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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Die Pro­phe­zei­ung der Lie­be – Juden­tum und Chris­ten­tum (Jes 42,1-9 [EfG Gries­heim])

 

Ein jüdi­scher Super­markt in Paris

Der Text der heu­ti­gen Pre­digt steht im 42. Kapi­tel des Jesa­ja­buchs. Es ist ers­te Sonn­tag nach Epi­pha­ni­as – aber auch der Sonn­tag nach einer Woche, in der  wir alle die eine Sei­te des Schre­ckens der Logik des Prin­zips „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ sehen und hören konn­ten – die fran­zö­si­sche.

 

Jesa­ja 42 1 „Schaut, mein Skla­ve:[1]

An die­ser Per­son hal­te ich fest, sie habe ich erwählt,

an ihr habe ich Gefal­len gefun­den.

Ich habe ihr mei­nen Geist gege­ben,

Recht soll sie zu den Völ­kern hin­aus­brin­gen.

2 Sie schreit nicht, sie ruft nicht laut,

sie lässt ihre Stim­me drau­ßen nicht hören.

3 Das geknick­te Rohr zer­bricht sie nicht,

und den glim­men­den Docht löscht sie nicht aus,

zuver­läs­sig bringt sie das Recht hin­aus.

4 Sie wird nicht ver­lö­schen und nicht zer­bre­chen,

bis Recht auf der Erde gespro­chen wird.

Auf ihre Wei­sung war­ten die Inseln.“

5 So spricht Gott, der Herr, den Him­mel schafft er und spannt ihn

aus, grün­det die Erde und was auf ihr wächst,

gibt Atem dem Volk auf ihr und Geist denen, die auf ihr gehen:

6 Ich, der Herr, habe dich geru­fen in Gerech­tig­keit

und ich hal­te dich an dei­ner Hand.

Ich habe dich gebil­det und dich ein­ge­setzt

zum Bund mit einem Volk,

zum Licht für die frem­den Völ­ker,

7um die blin­den Augen zu öff­nen,

um Gefan­ge­ne aus dem Gefäng­nis zu füh­ren,

her­aus aus dem Ker­ker jene, die in Fins­ter­nis sit­zen.

8 Ich, der Herr, das ist mein Name –

mei­nen Glanz gebe ich nie­mand ande­rem

und mei­nen Ruhm kei­nem Göt­zen.

9 Das Frü­he­re, sie­he, es ist gekom­men,

und das Neue gebe ich an euch wei­ter,

ehe es gewach­sen ist, las­se ich es euch hören.“

 

Lie­be Gemein­de,

 

in Jes 42,1-9 liegt einer jener künst­le­ri­schen pro­phe­ti­schen Tex­te vor, die nach der Über­set­zung Mar­tin Luthers, die mit der damals aktu­el­len Wahr­neh­mung der Leib­ei­gen­schaft arbei­tet, als „Got­tesknechtslie­der“ bezeich­net wer­den. Die­se sind seit dem frü­hen Chris­ten­tum als Vor­aus­sa­gen Chris­ti, als Pro­phe­zei­un­gen der Funk­ti­on Chris­ti ver­stan­den wor­den, wir haben das gera­de in der Schrift­le­sung zum ers­ten Teil unse­res Pre­digt­tex­tes ver­nom­men – und wie jüdi­sche Theolog/inn/en und auch die „Bibel in gerech­ter Spra­che“ mei­nen: Jene christ­li­chen Fort­schrei­bun­gen der Tex­te haben die­se grob miss­ver­stan­den. Wer im Jesa­ja­buch mit dem יהוה עבד (ebed ado­naj), dem Skla­ven des Herrn gemeint ist, ist daher seit Lan­gem umstrit­ten. Han­delt es sich um einen Pro­phe­ten, der zur­zeit des baby­lo­ni­schen Exils und der Heim­kehr der Exi­lier­ten nach Judäa leb­te? Han­delt es sich um eine Bezeich­nung Judas, also des Vol­kes des Herrn – oder gilt bei­des? Oder ist damit der Per­ser­kö­nig Kyros gemeint, wel­cher der judäi­schen Ober­schicht erlaub­te, nach Judäa zurück­zu­keh­ren? Denn der Herr ver­steht sich als den ein­zi­gen Gott über­haupt – und beauf­tragt Kyros, die Judä­er nach Judäa zurück­keh­ren zu las­sen. Oder han­delt es sich eher um eine poe­ti­sche Bezeich­nung, die sich im Jesa­ja­buch öfter fin­det[2] – und die Rol­le eines Men­schen oder meh­re­rer Men­schen zum Aus­druck bringt, der oder die jenen Aspekt der Schöp­fung beför­dern, der den Men­schen gut tut? Der Text ist jeden­falls davon beseelt, von etwas zu spre­chen, was erst im Wach­sen und Wer­den ist:

