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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Ver­an­stal­tun­gen am 17. und 18. Mai

3               1Kor 11,2-16 (Das neu­tes­ta­ment­li­che Frei­heits­ver­ständ­nis [Uni Hd])

Der Text gehört in ein Semi­nar zum neu­tes­ta­ment­li­chen Frei­heits­ver­ständ­nis. Sind es doch in der korin­thi­schen Gemein­de, über die wir durch die bei­den Korin­ther­brie­fe eini­ges zu wis­sen mei­nen, gera­de Frau­en, bei denen der Frei­heits­drang, der in der Bewe­gung seit Jesus aus­ge­bil­det wor­den ist, sicht­bar wird. Mög­li­cher­wei­se gibt es Par­al­le­len zu Phä­no­me­nen in Mys­te­ri­en, die das korin­thi­sche Pro­blem erklä­ren kön­nen. Auf jeden Fall zeigt sich der eman­zi­pa­to­ri­sche Zug spä­ter in der Gno­sis, wie aus den Tex­ten aus Nag Ham­ma­di zwei­fels­frei her­vor­geht, wor­auf auch der 1Tim mit der Unter­schei­dung von ech­ten und fal­schen Wit­wen anzu­spie­len scheint.

Zudem lässt sich hier kon­kret erken­nen, wie dyna­mi­sche Schrift­aus­le­gung gehen kann und wel­che Pro­ble­me dabei auf­tre­ten kön­nen.

Pau­lus ver­sucht mög­li­cher­wei­se meh­re­ren Grup­pen in der Gemein­de gerecht zu wer­den, kon­ser­va­ti­ve­ren und eman­zi­pa­to­ri­sche­ren. Die Hier­ar­chie Gott→Christus→Mann→Frau bezo­gen auf die Bezeich­nung „Haupt“ (ὅτι παντὸς ἀνδρὸς ἡ κεφαλὴ ὁ Χριστός ἐστιν, κεφαλὴ δὲ γυναικὸς ὁ ἀνήρ, κεφαλὴ δὲ τοῦ Χριστοῦ ὁ θεός [11,3]) scheint den kon­ser­va­ti­ve­ren Gemein­de­glie­dern ent­ge­gen­zu­kom­men – und steht im rela­tiv offen­kun­di­gen Wider­spruch zu 11,11: πλὴν οὔτε γυνὴ χωρὶς ἀνδρὸς οὔτε ἀνὴρ χωρὶς γυναικὸς ἐν κυρίῳ. Dies könn­te den sich eman­zi­pie­ren­den Frau­en ent­ge­gen­kom­men. Dass Pau­lus das selbst als Ent­ge­gen­set­zung ansieht, zeigt m. E. die ent­spre­chen­de Kon­junk­ti­on πλήν.

Es geht offen­bar um die Haar­tracht im Got­tes­dienst. In die­sem beten und pro­phe­zei­en die (spi­ri­tu­el­len) Frau­en und schei­nen sich eksta­tisch der Haar­tracht der Män­ner anzu­nä­hern, viel­leicht um die Auf­he­bung ihrer Unter­ord­nung auf­grund ihrer in Chris­tus erschlos­se­nen Frei­heit zu sym­bo­li­sie­ren. Schon E. Käse­mann hat­te in den „Exege­ti­schen Ver­su­chen und Besin­nun­gen“ in den 1970er Jah­ren dar­auf ver­wie­sen, dass Pau­lus hier offen­bar merk­wür­di­ge Argu­men­te vor­bringt, die irgend­wie unsor­tiert anein­an­der­ge­reiht wir­ken. In 11,3-10 ver­sucht er zu zei­gen, dass die Frau ein schutz­be­dürf­ti­ges Wesen sei. Nur der Mann sei εἰκὼν καὶ δόξα θεοῦ. Pau­lus ver­wen­det dabei den Bild­be­griff der LXX, δόξα soll­te mit „Glanz“ über­setzt wer­den. Die Frau sei der „Glanz“ des Man­nes, was schön klin­gen mag, aber doch auch eine Zurück­set­zung ist. Auf die Schrift­aus­le­gung bezo­gen ist klar, dass Pau­lus Gen 1,26f aus der Per­spek­ti­ve eines bestimm­ten Ver­ständ­nis­ses von Gen 2,4bff ein­schränkt. Im Gal hat er das nicht mehr ver­tre­ten, son­dern Gal 3,26-28 set­zen vor­aus, dass „in Chris­tus“ alle gesell­schaft­li­chen Herr­schafts­ver­hält­nis­se auf­ge­ho­ben sind. In die­sem Text scheint er sei­ne Inter­pre­ta­ti­on von Gen 1,26f revi­diert zu haben. Die For­mu­lie­rung ἄρσεν καὶ θῆλυ („Männ­li­ches und Weib­li­ches“) stellt ein Zitat aus Gen 1,27LXX dar.

Die Frau benö­tigt eine „Macht“ auf dem Haupt, ansons­ten wäre sie schutz­los den lüs­ter­nen Engeln aus­ge­lie­fert. M. E. hat Pau­lus die­se Poin­te schon län­ger vor­be­rei­tet, denn er scheint dar­auf anzu­spie­len, dass sich vie­le Hetä­ren die Haa­re kurz schnit­ten und wohl die Scham rasier­ten. Die korin­thi­schen Frau­en, die ihre Haar­tracht ändern, machen sich mit­hin Pau­lus zufol­ge unfrei­wil­lig zum Sexu­al­ob­jekt der Engel, die wir aus Gen 6,1-4 und 1Hen 6-11 ken­nen. M. E. geben die Vasen im Muse­um von Olym­pia die­se Inter­pre­ta­ti­on her.

