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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Art. Entmythologisierung (Diskussionsentwurf)

1             Entmythologisierung

– gele­gent­lich auch: Ent­my­thi­sie­rung; amer: demy­tho­lo­gi­za­ti­on, demy­tho­lo­gi­ze; engl: demy­tho­lo­gi­sa­ti­on, demy­tho­lo­gi­se

 

Mar­tin Pött­ner

 

 

 

 

Rudolf Bult­mann

1Begriff und Ver­fah­ren.

1.1. Die expe­ri­men­tel­le Metho­de als „Objek­ti­vie­rung“ der Rea­li­tät

1.2. Die her­me­neu­ti­sche Reak­ti­on auf die expe­ri­men­tel­le Methode.3

1.2.1. Das kos­mo­lo­gi­sche, objek­ti­ve Welt­bild des Mythos

1.2.2. Die anthro­po­lo­gi­sche Poin­te des Mythos

1.2.3. Das im Mythos dar­ge­stell­te und exis­ten­zi­al inter­pre­tier­te Exis­tenz­ver­ständ­nis

Die Ver­kün­di­gung Jesu als Vor­aus­set­zung der Theo­lo­gie des NT.

1.3. Kri­ti­ken und Fort­schrei­bun­gen.

1.3.1. Kri­tik inner­halb der Bult­mann­schu­le.

1.3.2. Kri­ti­ken am „Mythos“-Begriff Bult­manns

1.3.3. Die Kri­tik am Supra­na­tu­ra­lis­mus­as­pekt in Bult­manns Ent­my­tho­lo­gi­sie­rungs­pro­gramm..

1.3.4. Die pro­zessphi­lo­so­phi­sche Fort­schrei­bung von Bult­manns Pro­gramm..

1.3.5. Die semio­ti­sche Fort­schrei­bung von Bult­manns Programm..8

2Literaturverzeichnis

1. Lexi­kon­ar­ti­kel

2. Wei­te­re Lite­ra­tur.

[Lei­der funk­tio­nie­ren die inter­nen Links nicht, eben­so ist die Zäh­lung noch etwas ver­wir­rend. Ich bit­te um Ent­schul­di­gung!]

 

 

Für Otto Mar­bur­ger

 

2             1               Begriff und Ver­fah­ren

Das Zei­chen „Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung“ (in der Fol­ge „E.“) bezeich­net einen Begriff (einen Inter­pre­t­an­ten), der ein bestimm­tes her­me­neu­ti­sches Ver­fah­ren zum Aus­druck bringt, das von dem Mar­bur­ger Neu­tes­ta­ment­ler Rudolf Bult­mann (1884-1976) 1941 in dem Auf­satz „Neu­es Tes­ta­ment und Mytho­lo­gie“ vor­ge­schla­gen wur­de (Bult­mann 1951; vgl. 1952). Dabei geht es um die Inter­pre­ta­ti­on supra­na­tu­ra­ler (über­na­tür­li­cher) Auf­fas­sun­gen bei Schöp­fung und Erlö­sung.  Dar­ge­legt hat er die­ses Ver­fah­ren umfas­send 1949 in sei­ner „Theo­lo­gie des Neu­en Tes­ta­ments“ (Bult­mann 1984). Der vor­lie­gen­de Arti­kel stellt zunächst die Zeit­dia­gno­se Bult­manns dar, auf wel­che die „E“ reagiert (1.1). 1.2 expli­ziert sodann sei­nen Lösungs­vor­schlag. 1.3 nennt schließ­lich eini­ge Kri­ti­ken bzw. wei­ter­füh­ren­de Ide­en.

1.1. Die expe­ri­men­tel­le Metho­de als „Objek­ti­vie­rung“ der Rea­li­tät

Bult­mann unter­stellt, dass die Metho­de, wel­che abge­stuft in den Natur­wis­sen­schaf­ten Phy­sik, Che­mie und Bio­lo­gie, aber auch in roman­ti­schen For­men die­ser Wis­sen­schaf­ten (Ditt­mer 2001) erfolg­reich war und sich als rea­li­täts­tüch­tig erwie­sen hat, das Expe­ri­ment (Bult­mann 1952, 181) dar­stellt. Was expe­ri­men­tell nicht nach­voll­zo­gen wer­den kann, gilt als über­na­tür­lich (supra­na­tu­ral). Damit bewegt er sich auf dem Niveau der prag­ma­tis­ti­schen Auf­fas­sung die­ser Ent­wick­lung (z. B. Dew­ey 1934). Auch die quan­ten­me­cha­ni­sche Ent­wick­lung in der Phy­sik ändert dar­an nichts (vgl. Bult­mann 1952, 181), denn auch sie beruht u. a. auf den Expe­ri­men­ten Wer­ner Hei­sen­bergs. Dar­über hin­aus grei­fen die expe­ri­men­tel­len Ergeb­nis­se in den All­tag der Men­schen ein. Die­ser Arti­kel kann nur auf WiBiLex erschei­nen, weil es Com­pu­ter und das Inter­net ein­schließ­lich leis­tungs­fä­hi­ger Daten­über­tra­gungs­sys­te­me gibt. Bei­des beruht sei­nem Ent­ste­hen nach auf der expe­ri­men­tel­len Metho­de – und alle Ver­än­de­run­gen die­ser im All­tag gegen­wär­ti­ger Men­schen prä­sen­ten Tech­no­lo­gi­en eben­falls. Bult­manns Bei­spie­le sind das Radio und das elek­tri­sche Licht, aber auch die natur­wis­sen­schaft­lich ver­fah­ren­de Medi­zin (Bult­mann 1951, 18) – und natür­lich gilt das eben­falls für roman­tisch inspi­rier­te Medi­zin­for­men wie Homöo­pa­thie und Osteo­pa­thie. Mit­hin ist der All­tag der Men­schen so durch die expe­ri­men­tel­le Metho­de der genann­ten Wis­sen­schaf­ten bestimmt, wie die dadurch erzeug­ten Pro­duk­te den All­tag „moder­ner“ Men­schen bestim­men.

Die­se Metho­de ist Bult­mann zufol­ge „objek­ti­vie­rend“ (vgl. z. B. Bult­mann 1952, 188). D. h., auf­grund bestimm­ter expe­ri­men­tel­ler Vor­ga­ben erge­ben sich stets glei­che Ergeb­nis­se. Dass die­se der Wahr­schein­lich­keits­lo­gik fol­gen, wie in der Quan­ten­me­cha­nik beson­ders gut sicht­bar ist, spricht nicht gegen die­se Auf­fas­sung.

Bult­manns wesent­li­ches Argu­ment ist mit­hin all­tags­ori­en­tiert: Der „moder­ne Mensch“ nimmt in sei­nem All­tag an der durch die expe­ri­men­tel­le Metho­de gepräg­ten Kul­tur Teil. Supra­na­tu­ra­le Annah­men im reli­giö­sen Bereich pro­du­zie­ren daher einen logi­schen Wider­spruch, der exis­ten­zi­ell nicht zumut­bar ist.

1.2. Die her­me­neu­ti­sche Reak­ti­on auf die expe­ri­men­tel­le Metho­de

Sofern also neu­tes­ta­ment­li­che Tex­te ver­su­chen, Rea­li­tät des Glau­bens bzw. eine reli­giö­se Rea­li­tät dar­zu­stel­len, ver­wen­den sie anschei­nend „objek­ti­ve“ „Vor­stel­lun­gen“ (z. B. Bult­mann 1951, 23), die in dop­pel­ter Wei­se pro­ble­ma­tisch sind. Zum einen sind sie kaum auf­grund der expe­ri­men­tel­len Metho­de ent­stan­den. Zum ande­ren aber drü­cken die­se „Vor­stel­lun­gen“ gegen ihren Gehalt die­sen unan­ge­mes­sen aus. Und eben die­se in sich wider­sprüch­li­che Dar­stel­lungs­wei­se bezeich­net Bult­mann als „Mythos“ bzw. als „mytho­lo­gisch“:

Der eigent­li­che Sinn des Mythos ist nicht der, ein objek­ti­ves Welt­bild zu geben; viel­mehr spricht sich in ihm aus, wie sich der Mensch in sei­ner Welt ver­steht; der Mythos will nicht kos­mo­lo­gisch, son­dern anthro­po­lo­gisch – bes­ser exis­ten­zi­al inter­pre­tiert wer­den. Der Mythos redet von der Macht oder den Mäch­ten, die der Mensch als Grund und Gren­ze sei­nes Han­delns und Erlei­dens zu erfah­ren meint“ (Bult­mann [1951], 22; Recht­schrei­bung hier u. ö. leicht ange­passt [M. P.]).

Die­ses Zitat gibt mit eini­gen sei­ner Ele­men­te die inne­re Glie­de­rung von 1.2 vor: 1.2.1 kos­mo­lo­gi­sche Dar­stel­lungs­wei­se bzw. Inter­pre­ta­ti­ons­wei­se des Mythos; 1.2.2 die ent­spre­chen­de „anthro­po­lo­gi­sche“ bzw. „exis­ten­zia­le“ Dar­stel­lungs­art – und 1.2.3 das vom Mythos dar­ge­stell­te Exis­tenz­ver­ständ­nis, wel­ches die „E.“ ihm ent­nimmt.

3                1.2.1. Das kos­mo­lo­gi­sche, objek­ti­ve Welt­bild des „Mythos“

Vie­le bibli­sche Tex­te z. B. im NT kön­nen so ver­stan­den wer­den, als stell­ten sie ein „objek­ti­ves“ Gesche­hen dar, dass so gewe­sen ist und auch ent­spre­chend hin­ge­nom­men wer­den muss: „Jesus vom Naza­reth ist von den Toten ‚auf­ge­weckt‘ wor­den“ ist sicher­lich eine Behaup­tung, die man aus vie­len Tex­ten exzer­pie­ren könn­te (vgl. z. B. 1Kor 15,1ff).

Kos­mo­lo­gisch inter­pre­tiert“ bedeu­tet das, dass Jesu irdi­sche, phy­si­sche Leib­lich­keit in eine himm­li­sche, geist­li­che Leib­lich­keit ver­wan­delt wor­den ist (vgl. 1Kor 15,44) – und so „erscheint“ (ὤφθη [oph­the]) der ‚Auf­ge­stan­de­ne‘ vie­len bzw. wird von ihnen „gese­hen“ (1Kor 15,5-8). Die his­to­ri­schen Fra­gen, die sich hier stel­len, ob es sich tat­säch­lich so ver­hal­ten hat, dass er eini­gen erschie­nen ist bzw. die­se eine Visi­on von ihm hat­ten, sind beacht­lich – und nicht sicher zu beant­wor­ten, weil es dazu in den kano­ni­schen Evan­ge­li­en zu vie­le abwei­chen­de Dar­stel­lun­gen gibt – und zudem kein „neu­tra­les“ Pro­to­koll der Ereig­nis­se zu exis­tie­ren scheint. Die Fra­ge Bult­manns geht aber deut­lich dar­über hin­aus: Lässt sich das mit der expe­ri­men­tel­len Metho­de bear­bei­ten? Wel­che Bedin­gun­gen müs­sen gege­ben sein, dass sich dies als eine wie­der­hol­ba­re Situa­ti­on erfas­sen lässt? Denn um eine wie­der­hol­ba­re Situa­ti­on han­delt es sich ja: Chris­tus ist der ers­te (ἀπαρχή [apar­che]) der ‚Schla­fen­den‘ (κεκοιμημένων [keko­i­me­non]), der von den Toten ‚auf­ge­weckt‘ (ἐγήγερται ἐκ νεκρῶν [ege­ger­tai ek nekron]) wur­de (vgl. 1Kor 15,20). Und auf die­se Fra­ge Bult­manns ist bis­lang kei­ne Ant­wort gege­ben wor­den, die im Sin­ne der expe­ri­men­tel­len Metho­de ernst zu neh­men wäre.

Gäbe es dar­auf und für ver­gleich­ba­re anschei­nend „objek­ti­ve kos­mo­lo­gi­sche“ Dar­stel­lun­gen eine Ant­wort, wären mit­hin die Bedin­gun­gen oder eini­ge Bedin­gun­gen in der Natur so, dass sich dies wie­der­holt ereig­nen – und dies expe­ri­men­tell über­prüft wer­den – könn­te, wäre Bult­mann wider­legt.

4                1.2.2. Die anthro­po­lo­gi­sche Poin­te des „Mythos“

Bult­mann zufol­ge „will“ der „Mythos“ aber gar nicht objek­tiv-kos­mo­lo­gisch inter­pre­tiert wer­den, son­dern anthro­po­lo­gisch bzw. „exis­ten­zi­al“. Für das Ver­ständ­nis von Bult­manns Pro­gramm ist wesent­lich, dass er Tex­te wie das Bei­spiel 1Kor 15 so ver­steht, dass dar­in „Grund und Gren­ze mensch­li­chen Han­delns und Erlei­dens“ so dar­ge­stellt sind, dass sich dar­aus eine Auf­fas­sung ergibt, „wie sich der Mensch in sei­ner Welt ver­steht“ (vgl. Bult­mann 1951, 22) – also für 1Kor 15 etwa, dass der end­li­che Mensch sich nicht von sei­ner Sor­ge um sei­nen bzw. Angst vor sei­nem zukünf­ti­gen Tod umtrei­ben lässt – son­dern sich gegen­wär­tig als ganz gehal­ten emp­fin­det und sich selbst als frei von der Angst vor dem Tod ver­steht. Sol­che Inter­pre­ta­tio­nen stel­len lebens­be­stim­men­de Selbst­ver­ständ­nis­se bzw. Exis­tenz­ver­ständ­nis­se dar, die Bult­mann im Anschluss an Søren Kier­ke­gaard und Mar­tin Hei­deg­ger als Kern per­so­na­ler Exis­tenz begreift. Bult­mann zufol­ge bie­tet Hei­deg­gers Struk­turan­ana­ly­se des „Daseins“ in „Sein und Zeit“ einen ange­mes­se­nen Rah­men, inner­halb des­sen eine exis­ten­zia­le Inter­pre­ta­ti­on vor­ge­hen kann. Denn dort wer­den for­ma­le Mög­lich­kei­ten des geschicht­li­chen Exis­tie­rens zu erfas­sen gesucht, die das tat­säch­li­che Exis­tie­ren bestim­men. Bult­mann hat für die­sen Ent­wurf gro­ße Sym­pa­thie, legt sich aber dar­auf nicht fest (1952, 191ff). Für Bult­mann steht aber fest, dass das her­me­neu­ti­sche Ver­fah­ren der „E.“ an die „rich­ti­ge“ Phi­lo­so­phie gewie­sen ist. Dabei han­delt es sich um ein phi­lo­so­phi­sches Unter­neh­men, wel­ches sich damit befasst, „das mit der mensch­li­chen Exis­tenz gege­be­ne Exis­tenz­ver­ständ­nis in ange­mes­se­ner Begriff­lich­keit zu ent­wi­ckeln.“ (Bult­mann 1952, 192). Davon sind auch „mythi­sche“ Tex­te bestimmt. Sie drü­cken das aber ambi­va­lent und z. T. auch irre­füh­rend aus, wes­halb „E.“ erfor­der­lich ist. Bult­mann sichert mit die­ser The­se auch For­mu­lie­run­gen wie die­je­ni­ge ab, der Mythos wol­le anthro­po­lo­gisch inter­pre­tiert wer­den.

Phi­lo­so­phisch erscheint Bult­mann dies gerecht­fer­tigt, weil er im Gefol­ge einer neu­kan­tia­ni­schen Inter­pre­ta­ti­on sei­nes Leh­rers Wil­helm Herr­mann (vgl. Bult­mann 1951, 17 u. ö.), die den kar­te­si­schen Dua­lis­mus wei­ter­führt, behaup­tet: „Der moder­ne Mensch hat merk­wür­di­ger­wei­se die dop­pel­te Mög­lich­keit, sich ganz als Natur zu ver­ste­hen oder als Geist, indem er sich in sei­nem eigent­li­chen Selbst von der Natur unter­schei­det.“ (Bult­mann 1951, 18f) Dar­in unter­schei­det sich Bult­mann von Dew­ey 1934, mit dem er in vie­len Punk­ten über­ein­stimmt. Bei­de leh­nen „supra­na­tu­ra­le“ reli­giö­se Dar­stel­lun­gen als irre­füh­rend und mit der expe­ri­men­tel­len Metho­de unver­ein­bar ab. Eben­so inter­pre­tie­ren sie reli­giö­se Inter­pre­ta­tio­nen, die aktu­ell ver­ständ­lich sind, als (rea­le) Mög­lich­kei­ten, die das Leben gegen­wär­ti­ger Men­schen prak­tisch bestim­men kön­nen.