»9 Das Frü­he­re, sie­he, es ist gekom­men,

und das Neue gebe ich an euch wei­ter,

ehe es gewach­sen ist, las­se ich es euch hören.«

Jeden­falls liegt in die­sen Tex­ten ein sprachmäch­ti­ges Poten­zi­al vor, dass sich in der Geschich­te Judas oder dann des Juden­tums nicht erfüllt zu haben schien, so inter­pre­tier­ten dies die ers­ten Christ/inn/en. Und heu­te Mor­gen soll­ten wir in die­sen Fra­gen Klar­text spre­chen, wie Bibel­aus­le­gung geht und was erlaubt ist. Die frü­hen Christ/inn/en hat­ten die grie­chi­sche Über­set­zung der Hei­li­gen Schrif­ten der Juden als Altes Tes­ta­ment akzep­tiert und in Kodex­form, also in gebun­de­nen Büchern, zusam­men mit dem Neu­en Tes­ta­ment ver­öf­fent­licht. Sie deu­te­ten unse­ren  Text auf Jesus von Naza­reth – und schrie­ben ihn fort. Das ist m. E. legi­tim. Falsch war es aber immer, dies als ein­zig mög­li­che Inter­pre­ta­ti­on und Fort­schrei­bung des Tex­tes aus­zu­ge­ben – und damit das Juden­tum und sei­ne groß­ar­ti­gen Sprach­pro­duk­tio­nen als blo­ße Vor­ge­schich­te des Neu­en Tes­ta­ments und des Chris­ten­tums zu ver­ste­hen. Das hat­te dann in der reichs­re­li­giö­sen Form des Chris­ten­tums fata­le Fol­gen, die Juden wur­den staat­lich ver­folgt. Und wer das nicht sieht, hat kein Recht, über den „Isla­mi­schen Staat“ zu jam­mern oder abend­län­disch zu schwa­dro­nie­ren. Zum Abend­land gehört die Ver­fol­gung der Juden, die dann zum Anti­se­mi­tis­mus geführt hat – und im Holo­caust bzw. der Schoa ihren unsag­bar schreck­li­chen Höhe­punkt fand.

Das frü­he Chris­ten­tum ist aber kei­ne Reichs­re­li­gi­on. Es akzep­tiert die Hei­li­gen Schrif­ten der Juden als „Geset­ze der Väter“ oder als „Sit­te der Älte­ren“, um gegen­über dem Römi­schen Staat zu signa­li­sie­ren, dass die frü­hen Christ/inn/en kei­ne Aufrührer/innen sei­en. Durch die Akzep­tanz der grie­chi­schen jüdi­schen Bibel als Altes Tes­ta­ment bele­gen sie öffent­lich, dass sie die Tra­di­tio­nen der Älte­ren ehren, was in der Vielvölker–Gesellschaft des römi­schen Reichs von Eth­ni­en oder reli­giö­sen Grup­pen erwar­tet wur­de. Sie wol­len im Rah­men des Römi­schen Staa­tes sitt­lich auto­nom leben – wie es den Juden eben­falls gewährt wur­de[3].

