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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Petrus als Bei­spiel für den Umgang mit dem Islam (Lk 22,31-34)

31 Jesus sag­te: »›Simon, Simon, sie­he, der Satan hat begehrt, euch zu sie­ben wie den Wei­zen.

32Ich aber habe für dich gebe­ten, dass dein Glau­be nicht auf­hö­re. Und wenn du spä­ter umkehrst, so stär­ke dei­ne Brü­der.‹

33Petrus aber sprach zu ihm: ›Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefäng­nis und in den Tod zu gehen.‹

34Jesus aber sprach: ›Petrus, ich sage dir: Der Hahn wird heu­te nicht krä­hen, ehe du drei Mal geleug­net hast, dass du mich kennst.‹«

 

Lie­be Gemein­de,

 

wir befin­den uns in der Pas­si­ons­zeit. Unser Dia­log zwi­schen Jesus und Petrus gehört zur luka­ni­schen Pas­si­ons­ge­schich­te. Jede Pas­si­ons­er­zäh­lung hat ande­re Schwer­punk­te, die luka­ni­sche legt den Akzent dar­auf, wie Jesus zum Paläs­ti­na bzw. die Pro­vinz Judäa beset­zen­den römi­schen Staat steht bzw. stand – ein The­ma, das immer wie­der auf his­to­ri­sches Inter­es­se stößt. Man fragt etwa danach, wer Schuld am Tod Jesu gewe­sen sei. Lukas sagt, es war ein Jus­tiz­irr­tum. Die Auto­ri­tä­ten der Stadt­herr­schaft in Jeru­sa­lem miss­ver­stan­den Jesus und begin­gen einen Jus­tiz­irr­tum, wie er spä­ter in der Apos­tel­ge­schich­te erzählt:

17 Nun, lie­be Brü­der, ich weiß, dass ihr das aus Unwis­sen­heit

getan habt eben­so wie auch eure Obe­ren.

18 Gott aber hat erfüllt, was er durch den Mund aller

sei­ner Pro­phe­ten zuvor ver­kün­digt hat: dass sein Chris­tus

lei­den soll­te.

19 So kehrt nun um und ändert euer Leben, damit eure

Sün­den getilgt wer­den.“

So pre­digt Petrus spä­ter in Jeru­sa­lem (Act 3,17-19).

Pila­tus hat nach der luka­ni­schen Erzäh­lung die­sen Jus­tiz­irr­tum des Hohen Rates nach­voll­zo­gen und Jesus als Auf­rüh­rer grau­sam fol­tern und hin­rich­ten las­sen. Aber der Chris­tus muss­te lei­den, so zumin­dest die Tex­te aus Jes 42ff und Sach­ar­ja 9, wenn man sie nach­denk­lich aus­legt. Denn der Skla­ve des Herrn spricht nur lei­se, ver­mei­det geknick­te Schilf­roh­re zu zer­tre­ten oder glim­men­de Doch­te aus­zu­bla­sen. Als fried­li­cher mes­sia­ni­scher König zieht Jesus im Licht des Sach­ar­ja­buchs in Jeru­sa­lem ein, auf einem Esel­foh­len. Das sym­bo­li­siert, dass Jesus nicht der in den Psal­men Salo­mos 17 und 18 vor­aus­ge­sag­te Mes­si­as ist, der erst die Römer besiegt und dann das uni­ver­sa­le Frie­dens­reich auf­rich­tet, nein: Er ist durch und durch fried­lich und bereit zu lei­den.

Damit erhal­ten alle die­je­ni­gen Tex­te im Alten Tes­ta­ment für das frü­he Chris­ten­tum wenig Bedeu­tung und Rele­vanz, in denen Isra­el und Juda mit Bil­li­gung oder gar unter Anfüh­rung des „Herrn“ Krieg füh­ren, hei­li­ge Krie­ge. Dass dies unan­ge­mes­sen ist, ist eine Ein­sicht schon der dyna­mi­schen Schrift­aus­le­gung im Juden­tum, die sich im Jesa­ja- und Sach­ar­ja­buch zeigt. Das Chris­ten­tum schließt an die pazi­fis­ti­sche Vari­an­te an, die seit dem 3. Jahr­hun­dert v. d. Z. im Juden­tum ent­wi­ckelt wor­den ist. Gott und sein Mes­si­as haben also eine Geschich­te oder Bio­gra­fie. Es gibt aber zu die­sen Fra­gen immer ver­schie­de­ne Tex­te – und man muss selbst eine Ent­schei­dung tref­fen.