5                1.2.3. Das im „Mythos“ dar­ge­stell­te und exis­ten­zi­al inter­pre­tier­te Exis­tenz­ver­ständ­nis

Bult­mann hat sein Pro­gramm in sei­ner „Theo­lo­gie des Neu­en Tes­ta­ments“ durch­ge­führt. Sie beginnt mit den berühm­ten Sät­zen:

Die Ver­kün­di­gung Jesu gehört zu den Vor­aus­set­zun­gen der Theo­lo­gie des NT und ist nicht ein Teil die­ser selbst. Denn die Theo­lo­gie des NT besteht in der Ent­fal­tung der Gedan­ken, in denen der christ­li­che Glau­be sich sei­nes Gegen­stan­des, sei­nes Grun­des und sei­ner Kon­se­quen­zen ver­si­chert. Christ­li­chen Glau­ben aber gibt es erst, seit es ein christ­li­ches Keryg­ma gibt, d. h. ein Keryg­ma, das Jesus Chris­tus als Got­tes escha­to­lo­gi­sche Heils­tat ver­kün­digt, und zwar Jesus Chris­tus den Gekreu­zig­ten und Auf­er­stan­de­nen.“ (Bult­mann 1984, 1f)

Dar­in steckt zunächst das Pro­blem der „Auf­er­ste­hung Jesu“, wie die­se „ent­my­tho­lo­gi­siert“ dar­ge­stellt wer­den kann – und wie rele­vant inhalt­lich die Ver­kün­di­gung Jesu für das christ­li­che bzw. glau­ben­de Exis­tenz­ver­ständ­nis ist. Dar­auf wird am Ende von 1.2.3 ein­ge­gan­gen. Sodann ver­sucht Bult­mann sei­ne Auf­fas­sung, dass es eine for­mal „rich­ti­ge“ Struk­tur­ana­ly­se mensch­li­cher Exis­tenz als Expli­ka­ti­on von Exis­tenz­mög­lich­kei­ten gebe, die dann im christ­li­chen Exis­tenz­ver­ständ­nis bzw. den ein­zel­nen indi­vi­du­el­len glau­ben­den Selbst­ver­ständ­nis­sen das Leben von Men­schen prak­tisch bestim­men kön­nen, anhand der Dar­stel­lung der pau­li­ni­schen Theo­lo­gie zu leis­ten. Danach lässt sich der Aus­druck πίστις ([pis­tis] „Glau­be“) als in einer zwei­fa­chen Bezie­hung zum „Men­schen“ ste­hend ana­ly­sie­ren: 1. „Der Mensch vor der Offen­ba­rung der πίστις“ (Bult­mann 1984, 191ff). 2. „Der Mensch unter der πίστις“ (Bult­mann 1984, 271ff). Die ein­zel­nen „Begrif­fe“, wel­che Bult­mann dann ana­ly­siert, wer­den stets auch als Bezeich­nun­gen (rea­ler) Mög­lich­kei­ten mensch­li­chen Erle­bens und Han­delns zu erfas­sen ver­sucht. Bult­mann gelingt es dabei zu zei­gen, dass die pau­li­ni­sche Ver­wen­dung von σω̃μα ([soma] „Leib“) an eini­gen Stel­len dazu ten­diert, dass der

Mensch … nicht ein σω̃μα (hat), son­dern er ist σω̃μα. Denn nicht sel­ten kann man σω̃μα ein­fach durch ‚ich‘ (oder ein dem Zusam­men­hang ent­spre­chen­des Per­so­nal­pro­no­men über­set­zen); so 1Kor 13,3; 9,27, 7,4 … oder etwa Phil 1,20) …“ (Bult­mann 1984, 195)

Damit erreicht er, dass die seit Kier­ke­gaar­ds „Begriff Angst“ übli­che Inter­pre­ta­ti­on des Men­schen als Selbst­ver­hält­nis bzw. als das „Sich-zu-sich-selbst-Ver­hal­ten“, das durch die 1. Pers. Sin­gu­lar inde­xi­ka­lisch ange­zeigt wird, als for­ma­le Struk­tur der exis­ten­zia­len Inter­pre­ta­ti­on auch bei Pau­lus nach­ge­wie­sen wer­den kann. Hei­deg­ger hat die­sen Aspekt wei­ter prä­zi­siert, indem er die­ses Sich-zu-sich-selbst-Ver­hal­ten als stän­di­ges Ver­hal­ten zur eige­nen Zukunft bestimmt. Damit erscheint einer Inter­pre­ta­ti­on neu­tes­ta­ment­li­cher und bibli­scher Tex­te mit per­so­na­len Kate­go­ri­en die­sen nicht gewalt­sam ange­tan. Und eine sol­che Inter­pre­ta­ti­on ist für die „E.“ nach Bult­mann uner­läss­lich.

Was der Pau­lus- und dann auch der Johan­nes-Teil (Bult­mann 1984, 354ff) expli­zit aus­füh­ren, fin­det sich ver­dich­tet schon in Bult­mann 1951, 28ff. Bult­mann ver­steht dies so, dass die struk­tu­rel­len Beschrei­bun­gen einen dyna­mi­schen Pro­zess bezeich­nen, der poten­zi­ell in jedem ein­zel­nen Leben nach­voll­zo­gen wer­den kann. Er unter­stellt, die Situa­ti­on der Men­schen sei prin­zi­pi­ell von der Sor­ge bestimmt (Bult­mann 1951, 28). Dar­aus ergibt sich für jeden Men­schen die rea­le Mög­lich­keit, sich auf das­je­ni­ge zu kon­zen­trie­ren, wes­halb sie oder er sich sorgt – und sich dage­gen abzu­si­chern ver­sucht. Dar­aus folgt, dass er oder sie sein bzw. ihr „’Leben‘“, die jewei­li­ge „eigent­li­che Exis­tenz ver­liert, und … der Sphä­re (ver­fällt), über die er“ oder sie „zu ver­fü­gen und aus der er“ bzw. sie ihre oder „sei­ne Sicher­heit zu gewin­nen meint“ (ebd.). Die posi­ti­ve Alter­na­ti­ve zu die­ser abge­si­cher­ten und unfrei­en Exis­tenz­form wäre das „ech­te Leben“: „Dem­ge­gen­über wäre ein ech­tes Leben der Men­schen das­je­ni­ge, das aus dem Unsicht­ba­ren, Unver­füg­ba­ren lebt, das also alle selbst geschaf­fe­nen Sicher­hei­ten preis­gibt“ (Bult­mann 1951, 29). Aus sei­ner nega­ti­ven, unfrei­en Lage könn­te sich der Mensch zu einer posi­ti­ven exis­ten­zia­len Gegen­mög­lich­keit bewe­gen: Das ist die „radi­ka­le Hin­ga­be an Gott, … die damit gege­be­ne Gelöst­heit von allem welt­lich Ver­füg­ba­ren, also die Hal­tung der Ent­welt­li­chung, der Frei­heit“ (ebd.). Nun ver­hält es sich so, „dass sich der Mensch von sei­ner fak­ti­schen Welt­ver­fal­len­heit gar nicht frei­ma­chen kann“ (Bult­mann 1951, 35). Mit­hin erreicht er die­sen Zustand der Frei­heit nur mit­tels einer Akti­on Got­tes, sei­ner „Heils­tat“, dem „Chris­tus­ge­sche­hen“ (Bult­mann 1951, 40-48). Bult­mann besteht also dar­auf, dass es im Chris­ten­tum um eine Erlö­sungs­re­li­gi­on geht. Das Chris­tus­ge­sche­hen besitzt eine dop­pel­te Struk­tur. Einer­seits bezeich­net es die nega­ti­ve Struk­tur der Men­schen: „Denn wenn das Kreuz das Gericht über die ‚Welt‘ ist …, so ist damit gesagt, dass in ihm das Gericht über uns, die den Mäch­ten derWelt‘ ver­fal­le­nen Men­schen, voll­zo­gen ist.“ (Bult­mann 1951, 42) Ande­rer­seits wird aber auch die end­li­che Struk­tur der Men­schen im Chris­tus­ge­sche­hen bezeich­net. Denn es han­delt sich um ein „befrei­en­des Gericht“, das sich in Raum und Zeit voll­zieht – und Chris­tus ist „für uns gekreu­zigt“ (Bult­mann 1951, 48). Dar­aus ergibt sich kei­ne sta­bi­le Struk­tur, son­dern ein ange­foch­te­nes Leben im Glau­ben (Bult­mann 1951, 45f).

Die Ver­kün­di­gung Jesu als Vor­aus­set­zung der Theo­lo­gie des NT

Bult­mann 1984, 2ff, inter­pre­tiert die Ver­kün­di­gung Jesu des Nahe­ge­kom­men­seins der Got­tes­herr­schaft (βασιλεία τοῦ θεοῦ [basi­leia tou theou];  Mk1,14f) als Ruf zur „Ent­schei­dung, wor­an sie [die Men­schen] ihr Herz hän­gen wol­len: an Gott oder an die Güter der Welt … Die meis­ten Men­schen haf­ten an irdi­schen Gütern und Sor­gen …“ (Bult­mann 1984, 9). Das lässt sich also Bult­mann zufol­ge exis­ten­zi­al eben­so inter­pre­tie­ren, wie zuvor gezeigt. Die Ver­kün­di­gung Jesu ist ein escha­to­lo­gi­sches Ereig­nis, stellt die Ange­re­de­ten also vor die Fra­ge, wie sie sich in ihrem „Sich-zu-sich-selbst-Ver­hal­ten als Ver­hal­ten zur eige­nen Zukunft“ ent­schei­den wol­len. Der Unter­schied besteht nun dar­in, dass Chris­tus als Got­tes Heils­tat ver­kün­digt wird, was der Hypo­the­se Bult­manns zufol­ge Jesus selbst nicht getan hat. So kommt es zur berühm­ten und gran­dio­sen For­mu­lie­rung:

Mehr­fach, und meist als Kri­tik wird gesagt, dass nach mei­ner Inter­pre­ta­ti­on des Keryg­mas Jesus ins Keryg­ma auf­er­stan­den sei. Ich akzep­tie­re die­sen Satz. Er ist völ­lig rich­tig, vor­aus­ge­setzt, dass er rich­tig ver­stan­den wird. Er setzt vor­aus, dass das Keryg­ma selbst escha­to­lo­gi­sches Gesche­hen ist; und er besagt, dass Jesus im Keryg­ma wirk­lich gegen­wär­tig ist, dass es sein Wort ist, das den Hörer im Keryg­ma trifft.“ (Bult­mann 1967, 469)

Ent­my­tho­lo­gi­siert besagt die Auf­er­ste­hung Jesu von Naza­reth mit­hin, dass die kirch­li­che Ver­kün­di­gung („Keryg­ma“) die Men­schen vor die glei­che Ent­schei­dung stellt, wie es Jesus tat.

1.3. Kri­ti­ken und Fort­schrei­bun­gen

Knapp soll hier auf Kri­ti­ken inner­halb Bult­manns Schu­le (1.3.1), auf Kri­ti­ken am „Mythos“-Begriff (1.3.2) sowie auf Kri­ti­ken sei­tens empha­ti­scher Anhänger/innen des Supra­na­tu­ra­lis­mus (1.3.3) ein­ge­gan­gen wer­den, wobei bei man­cher katho­li­schen Kri­tik mög­li­cher­wei­se Über­schnei­dun­gen von 1.3.2 und 1.3.3 vor­lie­gen. Auf zwei Fort­schrei­bun­gen wird eben­so knapp ver­wie­sen, die pro­zessphi­lo­so­phi­sche im Anschluss an den Prag­ma­tis­mus A. N. Whiteheads (1.3.4) und die semio­ti­sche und eben­falls prag­ma­tis­ti­sche, an Ch. S. Peirce ori­en­tier­te (1.3.5).

6                1.3.1. Kri­tik inner­halb der Bult­mann­schu­le

Kri­ti­ken die­ser Art monie­ren Aspek­te der exis­ten­zia­len Inter­pre­ta­ti­on. Ernst Käse­mann, Gerd Thei­ßen u. a. mei­nen, dass Bult­manns Ansatz zu indi­vi­dua­lis­tisch sei. Thei­ßen betont über­dies die Bedeu­tung erfah­rungs­wis­sen­schaft­li­cher Metho­den von Sozio­lo­gie, Psy­cho­lo­gie und Bio­lo­gie, um den anthro­po­lo­gi­schen Gehalt bibli­scher Tex­te zu ver­ste­hen. Lui­se Schott­roff hat dies befrei­ungs­theo­lo­gisch ver­stärkt und wei­tet die­se Fra­ge­stel­lung auf die Beach­tung der Lebens­for­men von Frau­en aus.

Bult­manns Weg­ge­fähr­te in der Pha­se der „Dia­lek­ti­schen Theo­lo­gie“, Karl Barth, betrach­te­te das Mar­bur­ger Ent­my­tho­lo­gi­sie­rungs­pro­gramm aus einer spöt­ti­schen Base­ler Per­spek­ti­ve. Eber­hard Jün­gel hat aber in den 1960er Jah­ren gezeigt, dass es kei­ne dra­ma­ti­schen sach­li­chen Unter­schie­de zwi­schen Barth und Bult­mann gege­ben hat.

7                1.3.2. Kri­ti­ken am „Mythos“-Begriff Bult­manns

Hier ste­hen sowohl Bult­mann als auch sei­ne Kritiker/innen vor der Tat­sa­che, dass der abend­län­di­sche Mythos-Dis­kurs – wie der Alt­phi­lo­lo­ge Mar­cel Deti­en­ne über­zeu­gend gezeigt hat – seit den Grie­chen ganz über­wie­gend von der Dif­fe­renz zwi­schen μυ̃θος (mythos) und λόγος (logos) bestimmt ist, wobei bei­de Zei­chen je nach Ver­wen­dungs­si­tua­ti­on bzw. -zusam­men­hang ganz unter­schied­li­che Begrif­fe (Inter­pre­t­an­ten) bezeich­nen. Mit­hin gibt es kei­nen ein­deu­ti­gen oder gar „rich­ti­gen“ Mythos­be­griff. Für die­sen Arti­kel wur­de daher das Ver­fah­ren gewählt, zu bestim­men, wie Bult­mann den Begriff „Mythos“ ver­wen­det. Dabei glaub­te Pött­ner 1995 gezeigt zu haben, dass die „ent­my­tho­lo­gi­sier­te“ exis­ten­zia­le Spra­che Bult­manns, die einen dyna­mi­schen Pro­zess bezeich­net, der struk­tu­ra­len Mythos-Gram­ma­tik nach Clau­de Levi-Strauss folgt.

8                1.3.3. Die Kri­tik am Supra­na­tu­ra­lis­mus­as­pekt in Bult­manns Ent­my­tho­lo­gi­sie­rungs­pro­gramm

Von Karl Rah­ner, Leo Scheff­zyk und Joseph Ratzin­ger (vgl. Art. Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung, Wiki­pe­dia) wird betont, dass unbe­scha­det der exis­ten­zia­len Poin­te, die durch­aus zustim­mungs­fä­hig sei, der „objek­ti­ve Cha­rak­ter“ von Auf­er­ste­hung usf. auf­recht­zu­er­hal­ten sei. Auch eini­ge ein­schlä­gi­ge Bei­trä­ge des Hei­del­ber­ger Neu­tes­ta­ment­lers Klaus Ber­ger gehö­ren mut­maß­lich zu die­sem Kri­tik­ty­pus. Hier gilt das oben zur expe­ri­men­tel­len Metho­de Gesag­te.

Die schärfs­te Kri­tik ist aber im Pro­tes­tan­tis­mus ent­wi­ckelt wor­den. Dabei sind Grup­pie­run­gen aus­schlag­ge­bend, die nach der soge­nann­ten „zwei­ten Erwe­ckungs­be­we­gung“ seit der ers­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts die frü­he­re pie­tis­ti­sche Bewe­gung bestimmt haben und in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten pro­fi­lier­te fun­da­men­ta­lis­ti­sche Strö­mun­gen ins­be­son­de­re im Mitt­le­ren Wes­ten und hier­zu­lan­de evan­ge­li­ka­le lan­des­kirch­li­che und frei­kirch­li­che Fröm­mig­keits­for­men in Würt­tem­berg, Baden, Ober­hes­sen, im Sie­ger­land, in Witt­gen­stein, im Ruhr­ge­biet, in Ost­west­fa­len, der Lüne­bur­ger Hei­de bis hin nach Bre­men aus­ge­bil­det haben. Die Poin­te die­ser For­men ist, dass sie genau das leben, was Bult­mann für unzu­mut­bar erklärt: Man fei­ert dies­seits und jen­seits des Atlan­tiks fröh­lich den Got­tes­dienst mit über Bea­mer an die Wand pro­ji­zier­ten Lie­dern sowie Bibel­sprü­chen und glaubt zugleich fest an die supra­na­tu­ra­le „Geis­ter- und Wun­der­welt des Neu­en Tes­ta­ments“ (Bult­mann 1951, 18). Als sich in der Bun­des­re­pu­blik die „Bekennt­nis­be­we­gung ‚Kein ande­res Evan­ge­li­um‘“ kon­sti­tu­ier­te, ergab das eine bit­te­re Poin­te. Zwar war Bult­mann kein akti­ver Wider­stands­kämp­fer gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus wie Diet­rich Bon­hoef­fer. Aber er war kir­chen­lei­ten­des Mit­glied der beken­nen­den Gemein­de der Mar­bur­ger Luther­kir­che. Und nun ver­ur­teil­ten ihn teil­wei­se Men­schen, die durch Wäh­len von NSDAP und DNVP zur Macht­er­grei­fung des Natio­nal­so­zia­lis­mus bei­ge­tra­gen hat­ten, als Häre­ti­ker.

Ins­ge­samt lässt sich mit Bult­manns ana­ly­ti­schem Instru­men­ta­ri­um eher nicht begrei­fen, dass „moder­ne Men­schen“ mit einem logi­schen Wider­spruch exis­ten­zi­ell gut leben zu kön­nen glau­ben. Semio­tisch aus­schla­ge­gend könn­te hier eine Typo­lo­gie dua­lis­ti­scher Tex­te wie  1Hen, Mt, Hebr und der Apk Joh sein. Denn in die­sen Tex­ten wird mit logi­schen Wider­sprü­chen (Para­do­xa) kom­mu­ni­ziert. Viel­leicht gewin­nen wir Neutestamentler/inn/en dann ein ver­tief­tes  Ver­ständ­nis sol­cher „moder­nen“ For­men. Und mög­li­cher­wei­se ergibt sich dann auch ein bes­se­res Gesprächs­kli­ma mit den­je­ni­gen, die doch ange­sichts des Para­do­xes sen­si­bel sind.

9                1.3.4. Die pro­zessphi­lo­so­phi­sche Fort­schrei­bung von Bult­manns Pro­gramm

Dies ist mit dem US-ame­ri­ka­ni­schen Pro­zess­theo­lo­gen Schu­bert M. Odgen ver­bun­den. Dabei wird im Kon­text der Pro­zessphi­lo­so­phie Alfred N. Whiteheads ver­sucht, das Pro­blem zu bear­bei­ten, dass Geist und Natur nach Bult­mann kar­te­sisch gespal­ten sind, das Selbst­ver­hält­nis mit­hin streng genom­men nicht Teil der Natur ist. Durch die pro­zessphi­lo­so­phi­sche Sub­jek­ti­vi­täts­theo­rie Whiteheads, wel­che Sub­jek­ti­vi­tät als stän­dig ent­ste­hen­des Phä­no­men begreift, kann die­ser Schwach­punkt besei­tigt wer­den. Eben­so wird die öko­lo­gi­sche Poin­te bes­ser erkannt.