M. E. wäre es bes­ser gewe­sen, dass das Chris­ten­tum die­sen im Neu­en Tes­ta­ment klar dar­ge­leg­ten Sta­tus behal­ten hät­te und nicht wie seit Kai­ser Kon­stan­tin dann zuneh­mend zur Reichs­re­li­gi­on des Römi­schen Staa­tes, des ost­rö­mi­schen Rei­ches, des west­li­chen Römi­schen Reichs deut­scher Nati­on, des deut­schen Kai­ser­reichs, des bri­ti­schen König­reichs und eini­ger skan­di­na­vi­scher Staa­ten zu wer­den. Luther woll­te das eigent­lich ändern, er konn­te sich aber nicht durch­set­zen. Und zur Juden­ver­fol­gung hat er bekann­ter­ma­ßen auch bei­ge­tra­gen.

Als neu­tes­ta­ment­li­cher Theo­lo­gie muss ich das alles nicht akzep­tie­ren. Denn im Neu­en Tes­ta­ment steht davon nichts. Und das ist die Hei­li­ge Schrift, vor deren Hin­ter­grund ich die Kir­chen­ge­schich­te bewer­ten und kri­ti­sie­ren kann. Also hal­te ich die Inter­pre­ta­ti­on von Jes 42 auf Jesus von Naza­reth und die ent­spre­chen­den Fort­schrei­bun­gen für legi­tim. Sie fol­gen der im schrift­ge­lehr­ten Juden­tum aus­ge­bil­de­ten Metho­de der dyna­mi­schen Schrift­aus­le­gung, die biblisch aber schon z. B. in den Pro­phe­ten­bü­chern vor­ge­bil­det ist. Ob sich im Juden­tum eine Inter­pre­ta­ti­on unse­res fas­zi­nie­ren­den Pre­digt­tex­tes aus­bil­det, die dann sozi­al gestal­ten­de Kraft ent­wi­ckelt, müs­sen wir abwar­ten. Es wäre schön und gehört zu mei­nen Hoff­nun­gen. Wir küm­mern uns dar­um, was wir als Christ/inn/en dar­aus sozi­al gestal­tend machen kön­nen. Dann wer­den wir am Ende sehen, was der Gott Isra­els und der Gott Jesu von Naza­reth dazu sagt.

Denn von jener Per­son, dem Skla­ven des Herrn wird viel erwar­tet. Er ist vom Geist beseelt und trägt das Recht zu den Völ­kern

» Schaut, mein Skla­ve:

An die­ser Per­son hal­te ich fest, sie habe ich erwählt,

an ihr habe ich Gefal­len gefun­den.

Ich habe ihr mei­nen Geist gege­ben,

Recht soll sie zu den Völ­kern hin­aus­brin­gen.«

Gemeint sind die­je­ni­gen Aspek­te des Rechts, die der sitt­li­chen Urteils­kraft zugäng­lich sind, also ein mit der Ethik über­ein­stim­men­des Recht. Das geschieht sanft, gewalt­los und unauf­dring­lich:

»2 Sie schreit nicht, sie ruft nicht laut,

sie lässt ihre Stim­me drau­ßen nicht hören.

3 Das geknick­te Rohr zer­bricht sie nicht,

und den glim­men­den Docht löscht sie nicht aus,

zuver­läs­sig bringt sie das Recht hin­aus.

4 Sie wird nicht ver­lö­schen und nicht zer­bre­chen,

bis Recht auf der Erde gespro­chen wird.