Die luka­ni­sche Pas­si­ons­ge­schich­te erzählt aber davon, dass das nicht allen klar war, auch Jesus nicht, denn er sagt kurz vor sei­ner Ver­haf­tung:

Aber nun, wer einen Geld­beu­tel hat, der neh­me ihn, eben­so auch die Tasche, und wer das nicht hat, ver­kau­fe sei­nen Man­tel und kau­fe ein Schwert.“ (Lk 22,36)

Als die Schü­ler ihm aber dann zwei Schwer­ter vor­zei­gen, hat er sich wie­der beson­nen – und sagt:

Es ist genug!“

Alle Schü­ler kön­nen sich aber nicht brem­sen, als es ernst wird und einer haut dem Skla­ven des Ober­pries­ters ein Ohr ab. Aber Jesus meint, sie soll­ten es hin­neh­men, dass er ver­haf­tet wird – und heilt das Ohr wie­der an.

Damit steht er zu dem, was er selbst in der Berg­pre­digt und Feld­re­de als Regel aus­ge­ge­ben hat. Man/frau soll sei­ne bzw. ihre Fein­de lie­ben. Die­ses Kon­zept ist ein­ge­bet­tet in die Lebens­form, wel­che die Juden seit der Rück­füh­rung aus Baby­lo­ni­en hat­ten. Ihre Hei­li­gen Schrif­ten wur­den seit den Per­sern als auto­no­mes Selbst­ver­wal­tungs­recht sei­tens der jewei­li­gen Welt­macht aner­kannt. Gefor­dert war nur, poli­tisch loy­al zu sein und Steu­ern zu zah­len. Die ers­ten Christ/inn/en hiel­ten es genau­so – und ver­öf­fent­lich­ten mit ihren nor­ma­ti­ven Tex­ten zusam­men die Sep­tuagin­ta, die grie­chi­sche jüdi­sche Bibel als Altes Tes­ta­ment. Damit signa­li­sier­ten sie, dass sie die Geset­ze der Väter oder die Sit­ten der Älte­ren ach­te­ten und kei­ne revo­lu­tio­nä­re, auf­stän­di­sche Grup­pe sei­en. Grup­pen gal­ten aus römi­scher Sicht als unver­däch­tig, wenn sie die Sit­ten der Älte­ren fort­setz­ten. Lukas ist im Neu­en Tes­ta­ment der­je­ni­ge Autor, der die­se Posi­ti­on am reflek­tier­tes­ten im Sin­ne der dyna­mi­schen Schrift­aus­le­gung ver­tritt.

Die War­nung Jesu an Petrus, der Satan wol­le die Schü­ler und Schü­le­rin­nen ver­su­chen, miss­ach­tet die­ser prah­le­risch – und leug­net ent­spre­chend kurz spä­ter drei Mal ab, dass er Jesus ken­ne. Petrus braucht noch Zeit, um sich zu ent­wi­ckeln.

Die­ser Petrus könn­te eine Figur sein, wie wir auch den Islam respekt­voll und lie­be­voll betrach­ten kön­nen. Denn unse­re Schwes­ter­kir­che, die Römi­sche Kir­che ver­steht Petrus als ers­ten Bischof von Rom, dem dann vie­le Päps­te folg­ten. Das mag eine Erfin­dung der Römi­schen Kir­che sein. Aber auch das Tes­ta­ment des Petrus, der 2. Petrus­brief deu­tet im Kon­text des 1. Petrus­briefs dar­auf hin, dass Petrus in Rom sein Mar­ty­ri­um erlei­den wer­de. Man kann also nicht alles auf die Fan­ta­sie der Römi­schen Kir­che zurück­füh­ren. Und ab dem vier­ten Jahr­hun­dert d. Z. bean­spruch­ten die römi­schen Bischö­fe, dass das Chris­ten­tum Reichs­re­li­gi­on des Römi­schen Reichs wer­den soll­te. Das hat­te Jesus mit sei­ner War­nung an Petrus auf jeden Fall aus­schlie­ßen wol­len. Aber so ist es gekom­men, sowohl im west­rö­mi­schen als auch im ost­rö­mi­schen Reich. Und vie­le wur­den ver­folgt, wie es Jesus einst wur­de, nicht zuletzt die Juden.

