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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Johan­nes 20,11-18 (EfG Gries­heim): Maria schaut ihren gelieb­ten Leh­rer (Ostern 2015)

Die Schü­le­rin Maria und ihr Leh­rer im Gar­ten

11Maria aber stand drau­ßen vor dem Grab und wein­te. Wäh­rend sie nun wein­te, blick­te sie in das Grab –

12und schaut, dass dort zwei Engel in wei­ßen Gewän­dern sit­zen, einer dort, wo der Kopf lag, und der ande­re bei den Füßen – [die Engel saßen] an der Stel­le, an den sie den Leich­nam Jesu hin­ge­legt hat­ten.

13Und die Engel spra­chen zu ihr: „Frau, war­um weinst du?“ Sie sagt zu ihnen: „Sie haben mei­nen Herrn weg­ge­nom­men, und ich weiß nicht, wo sie ihn hin­ge­legt haben.“

14Und wäh­rend sie das sag­te, wand­te sie sich um und schaut, dass Jesus da steht – und sie weiß [noch] nicht, dass es Jesus ist.

15 Jesus sagt zu ihr: „Frau, war­um weinst du? Wen suchst du?“ Sie meint, es han­de­le sich um den Gärt­ner, und sie sagt zu ihm: „Herr, hast du ihn weg­ge­tra­gen, so sage mir, wo du ihn hin­ge­legt hast; dann will ich ihn holen.“

16Jesus sagt zu ihr: „Maria!“ Da wand­te sie sich ihm zu und sagt zu ihm auf Hebrä­isch: „Rab­bu­ni!“ – das heißt: (mein) Leh­rer!

17Jesus sagt zu ihr: „Hal­te mich nicht auf! Denn ich bin noch nicht auf­ge­stie­gen zum Vater. Geh aber hin zu mei­nen Brü­dern und sage ihnen: Ich stei­ge auf zu mei­nem Vater und zu eurem Vater, zu mei­nem Gott und zu eurem Gott.“

18Maria aus Mag­da­la geht und teilt es den Schü­lern mit: „Ich habe den Herrn gese­hen“ – und das gera­de Erwähn­te habe er zu ihr gesagt.

 

Lie­be Gemein­de,

 

Maria aus dem Ört­chen Mag­da­la steht nicht nur unter dem Kreuz, als Jesus ver­stirbt (Joh 19,25). Sie ent­deckt nach der johan­n­ei­schen Erzäh­lung[1] das lee­re Grab als ers­te und erzählt das den Schü­lern. Petrus und der Schü­ler, den Jesus lieb­te, gehen zum Grab und sehen hin­ein – und nur der Schü­ler, den Jesus lieb­te, ver­steht und glaubt. Dann gehen die bei­den in die Stadt zurück.

Maria aus Mag­da­la gibt aber ihrer Trau­er Aus­druck. Sie steht vor dem Grab und weint. Als sie hin­ein­blickt, hat sie eine Engel­er­schei­nung und klagt den bei­den blen­dend weiß geklei­de­ten Gestal­ten, dass man ihren Herrn weg­ge­nom­men habe.

Dabei dreht sie sich um und schaut Jesus, den sie für den Gärt­ner hält und fragt ihn, wo er den gekreu­zig­ten Herrn hin­ge­bracht habe, damit sie ihn wie­der zurück­brin­gen kön­ne.

Er gibt sich zu erken­nen, indem er ihren Namen aus­spricht und sie ant­wor­tet ihm, indem sie ihn als ihren Leh­rer anre­det. Doch Jesus will in kein Gespräch ver­wi­ckelt wer­den und teilt Maria mit, er sei noch nicht auf­ge­stie­gen zum Vater – sein Weg an die Brust des Vaters ist noch nicht abge­schlos­sen (Joh 1,18).

Eine merk­wür­di­ge Geschich­te, das Grab Jesu liegt offen­bar in einem Gar­ten, wo der Gärt­ner befremd­lich bzw. gedan­ken­los nach dem Rech­ten sieht, so scheint Maria es zu emp­fin­den und zu den­ken. Sie lässt sich nicht durch die fri­schen Far­ben von Bäu­men und Sträu­chern fro­her stim­men. In ihrer Ver­zweif­lung hofft sie, dass Jesus die­ser Gärt­ner sei, aber es ist eben der auf­ge­stan­de­ne Gekreu­zig­te selbst, der sei­ner Schü­le­rin ver­traut begeg­net, er will aber nicht ver­wei­len. Sie soll alles sei­nen Brü­dern mit­tei­len, die Schü­ler, die Jesus in Kap. 13 als Freun­de bezeich­net hat, sind nun Brü­der Jesu, die eine wich­ti­ge, bedeu­ten­de Schwes­ter haben, Maria aus Mag­da­la. Und sie ist auch die Schwes­ter Jesu.

