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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Ver­an­stal­tun­gen am 11. und 12. Mai

3               1Hen 6-11 (Das neu­tes­ta­ment­li­che Frei­heits­ver­ständ­nis [Uni Hd])

Die Teilnehmer/innen dis­ku­tier­ten zu Beginn der Sit­zung inten­siv die Wei­sen der Rede von Gott, was z. T. zur Debat­te um das soge­nann­te Anthro­po­mor­phis­mus­pro­blem führ­te, was dar­an lie­gen könn­te, dass Men­schen von Gott reden. D. h., es liegt stets auch eine Selbst­the­ma­ti­sie­rung des sich in Bezie­hung zu Gott befin­den­den Men­schen vor. Wer glaubt, dass Gott sich auf ihren bzw. sei­nen All­tag bezieht, wird mög­li­cher­wei­se All­tags­kon­zep­te ver­wen­den, um sei­ne bzw. ihre Got­tes­er­fah­rung zu bezeich­nen. Wer aber Gott eher nicht im All­tag zu erfah­ren meint, neigt zur nega­ti­ven Theo­lo­gie, die u. a. auf von der gewöhn­li­chen Gesell­schaft abge­schie­de­ne Lebens­for­men bezo­gen ist, sodass Gott als das­je­ni­ge ver­stan­den wird, was mit mit gewöhn­li­chen Zei­chen nur mit­tels Nega­ti­on bezeich­net wer­den kann (via nega­tio­nis). Zur Posi­ti­on des Dozen­ten vgl. hier.

Aus­ge­löst wur­de die­se Debat­te offen­bar durch die Wahr­neh­mung der Teilnehmer/innen, dass die Erzäh­lun­gen ins­be­son­de­re der Urge­schich­te teil­wei­se eine Rede von Gott und dem Men­schen zei­gen, die mög­li­cher­wei­se nicht mit dog­ma­ti­schen Rich­tig­kei­ten kirch­li­cher Auf­fas­sun­gen über­ein­zu­stim­men scheint.

Wich­tig war die dem Semi­nar vor­aus­grei­fen­de Fra­ge nach der pau­li­ni­schen Sün­den­auf­fas­sung selbst. Der Dozent bit­tet um etwas Geduld und ver­weist zur Erläu­te­rung auf 1Kor 1,30f, wo Pau­lus die Fra­ge selbst so beant­wor­tet, dass der Erlö­sungs­pro­zess sei­tens Chris­ti erfolgt sei, damit sich nie­mand mehr (sei­ner selbst) rüh­men kön­ne:

30ἐξ αὐτοῦ δὲ ὑμεῖς ἐστε ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ,

ὃς ἐγενήθη σοφία ἡμῖν ἀπὸ θεοῦ, δικαιοσύνη τε καὶ ἁγιασμὸς καὶ ἀπολύτρωσις,

31ἵνα καθὼς γέγραπται·

ὁ καυχώμενος ἐν κυρίῳ καυχάσθω.