Moham­med ori­en­tier­te sich bei sei­nem Ver­such, die ara­bi­schen Stäm­me der ara­bi­schen Halb­in­sel reli­gi­ös und poli­tisch zu ver­ei­nen am Modell der ost­rö­mi­schen Kir­che, wo der Kai­ser zugleich reli­giö­ses Ober­haupt war. Und der Islam wur­de die Reichs­re­li­gi­on der ara­bi­schen Stäm­me, die stark expan­dier­ten. Die­ser krie­ge­ri­sche Aspekt ist auch in eini­gen Tex­ten des Koran reprä­sen­tiert, seit dem ach­ten Jahr­hun­dert d. Z. setz­te aber mit mys­ti­schen Strö­mun­gen der Ver­such ein, den Koran kom­ple­xer zu inter­pre­tie­ren – durch­aus im Sin­ne jener Lie­be, von der Jesus gespro­chen hat­te. Nach der Refor­ma­ti­on, die schon man­che wich­ti­gen Ansät­ze ent­wi­ckelt hat­te, kehr­te das Chris­ten­tum durch Nach­hil­fe der Auf­klä­rung wie­der zu einer offe­ne­ren Dis­kus­si­on der Anfän­ge zurück. Hier­zu­lan­de ist die­ser bibli­sche Impuls erst seit den 1960er Jah­ren ernst­haft ver­folgt wor­den. Die EKD kehr­te erst 2007 zur frie­dens­ethi­schen Posi­ti­on Jesu und der mes­sia­ni­schen Tex­te aus dem Jesa­ja­buch und dem Sach­ar­ja­buch zurück.

D. h., die Akzep­tanz der Demo­kra­tie als Lebens­form und der Men­schen­rech­te ist reli­gi­ös hier­zu­lan­de in einem brei­te­ren Maße unge­fähr so alt wie ich. Wer also im christ­li­chen Glas­haus sitzt, soll­te nicht mit Stei­nen auf den Islam wer­fen. Eher soll­ten wir die Petrus­fi­gur ver­wen­den, um zu sehen, wie stark sich in sei­ner Per­son oder ihrer Aus­le­gungs­ge­schich­te die tie­fe Ambi­va­lenz der christ­li­chen Reli­gi­on – unse­rer Reli­gi­on – spie­gelt. Sie könn­te die Reli­gi­on der Lie­be und der Frei­heit sein. Sie ist aber oft die Reli­gi­on der Unter­drü­ckung und des geis­ti­gen bzw. phy­si­schen Ter­rors gewe­sen. So wie es für Petrus Hoff­nung gege­ben hat, so gibt es auch Hoff­nung für den Islam. Er hat das Poten­zi­al das zu wer­den, was sein Name bezeich­nen soll, eine Reli­gi­on des Frie­dens. Die Muslim/inn/e/n strei­ten dar­über.

Jesus hat­te die Visi­on, den Satan als Blitz vom Him­mel stür­zen zu sehen (Lk 10,18). Er ließ sich in sei­nen Gefüh­len sowohl bei sei­ner Ver­su­chung als auch ange­sichts sei­ner Ver­haf­tung nur irri­tie­ren, erlag aber sei­nen Macht­sehn­süch­ten nicht, für wel­che der Satan steht. Figu­ren wie der Satan ver­su­chen uns von der Lie­be abzu­brin­gen und unse­ren eige­nen Vor­teil für das Wesent­li­che zu hal­ten, eigent­lich nur uns selbst zu lie­ben und unse­re Macht­sehn­süch­te zu erfül­len. Die Mus­li­me brau­chen aber unse­re Lie­be. Dann ist ein Raum da, in dem sie sich ent­wi­ckeln kön­nen. In die­sem Sinn ist es eine Groß­tat des badi­schen Pro­tes­tan­ten Wolf­gang Schäub­le, dass er gegen vie­le Wider­stän­de den Muslim/inn/e/n den Weg in das Reli­gi­ons­staats­recht der Bun­des­re­pu­blik eröff­ne­te. Die Muslim/inn/e/n wer­den eine Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts. Das hat dazu geführt, dass es mus­li­mi­sche theo­lo­gi­sche Fakul­tä­ten bzw. Fach­be­rei­che in Deutsch­land gibt. Dem Chris­ten­tum hat es gut getan, dass es sich im Kon­text der öffent­li­chen Bil­dung prä­sen­tie­ren und ver­ant­wor­ten muss­te. So könn­te es auch beim Islam sein und so soll­te es wer­den. Es gibt in Deutsch­land, der Tür­kei, Ägyp­ten und auch im Iran ein­zel­ne Stim­men, die Hoff­nung machen.