Das Johan­nes­evan­ge­li­um inte­griert also durch die­se Erzäh­lung die Frau­en pro­mi­nent in die Gemein­de. Der ers­te Mensch, der den auf­ge­stan­de­nen Jesus schaut, ist eine Frau, eben Maria aus Mag­da­la.

Sie ver­wech­selt Jesus zuerst, dann schaut sie ihn ganz deut­lich, als er sie ver­traut mit ihrem Namen anre­det, grie­chisch Maria und hebrä­isch Mir­jam.

Die deut­lich män­nerlas­ti­ge Grup­pe der Schü­ler Jesu erhält die Bot­schaft, sie sei­en jetzt Jesu Brü­der – sie erhal­ten die Bot­schaft von ihrer Schwes­ter Mir­jam oder Maria.

Maria wird also im Kon­text des Auf­ste­hens Jesu in den Mit­tel­punkt der Erzäh­lung gestellt. Sie ist in Joh 20,1-18 eine wich­ti­ge Figur, neben dem wie stets etwas unver­stän­di­gen Petrus und dem alles ver­ste­hen­den Schü­ler, den Jesus lieb­te. Ihre Emo­tio­na­li­tät wird betont. Sie beweint den Ver­lust Jesu, des gewalt­sam Hin­ge­rich­te­ten, der ihr gelieb­ter Leh­rer war – und sie anreg­te, die Welt, Gott und sich selbst zu ver­ste­hen – und alles im Hori­zont der Lie­be zu betrach­ten. Und so lieb­te sie ihn auch trau­rig, als er gewalt­sam gekreu­zigt wur­de und stand bei sei­nem Kreuz. Jetzt steht sie im Gar­ten bei sei­nem lee­ren Grab und weint. Dann schaut sie ihn – er wen­det sich ihr zu und lässt sie in einer ganz ver­trau­ten Sze­ne sei­ne wich­tigs­te Botin sein, wie es mit der Lie­be wei­ter­ge­hen wird, ohne kirch­li­che Hier­ar­chie, unter Ein­schluss der Frau­en, alle sind Jesu Brü­der und Schwes­tern.

Wir haben heu­te im evan­ge­li­schen Chris­ten­tum in Deutsch­land einen Punkt erreicht, an dem wir die­se Leh­rer-Schü­le­rin-Geschich­te ganz gut ver­ste­hen und mit ihr ein­ver­stan­den sein kön­nen. Oft sind mei­ne bes­ten Schü­ler Schü­le­rin­nen. Und es gibt auch zuneh­mend Leh­re­rin­nen, auch für mich. Rei­fe Lehrer/innen ori­en­tie­ren sich am bes­ten an dem­je­ni­gen Hoff­nungs­gut in Juden­tum und Chris­ten­tum, nach dem alle von allen gelehrt wer­den (vgl. Jer 31,31-34), also soll­ten wir unse­ren Schüler/innen ihre Krea­ti­vi­tät nicht  neh­men, damit sie uns auch leh­ren kön­nen. Die Reli­gi­on der Lie­be hat zwar sehr lan­ge gebraucht, sie hat viel zu lan­ge gebraucht, bis die Bot­schaft die­ses Tex­tes ganz ange­kom­men ist. Aber sie ist jetzt ange­kom­men.

Statt­des­sen dreht sich die Debat­te dar­um, ob Jesus und Maria aus Mag­da­la eine ande­re aus­schlie­ßen­de Bezie­hung der kör­per­li­chen Lie­be   hat­ten. Sie sei eine Pro­sti­tu­ier­te gewe­sen, weiß man – und der­ar­ti­ge Fra­gen ver­fol­gen mich gera­de sei­tens von Frau­en seit mei­nem ers­ten Pro­se­mi­nar als Neu­tes­ta­ment­ler in Mar­burg. Dahin­ter steht eine gro­ße Unsi­cher­heit: Wie wird mei­ne eige­ne Sexua­li­tät bewer­tet? Und wenn Jesus kei­ne sexu­el­le Bezie­hung hat­te, war er dann etwa gar kein rich­ti­ger Mann?

