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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Ernst Bloch, Athe­is­mus im Chris­ten­tum (05.11.)

Die Phi­lo­so­phie Ernst Blochs ist mög­li­cher­wei­se noch nicht aus­dis­ku­tiert. Zwar hat er kei­ne ganz gro­ße Schu­le gemacht. Vgl. den Wiki­pe­dia-Arti­kel. Doch die Auf­nah­me von Lite­ra­tur der poe­ti­schen Form, aber auch der Bibel ist eine inter­es­san­te Form, die sich in der Nach­fol­ge von Pla­ton bewegt, der neben der sub­ti­len Argu­men­ta­ti­on stets auch „Mythen“ (μῦθοι [mythoi]) erzählt; vgl. hier. Die spä­te Schrift Athe­is­mus im Chris­ten­tum zeigt dies in rei­fer Gestalt, in der sich der Jude Ernst Bloch mit Tei­len der Bibel aus­ein­an­der­setzt, die­se gewich­tet – und für phi­lo­so­phisch rele­vant hält. Ähn­lich wie Pla­ton weiß er bzw. glaubt zu wis­sen, dass bestimm­te Argu­men­ta­ti­ons­for­men nicht schlüs­sig sind, son­dern beim Pro­blem der rea­len Mög­lich­keit enden: Es kann so sein, aber es muss nicht so sein. Das ist bei Bloch sehr stark, denn er meint ja, dass das­je­ni­ge, um das es gehe, erst im Wer­den begrif­fen ist. Neben die phi­lo­so­phi­sche Spe­ku­la­ti­on tritt also die inter­es­sier­te Bezug­nah­me auf lite­ra­ri­sche, künst­le­ri­sche, sozia­le und reli­giö­se Uto­pi­en bzw. mit dem­je­ni­gen, was er dafür hält.

Die ers­te Sit­zung befasst sich mit dem „Vor­wort“ von Athe­is­mus im Chris­ten­tum (17-25). Um Blochs Vor­ge­hen zu ver­ste­hen, muss man die Mot­tos auf S. 16 genau zur Kennt­nis neh­men, die­se wer­den im „Vor­wort“ vari­iert. Der Sprach­stil ist bewusst vor­wärts­drän­gend gehal­ten, die Sät­ze sind oft ellip­tisch, die gewöhn­li­che Wort­stel­lung ist häu­fig ver­än­dert. Der Text ist anspie­lungs­reich – und mei­nungs­stark. Bloch war ein sehr intel­li­gen­ter und gebil­de­ter Pole­mi­ker. Er ver­sucht, die Leser/innen in sei­nen uto­pi­schen Dis­kurs ein­zu­be­zie­hen. Der apho­ris­ti­sche Stil des Buches zeigt die Offen­heit des Welt­pro­zes­ses, wobei Bloch als Telos des Welt­pro­zes­ses das „Reich der Frei­heit“ (Marx) ansieht.

Blochs Text ist von dem Gegen­satz von „unten“ und „oben“ bestimmt. Wo die bibli­sche Reli­gi­on ähn­li­che Mus­ter auf­zu­wei­sen scheint, gilt sie Bloch als „Spie­gel­bild“ der hier­ar­chi­schen sozia­len Ver­hält­nis­se, eine Auf­nah­me von Xeno­pha­nes, Feu­er­bach, Marx usf. Aber in der Bibel gibt es auch ein „Vor­wärts, Vor­uns“, das ist eine hori­zon­ta­le Meta­pho­rik (18, vgl. 17), die ver­zeit­licht wird, also auf ein „Futu­rum“ ver­weist, indem Men­schen zu sich selbst kom­men, ihre zukünf­ti­ge Iden­ti­tät fin­den (25). Die­se Poin­te fin­det er in der Aus­zugstra­di­ti­on des Exo­dus­buchs, dem Text, der für die jüdi­sche Auf­fas­sung grund­le­gend ist, weil JHWH die in Ägyp­ten Skla­ven­dienst leis­ten­den Israe­li­ten aus dem Skla­ven­haus befreit. Eine net­te Poin­te ist die Inter­pre­ta­ti­on der Got­tes­re­de im Blick auf des­sen Namen: ה אֶֽהְיֶ֖ה אֲשֶׁ֣ר אֶֽהְיֶ֑ה (ähäjä aschär ähä­jä [Ex 3,14]) soll besa­gen, dass Mose den Israe­li­ten sagen soll, der Gott, der sie befreie, sei der „Ich wer­de sein, der ich sein wer­de“. Die­se Über­set­zung ist mög­lich. Damit ist das Futu­rum in Gott gerutscht. Athe­is­mus besagt also, dass die Men­schen sich aus allen Abhän­gig­kei­ten befrei­en, indem sie auf eine uto­pi­sche Zukunft set­zen (und nicht auf­ge­ben). Die­ses Zukunfts­mo­dell zeigt sich schon in der Got­tes­be­zeich­nung des Got­tes des Exo­dus. Ähn­lich soll es sich beim „Men­schen­sohn“ ver­hal­ten, der die wich­tigs­te Cha­rak­te­ri­sie­rung Jesu in den ers­ten drei Evan­ge­li­en ist. Dar­in ist Bloch zufol­ge der Unter­schied zwi­schen Gott und Mensch im Sin­ne des „Oben“ und „Unten“ aus­ge­stri­chen, das Futu­rum zeigt sich in der Auf­er­ste­hung und dem kom­men­den Reich.

Bloch meint also, dass sich bestimm­te Tei­le der Bibel athe­is­tisch lesen las­sen – und will sie als uto­pi­sches Poten­zi­al für sei­ne phi­lo­so­phi­schen Erwä­gun­gen zu einer Auf­fas­sung vom Sein­kön­nen bzw. Iden­ti­sch­wer­den als tra­di­tio­nel­le Anre­gung oder Inspi­ra­ti­on gewin­nen.

Bloch ist 1968 also noch der Auf­fas­sung, dass die Arbei­ter­be­we­gung sich durch­set­zen kön­ne. Aber bes­ser ist es, wenn mög­lichst vie­le Gehal­te der Bil­dung ent­spre­chend inter­pre­tiert wer­den, Bloch spricht von „Ket­zern“. Es gibt also neben den „Mären“ (20 u. ö.) bibli­sche Tex­te, die kein Opi­um des Vol­kes oder für das Volk sind.

« Ver­an­stal­tun­gen am 27. und 28.10. – Ver­an­stal­tun­gen am 03. und 04.11. »

Info:
Ernst Bloch, Athe­is­mus im Chris­ten­tum (05.11.) ist Beitrag Nr. 3601
Autor:
Martin Pöttner am 2. November 2014 um 17:28
Category:
Allgemein
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