

[4] Kri­tisch zum Ansatz der gött­li­chen Gesetz­ge­bung am Sinai, die mit der Kon­zep­ti­on des Bun­des ein­her­geht, auch Jan Ass­mann, Exo­dus. Die Revo­lu­ti­on der Alten Welt, 2015. Ich wür­de stär­ker als er beto­nen, dass das Exo­dus­mo­dell nur ein Modell inner­halb der Hei­li­gen Schrif­ten der Juden ist. Z. B. der jüdi­sche Schrift­ge­lehr­te Pau­lus bezieht sich auf ande­re Tex­te wie die Abrah­amt­ra­di­ti­on (Gen 12ff) und m. E. auch auf Gen 2,4bff. Ass­mann macht mit­hin sei­ne Ein­sicht in die Plu­ra­li­tät der Hei­li­gen Schrif­ten der Juden m. E. nicht hin­rei­chend frucht­bar. In mei­ner Spra­che ist im Buch Exo­dus jeden­falls auch eine dua­lis­ti­sche Erzähl­wei­se am Werk, die iden­ti­täts­zen­triert ist. Die­ses dua­lis­ti­sche iden­ti­täts­zen­trier­te Modell ist wohl lei­tend. M. E. ist Ass­manns Spre­chen vom „Mythos“ daher zu vage. Viel­leicht hat er aber dar­in Recht, dass jene iden­ti­täts­zen­trier­ten dua­lis­ti­schen Mus­ter in der Rezep­ti­ons­ge­schich­te domi­nie­ren, wes­halb er ande­re gegen­läu­fi­ge Ele­men­te im Buch Exo­dus ver­nach­läs­sigt. Vgl. zu den ver­schie­de­nen dua­lis­ti­schen Ermähl­mus­tern hier.

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Info:
Ver­an­stal­tun­gen am 01. und 02. Juni ist Beitrag Nr. 4100
Autor:
Martin Pöttner am 3. Juni 2015 um 14:32
Category:
Das Freiheitsverständnis im Neuen Testament
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