Auf ihre Wei­sung war­ten die Inseln.«

Es geht also um das der Ethik ent­spre­chen­de Recht, wie wir heu­te sagen, Recht, das den Men­schen­rech­ten und dem Völ­ker­recht ent­spricht. Das soll auch auf den „Inseln“ gel­ten, womit Grie­chen­land und Euro­pa gemeint sind. Das ist immer noch ein Auf­trag, der uns als Christ/inn/en inspi­rie­ren kann. Die so ver­stan­de­nen Men­schen­rech­te sind an der Lie­be ori­en­tiert, wie der jüdi­sche Gelehr­te Hil­lel der Älte­re, Jesus und Pau­lus sagen, die alle­samt den tie­fe­ren Sinn des Geset­zes in der Lie­be sehen. Dar­in zeigt sich, dass sowohl im Juden­tum als dann auch im Chris­ten­tum nie­mals ganz der Sinn dafür ver­lo­ren gegan­gen ist, dass die Schlan­ge in Gen 3 Adam und Eva dazu gebracht hat­te, vom Baum der Erkennt­nis des Guten und Bösen zu essen. Dar­aus folgt, dass wir als Men­schen ethisch genau­so gut wie Gott urtei­len kön­nen, was die­ser auch in Gen 3,22 fest­hält. Wenn dann die recht­li­che Tra­di­ti­on auf das Phä­no­men der Lie­be gebracht wer­den kann, ist der Haupt­schritt getan, um ein Kri­te­ri­um der ethi­schen Urteils­kraft zu gewin­nen, um ein­zel­ne Fra­gen beur­tei­len zu kön­nen. Und so sol­len uns die Men­schen­rech­te und das Völ­ker­recht, einen erwar­tungs­si­che­ren, zuver­läs­si­gen Raum der Lie­be eröff­nen. Dabei ist es wesent­lich, dass das sanft geschieht, nicht durch Rum­tram­peln, damit kein geknick­tes Schilf­rohr ganz zer­tre­ten wird. Und nicht mit Laut­spre­cher­wa­gen, damit durch die Luft­be­we­gung kei­ne glim­men­de Ker­ze aus­ge­bla­sen wird. Nur so ist eine zuver­läs­si­ge Aus­brei­tung der Men­schen­rech­te und des Völ­ker­rechts mög­lich.

Wie soll das eigent­lich gehen, wenn der Skla­ve des Herrn nicht ein­mal laut spricht? Auch von der Ver­brei­tung von Rechts­ko­di­zes ist nicht die Rede, die er den Völ­kern vor­bei­bringt – und es ist mut­maß­lich auch nicht eine bei Gott mög­li­che, damals schon vor­han­de­ne Form der digi­ta­len Kom­mu­ni­ka­ti­on gemeint. Es geht hier wie auch sonst in pro­phe­ti­schen Tex­ten um die Bestär­kung der sitt­li­chen Urteils­kraft der Men­schen, die uns ja von Gott in Gen 3,22 zuge­bil­ligt wur­de. Die­se zu bestär­ken, ist die Auf­ga­be des Skla­ven des Herrn.

So kommt die Schöp­fung selbst zum Atmen, sie wird Ort des Geis­tes, eine Anspie­lung auf Gen 2,7, als Adam durch Ein­bla­sen des gött­li­chen Atems leben­dig wur­de. So schafft es auch der Skla­ve des Herrn, wenn er das Recht welt­weit zur Gel­tung bringt – und so die Men­schen atmen lässt, weil der Geist sie beseelt bzw. leben­dig macht. Men­schen­rech­te und Völ­ker­recht sol­len also gel­ten, was allen Men­schen hel­fen wür­de, auch heu­te noch, auch in Euro­pa, wo uns unse­re indi­vi­du­el­le Frei­heit sei­tens der us-ame­ri­ka­ni­schen und bri­ti­schen Geheim­diens­te NSA und GCHQ ent­zo­gen wird – und in der Ukrai­ne, wo Russ­land nicht nur auf der Krim unter unkla­ren Ver­hält­nis­sen in Bezug auf den Wil­len der Krim­be­woh­ner gehan­delt hat, son­dern auch wei­ter­hin in der Ost­ukrai­ne mög­li­cher­wei­se eth­ni­sche Kon­flik­te aus­nutzt. Aber auch der soge­nann­te Wes­ten hat die legi­ti­men öko­no­mi­schen und Sicher­heits-Inter­es­sen Russ­lands miss­ach­tet und miss­ach­tet welt­weit die Frei­heits­rech­te durch Aus­spio­nie­ren der Pri­vat­sphä­re – alles dies ent­spricht den Men­schen­rech­ten und dem Völ­ker­recht nicht, wel­che der Skla­ve des Herrn ver­brei­ten will.