10            1.3.5. Die semio­ti­sche Fort­schrei­bung von Bult­manns Pro­gramm

Der in Hei­del­berg (und an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Darm­stadt) als apl. Pro­fes­sor leh­ren­de Neu­tes­ta­ment­ler Mar­tin Pött­ner ori­en­tiert sich an der Beob­ach­tung, dass die neu­tes­ta­ment­li­chen Tex­te (und das gilt auch für die LXX) rhe­to­risch mit Klang­fi­gu­ren und Argu­men­ten sti­li­siert sind, wel­che die Leser/innen an der Inter­pre­ta­ti­on der Tex­te betei­li­gen. Eben­so ist das bei nar­ra­ti­ven Aspek­ten der Fall. Im Anschluss an sei­nen Leh­rer Wolf­gang Har­nisch und an Charles S. Peirce ver­tritt er ein Extra­va­ganz­kon­zept, wel­ches unter­stellt, dass reli­giö­se Zei­chen oft All­tags­be­grif­fe oder -kon­zep­te sind, die dann aber gegen ihre All­tags­ver­wen­dung unge­wöhn­lich ver­wen­det wer­den. Die Über­set­zun­gen von κεκοιμημένων (keko­i­me­non) und ἐγήγερται (ege­ger­tai) in 1Kor 15,20 in die­sem Arti­kel machen dar­auf auf­merk­sam. Anders als Bult­mann glaubt er also, dass eher kaum „objek­ti­ve“ Dar­stel­lun­gen vor­zu­lie­gen schei­nen. Wie die Anhänger/innen Whiteheads unter­stellt er mit der prag­ma­tis­ti­schen semio­ti­schen Auf­fas­sung, den Geis­t/­Na­tur-Dual ver­mei­den zu kön­nen.

 

11       2               Lite­ra­tur­ver­zeich­nis

 

Lite­ra­tur-Recher­che: Bibel­wis­sen­schaft­li­che Lite­ra­tur­do­ku­men­ta­ti­on Inns­bruck

Lite­ra­tur-Recher­che: Bibli­sche Biblio­gra­phie Lau­sanne

Lite­ra­tur-Recher­che: http://www.sophikon.de/

1. Lexi­kon­ar­ti­kel

Art. Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung, Wiki­pe­dia: http://de.wikipedia.org/wiki/Entmythologisierung

Art. Bibel­aus­le­gung, christ­li­che, WiBiLex: http://www.bibelwissenschaft.de/de/stichwort/40706/

Art. Mythos, WiBiLex: http://www.bibelwissenschaft.de/de/stichwort

 

 

2. Wei­te­re Lite­ra­tur

Bult­mann 1951: Rudolf Bult­mann, Neu­es Tes­ta­ment und Mytho­lo­gie, in: H. W. Bartsch (Hg.), Keryg­ma und Mythos. Ein theo­lo­gi­sches Gespräch, Ham­burg, 15-48

Bult­mann 1952, Zum Pro­blem der Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung, in: H. W. Bartsch (Hg.) Keryg­ma und Mythos. II. Band. Dis­kus­sio­nen und Stim­men zum Pro­blem der Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung, Ham­burg, 179-208

Bult­mann 1967, Erich Dink­ler (Hg.), Exege­ti­ca, Tübin­gen

Bult­mann 1984, Theo­lo­gie des Neu­en Tes­ta­ments, 9. Aufl. Tübin­gen

Dew­ey 1934: John Dew­ey, A Com­mon Faith. First edi­ti­on 1934 (neu hg. von Tho­mas A. Alex­an­der 2013), New York

Ditt­mer 2001: Johan­nes Ditt­mer, Schlei­er­ma­chers Wis­sen­schafts­leh­re als Ent­wurf einer pro­zes­sua­len Meta­phy­sik in semio­ti­scher Perspek­tive. Tria­di­zi­tät im Wer­den, 2001 (TBT 113)

Pött­ner 1995: Mar­tin Pött­ner, Rea­li­tät als Kom­mu­ni­ka­ti­on. Ansät­ze zur Beschrei­bung der Gram­ma­tik des pau­li­ni­schen Spre­chens in 1Kor 1,4-4,21 im Blick auf lite­ra­ri­sche Pro­ble­ma­tik und Situati­onsbezug des 1. Korin­ther­briefs, 1995 (Theo­lo­gie 2) – Lit.!

 

Kommentare

Vie­len Dank für die ers­ten E-Mails, die ich erhal­ten habe. Von einer Freun­din wur­de dar­auf hin­ge­wie­sen, dass der Schluss von 1.3.3 zu knapp gera­ten sei. Ich habe das geän­dert. Zudem habe ich Klaus Ber­ger unter die katho­li­schen Supra­na­tu­ra­lis­ten ein­ge­ord­net.
Ich möch­te dazu ermu­ti­gen, die Kom­men­tar­funk­ti­on zu benut­zen. Die­se ist eine der demo­kra­ti­schen und frei­heits­er­wei­tern­den Funk­tio­nen des Inter­net. Und Dis­kur­se kön­nen öffent­lich durch­ge­führt wer­den.
Sie funk­tio­niert nach den Regeln des Web 2.0. Wer sei­ne bür­ger­li­che Iden­ti­tät nicht preis­ge­ben möch­te, kann einen Fan­ta­sie­na­men wäh­len. Die E-Mail-Adres­se muss nur den übli­chen Regeln ent­spre­chen. Wer also anonym blei­ben möch­te, bleibt anonym. Mut­maß­lich kön­nen dar­an auch NSA und GCHQ nichts ändern.
Wenn das Inter­net ange­mes­sen ein­ge­setzt wird, dient es der sach­li­chen Debat­te, die ich beför­dern möch­te. Soll­te es zu einem der in den soge­nann­ten Qua­li­täts­me­di­en belieb­ten shit storms – hier der Grup­pen unter 1.3.3 – kom­men, wei­se ich nur auf die Regeln des Blogs hin und dar­auf, dass ich Lei­ter eines Online-Forums war.

 

Peter Stein­acker hat mich auto­ri­siert, fol­gen­den Dis­kurs zu ver­öf­fent­li­chen:

#1

Peter Stein­acker:

Was mir beim ers­ten Lesen auf­ge­fal­len ist, wie Du das ent­schei­den­de Mythos­de­fi­ni­ti­ons­zi­tat Bult­manns ein­lei­test. Die inne­re Wider­sprüch­lich­keit des Mythos wird mir, so wie Du sie beschreibst nicht deut­lich. Ist es nicht so, dass die Wider­sprüch­lich­keit des Mythos ja nicht vom Mythos sel­ber gesagt wer­den kann, son­dern von unse­rem (Bult­manns) Ver­ständ­nis des Mythos. Wir „Moder­ne“ sagen: Der Mythos stellt das, was eigent­lich exis­ten­ti­al ver­stan­den wer­den muss objek­ti­vie­rend dar. Die­se Dif­fe­renz machen die Mythen aber sel­ber gar nicht. Und stimmt es denn?

Und es wird nicht deut­lich, wes­halb die Mythen das­je­ni­ge beschrei­ben, was dem expe­ri­men­tel­len Den­ken ver­schlos­sen bleibt. Woher weiß man das? Greift Pla­ton nicht gera­de dann auf den Mythos zurück, wenn die Phi­lo­so­phie an ihre Gren­ze kommt?

Ant­wort:

Auch Pla­tons mytho­poe­ti­sches Vor­ge­hen ist jeden­falls in der Bestim­mung des­sen, was μυ̃θος im Unter­schied zu λόγος ist, nicht trenn­scharf, wie Deti­en­ne m. E. über­zeu­gend dar­ge­legt hat. Aber sei­ne Kunst­my­then reagie­ren tat­säch­lich auf eine Lücke des dia­noe­ti­schen Den­kens, die er erkannt zu haben glaub­te. Wie ich bei unse­rem Gespräch in der Alten Aula gelernt habe, kann man ähn­li­che reli­giö­se Erzäh­lun­gen viel­leicht mytho­poe­tisch deu­ten, was ich in Darm­stadt mit sei­nem Erzäh­len­las­sen der Gene­se des Ent­ste­hens von Sexu­al­for­men im Sym­po­si­on im Unter­schied zu Gen 2f gemacht habe. Eine ähn­li­che Idee scheint dem Schaf­fen von Phi­lo von Alex­an­dria zugrun­de zu lie­gen.

Bult­mann ist noch von der alten The­se von Nest­le bestimmt, vom μυ̃θος zum λόγος. Pla­tons Gedan­ken­gang ist aber kom­ple­xer, er scheint zu mei­nen, dass das Erzäh­len sol­cher Sto­rys auf etwas hin­wei­sen kann, das argu­men­ta­tiv wohl nicht gesagt wer­den kann. Der am Schluss mei­nes Arti­kels genann­te Neu­tes­ta­ment­ler berück­sich­tigt dies, wie dies sein phi­lo­so­phi­scher Kol­le­ge Ham­pe bei sei­ner Inter­pre­ta­ti­on der Sokra­tes­fi­gur in Die Leh­ren der Phi­lo­so­phie. Eine Kri­tik, 2014, auch tut. Und Johan­nes’ Pla­ton­in­ter­pre­ta­ti­on im Kon­text der Auf­fas­sung von Rela­tio­nen hat mich inspi­riert, im Kon­text prag­ma­tis­ti­scher Erwä­gun­gen reli­giö­se Äuße­run­gen als rea­le Mög­lich­kei­ten zu inter­pre­tie­ren, die prak­tisch aktua­li­siert wer­den kön­nen, weil sie zei­chen­haft und also mate­ri­ell oder auch natür­lich prä­sent sind. Im Anschluss an Peirce macht es Dew­ey wirk­lich so. Mir sind vor eini­gen Wochen die Trä­nen gekom­men, als ich A Com­mon Faith auf mei­nem E-Reader in schöns­ter Son­ne auf frei­em Feld gele­sen habe.

Wie frei­lich die all­täg­li­che Pra­xis zeigt, ist die supra­na­tu­ra­le Inter­pre­ta­ti­on der Tex­te auch bei Stu­die­ren­den aus der Kir­che, die Du als Kir­chen­prä­si­dent gelei­tet hast, völ­lig unge­bro­chen. Des­halb muss man m. E. auch heu­te noch, 73 Jah­re spä­ter, Bult­manns kla­re Sicht der Sach­ver­hal­te bekräf­ti­gen. Wei­ter ist aber wich­tig, dass die nar­ra­ti­ve Inter­pre­ta­ti­on der Tex­te zei­gen kann, dass sie nicht „objek­tiv“ in sei­nem Sin­ne auf­ge­fasst wer­den „wol­len“.

Ant­wort Peter Stein­acker:

Klar ist auch: hin­ter Bult­mann führt kein Weg zurück, auch wenn die Alter­na­ti­ve zwi­schen Mythos und Logos ja grund­falsch ist. Der Mythos ist eine Form von Logos, nur kei­ne dis­kur­si­ve. Wenn die Mythen unter­schied­li­cher Mei­nung sind, erzäh­len sie eben einen ande­ren Mythos. Und das, was Bult­mann damals noch unter Natur­wis­sen­schaft ver­stand, ist ja heu­te nicht mehr aktu­ell – außer im All­tag und den Medi­en. Das hat mir Her­mann Deu­ser immer wie­der klar gemacht.

#1

 

Johan­nes Ditt­mer schreibt:

 

 

Lie­ber Mar­tin, das von Dir am Ende Dei­ner Mail an Prof. Dr. Dr. hc. Peter Stein­acker ange­spro­che­ne Pro­blem einer eben­so hart­nä­ckig ver­brei­te­ten wie hoch­gra­dig unsach­ge­mä­ßen Zugangs­wei­se zu bibli­schen Tex­ten bei vie­len – nicht nur jun­gen – Men­schen kann ich in sei­ner Bri­sanz und sei­ner Ver­brei­tung nur voll und ganz unter­strei­chen; das ist mir „wie aus der See­le gespro­chen“. Ich ste­he hier regel­mä­ßig eben­so fas­sungs­los wie sprach­los vor dem Phä­no­men, dass Schü­le­rin­nen und Schü­ler der Ober­stu­fe mir gegen­über fast aus­nahms­los zum Aus­druck brin­gen, dass sie davon aus­ge­hen und immer davon aus­ge­gan­gen sind, dass die bibli­schen Erzäh­lun­gen Berich­te über bzw. Dar­stel­lun­gen von tat­säch­lich statt­ge­fun­de­nen Ereig­nis­sen sind – und auch als sol­che wahr­ge­nom­men wer­den wol­len. Mit durch­weg gro­ßer Über­ra­schung und z.T. Irri­ta­ti­on neh­men sie dann die von mir ver­tre­te­ne und vor­ge­tra­ge­ne Auf­fas­sung vom Cha­rak­ter und Selbst­ver­ständ­nis bibli­scher Tex­te wahr. Manch­mal wer­de ich dann erstaunt und über­rascht gefragt „Haben Sie uns nicht gesagt, dass Sie Pfar­rer sind (mit der gedach­ten, nicht gesag­ten Fort­set­zung: wie kön­nen Sie dann so was sagen) ?“ „Sagen Sie das jetzt als Pfar­rer oder als Theo­lo­ge ?“ … In eini­gen weni­gen Fäl­len – bei Schü­le­rIn­nen mit frei­kirch­li­chem Hin­ter­grund – ist die Reak­ti­on von Skep­sis bis Ableh­nung (erkenn­bar an der Mimik, z.T. am Kopf­schüt­teln) geprägt. Die über­wie­gen­de Mehr­heit reagiert dann so, dass sie (mehr oder weni­ger unaus­ge­spro­chen) zum Aus­druck bringt: „Das haben wir ja immer schon gewusst (wenn auch uns nicht getraut, [im Reli­gi­ons­un­ter­richt] öffent­lich zu sagen), dass das ja alles nicht sein kann. Also haben wir doch Recht gehabt damit, dass das alles Unfug, Lüge oder gro­ßer Quatsch ist. Man mei­ne doch nicht, dass man an …. glau­be oder dass dies und jenes pas­siert sein kön­ne ….. .“

Hier offen­bart sich – für mich schmerz­lich und schier unbe­greif­lich-, die Tat­sa­che, dass die bis­he­ri­ge reli­giö­se Sozia­li­sa­ti­on – offen­sicht­lich trotz Reli­gi­ons­un­ter­richt und Kon­fir­man­den­un­ter­richt – nicht zur Gewin­nung grund­le­gen­der Ein­sich­ten, bes­ser dem Ange­bot trag­fä­hi­ger und anschluss­fä­hi­ger Model­le für einen adul­ten Glau­ben geführt hat. Das was ich hier fast aus­nahms­los wahr­neh­men kann ist die schon vor gerau­mer Zeit erfolg­te inne­re Abkehr, das Abge­schlos­sen-Haben mit kirch­lich gepräg­ter Reli­gi­on und Glau­bens­din­gen, spe­zi­ell mit einer reflek­tier­ten und her­aus­for­dern­den Wei­se der Wahr­neh­mung von reli­giö­sen Zei­chen­kom­ple­xen all­ge­mein und bibli­schen Tex­ten im beson­de­ren. Im letzt­ge­nann­ten Fall kann man dann natür­lich fast immer nur ver­lie­ren bzw. hat man schon ver­lo­ren. Sie haben dann schon abge­schlos­sen damit. Denn wenn man dar­auf hin­weist, dass da doch etwas ganz ande­res drin steckt, hören die meis­ten schon gar nicht mehr hin, haben das schon abge­hakt für sich oder füh­len sich bestä­tigt nach dem Mot­to: „… dass das nicht (unaus­ge­spro­chen, aber gemeint: his­to­risch-natur­wis­sen­schaft­lich) stimmt, haben wir ja immer schon ver­mu­tet oder gewußt … nun (end­lich) sagt uns das end­lich auch mal ein Reli­gi­ons­leh­rer“. Dass das so pas­siert uns wie es dazu kommt, dass einem das fast kon­ti­nu­ier­lich und aus­nahms­los selbst bei Ober­stu­fen-Schü­le­rIn­nen begeg­net, dar­auf habe ich noch kei­ne Ant­wort. Dass hier schon in der Unter- und Mit­tel­stu­fe von man­chen Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen in Schu­le / Unter­richt und Pfarr­amt / Kon­fir­man­den­ar­beit nicht hin­rei­chend klar gear­bei­tet und in der Rede zwi­schen „Schöp­fung“ und „Welt­ent­ste­hung“ zum Bei­spiel klar unter­schie­den wird, mag mit ein Grund sein (das Glei­che gilt für die Unter­schei­dung zwi­schen bibli­schen Tex­ten als Lite­ra­tur und der (Un-)Möglichkeit, die bibli­schen Tex­te als Quel­len zur Rekon­struk­ti­on von his­to­ri­schen Sach­ver­hal­ten zu ver­wen­den. Aber eine hin­rei­chen­de Erklä­rung für das Phä­no­men bie­tet das allei­ne sicher noch nicht. Um kei­ne Miss­ver­ständ­nis­se zu erzeu­gen, hal­te ich aus­drück­lich fest, dass ich mit der Fest­stel­lung die­ses Zusam­men­hangs aus­drück­lich noch nichts über sei­ne Ent­ste­hung bzw. Ver­ur­sa­chung – und noch viel weni­ger über Mög­lich­kei­ten und Schrit­te der Besei­ti­gung die­ses Miss­stan­des gesagt habe – und sagen kann. Es wäre eine eben­so loh­nen­de wie wich­ti­ge Auf­ga­be, hier­an gemein­sam mit Ver­tre­tern von Schu­le, Kir­che und Uni­ver­si­tät zu arbei­ten, um über­haupt ein­mal zu ver­ste­hen, was hier über­haupt pas­siert. Vor die­sem Hin­ter­grund fin­de ich Dei­nen Bei­trag eben­so hilf­reich wie wei­ter­füh­rend und klä­rend ! Anbei eini­ge wei­ter­ge­hen­den Anmer­kun­gen:

In Abschnitt 1 rekur­rierst Du zunächst auf die expe­ri­men­tel­le Metho­de, um anschlie­ßend die her­me­neu­ti­schen Kon­se­quen­zen dar­aus zu zie­hen. Hier­an schlie­ßen sich zwei sich gegen­sei­tig berüh­ren­de The­men­krei­se grund­sätz­li­che­rer Art an: die Fra­ge nach dem Cha­rak­ter von bibli­schen Tex­ten und – all­ge­mei­ner – reli­giö­ser Spra­che (vgl. Dei­ne Aus­füh­run­gen zu den her­me­neu­ti­schen Kon­se­quen­zen) sowie die Fra­ge nach dem Ver­hält­nis von Spra­che und Wirk­lich­keit (vgl. Dei­ne Aus­füh­run­gen zur expe­ri­men­tel­len Metho­de).