Ähn­lich ist der Schü­ler, den Jesus lieb­te, Gegen­stand sol­cher Ima­gi­na­tio­nen. Er lag ja an Jesu Brust (Joh 13,23f), wie  Jesus an der Brust des Vaters liegt. Hat­te Jesus mit ihm eine  Bezie­hung, die kör­per­li­che Lie­be ein­schloss?[1]

Die Evan­ge­li­en sind kei­ne ero­ti­sche Lite­ra­tur, die  Anre­gun­gen gibt, wie Paa­re die kör­per­li­che Lie­be opti­mie­ren kön­nen. Aber jeder und jede, die oder der etwas von den Pro­zes­sen zwi­schen Schüler/innen und Lehrer/innen gera­de im Kon­text der Reli­gi­on und der intel­lek­tu­el­len Bil­dung ver­steht, weiß, dass die­se Lie­be so gut wie nie­mals ganz auf ste­ri­le See­len­ver­wand­schaft hin­aus­läuft, auch dann, wenn sich kei­ne kör­per­li­che Lie­be voll­zieht. Das ist auch sekun­där, denn im Chris­ten­tum gibt es wie im Tan­tris­mus in Indi­en und Tibet die Idee, dass es Ver­ei­ni­gun­gen von Schüler/innen und Lehrer/innen geben kann und die­se durch­aus anzu­stre­ben sind, die umfas­sen­de­re Glücks­ge­füh­le erzeu­gen als bei der kör­per­li­chen Lie­be von Paa­ren. Ver­kürzt gesagt, in der Frau­en­mys­tik etwa Mecht­hilds von Mag­de­burg, aber auch bei der Braut- und Bräu­ti­gams­me­ta­pho­rik im Blick auf die See­le und Chris­tus bei Mar­tin Luther ist an eine Ver­ei­ni­gung mit Chris­tus gedacht, die umfas­sen­de­re Glücks­ge­füh­le aus­löst als bei der kör­per­li­chen Lie­be[2]. Und so sind m. E. auch die Tex­te der pie­tis­ti­schen Mys­tik zu ver­ste­hen, die im Gesang­buch ste­hen, die Lie­der des Gra­fen von Zin­zen­dorf und die­je­ni­gen von Ange­lus Sile­si­us.

Christ­lich wird das offi­zi­ell meis­tens ver­drängt, aber die Sehn­süch­te und Ima­gi­na­tio­nen sind da. Und sie zei­gen sich bei der Inter­pre­ta­ti­on unse­res Tex­tes in der Aus­le­gungs­ge­schich­te, etwa in der bana­len Fra­ge, ob Mir­jam eine Pro­sti­tu­ier­te war, was fil­misch immer wie­der ger­ne dar­ge­stellt wird. Unser Text deu­tet aber an, dass der Leh­rer und sei­ne Schü­le­rin viel­leicht die Kunst der geis­ti­gen Ver­ei­ni­gung beherrscht haben könn­ten, die außer­or­dent­lich glücks­spen­dend ist. Und sie ist nicht auf ein Paar im Unter­schied zu ande­ren beschränkt. Jetzt darf sie ihn nicht auf­hal­ten, er muss an die Brust sei­nes und ihres Vaters, um den Kreis der Lie­be zu voll­enden.

Die Lie­be, die im Johan­nes­evan­ge­li­um gemeint ist, schließt die geis­ti­ge Ver­ei­ni­gung ein. Die­se kennt auch den Schmerz, der sich im Wei­nen der Maria äußert. Es ist das Gefühl der völ­li­gen Ent­zo­gen­heit des Gelieb­ten, er zeigt sich ihr aber – und die Geschich­te der Lie­be geht wei­ter, auch wenn er bei ihrem und sei­nem Vater an der Brust liegt. Die­ses sinn­li­che Bild der Lie­be besagt, dass alle Brü­der und Schwes­tern sich geist­lich ver­ei­ni­gen kön­nen und trotz aller Fremd­heit sich immer bes­ser als ande­re und indi­vi­du­el­le Gelieb­te ver­ste­hen kön­nen.