Der Skla­ve des Herrn steht im Bund mit dem jüdi­schen Volk:

» Ich habe dich gebil­det und dich ein­ge­setzt

zum Bund mit einem Volk,

zum Licht für die frem­den Völ­ker,

7um die blin­den Augen zu öff­nen,

um Gefan­ge­ne aus dem Gefäng­nis zu füh­ren,

her­aus aus dem Ker­ker jene, die in Fins­ter­nis sit­zen.«

Die Auf­ga­be des Skla­ven des Herrn bezieht sich auf das jüdi­sche Volk, um damit alle Völ­ker zu erhel­len, um Blind­heit zu besei­ti­gen, die Fins­ter­nis zu been­den und die gewalt­sa­me Unter­drü­ckung ver­schwin­den zu las­sen.

Nach mei­ner fes­ten Über­zeu­gung geht das nur sanft und gewalt­los, weil jede gewalt­sa­me Akti­on stets Kol­la­te­ral­schä­den zur Fol­ge hat – und vie­le geknick­te Roh­re nie­der­tram­pelt und sehr vie­le glim­men­de Doch­te aus­bläst. Das hat sich im Afgha­ni­stan­ein­satz gezeigt, wo jetzt offen zuge­ge­ben wird, dass BND und Bun­des­wehr an der men­schen­rechts­wid­ri­gen Tötung von Tali­ban durch Droh­nen betei­ligt waren.

Wovon Jes 42 also spricht, ist die Welt, in wel­cher der Geist als Lie­be sanft unter­wegs ist. Der Rat der EKD hat sich 2007 ent­schlos­sen, zu die­ser frie­dens­ethi­schen Posi­ti­on Jesu und von Jes 42 zurück­zu­keh­ren, nach einer sehr lan­gen Pha­se des Irr­tums und des Sowohl als auch. Es gibt wegen der Kol­la­te­ral­schä­den kei­nen gerech­ten Krieg, der dem Prin­zip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ fol­gen könn­te. Dass der Afgha­ni­stan-Ein­satz durch Wolf­gang Huber und ande­re begüns­tigt wur­de, hat sich hof­fent­lich als letz­ter ver­hee­ren­der Feh­ler erwie­sen. Ich selbst habe das damals zwei­felnd unter­stützt – und lag falsch. Die EKD hat eine Mit­ver­ant­wor­tung an den Mor­den durch Droh­nen und an mas­si­ven Bom­bar­die­run­gen – und ich ganz per­sön­lich auch. Mit Recht hat die Frie­dens­denk­schrift das aus­ge­schlos­sen.

Aber geht es über­haupt anders? Ist es in Zei­ten asym­me­tri­scher Krie­ge nicht not­wen­dig, Ter­ro­ris­ten aus der siche­ren Distanz zu töten? Nein. Zunächst sind Krie­ge nach der UNO-Char­ta ver­bo­ten. Erlaubt sind nur vom UNO-Sicher­heits­rat beschlos­se­ne Ein­sät­ze. Da der Afgha­ni­stan­ein­satz sowohl in sei­nem Ziel als auch metho­disch geschei­tert ist, müs­sen künf­ti­ge Ein­sät­ze anders kon­zi­piert wer­den. Das gewalt­lo­se und kon­flikt­ver­mei­den­de Ele­ment müs­sen gestärkt wer­den – und nur die Selbst­ver­tei­di­gung der Soldat/inn/en darf erlaubt sein. Wer den stär­ker gewor­de­nen sun­ni­ti­schen isla­mis­ti­schen Ter­ro­ris­mus von Al Kai­da und „Isla­mi­schem Staat“ schwä­chen will, soll­te anders vor­ge­hen. Die Auf­ga­be besteht dar­in, ande­re Welt­ge­gen­den wie die ara­bi­sche Welt nicht zu demü­ti­gen und neo­ko­lo­ni­al aus­zu­beu­ten. Das setzt vor­aus, dass wir inner­halb unse­rer Gesell­schaf­ten die Gerech­tig­keit schaf­fen, die nie­man­den aus­grenzt. Dann kön­nen wir auf vie­le Güter, wel­che die­se Län­der bie­ten, ver­zich­ten und sie in Ruhe las­sen.  Die Ener­gie­ver­sor­gung muss ohne­hin umge­stellt wer­den.