  1. Im Zusam­men­hang der expe­ri­men­tel­len Metho­de und dem Ide­al der Objek­ti­vi­tät wird von Dir auf Wer­ner Hei­sen­berg ver­wie­sen. Das recht­fer­tigt einen Blick auf die von zeit­ge­nös­si­schen Natur­wis­sen­schaft­lern geführ­te Dis­kus­si­on um das Ver­hält­nis von Spra­che und Wirk­lich­keit.

1.1 W. Hei­sen­berg hat sich u.a. in den Gif­ford-Lec­tures (ver­öff. 1959, Hir­zel, Stutt­gart unter dem Titel „Phy­sik und Phi­lo­so­phie“) expli­zit zur Fra­ge nach dem Ver­hält­nis von Spra­che und Wirk­lich­keit (in der Phy­sik) geäu­ßert (hier bes. in der X. Vorl., ebd. 160-180). Er beschreibt hier (S. 167) die tra­di­tio­nel­le Auf­fas­sung der Begrif­fe in der Phy­sik als ein „geschlos­se­nes Sys­tem“, das auf „ein wei­tes Feld von Expe­ri­men­ten ange­wen­det“ wer­den konn­te, bevor er zu der impli­zi­ten Vor­aus­set­zung des Modells kommt, näm­lich dass nicht bestrit­ten wur­de, „dass jede Beob­ach­tung einen gewis­sen Ein­fluss auf die Erschei­nung aus­übt, die beob­ach­tet wer­den soll,“ wobei die­ser Ein­fluss aber als mini­mier­bar galt, was „als eine not­wen­di­ge Bedin­gung für die Ver­wirk­li­chung des Ide­als von Objek­ti­vi­tät“ galt. Bemer­kens­wer­ter­wei­se sagt W. H. gera­de nicht, dass er die­se Annah­me für berech­tigt hält. Anschlie­ßend wen­det er sich Quan­ten­theo­rie, Rela­ti­vi­täts­theo­rie und Kom­ple­men­ta­ri­tät zu und spricht in die­sem Zusam­men­hang davon, dass es hier not­wen­dig zu einer ande­ren, „vagen und unsys­te­ma­ti­schen“ Wei­se des Sprach­ge­brauchs kommt, eine Ver­wen­dung, die ähn­lich ist wie der „Sprach­ge­brauch im täg­li­chen Leben“ und „in der Dich­tung“ und „Kunst“. Am Bei­spiel der Musik greift er auf die Dif­fe­renz von „Genuss von Musik“ und „Ana­ly­se der Struk­tur“ zurück; eine Dif­fe­renz, die im Text zur Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung ja auch ange­spielt wird.

1.2 Von hier aus legt sich die Fra­ge nach dem Cha­rak­ter der Spra­che in den Natur­wis­sen­schaf­ten und dem Sta­tus ihrer Aus­sa­gen (s. u.) nahe.

1.2.1 Dazu soll zunächst ein ande­rer Zeit­ge­nos­se R. Bult­manns und W. Hei­sen­bergs, Albert Ein­stein, zu Wort kom­men – unter dem Titel „Phy­sik und Welt­bild“ (A. Ein­stein / L. Infeld, Die Evo­lu­ti­on der Phy­sik 1938, Wien/Hamburg 1950, 317-322). Er spricht hier im Zusam­men­hang der Rede vom Expe­ri­ment die kon­sti­tu­ti­ve und irre­du­zi­ble Rol­le des Moments des „Kon­struk­ti­on“ in allem Wis­sen­an. Ein­stein resü­miert unter der Fra­ge nach den „all­ge­mei­nen Schlüs­sen“, die sich nun „aus der bis­he­ri­gen Ent­wick­lung der Phy­sik zie­hen las­sen“ (ebd. 317f): „Die Natur­wis­sen­schaft ist nicht bloß eine Samm­lung von Geset­zen, ein Kata­log zusam­men­hang­lo­ser Fak­ten. Sie ist eine Schöp­fung des Men­schen­geis­tes mit all den frei erfun­de­nen Ide­en und Begrif­fen, wie sie der­ar­ti­gen Gedan­ken­ge­bäu­den eigen sind. Phy­si­ka­li­sche Theo­ri­en sind Ver­su­che zur Aus­bil­dung eines Welt­bil­des und zur Her­stel­lung eines Zusam­men­han­ges zwi­schen die­sem und dem wei­ten Reich der sinn­li­chen Wahr­neh­mun­gen. Der Grad der Brauch­bar­keit unse­rer gedank­li­chen Spe­ku­la­tio­nen kann nur dar­an gemes­sen wer­den, ob und wie sie ihre Funk­ti­on als Bin­de­glie­der erfül­len. Wir haben gese­hen, wie die Phy­sik … immer wie­der neue Rea­li­tä­ten schuf. Die­ser Schöp­fungs­pro­zess lässt sich aber weit über den Ursprung der eigent­li­chen Phy­sik hin­aus zurück­ver­fol­gen (Hv. JD).“

Die­se Aus­füh­run­gen las­sen sich so ver­ste­hen, dass zunächst einem „unkri­ti­schen“ oder „vor­kri­ti­schen“ Ver­ständ­nis von „Expe­ri­ment“ gewehrt wird, wie es sich in dem weit ver­brei­te­ten Miss­ver­ständ­nis spie­gelt, dem­zu­fol­ge die (Natur)-Wissenschaften (bzw. Real-Wis­sen­schaf­ten) es mit der Wirk­lich­keit an sich zu tun hät­ten, sie erken­nen und beschrei­ben wür­den. So, als ob man es hier mit den „har­ten Fak­ten“ zu tun habe, die man ja auch „expe­ri­men­tell nach­wei­sen“ kön­ne ….

1.2.2 Was sind dann die „Wirk­lich­keit“ von Natur­ge­set­zen und was ist ihre unmit­tel­ba­re Refe­renz, wenn sich die Din­ge also nicht ent­spre­chend unse­ren Vor­stel­lun­gen ver­hal­ten, die Din­ge fer­ner nicht so sind, wie sie erschei­nen, und Wis­sen sich schließ­lich nicht durch direk­te Beob­ach­tung gewin­nen lässt ? Direk­ter und radi­ka­ler als bei Ein­stein und sei­ner Rede von mensch­li­chen „Schöp­fun­gen“ und „Welt­bil­dern“ fällt die Kri­tik an einem unkri­ti­schen und posi­ti­vis­ti­schen Ver­ständ­nis von Natur­wis­sen­schaf­ten als exak­ten Wis­sen­schaf­ten bei einem ande­ren Zeit­ge­nos­sen aus. „Exak­te Wis­sen­schaft – was liegt alles in die­sen bei­den Wor­ten ! Sie erwe­cken die Vor­stel­lung eines stol­zen … Gebäu­des, wel­ches die Schät­ze aller Weis­heit in sich birgt …“; so beginnt Max Planck sei­nen Vor­trag (von 1941/42) „Sinn und Gren­zen der exak­ten Wis­sen­schaf­ten“ (ver­öf­fent­licht Opla­den 1947), um dann sehr viel beschei­de­ner fort­zu­fah­ren: „Es muss also doch wohl etwas in der Rech­nung nicht stim­men. Und in der Tat: wenn wir etwas näher zuse­hen und den Auf­bau der exak­ten Wis­sen­schaf­ten einer genaue­ren Prü­fung unter­zie­hen, dann wer­den wir sehr bald gewahr, dass das Gebäu­de eine gefähr­lich schwa­che Stel­le besitzt, und die­se Stel­le ist das Fun­da­ment. Dem Bau fehlt eine von vorn­her­ein nach allen Rich­tun­gen hin gesi­cher­te … Grund­la­ge ….“

Natur­ge­set­ze stel­len dem­zu­fol­ge dann kei­ne Ele­men­te im phy­si­schen Uni­ver­sum dar, son­dern sol­che im psy­chi­schen Uni­ver­sum. Die (eigent­lich tri­cho­to­mi­sche !) Ein­tei­lung von Karl R. Pop­per in eine sog. phy­si­sche Welt als das rea­le Uni­ver­sum einer­seits und eine psy­chi­sche Welt als das psy­chi­sche Uni­ver­sum ande­rer­seits, hat Vor­läu­fer bei Gott­lob Fre­ge wur­de erneut von Harald Fritzsch popu­lär gemacht (vgl. ders., Vom Urknall zum Zer­fall. Die Welt zwi­schen Anfang und Ende, Piper München/Zürich 1983, 315-324). Wenn Natur­ge­set­ze – eben­so wie Theo­ri­en – Kon­struk­tio­nen, Pro­duk­te (Schöp­fun­gen) unse­res Den­kens sind, beschrei­ben sie nicht unmit­tel­bar ein Gegen­über in der Wirk­lich­keit, son­dern sind Ele­men­te eines eige­nen Bereichs von Wirk­lich­keit, genau­er: einer eige­nen „Wirk­lich­keit“, des psy­chi­schen Uni­ver­sums. Damit ist aus­ge­schlos­sen, Natur­ge­set­zen einen eige­nen onto­lo­gi­schen Sta­tus im Rah­men einer sub­stan­zon­to­lo­gi­schen Meta­phy­sik bei­zu­le­gen. Ihr Sta­tus kann im Rah­men eines – tri­cho­to­mi­schen (!), prä­zi­ser: tria­di­schen – semio­tisch begrün­de­ten Modells einer Meta­phy­sik (wie es z.B. bei Charles San­ders Peirce vor­liegt) prä­zi­ser beschrie­ben wer­den (vgl. dazu die Unter­su­chung von Johan­nes Ditt­mer, Schlei­er­ma­chers Wis­sen­schafts­leh­re als Ent­wurf einer pro­zes­sua­len Meta­phy­sik in semio­ti­scher Per­spek­ti­ve. Tria­di­zi­tät im Wer­den, TBT 113, Berlin/New York 2001).

1.3 Vor die­sem Hin­ter­grund rich­tet sich der Blick auf die­Rol­le der„nicht­em­pi­ri­schen Vor­aus­set­zun­gen empi­ri­schen Wis­sens“ und auf die Rol­levon „Model­len“ für alles Wis­sen. In der eben­so ein­präg­sa­men wie anschau­li­chen Erzäh­lung unter dem Titel „Das Netz des Phy­si­kers“ von Hans-Peter Dürr (ders., Natur­wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis in der Ver­ant­wor­tung, München/Wien 1998, 34) hat die­se Ein­sicht Ein­gang in man­che Schul­bü­cher gefun­den. In neue­rer Zeit ist die Akzen­tu­ie­rung der Modell-Ver­wie­sen­heit von Wis­sen von Ste­phen Haw­king fest­ge­hal­ten wor­den (ders; Das Uni­ver­sum in der Nuss­scha­le, Ham­burg 2001, S. 39 und ders., Der gro­ße Ent­wurf, Ham­burg 2011, S. 11f sowie ders., „Das Wesen wis­sen­schaft­li­cher Theo­ri­en“: ders./L. Mlo­di­now, Die kür­zes­te Geschich­te der Zeit, Ham­burg 2005). Denn auch Expe­ri­men­te fin­den aus­schließ­lich im Rah­men von bzw. unter Vor­aus­set­zung der Annah­me eines bestimm­ten Modells, und d.h. einer von Men­schen kon­stru­ier­ten Modell­vor­stel­lung statt. Ihnen, den Model­len, die sel­ber „Kon­struk­te“ und „Schöp­fun­gen“ der Men­schen dar­stel­len, kommt damit eine eben­so erkennt­nis-kon­sti­tu­ti­ve wie erkennt­nis-limi­tie­ren­de Funk­ti­on zu. Tat­säch­lich wird die­sen Model­len von Men­schen dann nicht sel­ten ein onto­lo­gi­scher Sta­tus zuge­spro­chen, der ihm aber gar nicht zukommt. Im Rah­men die­ser oder jener Modell­vor­stel­lung kön­nen dann die­se und jene Ver­su­che gemacht wer­den … die dann die­se und jene Beob­ach­tun­gen so und so deu­ten … (zum Wel­len- und Kor­pus­kel-Modell beim Ver­ständ­nis des Lichts cf. A. Ein­stein, ebd., 320). Die Fra­ge, was Licht sei, ist ein gutes Exem­pel dafür. Denn man kann vie­le Expe­ri­men­te machen, wo man annimmt, Licht­tei­len ver­hal­ten sich wie Kor­pus­keln … und auch sol­che, wo man annimmt, bzw. gezwun­gen ist, anzu­neh­men, dass Licht eigent­lich ein Wel­len­phä­no­men (mit Bre­chungs- und Inter­fe­renz­ef­fek­ten, z.B. beim Dop­pel­spalt­ex­pe­ri­ment) ist.

2. Alle o.g. Aspek­te sind sach­lich – wie unschwer erkenn­bar gewor­den ist – mit­ein­an­der ver­knüpft. Gleich­zei­tig wei­sen sie (vor­der­grün­dig stär­ker viel­leicht bei 1.1 und 1.2.1) eine Nähe zum zwei­ten Pro­blem­kreis auf, der Fra­ge nach dem Cha­rak­ter von reli­giö­ser Spra­che (und bibli­scher Tex­te).

Du arbei­test in 1.3.2 (Abschnitt 7) mit dem Gegen­über von „Mythos“ und „Logos“ – und der Näher­be­stim­mung des Cha­rak­ters die­ses Gegen­übers (d.h., beschreibt die­ses begriff­li­che Gegen­über einen Ant­ago­nis­mus oder eine Stu­fen­fol­ge im Rah­men einer Ent­wick­lung oder han­delt es sich hier letzt­lich um eine Dif­fe­renz mit kri­tisch-heu­ris­ti­scher Funk­ti­on, um nur eini­ge Mög­lich­kei­ten zu nen­nen).

Ich fin­de es hilf­reich und wei­ter­füh­rend, die­ser – von Rudolf Bult­mann sel­ber ein­ge­brach­te – Ter­mi­no­lo­gie ande­re seman­ti­sche Dif­fe­ren­zie­rungs­mo­del­le im Zusam­men­hang der Bestim­mung des Cha­rak­ters von reli­giö­ser Spra­che und bibli­scher Tex­te an die Sei­te zu stel­len. Es könn­te sich zei­gen, dass die­se ein Poten­ti­al bereit­stel­len, die o.g. Dif­fe­renz noch ein­mal schär­fer zu beleuch­ten. Die von mir nach­fol­gend vor­ge­schla­ge­nen drei Ansät­ze sind nicht voll­stän­dig, d.h. es es gibt hier sicher noch ande­re. Fer­ner ist die Dif­fe­renz von Mythos und Logos bzw. „objek­ti­vem“ Welt­bild natür­lich nicht ein­fach iden­tisch mit den nach­fol­gend genann­ten Dua­len, eben­so wenig wie jeweils eine Sei­te des einen Duals mit einer Sei­te des andern Duals (Ansat­zes) iden­tisch ist. Es gibt m. E. aber Kor­re­la­tio­nen zwi­schen jeweils einer Sei­te inner­halb und zwi­schen den ein­zel­nen Ansät­zen.

 

2.1 Auf Jür­gen Mit­tel­straß geht die – seit den 90er Jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts breit rezi­pier­te (vgl. W. Här­le, G. Han­ekamp, E. Herms, B. Hipp­ler, W. Huber, F. Schweit­zer, Chr. Schwö­bel, u.v.a und z.T. vari­ier­te – Gegen­über­stel­lung von Ori­en­tie­rungs­wis­sen und Ver­fü­gungs­wis­sen zurück. Inzwi­schen ist die­se Dif­fe­ren­zie­rung inte­gra­ler Bestand­teil inter­dis­zi­pli­nä­rer Arbeit. Für Mit­tel­straß ist Ver­fü­gungs­wis­sen „ein Wis­sen um Ursa­chen, Wir­kun­gen und Mit­tel (gege­be­ne Zwe­cke zu errei­chen); es ist das Wis­sen, das Wis­sen­schaft und Tech­nik unter gege­be­nen Zwe­cken zur Ver­fü­gung stel­len“, wäh­ren Ori­en­tie­rungs­wis­sen „ein Wis­sen um gerecht­fer­tig­te Zwe­cke und Zie­le“ ist. Ver­ein­facht gesagt (vgl. W. Marotz­ki) eig­net sich der Mensch die Din­ge über Ver­fü­gungs­wis­sen (als Kon­trol­le ermög­li­chen­des Wis­sen; äuße­re, instru­men­tel­le Beherr­schung von Mit­teln mit einer Qua­li­fi­zie­rungs­funk­ti­on) an (WIE mache ich was ?), wäh­rend der Mensch über Ori­en­tie­rungs­wis­sen (als Form refle­xi­ven Wis­sens mit einer Ori­en­tie­rungs­funk­ti­on) in ein reflek­tier­tes Ver­hält­nis zu ihnen tritt (WARUM mache ich etwas ?). Bil­dungs­pro­zes­se umfas­sen immer bei­de Dimen­sio­nen. Gleich­zei­tig wei­sen Reli­gi­on / Glau­bens­kom­mu­ni­ka­ti­on (und Theo­lo­gie) ganz offen­sicht­lich eine deut­li­che Affi­ni­tät zu „Ori­en­tie­rungs­wis­sen“ auf. Das wird deut­lich, wenn man sich ver­ge­gen­wär­tigt, dass einer­seits Glau­ben als Ver­trau­en ein Wirk­lich­keits­ver­ständ­nis impli­ziert und dass es fer­ner ein Spe­zi­fi­kum des Ori­en­tie­rungs­wis­sens dar­stellt, dass es die kon­sti­tu­ti­ve Eigen­schaft allen Wis­sens – dass es stets per­spek­ti­visch gebun­den ist – sei­ner­seits aus­drück­lich the­ma­ti­siert und reflek­tiert und dass das Ori­en­tie­rungs­wis­sen die Basis­ori­en­tie­rung des Men­schen for­mu­liert, d.h. jene hand­lungs­lei­ten­den Gewiss­hei­ten, die allen kon­kre­ten Hand­lun­gen eines Men­schen immer schon vor­aus und zugrun­de lie­gen – und die dann in For­mu­lie­run­gen von Glau­bens­über­zeu­gun­gen über Grund, Ursprung, Ver­fas­sung und Ziel von Mensch und Welt Aus­druck gewin­nen.