Das Johan­nes­evan­ge­li­um ver­steht den Welt­pro­zess als Geschich­te der Lie­be. Des­halb las­sen sich sol­che für vie­le Christ/inn/en pein­lich wir­ken­de Fra­gen nicht aus­klam­mern. Denn unse­re Tex­te kom­mu­ni­zie­ren ein inten­si­ves Lie­bes­ver­ständ­nis, dass viel­leicht Sexua­li­tät ein­schlie­ßen kann, die­se aber durch­aus glücks­spen­dend über­schrei­tet. Gera­de die Gar­ten­ge­schich­te vom Oster­mor­gen, die wohl auf die nicht völ­lig unero­ti­sche Geschich­te vom Para­dies bzw. vom Gar­ten Eden lite­ra­risch anspielt, zeigt, was es heißt, dass die Lie­be das Lei­den ganz ein­schließt. Jesus stirbt erbärm­lich und gewalt­sam. Den­noch erzählt unser Text, dass der Tod, der gewalt­sa­me Tod die Bezie­hun­gen der Lie­be nicht end­gül­tig unter­bre­chen kann. Und die Geschich­te vom Gar­ten Eden wird in der Gar­ten­ge­schich­te vom Oster­mor­gen über­schrit­ten, weil ein gro­ßes und umfas­sen­des Glück in Aus­sicht gestellt wird. Denn dort im Gar­ten Eden bedeu­tet das Ein-Fleisch-Sein die Ver­ei­ni­gung von zwei Men­schen. Und hier am Oster­mor­gen ist an die Ver­ei­ni­gung und Ver­wand­lung allen Flei­sches gedacht, sodass sich alle Frem­den ver­ste­hen, anneh­men und als jeweils Ande­re glücks­er­füllt lie­ben kön­nen.[2]

Das ist die Hoff­nung, die wir als Christ/inn/en haben, wenn wir dem Johan­nes­evan­ge­li­um fol­gen, das erzählt, wie das Wort Fleisch wird bzw. gewor­den ist. Das Fleisch aber hat gewalt­sa­me Züge oder ver­mag sol­che zu ent­wi­ckeln, die Jesus erlei­den muss – und annimmt. Der Glau­be und die Hoff­nung bestehen dar­in, dass so das gewalt­sam erzeug­te Lei­den über­wun­den wer­den kann.[1]

War­um?“ – hieß es in Hal­tern auf einem Pla­kat mit roten Buch­sta­ben, nach­dem eine Ger­man Wings-Maschi­ne in Süd­frank­reich abge­stürzt ist, vie­le Schüler/innen und eini­ge Lehrer/innen eines Hal­te­ner Gym­na­si­ums waren unter den Opfern. Bald erhielt ich einen Anruf von mei­ner frü­he­ren Frau, ob unser Sohn im nächs­ten Jahr von einer Klas­sen­fahrt mit einer Ger­man Wings-Maschi­ne zurück­flie­gen dür­fe. Ja, das darf er, weil die Bezie­hun­gen der Lie­be den Tod über­dau­ern. Natür­lich muss er das selbst und über­legt wol­len. Neben mir und sei­ner Mut­ter hat er Gesprächs­mög­lich­kei­ten im Kon­fir­man­den­un­ter­richt oder in sei­ner Schu­le.

Das Gere­de in den Medi­en ist für den­ken­de Men­schen uner­träg­lich. Man hört, dass sei unvor­stell­bar … Das ist unwahr, es lässt sich berech­nen. Es han­delt sich um eine gerin­ge Wahr­schein­lich­keit, sie liegt aber nicht bei Null und dann nichts mehr. Iro­nisch ist, dass der Absturz durch eine Regel ermög­licht wur­de, die ein­ge­führt wur­de, um gegen Ent­füh­run­gen o. Ä. siche­rer zu sein. Das Wahr­heits­mo­ment der Rede von der Unvor­stell­bar­keit die­ses Abstur­zes besteht dar­in, dass es sich um sehr gro­ßes Leid z. B. der Schüler/innen und ihrer Ange­hö­ri­gen han­delt.

Jedes Mal, wenn ich geflo­gen bin, war mir klar, dass es mein letz­ter Tag sein könn­te, aber die Lie­bes­be­zie­hun­gen blei­ben, so wie es Maria aus Mag­da­la erle­ben durf­te. Wer also am Leben hängt und an dem­je­ni­gen, was ihm zur Ver­fü­gung zu ste­hen scheint, der soll­te bes­ser nicht flie­gen. Es kann sie oder ihn erwi­schen. Die­ser Typus des Unfalls ist in den letz­ten 20 Jah­ren mehr­fach auf­ge­tre­ten. Sehr sel­ten, aber eben doch. Und nun sogar bei der Luft­han­sa, wo doch bei ihr Sicher­heit mar­ke­ting­mä­ßig an aller­ers­ter Stel­le steht. Aber nun liegt es offen zu Tage, dass es selbst bei der Luft­han­sa ein „Rest­ri­si­ko“ gibt …