Inner­halb unse­rer Gesell­schaf­ten zeigt das Sala­fis­ten- und Dschi­ha­dis­ten-Pro­blem, dass nicht jeder so ein bril­lan­ter Fuß­bal­ler wie Franck Ribé­ry wer­den kann. Es han­delt es sich um ein sozia­les Inte­gra­ti­ons­pro­blem von geknick­ten Schilf­roh­ren und glim­men­den Doch­ten, das von uns Offen­heit ver­langt. Und m. E. ist es unmög­lich, Dumm­heit zu ver­hin­dern, natür­lich ist Bil­dung ein Anlie­gen, das auch sitt­li­che Bil­dung umfasst. Wie man Moham­med­ka­ri­ka­tu­ren zeich­nen kann, ist mir schon seit eini­ger Zeit unver­ständ­lich. Das ist gera­de in Frank­reich mit der unge­lös­ten Pro­ble­ma­tik in den Vor­städ­ten eine Pro­vo­ka­ti­on, in gewis­ser Wei­se ein Selbst­tö­tungs­ver­such. Al Kai­da und der Isla­mi­sche Staat nut­zen dies aus. Das dann auch ein von Juden betrie­be­ner Super­markt ins Visier der Ter­ro­ris­ten gre­riet, zeigt die unge­bro­che­ne Macht von Al Kai­da und Isla­mi­schem Staat. Und die unge­heu­er Gebil­de­ten des Front Natio­nal und  von PEGI­DA haben Zulauf.

D. h., das Recht, wel­ches der Skla­ve des Herrn uni­ver­sal ver­brei­ten will, ver­langt von uns ein beson­ne­nes Leben, das nicht auf Kos­ten der Ande­ren lebt – und stän­dig glim­men­de Doch­te aus­bläst und geknick­te Roh­re nie­der­tram­pelt.

Ich möch­te noch ein­mal beto­nen: Dies ist eine Idee, die inner­halb des Juden­tums, viel­leicht zur­zeit Alex­an­der des Gro­ßen ent­stan­den ist. Sanft­heit, Gewalt­lo­sig­keit, Recht und Lie­be gehö­ren hier so zusam­men wie in der Berg­pre­digt (Mt 5-7) und der Feld­re­de (Lk 6) – und im gro­ßen Stil auch im Johan­nes­evan­ge­li­um. Jesus hat die groß­ar­ti­gen Visio­nen des Juden­tums zur Dar­stel­lung gebracht, ohne dass das im Chris­ten­tum eine deut­li­che Fort­set­zung gefun­den hät­te, Luther ist ein gutes Bei­spiel[4]. Wir soll­ten uns nicht damit trös­ten, dass die­se pro­phe­ti­schen Visio­nen im Juden­tum bis­her wenig nach­hal­ti­ge Fort­set­zung gefun­den haben.

Unser Pro­blem besteht dar­in, dass wir Jesus zum Außen­sei­ter gemacht haben, der viel­leicht unse­re Sün­den sühnt, für uns gestor­ben ist, aber kei­nen Ein­fluss auf unse­re Lebens­füh­rung im Blick auf Sanft­heit, Gewalt­lo­sig­keit, Recht und Lie­be haben soll. Dar­in liegt das Miss­ver­ständ­nis, dass die Befrei­ung durch den gewalt­sa­men Tod Chris­ti die sitt­li­che Lebens­pra­xis erüb­rigt oder ermä­ßigt. Aber der Tod Chris­ti hat uns zur Frei­heit befreit und zu dem Ver­trau­en, das in der Lie­be wirk­sam ist (Gal 5,6) – und damit sind wir wie­der bei der sitt­li­chen Urteils­kraft der Lie­be.