Im Anschluss hier­an las­sen sich zwei kri­ti­sche Beob­ach­tun­gen machen. Zum einen eine inner­halb des Bil­dungs­ge­sche­hens zuneh­mend beob­acht­ba­re Dis­so­zi­ie­rung in einer­seits eine Focus­sie­rung von Bil­dungs­pro­zes­sen auf ver­wert­ba­res, ope­ra­tio­na­les und instru­men­tel­les Wis­sen oder unmit­tel­bar anwend­ba­re Fer­tig­kei­ten und die dann ande­rer­seits erfol­gen­den Kom­pen­sa­ti­ons­ver­su­che, die­ser Ein­sei­tig­keit und die­sem Reduk­tio­nis­mus ent­ge­gen­zu­tre­ten. Dies geschieht z.B. in bestimm­ten Erwar­tun­gen an den schu­li­schen Reli­gi­ons­un­ter­richt als Wer­te­ver­mitt­lung und Wer­te­er­zie­hung. Letzt­lich kommt es hier aber zur Ver­wechs­lung von Reli­gi­on und Moral. Zum ande­ren ist nicht sel­ten eine Ten­denz beob­acht­bar, die aus der Unter­schei­dung eine Tren­nung von Wis­sens­for­men macht, mit der Kon­se­quenz, dass sie die Ten­denz auf­weist, Ori­en­tie­rungs­wis­sen nur unter Aus­schluss von Ver­fü­gungs­wis­sen zu den­ken, wie es z.B. im Fun­da­men­ta­lis­mus geschieht (Vgl. Jür­gen Haber­mas, Glau­ben und Wis­sen, Frie­dens­preis­re­de, Frank­furt 2001).

2.1 Es ist hier auf die auf Lud­wig Witt­gen­stein zurück­ge­hen­de Unter­schei­dung von (empi­ri­schen) Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen und reli­giö­sen Aus­sa­gen, bei denen es gera­de nicht um ein Für-Wahr-Hal­ten von Pro­po­si­tio­nen geht, hin­zu­wei­sen. (Vor­le­sun­gen über den reli­giö­sen Glau­ben). Er war es ja, der das Dic­tum geprägt hat, wonach „wir (Men­schen) spü­ren, dass selbst, wenn alle mög­li­chen wis­sen­schaft­li­chen Fra­gen beant­wor­tet sind, unse­re Lebens­pro­ble­me noch lan­ge nicht berührt sind“. Das ein­gangs skiz­zier­te Pro­blem bzw. Miss­ver­ständ­nis vie­ler Men­schen bezüg­lich reli­giö­ser Rede im all­ge­mei­nen und bibli­scher Erzäh­lun­gen im beson­de­ren wäre dem­zu­fol­ge auf eine fata­le Ver­wechs­lung zurück­zu­füh­ren. Die Aus­sa­gen und Erzäh­lun­gen wür­den nicht als Lite­ra­tur, son­dern irr­tüm­li­cher­wei­se als Pro­po­si­tio­nen und Aus­sa­gen­zu­sam­men­hän­ge auf­ge­fasst, die als sol­che unmit­tel­bar einen Wahr­heits­an­spruch in his­to­ri­scher oder natur­wis­sen­schaft­li­cher Hin­sicht erhe­ben. Theo­lo­gisch gespro­chen wird hier ein gehalt­vol­ler Begriff von „Glau­ben“ i.S. eines prä­po­si­tio­na­len Glau­bens­ver­ständ­nis­ses (glau­ben an …) auf eine Begriff von „Glau­ben“ i.S. eines pro­po­si­tio­na­len Glau­bens­ver­ständ­nis­ses (glau­ben, dass etwas der Fall ist …) redu­ziert bzw. damit ver­wech­selt.

2.3 Schließ­lich ist hier auf die von Man­fred Arndt – in Auf­nah­me von Jochen Hörisch – ver­wen­de­te Gegen­über­stel­lung von „Gleich­nis­sen“ und „Glei­chun­gen“ … als For­men, „über das Leben zu spre­chen“ hin­zu­wei­sen (M. Arndt; Spi­ri­tua­li­tät als Lebens­kunst – Auf der Suche nach einem Weg zwi­schen Athe­is­mus und Fun­da­men­ta­lis­mus, 2. Aufl. 2011, Nor­der­stedt). Sie stellt in gewis­ser Wei­se eine Re-Inter­pre­ta­ti­on von Wittgenstein’s Sprach­spiel­dif­fe­renz dar. Hier kann man sehr anschau­lich deut­lich machen, wel­che Fol­gen es hat bzw. wel­chen „Un-sinn“ es ergibt, ein natur­wis­sen­schaft­li­ches Sprach­spiel auf ein künst­le­ri­sches anzu­wen­den (z.B. eine Beet­ho­ven­sym­pho­nie auf ein Schau­bild von Ton­schwin­gun­gen oder ein Cezan­ne-Gemäl­de auf eine Pig­ment-Matrix zu redu­zie­ren, so wie ein Ver­ständ­nis eines Gleich­nis-Tex­tes unter der Bril­le von „Glei­chun­gen“ kei­nen Sinn ergibt). Arndt ver­knüpft hier geschickt und auf anre­gen­de Wei­se Über­le­gun­gen von Wil­fried Enge­mann, Hen­ning Luther, Lud­wig Witt­gen­stein, Jean-Fran­cois Lyo­tard u.a. zu Reli­giö­se Gro­ßerzäh­lun­gen, Sprach­spie­len, Leben als Frag­ment, Ritua­len etc.), dabei ana­ly­siert und kri­ti­siert er den fun­da­men­ta­lis­ti­schen Fröm­mig­keits­stil auf der Suche nach einer ange­mes­se­nen Form von Fröm­mig­keit (Spi­ri­tua­li­tät).

Cha­rak­te­ris­tisch für die­se Ansät­ze – und ver­mut­lich eben­so wenig zufäl­lig wie unpro­ble­ma­tisch – ist die Tat­sa­che, dass die­se Ein­tei­lun­gen und Gegen­über­stel­lun­gen mit einem Dual als Grund­mo­dell arbei­ten. Tat­säch­lich sind die Din­ge ja ver­zwick­ter und ver­wi­ckel­ter, wie man auch beim Gegen­über von Ori­en­tie­rungs- und Ver­fü­gungs­wis­sen unschwer sehen kann. Das lässt sich ja nicht ein­fach – wie mit einem Rasier­mes­ser – tren­nen und auf­tei­len, son­dern es sind hier ja eher Schwer­punkt­set­zun­gen und Per­spek­ti­ven­dif­fe­ren­zen, um die es geht. Man könn­te sogar geneigt sein, zu fra­gen, ob nicht das Ori­en­tie­rungs­wis­sen (als eine Form von Lebens­wis­sen – um mit B. Hipp­ler zu spre­chen) not­wen­dig immer For­men von Ver­fü­gungs­wis­sen ein­schließt, wäh­rend –– Ver­fü­gungs­wis­sen ohne aus­ge­präg­tes Ori­en­tie­rungs­wis­sen „denk­bar“ wäre, auch wenn dies dann ver­hee­ren­de Kon­se­quen­zen hät­te.

Es wäre zu prü­fen, ob und wel­che Ver­bin­dun­gen zwi­schen dem sog. Ori­en­tie­rungs­wis­sen (der Fra­ge nach Sinn, Zweck und Ziel, der Bestim­mung von etwas) einer­seits und dem Exis­tenz­ver­ständ­nis nach Bult­mann ande­rer­seits bestehen. Ers­te­res arti­ku­liert sich ja offen­kun­dig in nar­ra­ti­ven Text­zu­sam­men­hän­gen. Das wird bei der Dis­kus­si­on um die Fra­ge, was hier Wahr­heit bedeu­tet, wich­tig. Im Rah­men von Ori­en­tie­rungs­wis­sen kann man ja einen Text for­mu­lie­ren, der – in his­to­ri­scher oder natur­wis­sen­schaft­li­cher Hin­sicht – nicht „wahr“ ist, der aber gleich­wohl im Blick auf die Beant­wor­tung von Lebens­fra­gen und Exis­tenz­fra­gen „wahr“ sein kann, wes­halb dann land­läu­fig auch von einer „lite­ra­ri­schen“ oder „theo­lo­gi­schen“ (Hin­sicht von) Wahr­heit gespro­chen wird. [Für die meis­ten Schü­le­rIn­nen ist ein Aus­sa­gen­zu­sam­men­hang, der natwissenschaftlich/historisches „unwahr“ ist, auto­ma­tisch, dass er „wert­los“ erscheint. Es geht da ganz offen­sicht­lich ja um ein Wie­der­ge­win­nen des Ver­ständ­nis­ses von (bibli­schen) Tex­ten als Lite­ra­tur … bzw. um eine Abkehr von einer Reduk­ti­on auf Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen.

Die Pro­ble­ma­ti­sie­rung oder Bre­chung des (oft nahe lie­gen­den Miss­ver­ständ­nis­ses ) des nai­ven Expe­ri­ment-Ver­ständ­nis­ses wäre u.U. hilf­reich für die Behand­lung der beson­de­ren Ver­ste­hens­wei­se des Mythos. Letzt­lich wird ja die auf den ers­ten Blick starke/starre Ent­ge­gen­set­zung von Empirie/Realität/Objektivität und anthro­po­lo­gi­schem Exis­tenz­ver­ständ­nis „gebro­chen“, indem deut­lich wird, dass auch im Fal­le der vor­der­grün­di­gen Objek­ti­vi­tät es um mensch­li­che Vor­stel­lun­gen von …. geht. … Das, was tra­di­tio­nell als „objek­ti­ves“ Gesche­hen ange­se­hen wird, ist tats. gar nicht so „objek­tiv“, son­dern nur unter ganz bestimm­ten theo­re­ti­schen Vor­an­nah­men (nicht-empi­ri­sche Vor­aus­set­zun­gen … Modell-Annah­men). Ähn­lich wie bei dem „schein­ba­ren“ Gegen­über von Ori­en­tie­rungs- und Ver­fü­gungs­wis­sen wäre hier eine Pro­zess-Struk­tur zu ent­wi­ckeln. Die Berei­che der „Ver­flüs­si­gung“ von Dua­len / star­ren Gegen­sät­zen, den Pro­zess­cha­rak­ter und die Rol­le von Tex­ten und der Spra­che für die Mensch­wer­dung bzw. den Men­schen habe ich hier des­halb gar nicht mehr aus­drück­lich behan­delt, denn das habe ich an ande­rer Stel­le aus­führ­li­cher und dif­fe­ren­zier­ter dar­ge­stellt (Johan­nes Ditt­mer, 2001).

Was Du dann unter 1.2.2 (Abschnitt 4) aus­führst, dass der Mythos gar nicht objek­tiv – kos­mo­lo­gisch inter­pre­tiert wer­den will, passt zu dem, dass ein „Gleich­nis“ nicht als „Glei­chung“ ver­stan­den wer­den will, oder Aus­sa­gen­zu­sam­men­hän­ge im Rah­men des Ori­en­tie­rungs­wis­sens (Kunst, Lite­ra­tur und Reli­gi­on) als sol­che des Ver­fü­gungs­wis­sens (Natur­wis­sen­schaft, His­to­rie). Erhel­lend zur Stuk­tur des Mythos fand ich den Bei­trag von Clau­de Levi-Strauß mit dem Titel „Der hin­ge­rich­te­te Weih­nachts­mann“ (in: Der KOMET. Alma­nach der Ande­ren Biblio­thek auf das Jahr 1991, Eichborn/Frankfurt 1990, S. 162-190).

Im letz­ten Absatz von 1.2.2 benennst Du am Schluss die Über­ein­stim­mun­gen zwi­schen Bult­mann und Dew­ey, nach­dem Du vor­her auf die grund­le­gen­de Dif­fe­renz zwi­schen bei­den (hin­sicht­lich der Fra­ge der Wei­ter­füh­rung des kar­te­si­schen Dua­lis­mus) hin­ge­wie­sen hast. Ich ver­mu­te, dass das aber nicht hin­rei­chend klar wird, wes­halb hier u.U. noch eine Erläu­te­rung sinn­voll wäre. Die­ser Punkt wird ja von Dir ganz am Schluss Dei­nes Bei­trags (unter dem Stich­wort Geis­t/­Na­tur-Dual) noch mal auf­ge­grif­fen. Kön­ne man in einem / weni­gen Sät­zen aus­füh­ren, wie Dew­ey den Geist-/Na­tur – Dual „unter­läuft“ bzw. ver­lässt ?

Im letz­ten Absatz von 1.2.3 (Abschnitt 5) vor der Über­schrift „Die Ver­kün­di­gung Jesu als Vor­aus­set­zung der Theo­lo­gie des NT“ habe ich mir an den Rand (Pas­si­ve Kon­sti­tu­ti­on) und den Ver­weis auf die Figur des Hei­li­gen Geis­tes in der chrl. Tra­di­ti­on notiert, die ja in gewis­ser Wei­se eine wei­ter­füh­ren­de (dif­fe­ren­zie­ren­de) Inter­pre­t­an­ten­bil­dung von Mt. 16, 13-17, bes. V. 17 dar­stellt. Ich weiß aber nicht, ob das hier passt …. Der Anknüp­fungs­punkt ist die Fest­stel­lung der Nicht-Mög­lich­keit für den Men­schen, es (selbst) zu tun. Dies ist ja mit der Fra­ge der Ent­schei­dung, vor die der Mensch gestellt ist, zu ver­mit­teln. Die Fra­ge – die haben wir ja schon im Anschluss an Dei­ne ein­drück­li­che Pre­digt in Gries­heim kurz ange­spro­chen – ist ja, kann sich der Mensch hier über­haupt ent­schei­den – oder wer oder was ist es, was sich hier ent­schei­det (zu was …) … wenn man das Moment der Erlö­sungs­re­li­gi­on nicht rela­ti­vie­ren will. Müs­sen die (vom Keryg­ma ange­re­de­ten) denn nicht schon ande­re sein, um sich ent­schei­den zu kön­nen …. Oder wie kann man bei­de Ele­men­te fest­hal­ten, ohne dass „eines hin­ten run­ter fällt“ ?

Zu den Aus­füh­run­gen von Dir unter 1.3.3 (bzw. Abschnitt 8: die Kri­tik am Supra­na­tu­ra­li­su­mus­as­pekt) sind mir die Aus­füh­run­gen von M. Arndt zur Buße /metanoia im Zusam­men­hang der Kri­tik des Fun­da­men­ta­lis­mus in den Sinn gekom­men. Er nimmt hier Wil­fried Enge­mann (Die Lebens­kunst und das Evan­ge­li­um und bes.: Reli­gi­on und Lebens­stil. Stil­merk­ma­le und –brü­che christ­li­cher Lebens­kunst) auf , wenn er „jede Art von Fun­da­men­ta­lis­mus als dras­tischs­te Art, reli­giö­sen Stil­bruch zu betrei­ben“ bezeich­net. „Denn der Fun­da­men­ta­list ist sich sei­ner immer gewiss. Selbst der Akt der Buße wird – wo er, wie z.B. in evan­ge­li­ka­len Krei­sen, geübt wird – para­do­xer­wei­se kul­ti­viert und gepflegt als Akt der Selbst­ver­ge­wis­se­rung. Man gesteht sich ein, tem­po­rär vom rich­ti­gen Pfad abge­wi­chen zu sein, vor­über­ge­hend Stil­bruch began­gen zu haben, aber eigent­lich immer schon gewusst zu haben, was wahr und für das eige­ne leben gut ist. … Die ursprüng­li­che Seman­tik (sc. eigent­lich müß­te hier ver­mut­lich Prag­ma­tik ste­hen …; JD) wird hier letzt­lich per­ver­tiert. .“ Er dis­ku­tiert hier die vier von Enge­mann genann­ten Stil­merk­ma­le (Buße als Infra­ge­stel­lung der Selbst- und Welt­in­ter­pre­ta­ti­on, Frei­heit als Bin­dung an das eige­ne Gewis­sen, Dia­log als Basis der Selbst­ent­fal­tung und Gebet als Selbst­ex­plo­ra­ti­on der jüdisch-christ­li­chen Tra­di­ti­on) durch (ebd. S. 121ff).