  1. M. E. muss man auch die The­ma­ti­sie­run­gen Adams in pau­li­ni­schen Tex­ten (Röm 5, 1Kor 15) so inter­pre­tie­ren, dis­ku­tie­ren kön­nen wir die inter­es­san­te Vari­an­te in Römer 7,7ff, die oft auf Adam bezo­gen inter­pre­tiert wird, das aber wahr­schein­lich nicht ist. Jeden­falls ver­steht der Dozent Pau­lus von die­sem in 1Kor 1,30f klar sicht­ba­ren Topos her, dass die Sün­de in der Selbst­über­he­bung bestehe, im Sich-selbst-Rüh­men (καυχσθαι).
  2. M. E. las­sen sich die nar­ra­ti­ven Tex­te, die gemein­hin als „Mythen“ gel­ten, in drei Grup­pen unter­tei­len: Erfolgs­ge­schich­te, pro­blem­ge­schicht­li­che Erzäh­lung und dua­lis­ti­sche Erzäh­lung. Die­se sind Dar­stel­lun­gen eines Exis­tenz­ver­ständ­nis­ses oder Selbst­ver­ständ­nis­ses, das mir eine Mög­lich­keit nar­ra­tiv prä­sen­tiert, wie ich selbst leben könn­te. Dabei ist es hilf­reich, wenn man (hypo­the­tisch) einen Bezugs­punkt in der reli­giö­sen Lite­ra­tur erschlie­ßen kann, der das The­ma von sol­chen Tex­ten leich­ter zu erschlie­ßen hilft. Für 1Hen 6-11 ist die­ser Bezugs­punkt m. E. Dtn 30,15ff, in dem das Selbst­ver­ständ­nis bestimm­ter Kon­zep­tio­nen des Juden­tums dar­ge­stellt wird, näm­lich zwi­schen Segen und Fluch, Glück und Unglück sowie Leben und Tod wäh­len zu kön­nen, sofern man die Gebo­te beach­tet und den Gott Isra­els aus­schließ­lich ver­ehrt. Seit der Kri­se der Weis­heit ist die­se Auf­fas­sung aber nicht mehr selbst­ver­ständ­lich – und wie in Gen 6,1-4 gerät die gött­li­che Sphä­re selbst als Raum der Wahl zwi­schen Gutem und Bösen in den Blick, was in Gen 3,22 nar­ra­tiv sub­til ange­deu­tet ist. Was nun tat­säch­lich frü­her ist, Gen 6,1-4 oder 1Hen 6ff mag offen blei­ben. Viel­leicht spricht doch eini­ges dafür, das Gen 6,1ff ein nar­ra­tiv stark ver­kürz­ter Aus­zug aus 1Hen 6ff ist. Die­ser Text wird in Qum­ran durch den Text über die Gigan­ten ergänzt, der eine Meta­mor­pho­se die­ser Rie­sen­kin­der zu den Dämo­nen erzählt, die uns aus dem Neu­en Tes­ta­ment bekannt sind. Das dua­lis­ti­sche Erzähl­mo­dell beginnt mit der Eta­blie­rung eines kon­tra­dik­to­ri­schen Gegen­sat­zes. Die Göt­ter­söh­ne (בְנֵי־הָֽאֱלֹהִים֙ (bene hae­lo­him) bzw. Engel (zum Pro­blem vgl. hier) haben Sex mit mensch­li­chen Frau­en – und dar­aus ent­steht das Böse in der Welt bzw. ver­schärft es über­aus stark. Sie wer­den bestraft, wor­aus die Emer­genz der Höl­le folgt. Dort lan­den nicht nur sie, son­dern alle die­je­ni­gen, die in der Mit­tel­pha­se der ima­gi­nier­ten Erzäh­lung eben­falls das Böse tun, wäh­rend die ande­ren wie der fik­ti­ve Autor des Tex­tes Hen­och (vgl. Gen 4,17; 5,18.21-24) ein gött­li­ches Leben bei Gott füh­ren. Die Sint­flut dient in Tex­ten wie dem 1Hen als Pro­to­typ des gött­li­chen Gerichts über die Bösen oder das Böse. Die Situa­ti­on auf der Welt ist also ver­zwei­felt und scheint deter­mi­niert zu sein. Gleich­wohl bleibt gutes Han­deln erfor­der­lich, um zumin­dest die Höl­le zu ver­mei­den, also gibt es das Para­dox von deter­mi­nier­tem Geschichts­ver­lauf und frei­er Hand­lung im Sujet der dua­lis­ti­schen Erzäh­lung. Obgleich die­ses Erzäh­lungs­mus­ter mit Kon­tra­dik­tio­nen arbei­tet, pro­du­ziert es mit­hin einen logi­schen Wider­spruch, der m. E. wahr­ge­nom­men wer­den will.

Auf­ga­ben zur nächs­ten Sit­zung

  1. Über­set­zen Sie 1Kor 11,2-16 und schrei­ben Sie den grie­chi­schen Text ab! Sie kön­nen dazu auch den grie­chi­schen Text seg­men­tie­ren, der Ihnen in WiBiLex oder in Bible Works zur Ver­fü­gung steht (vgl. das obi­ge Bei­spiel von 1Kor 1,30f).
  2. Ver­schaf­fen Sie sich einen Über­blick über den Text und ver­su­chen Sie, den Gedan­ken­gang zu rekon­stru­ie­ren!
  3. Als Hil­fe kön­nen Sie Schrage, Kom­men­tar (im Appa­rat!) und Frett­löh (im Appa­rat!) zur Stel­le benut­zen.
  4. Was bedeu­tet es, dass Pau­lus die Frau­en in Korinth durch die Engel bedroht sieht?
  5. Wie ver­steht Pau­lus Gen 1,26f – und war­um?
  6. Vgl. Sie das mit Gal 3,28!

 

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Info:
Ver­an­stal­tun­gen am 11. und 12. Mai ist Beitrag Nr. 4024
Autor:
Martin Pöttner am 13. Mai 2015 um 12:52
Category:
Das Freiheitsverständnis im Neuen Testament
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