Die Bot­schaft des Auf­ste­hens Jesu lau­tet also: Hän­ge nicht an dem­je­ni­gen, was dir zur Ver­fü­gung zu ste­hen scheint, was du besitzt und geleis­tet hast, des­sen du mäch­tig bist, wor­in dei­ne Lebens­plä­ne bestehen. Hän­ge nicht an dem, wor­um du dich sorgst. Mache es wie Maria aus Mag­da­la und ver­traue dar­auf, dass die Geschich­te der Lie­be wei­ter­geht. Dann gehörst zu der Gemein­schaft der geis­tig Lie­ben­den, in der alle alle leh­ren und sich trotz aller Fremd­heit immer bes­ser als ande­re Gelieb­te zu ver­ste­hen ler­nen.

 

Amen

[1] Zu auf­schluss­rei­chen Anre­gun­gen vgl. Hart­wig Thy­en, Das Johan­nes­evan­ge­li­um (HNT 5), 2005, 756ff. Er hebt her­vor, dass die sehr eigen­stän­di­ge Erzähl­per­spek­ti­ve mit inter­tex­tu­el­len Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit (den) ande­ren (kano­ni­schen) Tex­ten ver­bun­den sei. D. h., Johan­nes weiß oder rech­net z. B. damit, dass sei­ne Leser/innen wis­sen oder anders­wo lesen kön­nen, dass Petrus der ers­te Mensch war, der den Auf­ge­stan­de­nen sah. Eben­so gibt es Erzäh­lun­gen, in denen meh­re­re Frau­en das Grab ent­de­cken und z. B. nur eine blen­dend wei­ße Gestalt im Grab ist. – Schon seit Gen 1-3 ist das ein Kenn­zei­chen der Bibel, dass sie den­ken­de und erwach­se­ne Leser/innen vor­aus­setzt. Vgl. 1Kor 15,3ff; Lk 24,34; Mk 16,1-8. Daher sind m. E. extre­me eso­te­ri­sche Lek­tü­re­wei­sen etwa der Tex­te über Maria von Mag­da­la nicht berech­tigt. Sicher­lich han­delt es sich um tie­fen­psy­cho­lo­gisch fort­ge­schrie­be­ne Rezep­tio­nen eini­ger Tex­te aus Nag Ham­ma­di. Es gibt inner­halb des Neu­en Tes­ta­ments z. B. kei­ne Hin­wei­se auf Inkar­na­ti­on oder Reinkar­na­ti­on. Und ich fin­de das auch gut so, weil dadurch das indi­vi­du­el­le frag­men­ta­ri­sche Leben im Fokus der Auf­merk­sam­keit steht, wie uns beim hier erwähn­ten Flug­zeug­ab­sturz wie­der deut­lich ins Bewusst­sein getre­ten ist. Es han­delt sich um ein je indi­vi­du­el­les leib­li­ches Selbst­ver­hält­nis, das kei­ne Wie­der­hol­bar­keit impli­ziert, denn dann wäre es eine prin­zi­pi­el­le Mas­sen­wa­re. Der Zynis­mus der Reinkar­na­ti­on der Maria aus Mag­da­la zeigt sich dar­in, dass sie in dem ver­link­ten Video sagt, sie habe Jesus die Kreu­zi­gung dadurch erträg­li­cher gemacht, dass sie ihm sedie­ren­de Sub­stan­zen ein­ge­flößt habe. Die Dame hat offen­bar kei­ne Ahnung, was eine Kreu­zi­gung war und ist sich anschei­nend sicher, das sie sich dadurch nicht völ­lig des­avou­iert. Das Video stellt m. E. eine absto­ßen­de Form von Reli­gio­si­tät bzw. Spi­ri­tua­li­tät dar, die als Opi­um für einen bestimm­ten Typus von Mit­tel­schicht­frau­en fun­giert.