Inter­es­sant fin­de ich, wie er hier die struk­tu­rel­le Par­al­le­li­tät von Athe­is­mus und Fun­da­men­ta­lis­mus betont, die ja bei­de eine Ver­wechs­lung infol­ge einer unzu­läs­si­gen Gleich­set­zung voll­zie­hen. „Bei­de Sät­ze, die der Gott­heit Geben und Nicht-Geben gegen­über­stel­len, sind glei­cher­ma­ßen unsin­nig, weil sie dem Wesen von Reli­gi­on nicht gerecht wer­den, Das Wort „geben“ setzt ein fak­ti­sches Vor­han­den­sein vor­aus, das geleug­net oder bestä­tigt wird. Damit bewe­gen sich aber der Athe­is­mus und Fun­da­men­ta­lis­mus einer ganz und gar faschen Spur. … Reli­giö­se Spra­che ist Lite­ra­tur­spra­che und fixiert kei­ne Tat­sa­chen im natur­wis­sen­schaft­li­chen Sin­ne. Ein natur­wis­sen­schaft­li­ches Ver­ständ­nis des reli­giö­sen Sprach­spiels ist also völ­lig unan­ge­mes­sen. Es ver­wech­selt … „Gleich­nis­se“ mit „Glei­chun­gen“. …“

Dei­ne Aus­füh­run­gen unter 1.3.3. fin­de ich her­vor­ra­gend …. Ich habe nur gedacht, hier denkt man ja immer auch an Fun­da­men­ta­lis­mus … Die­se Nähe – aber u.U. auch Dif­fe­renz in man­chen Punk­ten, denn (ver­glei­che dazu die o.g. Haber­mas – Preis­re­de zur Ver­lei­hung des Frie­dens­prei­ses ) Fun­da­men­ta­lis­mus lässt sich ja nicht ein­fach auf Supra­na­tu­ra­lis­mus redu­zie­ren (bzw. umge­kehrt), aber es gibt auch vie­le Bezü­ge zwi­schen bei­den. Wäh­rend Fun­da­men­ta­lis­mus ein Phä­no­men der Moder­ne ist, gab es Supra­na­tu­ra­lis­mus auch schon vor­her.

Die von Dir im letz­ten Abschnitt benann­ten Aspek­te der Mit­wir­kung des Lesers an der Inter­pre­ta­ti­on las­sen sich auf die anfangs benann­ten Model­le der Quan­ten­theo­rie (Hei­sen­berg) bezie­hen, eben­so wie die Bre­chung der schein­bar „Objek­ti­ven“ Dar­stel­lun­gen in den Natur­wis­sen­schaf­ten durch den modell­theo­re­ti­schen Hin­ter­grund …. Auf die von Dir stark gemach­te – von Bult­mann abwei­chen­de – Inter­pre­ta­ti­ons­li­nie.

So, wie Mythos und Logos gar nicht starr ent­ge­gen­ge­setzt sind bzw. wer­den kön­nen, so kön­nen auch nicht natur­wis­sen­schaft­li­che Objek­ti­vi­tät und theo­lo­gi­sche „Sub­jek­ti­vi­tät“ ent­ge­gen­ge­setzt wer­den, wie anfangs betont, weil in dem erst­ge­nann­ten sehr viel Inter­pre­ta­to­ri­sches, Modell­haf­tes, Kon­struk­ti­ves und Kon­struk­ti­vis­ti­sches drin steckt, was tra­di­tio­nell der „theo­lo­gi­schen Sub­jek­ti­vi­tät (so habe ich das der Ent­ge­gen­set­zung der Seman­tik hal­ber genannt) zuge­schrie­ben wird.

Mit ganz herz­li­chen Grü­ßen und Dank für Dei­ne freund­li­che Auf­nah­me mei­ner Diss. in die­sem Gedan­ken­zu­sam­men­hang.

Johan­nes Ditt­mer

 

 

 

 

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Info:
Art. Entmythologisierung (Diskussionsentwurf) ist Beitrag Nr. 3418
Autor:
Martin Pöttner am 29. Juni 2014 um 14:48
Category:
Alltag,Bildung,Religion und Mystik,TU Darmstadt,Uni Heidelberg,Was ist der Mensch?,Zeichen und Philosophie
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3 Comments »

  1. Admin

    Ich dan­ke für die ers­ten E-Mails, die ich bekom­men habe. Des­we­gen habe ich Tei­le von 1.3.3 ver­än­dert.

    Hier gel­ten die Regeln des Web 2.0. Wer also anonym blei­ben möch­te, gibt sich einen Fan­ta­sie­na­men und die E-Mail-Adres­se muss den Regeln ent­spre­chen.