Ich weiß, dass hier eini­ge sit­zen, die sich dar­um bemüht haben und bemü­hen. In prin­zi­pi­ell staats­fer­nen christ­li­chen Gemein­den wie die­ser hier hat sich der Impuls Jesu erhal­ten. Und in der EKD sind immer­hin Ansät­ze zu erken­nen, dass die­ser Impuls wie­der Platz grei­fen kann, ein­deu­tig ist das aber nicht.

 

Lie­be Gemein­de,

 

wir wol­len uns von die­ser groß­ar­ti­gen pro­phe­ti­schen Visi­on nicht ent­mu­ti­gen las­sen. Aus Jes 42 ver­neh­men wir, wor­um es im Chris­ten­tum gehen soll­te. Ähn­lich wie Jesus wol­len wir lei­dens­be­reit sein, weil nur so die Lie­be und das Recht sanft und gewalt­los welt­weit zum Zuge kom­men kön­nen. Das ist sicher­lich eine der Fra­gen, an der sich unser Christ­sein ent­schei­det.

Unser Text ist immer noch künst­le­ri­sche Pro­phe­tie:

»9 Das Frü­he­re, sie­he, es ist gekom­men,

und das Neue gebe ich an euch wei­ter,

ehe es gewach­sen ist, las­se ich es euch hören.«

Amen

[1] Die Über­set­zung folgt teil­wei­se der „Bibel in gerech­ter Spra­che“, 724f. Ich bin mit deren Über­set­zungs­kon­zept nicht ein­ver­stan­den, zumal die sprach­li­che Qua­li­tät oft auf­grund der para­phra­sie­ren­den Über­set­zungs­wei­se stark zu wün­schen übrig lässt. Rich­tig ist die Inten­ti­on der „Bibel in gerech­ter Spra­che“, men­schen­rechts­wid­ri­ge Aspek­te der Bibel offen­zu­le­gen und mög­lichst zu eli­mi­nie­ren. Das ist ihr aber nicht gelun­gen, bis­lang. Z. B. die Hiob­über­set­zung von Jür­gen Ebach zeigt eine bes­se­re Qualität.Vgl. auch Mag­da­le­ne F. Frett­löh, Gott Gewicht geben. Bau­stei­ne einer geschlech­ter­ge­rech­ten Got­tes­leh­re, 22009.

[2] Vgl. „Bibel in gerech­ter Spra­che“, 659.

[3] Die­se Zusam­men­hän­ge wer­den von Frank Crü­se­mann und Lui­se Schott­roff in der „Bibel in gerech­ter Spra­che“ gar nicht erwähnt, wes­halb das Über­set­zungs­kon­zept oft den Ein­druck erweckt, his­to­risch in der Luft zu hän­gen. Das war vor der Jahr­tau­send­wen­de his­to­risch bekannt. Vgl. hier. Wesent­lich ist, dass das Neue Tes­ta­ment mit der LXX zusam­men ediert wur­de, mit­hin das Neue Tes­ta­ment nicht ohne LXX ver­stan­den wer­den soll­te – und m. E. auch nicht ver­stan­den wer­den kann.

[4] Vgl. neu­er­dings Wolf­gang Wip­per­mann, Luthers Erbe. Eine Kri­tik des deut­schen Pro­tes­tan­tis­mus, 2014. Eine Rezen­si­on die­ses – nicht unpro­ble­ma­ti­schen Wer­kes – erfolgt hier auf alltagundphilosophie.com.

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Die Pro­phe­zei­ung der Lie­be – Juden­tum und Chris­ten­tum (Jes 42,1-9 [EfG Gries­heim]) ist Beitrag Nr. 3754
Autor:
Martin Pöttner am 10. Januar 2015 um 12:52
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