In Chris­tus“ exis­tie­ren also die Men­schen­rech­te, was Pau­lus auch für die Skla­ve­rei im Phi­le­mon­brief ein­hält, weil er emp­fiehlt, den Bru­der One­si­mus frei­zu­las­sen. Tat­säch­lich steht Gal 3,28 quer zur Haupt­ten­denz der Anti­ke. Aber seit eini­gen Sophis­ten waren es vor allem die Stoi­ker, bei denen sich ähn­li­che Über­zeu­gun­gen fin­den. Im Früh­ju­den­tum ist das in Bezug auf die Skla­ve­rei bei Phi­lo der Fall. Im Neu­en Tes­ta­ment sind vor allem in den „Haus­ta­feln“ seit den Deu­ter­opau­li­nen, Tri­t­opau­li­nen und den Petrus­brie­fen die­je­ni­gen Kräf­te ton­an­ge­bend, die einen christ­li­chen Lie­bes­pa­tri­ar­cha­lis­mus (G. Thei­ßen im Anschluss an Ernst Tro­eltsch) ver­tre­ten. Es ist frei­lich so, dass die pau­li­ni­schen Tex­te zwar über­ar­bei­tet wor­den sind, aber bestimm­te Auf­fas­sun­gen wie Gal 3,28 eben nicht eli­mi­niert wor­den sind. Ähn­lich sind die radi­ka­len Auf­fas­sun­gen des Mar­ku­sevan­ge­li­ums (vor allem in Kapi­tel 10, wo der „Vater“ im „neu­en Haus“ (vgl. Mk 10,26-31) fehlt und eine deut­li­che Staats­kri­tik (Mk 10,35ff) geäu­ßert wird, erhal­ten geblie­ben. Bei Pau­lus und Mar­kus wird das anti­ke „Haus“ gesprengt, wäh­rend es in den Haus­ta­feln auf­recht­erhal­ten wird, indem die Män­ner und Her­ren dazu auf­ge­for­dert wer­den, ihre Frau­en und Sklav/inn/en zu lie­ben. 1Kor 11,2ff steht in der Mit­te zwi­schen bei­den Ten­den­zen. Die Tex­te des Alten Tes­ta­ments sind mit den Tex­ten des Neu­en Tes­ta­ments zusam­men ver­öf­fent­licht wor­den, daher ist das Ver­hält­nis von Gen 1-3 auch hier rele­vant. Vgl. hier und dort. Immer­hin gibt es an die­ser auf den „Vater“ zen­trier­ten Haus­se­man­tik Kri­tik im Neu­en Tes­ta­ment (aber wohl auch schon in Gen 1,26f), sodass für das Man­n/­Frau-Pro­blem unter­schied­li­che Posi­tio­nen im Neu­en Tes­ta­ment vor­lie­gen. Das Glei­che gilt für Fra­gen wie der­je­ni­gen des Staa­tes und der Skla­ve­rei. Pau­lus war über­haupt nicht sexu­al­feind­lich ein­ge­stellt, wie 1Kor 7 beweist. Wir kom­men auf sei­ne ent­spre­chen­de mys­ti­sche Hal­tung noch zurück. In der Diver­genz in die­sen Fra­gen, die über­haupt nicht ver­deckt wird, liegt m. E. das impli­zi­te Leser/in­nen-Kon­zept der kano­ni­schen Aus­ga­be bzw. der prä­ka­no­ni­schen Aus­ga­be offen zuta­ge. Wir sind als freie Leser/innen in ihr vor­aus­ge­setzt, die sich ein eigen­stän­di­ges Urteil bil­den kön­nen und sol­len.

Auf­ga­ben zur nächs­ten Sit­zung (01.06.)

  1. Über­set­zen Sie Röm 7,7-25 und schrei­ben Sie den Text mög­lichst ab!
  2. Ver­su­chen Sie eine Hypo­the­se dar­über zu ent­wi­ckeln, wie der Gedan­ken­gang des Pau­lus ver­läuft!
  3. Wie ver­wen­det Pau­lus die 1. Per­son Sin­gu­lar?
  4. Wie ist die Rede von der ἁμαρτία (der Sün­de) zu ver­ste­hen?
  5. Wor­in und war­um besteht ein bzw. der Zusam­men­hang von νόμος (Gesetz, Tora), ἐντολή (Gebot) und ἁμαρτία?
  6. Vgl. Sie den Inter­pre­ta­ti­ons­an­satz von Ernst Käse­mann im Römer­brief­kom­men­tar (im Appa­rat!)
  7. Ver­su­chen Sie zu ent­schei­den, ob und ggf. wie in Röm 7 von Gen 2,4bff die Rede ist!
  8. Da ich über­se­hen hat­te, dass der Pfingst­mon­tag kein Semi­nar­ter­min sein kann, wofür ich um Nach­sicht bit­te, habe ich drei Vor­schlä­ge:
  • Der Semi­nar­plan bleibt so, wie er ist, was aber dazu füh­ren wür­de, dass am 20.07. wahr­schein­lich eini­ge nicht kämen.
  • Ich bie­te eine zusätz­li­che Sams­tags­sit­zung hier bei mir an.
  • Wir strei­chen ent­we­der 1Kor 8,1-13 oder eine Sit­zung zu Gal 5,1-6, Joh 1,1-18 aus dem Plan.
  • Viel­leicht fällt Ihnen noch etwas Ande­res ein!

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Info:
Ver­an­stal­tun­gen am 17. und 18. Mai ist Beitrag Nr. 4047
Autor:
Martin Pöttner am 20. Mai 2015 um 13:50
Category:
Das Freiheitsverständnis im Neuen Testament
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