    #1 Comment vom 02. Juli 2014 um 14:31

  2. Dr. Johannes Dittmer

    Lie­ber Mar­tin, das von Dir am Ende Dei­ner Mail an Prof. Dr. Dr. hc. Peter Stein­acker ange­spro­che­ne Pro­blem einer eben­so hart­nä­ckig ver­brei­te­ten wie hoch­gra­dig unsach­ge-mäßen Zugangs­wei­se zu bibli­schen Tex­ten bei vie­len – nicht nur jun­gen – Men­schen kann ich in sei­ner Bri­sanz und sei­ner Ver­brei­tung nur voll und ganz unter­strei­chen; das ist mir „wie aus der See­le gespro­chen“.
    0. Das will ich kurz erläu­tern durch eini­ge Bemer­kun­gen zu mei­nem per­sön­li­chen Zugang zum Text. Ich ste­he hier regel­mä­ßig eben­so fas­sungs­los wie sprach­los vor dem Phä­no­men, dass Schü­le­rin­nen und Schü­ler der Ober­stu­fe mir gegen­über fast aus­nahms­los zum Aus­druck brin­gen, dass sie davon aus­ge­hen und immer davon aus­ge­gan­gen sind, dass die bibli­schen Erzäh­lun­gen Berich­te über bzw. Dar­stel­lun­gen von tat­säch­lich statt-gefun­de­nen Ereig­nis­sen sind – und auch als sol­che wahr­ge­nom­men wer­den wol­len. Mit durch­weg gro­ßer Über­ra­schung und z.T. Irri­ta­ti­on neh­men sie dann die von mir ver­tre­te-ne und vor­ge­tra­ge­ne Auf­fas­sung vom Cha­rak­ter und Selbst­ver­ständ­nis bibli­scher Tex­te wahr. Manch­mal wer­de ich dann erstaunt und über­rascht gefragt „Haben Sie uns nicht gesagt, dass Sie Pfar­rer sind (mit der gedach­ten, nicht gesag­ten Fort­set­zung: wie kön­nen Sie dann so was sagen) ?“ „Sagen Sie das jetzt als Pfar­rer oder als Theo­lo­ge ?“ … In eini-gen weni­gen Fäl­len – bei Schü­le­rIn­nen mit frei­kirch­li­chem Hin­ter­grund – ist die Reak­ti­on von Skep­sis bis Ableh­nung (erkenn­bar an der Mimik, z.T. am Kopf­schüt­teln) geprägt. Die über­wie­gen­de Mehr­heit reagiert dann so, dass sie (mehr oder weni­ger unaus­ge­spro­chen) zum Aus­druck bringt: „Das haben wir ja immer schon gewusst (wenn auch uns nicht get-raut, [im Reli­gi­ons­un­ter­richt] öffent­lich zu sagen), dass das ja alles nicht sein kann. Also haben wir doch Recht gehabt damit, dass das alles Unfug, Lüge oder gro­ßer Quatsch ist. Man mei­ne doch nicht, dass man an …. glau­be oder dass dies und jenes pas­siert sein kön­ne ….. .“
    0.1 Hier offen­bart sich – für mich schmerz­lich und schier unbe­greif­lich-, die Tat­sa­che, dass die bis­he­ri­ge reli­giö­se Sozia­li­sa­ti­on – offen­sicht­lich trotz Reli­gi­ons­un­ter­richt und Kon­fir­man­den­un­ter­richt – nicht zur Gewin­nung grund­le­gen­der Ein­sich­ten, bes­ser dem Ange­bot trag­fä­hi­ger und anschluss­fä­hi­ger Model­le für einen adul­ten Glau­ben geführt hat. Das was ich hier fast aus­nahms­los wahr­neh­men kann ist die schon vor gerau­mer Zeit er-folg­te inne­re Abkehr, das Abge­schlos­sen-Haben mit kirch­lich gepräg­ter Reli­gi­on und Glau­bens­din­gen, spe­zi­ell mit einer reflek­tier­ten und her­aus­for­dern­den Wei­se der Wahr-neh­mung von reli­giö­sen Zei­chen­kom­ple­xen all­ge­mein und bibli­schen Tex­ten im beson­de-ren. Im letzt­ge­nann­ten Fall kann man dann natür­lich fast immer nur ver­lie­ren bzw. hat man schon ver­lo­ren. Sie haben dann schon abge­schlos­sen damit. Denn wenn man dar­auf hin­weist, dass da doch etwas ganz ande­res drin steckt, hören die meis­ten schon gar nicht mehr hin, haben das schon abge­hakt für sich oder füh­len sich bestä­tigt nach dem Mot­to: „… dass das nicht (unaus­ge­spro­chen, aber gemeint: his­to­risch-natur­wis­sen­schaft­lich) stimmt, haben wir ja immer schon ver­mu­tet oder gewußt … nun (end­lich) sagt uns das end­lich auch mal ein Reli­gi­ons­leh­rer“. Dass das so pas­siert uns wie es dazu kommt, dass einem das fast kon­ti­nu­ier­lich und aus­nahms­los selbst bei Ober­stu­fen-Schü­le­rIn­nen be-geg­net, dar­auf habe ich noch kei­ne Ant­wort. Dass hier schon in der Unter- und Mit­tel­stu-fe von man­chen Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen in Schu­le / Unter­richt und Pfarr­amt / Kon-fir­man­den­ar­beit nicht hin­rei­chend klar gear­bei­tet und in der Rede zwi­schen „Schöp­fung“ und „Welt­ent­ste­hung“ zum Bei­spiel klar unter­schie­den wird, mag mit ein Grund sein (das Glei­che gilt für die Unter­schei­dung zwi­schen bibli­schen Tex­ten als Lite­ra­tur und der (Un-)Möglichkeit, die bibli­schen Tex­te als Quel­len zur Rekon­struk­ti­on von his­to­ri­schen Sach-ver­hal­ten zu ver­wen­den. Aber eine hin­rei­chen­de Erklä­rung für das Phä­no­men bie­tet das allei­ne sicher noch nicht. Um kei­ne Miss­ver­ständ­nis­se zu erzeu­gen, hal­te ich aus­drück­lich fest, dass ich mit der Fest­stel­lung die­ses Zusam­men­hangs aus­drück­lich noch nichts über sei­ne Ent­ste­hung bzw. Ver­ur­sa­chung – und noch viel weni­ger über Mög­lich­kei­ten und Schrit­te der Besei­ti­gung die­ses Miss­stan­des gesagt habe – und sagen kann. Es wäre eine eben­so loh­nen­de wie wich­ti­ge Auf­ga­be, hier­an gemein­sam mit Ver­tre­tern von Schu­le, Kir­che und Uni­ver­si­tät zu arbei­ten, um über­haupt ein­mal zu ver­ste­hen, was hier über-haupt pas­siert. Vor die­sem Hin­ter­grund fin­de ich Dei­nen Bei­trag eben­so hilf­reich wie wei­ter­füh­rend und klä­rend !
    0.2 Zum bes­se­ren Ver­ständ­nis noch eini­ge Bemer­kun­gen zu mei­nen Beob­ach­tun­gen zu Schü­le­rIn­nen, Lehr­kräf­ten und der Orga­ni­sa­ti­on Schu­le, die nicht unmit­tel­bar fach­be­zo­gen sind, aber z.T. Aus­wir­kun­gen auf die Wahr­neh­mung eines ein­zel­nen Faches (wie z.B. Reli­gi­on, aber auch z.B. Bio, Che­mie und Phy­sik) haben.
    0.2.1 Die ein­zel­nen Unter­richts­fä­cher wer­den von den Schü­le­rIn­nen i.d.R. iso­liert wahr­ge­nom­men und auf­ge­nom­men – nach Art ein­zel­ner Schub­la­den oder Akten­ord­ner in einem Schrank, der Schu­le heißt. Die Dif­fe­renz der Fächer ergibt sich in der Wahr-neh­mung der Schü­le­rIn­nen pri­mär über eine Dif­fe­renz des Gegen­stands­be­reichs (nicht oder nur ansatz­wei­se über eine sol­che der Metho­den). So ent­steht – nicht nur für Ler­nen­de, son­dern auch für Leh­ren­de – der (irri­ge und unsach­ge­mä­ße) Ein­druck, jedes Fach beschäf­ti­ge sich mit einem eige­nen Gegen­stands­be­reich anstel­le der Ein­sicht, dass die ein­zel­nen Fächer alle­samt unter­schied­li­che Per­spek­ti­ven auf eine und die­sel­be Wirk­lich­keit reprä­sen­tie­ren – und sich nur durch jeweils spe­zi­fi­sche Me-tho­den kon­sti­tu­ie­ren.
    0.2.2 Es fällt auf, dass ein fach­über­grei­fen­der Per­spek­ti­ven­wech­sel den Schü­le­rIn-nen, oft aber auch Lehr­kräf­ten, schwer­fällt. So begeg­net einem beim Ver­such des Erklä-rens eines Sach­ver­halts – mit Mit­teln und Bil­dern oder Ver­glei­chen aus einem ande­ren Fach – nicht sel­ten die Rück­fra­ge: Sind Sie Phy­sik- oder Reli­leh­rer bzw. machen wir hier Reli­gi­on oder Deutsch (oder Mathe) mit Ihnen ? Oder: das gehört doch ins Fach Bio (o-der Geschich­te) – und nicht in den Reli­gi­ons­un­ter­richt.
    0.2.3 Ein viel­leicht weni­ger offen­kun­di­ges, aber im Blick auf alle Fächer viru­len­tes Pro­blem ist ein Selbst­ver­ständ­nis der Fächer (und infol­ge­des­sen auch ein dar­in sich spie­geln­des Ver­ständ­nis von Wirk­lich­keit), dem­zu­fol­ge das in den ein­zel­nen Fächern gesam­mel­te Wis­sen unser Wis­sen von der Wirk­lich­keit (d.h. dem phy­si­schen Uni­ver­sum) reprä­sen­tiert, jen­seits aller modell­theo­re­ti­schen und kon­struk­ti­vis­ti­schen Bre­chun­gen so-wie expli­zi­ter Refle­xio­nen auf die nicht­em­pi­ri­schen Impli­ka­tio­nen empi­ri­scher For­schung. Die cur­ri­cu­la­ren Vor­ga­ben der jewei­li­gen Fächer, beson­ders natür­lich in Unter- und Mit-tel­stu­fe, aber auch Ober­stu­fe, las­sen hier kaum etwas ande­res zu. Expli­zit ist dies The­ma in E1 im Fach Ev. Reli­gi­on unter dem The­ma „Reli­gi­on erfah­ren – Wirk­lich­keit wahr-neh­men“. Mög­li­che Bezugs­pun­ke und Kor­re­la­te im Fach Phy­sik z.B. ergä­ben sich regu­lär – laut Lehr­plan – expli­zit lt. Lehr­plan in Q3/4 im Zusam­men­hang nach-new­ton­scher, d.h. rela­ti­vis­ti­scher Mecha­nik, Quan­ten­theo­rie oder dem Dua­lis­mus Wel­le-Tei­len etc. Tat-säch­lich begeg­net die Pro­ble­ma­tik bzw. das Phä­no­men des Arbei­tens mit – mehr oder we-niger leis­tungs­fä­hi­gen (und nun gera­de nicht ein­fach fal­schen oder rich­ti­gen) – Model­len schon in der Mit­tel­stu­fe. So u.a. im Geo­gra­phie-, Geschichts- oder Phy­sik­un­ter­richt im Zusam-men­hang der Ent­wick­lung von Welt­bil­dern sowie im Che­mie­un­ter­richt im Zusam­men-hang der Ent­wick­lung von Atom­mo­del­len. (Vgl. z.B. die Vor­stel­lun­gen von der Erde als Schei­be, als Kugel [geo­zen­trisch, helio­zen­trisch], Bohr- und Rut­her­ford­sches Atom­mo­dell etc.). Ent­schei­dend ist, dass es hier immer (nur) um die unter­schied­li­che Reich­wei­te der Mög­lich­keit der Erklä­rung von Beob­ach­tun­gen geht. Für einen „Gang zum Bäcker“ wäre selbst eine Vor­stel­lung von der Erde als Schei­be noch hin­rei­chend leis­tungs­fä­hig. So be-kannt die benann­ten Sach­ver­hal­te in der Mit­tel­stu­fe auch sein mögen, so wenig wer­den sie im Blick auf die Fra­ge, was dies für Schlüs­se im Blick auf unser Bild von Wirk­lich­keit – und Wis­sen­schaft – zur Fol­ge hat. Manch­mal, ja häu­fig stel­len Schü­le­rIn­nen aber inte-res­san­te Fra­gen, die auf die­se Pro­ble­ma­tik hin­wei­sen, ohne dass sie in der Sekun­dar­stu­fe I expli­zit erör­tert wird. Das ist z.B. dann der Fall, wenn gefragt wird: Was war denn vor dem Urknall ? Was ist denn außer­halb des Uni­ver­sums ? Streng genom­men müß­te man hier ant­wor­ten, dass sol­che Fra­gen im prä­zi­sen Sin­ne „unsin­nig“ sind und gar nicht ge-stellt wer­den kön­nen. Anbei im Fol­gen­den eini­ge wei­ter­ge­hen­den Anmer­kun­gen:
    In Abschnitt 1 rekur­rierst Du zunächst auf die expe­ri­men­tel­le Metho­de, um ansch­lie-ßend die her­me­neu­ti­schen Kon­se­quen­zen dar­aus zu zie­hen. Hier­an schlie­ßen sich zwei sich gegen­sei­tig berüh­ren­de The­men­krei­se grund­sätz­li­che­rer Art an: die Fra­ge nach dem Cha­rak­ter von bibli­schen Tex­ten und – all­ge­mei­ner – reli­giö­ser Spra­che (vgl. Dei­ne Aus­füh­run­gen zu den her­me­neu­ti­schen Kon­se­quen­zen) sowie die Fra­ge nach dem Ver­hält­nis von Spra­che und Wirk­lich­keit (vgl. Dei­ne Aus­füh­run­gen zur expe­ri­men­tel­len Metho­de).
    1. Im Zusam­men­hang der expe­ri­men­tel­len Metho­de und dem Ide­al der Objek­ti­vi­tät wird von Dir auf Wer­ner Hei­sen­berg ver­wie­sen. Das recht­fer­tigt einen Blick auf die von zeit­ge-nös­si­schen Natur­wis­sen­schaft­lern geführ­te Dis­kus­si­on um das Ver­hält­nis von Spra­che und Wirk­lich­keit.
    1.1 W. Hei­sen­berg hat sich u.a. in den Gif­ford-Lec­tures (ver­öff. 1959, Hir­zel, Stutt­gart unter dem Titel „Phy­sik und Phi­lo­so­phie“) expli­zit zur Fra­ge nach dem Ver­hält­nis von Spra­che und Wirk­lich­keit (in der Phy­sik) geäu­ßert (hier bes. in der X. Vorl., ebd. 160-180). Er beschreibt hier (S. 167) die tra­di­tio­nel­le Auf­fas­sung der Begrif­fe in der Phy­sik als ein „geschlos­se­nes Sys­tem“, das auf „ein wei­tes Feld von Expe­ri­men­ten ange­wen­det“ wer­den konn­te, bevor er zu der impli­zi­ten Vor­aus­set­zung des Modells kommt, näm­lich dass nicht bestrit­ten wur­de, „dass jede Beob­ach­tung einen gewis­sen Ein­fluss auf die Erschei­nung aus­übt, die beob­ach­tet wer­den soll,“ wobei die­ser Ein­fluss aber als mini­mier­bar galt, was „als eine not­wen­di­ge Bedin­gung für die Ver­wirk­li­chung des Ide­als von Objek­ti­vi­tät“ galt. Bemer­kens­wer­ter­wei­se sagt W. H. gera­de nicht, dass er die­se Annah­me für berech­tigt hält. Anschlie­ßend wen­det er sich Quan­ten­theo­rie, Rela­ti­vi­täts­theo­rie und Kom­ple­men­ta-rität zu und spricht in die­sem Zusam­men­hang davon, dass es hier not­wen­dig zu einer an-deren, „vagen und unsys­te­ma­ti­schen“ Wei­se des Sprach­ge­brauchs kommt, eine Ver­wen­dung, die ähn­lich ist wie der „Sprach­ge­brauch im täg­li­chen Leben“ und „in der Dich­tung“ und „Kunst“. Am Bei­spiel der Musik greift er auf die Dif­fe­renz von „Genuss von Musik“ und „Ana­ly­se der Struk­tur“ zurück; eine Dif­fe­renz, die im Text zur Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung ja auch ange­spielt wird.
    1.2 Von hier aus legt sich die Fra­ge nach dem Cha­rak­ter der Spra­che in den Natur-wis­sen­schaf­ten und dem Sta­tus ihrer Aus­sa­gen (s. u.) nahe.
    1.2.1 Dazu soll zunächst ein ande­rer Zeit­ge­nos­se R. Bult­manns und W. Hei­sen­bergs, Albert Ein­stein, zu Wort kom­men – unter dem Titel „Phy­sik und Welt­bild“ (A. Ein­stein / L. Infeld, Die Evo­lu­ti­on der Phy­sik 1938, Wien/Hamburg 1950, 317-322). Er spricht hier im Zusam­men­hang der Rede vom Expe­ri­ment die kon­sti­tu­ti­ve und irre­du­zi­ble Rol­le des Moments des „Kon­struk­ti­on“ in allem Wis­sen an. Ein­stein resü­miert unter der Fra­ge nach den „all­ge­mei­nen Schlüs­sen“, die sich nun „aus der bis­he­ri­gen Ent­wick­lung der Phy-sik zie­hen las­sen“ (ebd. 317f): „Die Natur­wis­sen­schaft ist nicht bloß eine Samm­lung von Geset­zen, ein Kata­log zusam­men­hang­lo­ser Fak­ten. Sie ist eine Schöp­fung des Men-schen­geis­tes mit all den frei erfun­de­nen Ide­en und Begrif­fen, wie sie der­ar­ti­gen Gedan-ken­ge­bäu­den eigen sind. Phy­si­ka­li­sche Theo­ri­en sind Ver­su­che zur Aus­bil­dung eines Welt­bil­des und zur Her­stel­lung eines Zusam­men­han­ges zwi­schen die­sem und dem wei­ten Reich der sinn­li­chen Wahr­neh­mun­gen. Der Grad der Brauch­bar­keit unse­rer ge-dank­li­chen Spe­ku­la­tio­nen kann nur dar­an gemes­sen wer­den, ob und wie sie ihre Funk­ti­on als Bin­de­glie­der erfül­len. Wir haben gese­hen, wie die Phy­sik … immer wie­der neue Rea­li-täten schuf. Die­ser Schöp­fungs­pro­zess lässt sich aber weit über den Ursprung der eigent-lichen Phy­sik hin­aus zurück­ver­fol­gen (Hv. JD).“
    Die­se Aus­füh­run­gen las­sen sich so ver­ste­hen, dass zunächst einem „unkri­ti­schen“ o-der „vor­kri­ti­schen“ Ver­ständ­nis von „Expe­ri­ment“ gewehrt wird, wie es sich in dem weit ver­brei­te­ten Miss­ver­ständ­nis spie­gelt, dem­zu­fol­ge die (Natur)-Wissenschaften (bzw. Real-Wis­sen­schaf­ten) es mit der Wirk­lich­keit an sich zu tun hät­ten, sie erken­nen und beschrei-ben wür­den. So, als ob man es hier mit den „har­ten Fak­ten“ zu tun habe, die man ja auch „expe­ri­men­tell nach­wei­sen“ kön­ne ….
    1.2.2 Was sind dann die „Wirk­lich­keit“ von Natur­ge­set­zen und was ist ihre unmit-tel­ba­re Refe­renz, wenn sich die Din­ge also nicht ent­spre­chend unse­ren Vor­stel­lun­gen ver­hal­ten, die Din­ge fer­ner nicht so sind, wie sie erschei­nen, und Wis­sen sich schließ­lich nicht durch direk­te Beob­ach­tung gewin­nen lässt ? Direk­ter und radi­ka­ler als bei Ein­stein und sei­ner Rede von mensch­li­chen „Schöp­fun­gen“ und „Welt­bil­dern“ fällt die Kri­tik an einem unkri­ti­schen und posi­ti­vis­ti­schen Ver­ständ­nis von Natur­wis­sen­schaf­ten als exak­ten Wis­sen­schaf­ten bei einem ande­ren Zeit­ge­nos­sen aus. „Exak­te Wis­sen­schaft – was liegt alles in die­sen bei­den Wor­ten ! Sie erwe­cken die Vor­stel­lung eines stol­zen … Gebäu­des, wel­ches die Schät­ze aller Weis­heit in sich birgt …“; so beginnt Max Planck sei­nen Vor­trag (von 1941/42) „Sinn und Gren­zen der exak­ten Wis­sen­schaf­ten“ (ver­öf­fent­licht Opla­den 1947), um dann sehr viel beschei­de­ner fort­zu­fah­ren: „Es muss also doch wohl etwas in der Rech­nung nicht stim­men. Und in der Tat: wenn wir etwas näher zuse­hen und den Auf­bau der exak­ten Wis­sen­schaf­ten einer genaue­ren Prü­fung unter­zie­hen, dann wer­den wir sehr bald gewahr, dass das Gebäu­de eine gefähr­lich schwa­che Stel­le besitzt, und die­se Stel­le ist das Fun­da­ment. Dem Bau fehlt eine von vorn­her­ein nach allen Rich­tun­gen hin gesi­cher­te … Grund­la­ge ….“
    Natur­ge­set­ze stel­len dem­zu­fol­ge dann kei­ne Ele­men­te im phy­si­schen Uni­ver-sum dar, son­dern sol­che im psy­chi­schen Uni­ver­sum. Die (eigent­lich tri­cho­to­mi­sche !) Ein­tei­lung von Karl R. Pop­per in eine sog. phy­si­sche Welt als das rea­le Uni­ver­sum einer-seits und eine psy­chi­sche Welt als das psy­chi­sche Uni­ver­sum ande­rer­seits, hat Vor­läu­fer bei Gott­lob Fre­ge wur­de erneut von Harald Fritzsch popu­lär gemacht (vgl. ders., Vom Ur-knall zum Zer­fall. Die Welt zwi­schen Anfang und Ende, Piper München/Zürich 1983, 315-324). Wenn Natur­ge­set­ze – eben­so wie Theo­ri­en – Kon­struk­tio­nen, Pro­duk­te (Schöp­fun­gen) unse­res Den­kens sind, beschrei­ben sie nicht unmit­tel­bar ein Gegen­über in der Wirk­lich­keit, son­dern sind Ele­men­te eines eige­nen Bereichs von Wirk­lich­keit, genau-er: einer eige­nen „Wirk­lich­keit“, des psy­chi­schen Uni­ver­sums. Damit ist aus­ge­schlos­sen, Natur­ge­set­zen einen eige­nen onto­lo­gi­schen Sta­tus im Rah­men einer sub­stan­zon­to­lo­gi-schen Meta­phy­sik bei­zu­le­gen. Ihr Sta­tus kann im Rah­men eines – tri­cho­to­mi­schen (!), prä­zi­ser: tria­di­schen – semio­tisch begrün­de­ten Modells einer Meta­phy­sik (wie es z.B. bei Charles San­ders Peirce vor­liegt) prä­zi­ser beschrie­ben wer­den (vgl. dazu die Unter­su­chung von Johan­nes Ditt­mer, Schlei­er­ma­chers Wis­sen­schafts­leh­re als Ent­wurf einer pro­zes­sua-len Meta­phy­sik in semio­ti­scher Per­spek­ti­ve. Tria­di­zi­tät im Wer­den, TBT 113, Berlin/New York 2001).
    1.3 Vor die­sem Hin­ter­grund rich­tet sich der Blick auf die Rol­le der „nicht­em­pi­ri-schen Vor­aus­set­zun­gen empi­ri­schen Wis­sens“ und auf die Rol­le von „Model­len“ für alles Wis­sen. In der eben­so ein­präg­sa­men wie anschau­li­chen Erzäh­lung unter dem Titel „Das Netz des Phy­si­kers“ von Hans-Peter Dürr (ders., Natur­wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis in der Ver­ant­wor­tung, München/Wien 1998, 34) hat die­se Ein­sicht Ein­gang in man­che Schul­bü­cher gefun­den. In neue­rer Zeit ist die Akzen­tu­ie­rung der Modell-Ver­wie­sen­heit von Wis­sen von Ste­phen Haw­king fest­ge­hal­ten wor­den (ders; Das Uni­ver­sum in der Nuss­scha­le, Ham­burg 2001, S. 39 und ders., Der gro­ße Ent­wurf, Ham­burg 2011, S. 11f sowie ders., „Das Wesen wis­sen­schaft­li­cher Theo­ri­en“: ders./L. Mlo­di­now, Die kür­zes­te Geschich­te der Zeit, Ham­burg 2005). Denn auch Expe­ri­men­te fin­den aus­schließ­lich im Rah­men von bzw. unter Vor­aus­set­zung der Annah­me eines bestimm­ten Modells, und d.h. einer von Men­schen kon­stru­ier­ten Modell­vor­stel­lung statt. Ihnen, den Model­len, die sel-ber „Kon­struk­te“ und „Schöp­fun­gen“ der Men­schen dar­stel­len, kommt damit eine eben-so erkennt­nis-kon­sti­tu­ti­ve wie erkennt­nis-limi­tie­ren­de Funk­ti­on zu. Tat­säch­lich wird die-sen Model­len von Men­schen dann nicht sel­ten ein onto­lo­gi­scher Sta­tus zuge­spro­chen, der ihm aber gar nicht zukommt. Im Rah­men die­ser oder jener Modell­vor­stel­lung kön­nen dann die­se und jene Ver­su­che gemacht wer­den … die dann die­se und jene Beob­ach­tun-gen so und so deu­ten … (zum Wel­len- und Kor­pus­kel-Modell beim Ver­ständ­nis des Lichts cf. A. Ein­stein, ebd., 320). Die Fra­ge, was Licht sei, ist ein gutes Exem­pel dafür. Denn man kann vie­le Expe­ri­men­te machen, wo man annimmt, Licht­tei­len ver­hal­ten sich wie Kor­pus­keln … und auch sol­che, wo man annimmt, bzw. gezwun­gen ist, anzu­neh­men, dass Licht eigent­lich ein Wel­len­phä­no­men (mit Bre­chungs- und Inter­fe­renz­ef­fek­ten, z.B. beim Dop­pel­spalt­ex­pe­ri­ment) ist.
    2. Alle o.g. Aspek­te sind sach­lich – wie unschwer erkenn­bar gewor­den ist – mit­ein­an-der ver­knüpft. Gleich­zei­tig wei­sen sie (vor­der­grün­dig stär­ker viel­leicht bei 1.1 und 1.2.1) eine Nähe zum zwei­ten Pro­blem­kreis auf, der Fra­ge nach dem Cha­rak­ter von reli­giö-ser Spra­che (und bibli­scher Tex­te).
    Du arbei­test in 1.3.2 (Abschnitt 7) mit dem Gegen­über von „Mythos“ und „Logos“ – und der Näher­be­stim­mung des Cha­rak­ters die­ses Gegen­übers (d.h., beschreibt die­ses be-griff­li­che Gegen­über einen Ant­ago­nis­mus oder eine Stu­fen­fol­ge im Rah­men einer Ent-wick­lung oder han­delt es sich hier letzt­lich um eine Dif­fe­renz mit kri­tisch-heu­ris­ti­scher Funk­ti­on, um nur eini­ge Mög­lich­kei­ten zu nen­nen).
    Ich fin­de es hilf­reich und wei­ter­füh­rend, die­ser – von Rudolf Bult­mann sel­ber ein­ge-brach­te – Ter­mi­no­lo­gie ande­re seman­ti­sche Dif­fe­ren­zie­rungs­mo­del­le im Zusam­men­hang der Bestim­mung des Cha­rak­ters von reli­giö­ser Spra­che und bibli­scher Tex­te an die Sei­te zu stel­len. Es könn­te sich zei­gen, dass die­se ein Poten­ti­al bereit­stel­len, die o.g. Dif­fe­renz noch ein­mal schär­fer zu beleuch­ten. Die von mir nach­fol­gend vor­ge­schla­ge­nen drei An-sät­ze sind nicht voll­stän­dig, d.h. es es gibt hier sicher noch ande­re. Fer­ner ist die Dif­fe-renz von Mythos und Logos bzw. „objek­ti­vem“ Welt­bild natür­lich nicht ein­fach iden­tisch mit den nach­fol­gend genann­ten Dua­len, eben­so wenig wie jeweils eine Sei­te des einen Duals mit einer Sei­te des andern Duals (Ansat­zes) iden­tisch ist. Es gibt m. E. aber Kor­re-latio­nen zwi­schen jeweils einer Sei­te inner­halb und zwi­schen den ein­zel­nen Ansät­zen.