Es wird ein biss­chen laut über die Benach­tei­li­gung der Frau­en im Islam getratscht. Wie der Koran zu inter­pre­tie­ren ist, dürf­te eine span­nen­de Fra­ge sein. Wit­zi­ger­wei­se steht dar­in nichts vom Kopf­tuch. Die arme Sün­de­rin Annet­te Scha­van ist jetzt Bot­schaf­te­rin im Vati­kan. Die Fra­ge ist, ob sie bei ihren Audi­en­zen bei Fran­zis­kus I. einen der­art anmu­ti­gen Schlei­er am Hut trägt wie damals, als sie mit Ange­la Mer­kel Johan­nes Paul II. besuch­te. Auch die­se Debat­te hat also einen Glas­haus­as­pekt. Ich kann eigent­lich nur Gutes über mei­ne Stu­den­tin­nen sagen, die ein Kopf­tuch tra­gen, das ihr Haar ganz ver­hüllt. In die­sem Semes­ter ver­fass­te eine sol­che Stu­den­tin das bes­te Pro­to­koll. Das Kopf­tuch scheint nicht beim Hören und Den­ken zu behin­dern. Und das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat am Frei­tag einen vor­läu­fi­gen Schluss­strich unter die­se merk­wür­di­ge Debat­te gezo­gen. Die posi­ti­ve Reli­gi­ons­frei­heit erlaubt es sogar Staats­die­ne­rin­nen, wenn „kei­ne hin­rei­chend kon­kre­te Beein­träch­ti­gun­gen des Schul­frie­dens“ erwar­tet wer­den kön­nen.

Auch vom Scha­dor und der Bur­ka steht im Koran nichts. Aber eine frü­he­re Wein­kö­ni­gin und katho­li­sche Reli­gi­ons­leh­re­rin for­dert wie in Frank­reich ein Bur­ka-Ver­bot. Es liegt m. W. ihrer­seits kein Pro­test gegen die zumin­dest scha­do­r­ähn­li­che Klei­dung katho­li­scher Non­nen vor, die wir diens­tags­abends in der ARD-Serie „Um Him­mels Wil­len“ bewun­dern kön­nen. Wenn Frau Klöck­ner das tun wür­de, wäre es ehr­lich und glaub­wür­dig. Auch da fin­det sich ein biss­chen der Glas­haus­as­pekt – und das ist auch wit­zig, die Serie übri­gens auch.

Der erns­te Sach­ver­halt ist der­je­ni­ge, dass die Kör­per­schaf­ten des öffent­li­chen Rechts Rechts­set­zun­gen durch­füh­ren kön­nen, die nicht zwin­gend mit dem Grund­ge­setz über­ein­stim­men müs­sen. Ansons­ten müss­te die Römi­sche Kir­che geschlos­sen wer­den. Das ist also Auf­ga­be der Glau­ben­den selbst, dass das Recht der jewei­li­gen Reli­gi­on mit dem Grund­ge­setz über­ein­stimmt.

Anstatt also über die Muslim/inn/e/n her­zu­zie­hen, soll­ten wir dar­an arbei­ten, die Bal­ken all­mäh­lich aus den eige­nen Augen her­aus­zu­zie­hen.

Das Pro­blem ist, dass die Muslim/inn/e/n den­sel­ben Gott anders erfah­ren und ver­eh­ren. Das soll­te uns her­aus­for­dern und ermu­ti­gen, uns Fra­gen an uns selbst und unse­re Got­tes­er­fah­rung zu stel­len. Dabei ach­ten wir auf die Lie­be und ori­en­tie­ren uns mög­lichst nicht an unse­ren Macht- und Über­le­gen­heits­sehn­süch­ten.

Amen

 

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Info:
Petrus als Bei­spiel für den Umgang mit dem Islam (Lk 22,31-34) ist Beitrag Nr. 3857
Autor:
Martin Pöttner am 14. März 2015 um 13:52
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Allgemein
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