[2] Vgl. Julie Hen­der­son, Die Erwe­ckung des Inne­ren Gelieb­ten, 21990, 120ff. Ähn­lich gibt es jüdi­sche und mus­li­mi­sche Tex­te, die eine sol­che Inter­pre­ta­ti­on nahe­le­gen. Die tan­tri­schen Tex­te und Erfah­rungs­wei­sen sind die­je­ni­gen, die am bes­ten erforscht sind. Das bedeu­tet kei­nen Ver­zicht auf Sexua­li­tät, son­dern eine umfas­sen­de Aus­deh­nung der Gemein­schaft. Dies lässt sich u. a. indi­vi­du­ell als Endor­phin­aus­schüt­tung fas­sen. Nach mei­ner Erfah­rung kön­nen Span­nungs­zu­stän­de auf­ge­baut wer­den, deren (spon­ta­ne) Auf­lö­sung sich indi­vi­du­ell als Glücks­ge­füh­le zeigt, die von Trans­mit­ter­aus­schüt­tun­gen beglei­tet sind. Hen­der­son par­al­le­li­siert das m. E. zu Recht mit dem sexu­el­len Orgas­mus, lehnt aber ab, sol­che reli­giö­sen Kon­zep­te als Sub­li­mie­rung von Sexua­li­tät zu deu­ten.

 

 

[1][1] Das Johan­nes­evan­ge­li­um ver­steht durch sei­ne Über­schrift die­sen Schü­ler als den Zebe­dai­den Johan­nes, der auch ster­ben muss (21,23f). Im Text ist er aber pro­gram­ma­tisch namen­los, was schon immer die Ver­mu­tung bestärkt hat, er sei eine Ide­al­fi­gur der Lie­be. Wie auch immer, jeden­falls grei­fen jene sexu­el­len Ima­gi­na­tio­nen erheb­lich zu kurz, denn die geis­ti­ge Rea­li­tät lässt sich gar nicht völ­lig streng unsinn­lich auf­fas­sen – und ver­dich­tet sich zu sinn­li­chen Bil­dern.

[2] „Ein-Fleisch-Sein“ bzw. -„wer­den“ wird in der hebräi­schen Spra­che in Gen 4,1 durch  ידע (jada) bezeich­net, was sowohl Sex (haben) als auch Erken­nen bedeu­tet. Im Grie­chi­schen wird das durch γινώσκειν (gino­skein [erken­nen]) bezeich­net (Gen 4,1LXX). Schon Pau­lus par­al­le­li­siert das in 1Kor 8,1ff mit ἀγαπᾶν (aga­pan [lie­ben]). In unse­rem Pre­digt­text wird die­ser Dop­pel­sinn nar­ra­tiv insze­niert, wobei Lie­be Sex über­schrei­tet, aber ein­schlie­ßen kann, auch bei Pau­lus. Ein Reiz der Erzäh­lung ist es, dass der Erkennt­nis­vor­gang zunächst nicht gelingt.

 

[1] Ähn­li­che Erwä­gun­gen ver­misst man im EKD-Grund­la­gen­text zur Kreu­zes­theo­lo­gie. Der Text fällt teil­wei­se deut­lich hin­ter die Ein­sich­ten des Hebrä­er­briefs zurück, die Bil­der des Skla­ven­los­kaufs, der Weis­heit und auch der Lie­be wer­den nicht bzw. beim letz­te­ren nur äußerst redu­ziert erfasst. Dahin­ga­be ist nur ein schma­ler Aus­schnitt des Dar­ge­stell­ten. Und die luka­ni­sche Posi­ti­on, dass es sich um einen Jus­tiz­irr­tum han­de­le, wird gar nicht als Mög­lich­keit erwähnt. Das ist vom Neu­en Tes­ta­ment aus betrach­tet, äußerst dünn. – Ich geste­he dem Text nur inso­fern ein gewis­ses Recht zu, als er viel­leicht das Bewusst­sein vie­ler kir­chen­na­her Mit­glie­der wie­der­gibt, aber die Debat­te der letz­ten drei­ßig Jah­re war erheb­lich krea­ti­ver. So lässt sich die Kri­tik des Süh­ne­bil­des nicht auf ein Miss­ver­ständ­nis von Anselms theo­re­ti­scher Expli­ka­ti­on des­sel­ben redu­zie­ren, wie Bed­ford-Strohm meint. Kant und Schlei­er­ma­cher, aber auch jüngst femi­nis­ti­sche Theo­lo­gin­nen haben dazu eini­ges gesagt, sodass m. E. Bult­manns Kri­tik bestehen bleibt. – Bleibt vor allem die Ein­sicht von Mark­schies, dass der christ­li­che Gott eine grau­sa­me Rea­li­tät ken­ne und auch erlei­det. So ist es. So ähn­lich sah es schon Johan­nes.

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Johan­nes 20,11-18 (EfG Gries­heim): Maria schaut ihren gelieb­ten Leh­rer (Ostern 2015) ist Beitrag Nr. 3873
Autor:
Martin Pöttner am 2. April 2015 um 17:05
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Allgemein
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