    2.1 Auf Jür­gen Mit­tel­straß geht die – seit den 90er Jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts breit rezi­pier­te (vgl. W. Här­le, G. Han­ekamp, E. Herms, B. Hipp­ler, W. Huber, F. Schweit­zer, Chr. Schwö­bel, u.v.a und z.T. vari­ier­te – Gegen­über­stel­lung von Ori­en­tie-rungs­wis­sen und Ver­fü­gungs­wis­sen zurück. Inzwi­schen ist die­se Dif­fe­ren­zie­rung inte-gra­ler Bestand­teil inter­dis­zi­pli­nä­rer Arbeit. Für Mit­tel­straß ist Ver­fü­gungs­wis­sen „ein Wis-sen um Ursa­chen, Wir­kun­gen und Mit­tel (gege­be­ne Zwe­cke zu errei­chen); es ist das Wis-sen, das Wis­sen­schaft und Tech­nik unter gege­be­nen Zwe­cken zur Ver­fü­gung stel­len“, wäh­ren Ori­en­tie­rungs­wis­sen „ein Wis­sen um gerecht­fer­tig­te Zwe­cke und Zie­le“ ist. Ver-ein­facht gesagt (vgl. W. Marotz­ki) eig­net sich der Mensch die Din­ge über Ver­fü­gungs­wis-sen (als Kon­trol­le ermög­li­chen­des Wis­sen; äuße­re, instru­men­tel­le Beherr­schung von Mit-teln mit einer Qua­li­fi­zie­rungs­funk­ti­on) an (WIE mache ich was ?), wäh­rend der Mensch über Ori­en­tie­rungs­wis­sen (als Form refle­xi­ven Wis­sens mit einer Ori­en­tie­rungs­funk­ti­on) in ein reflek­tier­tes Ver­hält­nis zu ihnen tritt (WARUM mache ich etwas ?). Bil­dungs­pro-zes­se umfas­sen immer bei­de Dimen­sio­nen. Gleich­zei­tig wei­sen Reli­gi­on / Glau­bens-kom­mu­ni­ka­ti­on (und Theo­lo­gie) ganz offen­sicht­lich eine deut­li­che Affi­ni­tät zu „Ori­en­tie-rungs­wis­sen“ auf. Das wird deut­lich, wenn man sich ver­ge­gen­wär­tigt, dass einer­seits Glau­ben als Ver­trau­en ein Wirk­lich­keits­ver­ständ­nis impli­ziert und dass es fer­ner ein Spe-zifi­kum des Ori­en­tie­rungs­wis­sens dar­stellt, dass es die kon­sti­tu­ti­ve Eigen­schaft allen Wis-sens – dass es stets per­spek­ti­visch gebun­den ist – sei­ner­seits aus­drück­lich the­ma­ti­siert und reflek­tiert und dass das Ori­en­tie­rungs­wis­sen die Basis­ori­en­tie­rung des Men­schen for­mu-liert, d.h. jene hand­lungs­lei­ten­den Gewiss­hei­ten, die allen kon­kre­ten Hand­lun­gen eines Men­schen immer schon vor­aus und zugrun­de lie­gen – und die dann in For­mu­lie­run­gen von Glau­bens­über­zeu­gun­gen über Grund, Ursprung, Ver­fas­sung und Ziel von Mensch und Welt Aus­druck gewin­nen.
    Im Anschluss hier­an las­sen sich zwei kri­ti­sche Beob­ach­tun­gen machen. Zum einen ei-ne inner­halb des Bil­dungs­ge­sche­hens zuneh­mend beob­acht­ba­re Dis­so­zi­ie­rung in einer-seits eine Focus­sie­rung von Bil­dungs­pro­zes­sen auf ver­wert­ba­res, ope­ra­tio­na­les und in-stru­men­tel­les Wis­sen oder unmit­tel­bar anwend­ba­re Fer­tig­kei­ten und die dann ande­rer­seits erfol­gen­den Kom­pen­sa­ti­ons­ver­su­che, die­ser Ein­sei­tig­keit und die­sem Reduk­tio­nis­mus ent­ge­gen­zu­tre­ten. Dies geschieht z.B. in bestimm­ten Erwar­tun­gen an den schu­li­schen Reli­gi­ons­un­ter­richt als Wer­te­ver­mitt­lung und Wer­te­er­zie­hung. Letzt­lich kommt es hier aber zur Ver­wechs­lung von Reli­gi­on und Moral. Zum ande­ren ist nicht sel­ten eine Ten-denz beob­acht­bar, die aus der Unter­schei­dung eine Tren­nung von Wis­sens­for­men macht, mit der Kon­se­quenz, dass sie die Ten­denz auf­weist, Ori­en­tie­rungs­wis­sen nur unter Aus-schluss von Ver­fü­gungs­wis­sen zu den­ken, wie es z.B. im Fun­da­men­ta­lis­mus geschieht (Vgl. Jür­gen Haber­mas, Glau­ben und Wis­sen, Frie­dens­preis­re­de, Frank­furt 2001).
    2.1 Es ist hier auf die auf Lud­wig Witt­gen­stein zurück­ge­hen­de Unter­schei­dung von (empi­ri­schen) Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen und reli­giö­sen Aus­sa­gen, bei denen es ge-rade nicht um ein Für-Wahr-Hal­ten von Pro­po­si­tio­nen geht, hin­zu­wei­sen. (Vor­le­sun-gen über den reli­giö­sen Glau­ben). Er war es ja, der das Dic­tum geprägt hat, wonach „wir (Men­schen) spü­ren, dass selbst, wenn alle mög­li­chen wis­sen­schaft­li­chen Fra­gen beant-wor­tet sind, unse­re Lebens­pro­ble­me noch lan­ge nicht berührt sind“. Das ein­gangs skiz-zier­te Pro­blem bzw. Miss­ver­ständ­nis vie­ler Men­schen bezüg­lich reli­giö­ser Rede im all­ge-mei­nen und bibli­scher Erzäh­lun­gen im beson­de­ren wäre dem­zu­fol­ge auf eine fata­le Ver-wechs­lung zurück­zu­füh­ren. Die Aus­sa­gen und Erzäh­lun­gen wür­den nicht als Lite­ra­tur, son­dern irr­tüm­li­cher­wei­se als Pro­po­si­tio­nen und Aus­sa­gen­zu­sam­men­hän­ge auf­ge­fasst, die als sol­che unmit­tel­bar einen Wahr­heits­an­spruch in his­to­ri­scher oder natur­wis­sen­schaft­li-cher Hin­sicht erhe­ben. Theo­lo­gisch gespro­chen wird hier ein gehalt­vol­ler Begriff von „Glau­ben“ i.S. eines prä­po­si­tio­na­len Glau­bens­ver­ständ­nis­ses (glau­ben an …) auf eine Begriff von „Glau­ben“ i.S. eines pro­po­si­tio­na­len Glau­bens­ver­ständ­nis­ses (glau­ben, dass etwas der Fall ist …) redu­ziert bzw. damit ver­wech­selt.
    2.3 Schließ­lich ist hier auf die von Man­fred Arndt – in Auf­nah­me von Jochen Hörisch – ver­wen­de­te Gegen­über­stel­lung von „Gleich­nis­sen“ und „Glei­chun­gen“ … als For­men, „über das Leben zu spre­chen“ hin­zu­wei­sen (M. Arndt; Spi­ri­tua­li­tät als Le-bens­kunst – Auf der Suche nach einem Weg zwi­schen Athe­is­mus und Fun­da­men­ta­lis­mus, 2. Aufl. 2011, Nor­der­stedt). Sie stellt in gewis­ser Wei­se eine Re-Inter­pre­ta­ti­on von Witt-genstein’s Sprach­spiel­dif­fe­renz dar. Hier kann man sehr anschau­lich deut­lich machen, wel­che Fol­gen es hat bzw. wel­chen „Un-sinn“ es ergibt, ein natur­wis­sen­schaft­li­ches Sprach­spiel auf ein künst­le­ri­sches anzu­wen­den (z.B. eine Beet­ho­ven­sym­pho­nie auf ein Schau­bild von Ton­schwin­gun­gen oder ein Cezan­ne-Gemäl­de auf eine Pig­ment-Matrix zu redu­zie­ren, so wie ein Ver­ständ­nis eines Gleich­nis-Tex­tes unter der Bril­le von „Glei­chun-gen“ kei­nen Sinn ergibt). Arndt ver­knüpft hier geschickt und auf anre­gen­de Wei­se Über-legun­gen von Wil­fried Enge­mann, Hen­ning Luther, Lud­wig Witt­gen­stein, Jean-Fran­cois Lyo­tard u.a. zu Reli­giö­se Gro­ßerzäh­lun­gen, Sprach­spie­len, Leben als Frag­ment, Ritua­len etc.), dabei ana­ly­siert und kri­ti­siert er den fun­da­men­ta­lis­ti­schen Fröm­mig­keits­stil auf der Suche nach einer ange­mes­se­nen Form von Fröm­mig­keit (Spi­ri­tua­li­tät).
    2.4 Cha­rak­te­ris­tisch für die­se Ansät­ze – und ver­mut­lich eben­so wenig zufäl­lig wie un-pro­ble­ma­tisch – ist die Tat­sa­che, dass die­se Ein­tei­lun­gen und Gegen­über­stel­lun­gen mit einem Dual als Grund­mo­dell arbei­ten. Tat­säch­lich sind die Din­ge ja ver­zwick­ter und ver-wickel­ter, wie man auch beim Gegen­über von Ori­en­tie­rungs- und Ver­fü­gungs­wis­sen un-schwer sehen kann. Das lässt sich ja nicht ein­fach – wie mit einem Rasier­mes­ser – tren­nen und auf­tei­len, son­dern es sind hier ja eher Schwer­punkt­set­zun­gen und Per­spek­ti­ven­dif­fe-ren­zen, um die es geht. Man könn­te sogar geneigt sein, zu fra­gen, ob nicht das Ori­en­tie-rungs­wis­sen (als eine Form von Lebens­wis­sen – um mit B. Hipp­ler zu spre­chen) not­wen-dig immer For­men von Ver­fü­gungs­wis­sen ein­schließt, wäh­rend –– Ver­fü­gungs­wis­sen ohne aus­ge­präg­tes Ori­en­tie­rungs­wis­sen „denk­bar“ wäre, auch wenn dies dann ver­hee­ren-de Kon­se­quen­zen hät­te.
    Es wäre zu prü­fen, ob und wel­che Ver­bin­dun­gen zwi­schen dem sog. Ori­en­tie­rungs­wis-sen (der Fra­ge nach Sinn, Zweck und Ziel, der Bestim­mung von etwas) einer­seits und dem Exis­tenz­ver­ständ­nis nach Bult­mann ande­rer­seits bestehen. Ers­te­res arti­ku­liert sich ja offen­kun­dig in nar­ra­ti­ven Text­zu­sam­men­hän­gen. Das wird bei der Dis­kus­si­on um die Fra­ge, was hier Wahr­heit bedeu­tet, wich­tig. Im Rah­men von Ori­en­tie­rungs­wis­sen kann man ja einen Text for­mu­lie­ren, der – in his­to­ri­scher oder natur­wis­sen­schaft­li­cher Hin­sicht – nicht „wahr“ ist, der aber gleich­wohl im Blick auf die Beant­wor­tung von Lebens­fra­gen und Exis­tenz­fra­gen „wahr“ sein kann, wes­halb dann land­läu­fig auch von einer „lite­ra­ri-schen“ oder „theo­lo­gi­schen“ (Hin­sicht von) Wahr­heit gespro­chen wird. [Für die meis­ten Schü­le­rIn­nen ist ein Aus­sa­gen­zu­sam­men­hang, der natwissenschaftlich/historisches „un-wahr“ ist, auto­ma­tisch, dass er „wert­los“ erscheint. Es geht da ganz offen­sicht­lich ja um ein Wie­der­ge­win­nen des Ver­ständ­nis­ses von (bibli­schen) Tex­ten als Lite­ra­tur … bzw. um eine Abkehr von einer Reduk­ti­on auf Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen.
    Die Pro­ble­ma­ti­sie­rung oder Bre­chung des (oft nahe lie­gen­den Miss­ver­ständ­nis­ses ) des nai­ven Expe­ri­ment-Ver­ständ­nis­ses wäre u.U. hilf­reich für die Behand­lung der beson­de­ren Ver­ste­hens­wei­se des Mythos. Letzt­lich wird ja die auf den ers­ten Blick starke/starre Ent-gegen­set­zung von Empirie/Realität/Objektivität und anthro­po­lo­gi­schem Exis­tenz­ver-ständ­nis „gebro­chen“, indem deut­lich wird, dass auch im Fal­le der vor­der­grün­di­gen Ob-jek­ti­vi­tät es um mensch­li­che Vor­stel­lun­gen von …. geht. … Das, was tra­di­tio­nell als „ob-jek­ti­ves“ Gesche­hen ange­se­hen wird, ist tats. gar nicht so „objek­tiv“, son­dern nur unter ganz bestimm­ten theo­re­ti­schen Vor­an­nah­men (nicht-empi­ri­sche Vor­aus­set­zun­gen … Modell-Annah­men). Ähn­lich wie bei dem „schein­ba­ren“ Gegen­über von Ori­en­tie­rungs- und Ver­fü­gungs­wis­sen wäre hier eine Pro­zess-Struk­tur zu ent­wi­ckeln. Die Berei­che der „Ver­flüs­si­gung“ von Dua­len / star­ren Gegen­sät­zen, den Pro­zess­cha­rak­ter und die Rol­le von Tex­ten und der Spra­che für die Mensch­wer­dung bzw. den Men­schen habe ich hier des­halb gar nicht mehr aus­drück­lich behan­delt, denn das habe ich an ande­rer Stel­le aus-führ­li­cher und dif­fe­ren­zier­ter dar­ge­stellt (Johan­nes Ditt­mer, 2001).

    3. Schluss­fol­ge­run­gen aus einer Ver­knüp­fung der ein­gangs skiz­zier­ten Beob­ach-tun­gen mit den o.g. Über­le­gun­gen: Noch gra­vie­ren­der und fol­gen­rei­cher ist die Tat­sa-che, dass Schü­le­rIn­nen in ganz über­wie­gen­dem Maße (aber nicht nur sie) in ihrer All­tags-wahr­neh­mung und –deu­tung fak­tisch nicht zwi­schen Ori­en­tie­rungs- und Ver­fü­gungs­wis-sen unter­schei­den; genau­er: sie sub­su­mie­ren fak­tisch Reli­gi­on, d.h. reli­giö­se Tex­te und Sprach­for­men unter das Ver­fü­gungs­wis­sen – und legen dar­an auch den für das Ver­fü-gungs­wis­sen cha­rak­te­ris­ti­schen Wahr­heits­be­griff (his­to­ri­sche oder natur­wis­sen­schaft­li­che Wahr­heit) an. Es besteht der Ein­druck, dass das schu­li­sche Ler­nen ins­ge­samt in allen Fä-chern auf Ver­fü­gungs­wis­sen abzie­le. Wenn dies der Fall wäre, wür­de sich das schu­li­sche Ler­nen dem Szi­en­tis­mus aus­lie­fern. Dass es in reli­giö­sen Tex­ten – ana­log wie in der Lite-ratur oder der Kunst – um eine lite­ra­ri­sche bzw. theo­lo­gi­sche Wahr­heit geht, die in der Regel über Aus­sa­gen­zu­sam­men­hän­ge aus­ge­drückt und for­mu­liert wird, die als sol­che aber durch­aus oft his­to­risch und natur­wis­sen­schaft­lich „falsch“ sind – und auch „falsch“ sein kön­nen, erscheint eben­so schwie­rig nach­voll­zieh­bar wie die Fra­ge nach dem Unver­füg­ba-ren mensch­li­cher Exis­tenz auf unmit­tel­ba­re Evi­denz stößt. Gera­de für den und bei den Umgang mit bibli­schen Erzäh­lun­gen ist die­se Dif­fe­renz­kom­pe­tenz wich­tig, damit nicht wei­te Tei­le des Über­lie­fe­rungs­zu­sam­men­hän­ge sich als ernst­zu­neh­men­de Gesprächs­part-ner in den Augen der Schü­le­rIn­nen (und Leh­ren­den) von vor­ne­her­ein dis­qua­li­fi­zie­ren. Auch wenn die­se Ein­sicht ein­mal erkannt und aner­kannt ist, ist sie noch in kei­ner Wei­se ver­in­ner­licht bzw. habi­tua­li­siert. Tat­säch­lich gibt es aber auch kaum bewuss­te Kon­fron­ta-tio­nen damit im Rah­men des regu­lä­ren Unter­richts­ge­sche­hens. Im Reli­gi­ons­un­ter­richt tritt die­ses Pro­blem natür­lich häu­fi­ger zuta­ge, aber in der Regel dann, wenn ver­meint­li­che Wahr­heits­an­sprü­che der Reli­gi­on mit Ver­weis auf den Wider­spruch zum gesun­den Men-schen­ver­stand bestrit­ten wer­den, und damit nur so, dass die Lehr­kraft dann immer nur in apo­lo­ge­ti­scher Absicht spre­chend erscheint. Wün­schens­wert wäre – auch im Sin­ne der vor­an­ge­gan­ge­nen Aus­füh­run­gen zur Fähig­keit zum Per­spek­ti­ven- und Sprach­spiel­wech­sel – ange­sichts einer Domi­nanz eines natur­wis­sen­schaft­lich-tech­ni­schen und an Tat­sa­chen und Zweck­ra­tio­na­li­tä­ten ori­en­tier­ten Wirk­lich­keits­zu­gangs die Ein­sicht, dass man sich über fun­da­men­ta­le und hand­lungs­lei­ten­de Grund­ge­wiß­hei­ten sowie Lebens­fra­gen über-haupt nur über eine bestim­me Art von Tex­ten ver­stän­di­gen kann, d.h. in die Irre­du­zi­bi­li-tät und den Mehr­wert einer gewis­sen Deu­tungs­kul­tur. Das Ori­en­tie­rungs­wis­sen über-schrei­tet die Ebe­ne der Kennt­nis von Sach­ver­hal­ten und Zusam­men­hän­gen hin auf Zwe-cke und Zie­le, Sinn- und Lebens­fra­gen und kul­mi­niert in einem Urteils­ver­mö­gen, das sich not­wen­dig außer­halb der kon­kret ver­han­del­ten Sache grün­det und begrün­det.
    4. Wei­te­re Anmer­kun­gen zu Ein­zel­ge­sichts­punk­ten:
    Was Du dann unter 1.2.2 (Abschnitt 4) aus­führst, dass der Mythos gar nicht objek­tiv – kos­mo­lo­gisch inter­pre­tiert wer­den will, passt zu dem, dass ein „Gleich­nis“ nicht als „Glei­chung“ ver­stan­den wer­den will, oder Aus­sa­gen­zu­sam­men­hän­ge im Rah­men des O-rien­tie­rungs­wis­sens (Kunst, Lite­ra­tur und Reli­gi­on) als sol­che des Ver­fü­gungs­wis­sens (Natur­wis­sen­schaft, His­to­rie). Erhel­lend zur Stuk­tur des Mythos fand ich den Bei­trag von Clau­de Levi-Strauß mit dem Titel „Der hin­ge­rich­te­te Weih­nachts­mann“ (in: Der KOMET. Alma­nach der Ande­ren Biblio­thek auf das Jahr 1991, Eichborn/Frankfurt 1990, S. 162-190).
    Im letz­ten Absatz von 1.2.2 benennst Du am Schluss die Über­ein­stim­mun­gen zwi-schen Bult­mann und Dew­ey, nach­dem Du vor­her auf die grund­le­gen­de Dif­fe­renz zwi-schen bei­den (hin­sicht­lich der Fra­ge der Wei­ter­füh­rung des kar­te­si­schen Dua­lis­mus) hin-gewie­sen hast. Ich ver­mu­te, dass das aber nicht hin­rei­chend klar wird, wes­halb hier u.U. noch eine Erläu­te­rung sinn­voll wäre. Die­ser Punkt wird ja von Dir ganz am Schluss Dei-nes Bei­trags (unter dem Stich­wort Geis­t/­Na­tur-Dual) noch mal auf­ge­grif­fen. Kön­ne man in einem / weni­gen Sät­zen aus­füh­ren, wie Dew­ey den Geist-/Na­tur – Dual „unter­läuft“ bzw. ver­lässt ?
    Im letz­ten Absatz von 1.2.3 (Abschnitt 5) vor der Über­schrift „Die Ver­kün­di­gung Jesu als Vor­aus­set­zung der Theo­lo­gie des NT“ habe ich mir an den Rand (Pas­si­ve Kon­sti­tu­ti-on) und den Ver­weis auf die Figur des Hei­li­gen Geis­tes in der chrl. Tra­di­ti­on notiert, die ja in gewis­ser Wei­se eine wei­ter­füh­ren­de (dif­fe­ren­zie­ren­de) Inter­pre­t­an­ten­bil­dung von Mt. 16, 13-17, bes. V. 17 dar­stellt. Ich weiß aber nicht, ob das hier passt …. Der Anknüp-fungs­punkt ist die Fest­stel­lung der Nicht-Mög­lich­keit für den Men­schen, es (selbst) zu tun. Dies ist ja mit der Fra­ge der Ent­schei­dung, vor die der Mensch gestellt ist, zu ver­mit-teln. Die Fra­ge – die haben wir ja schon im Anschluss an Dei­ne ein­drück­li­che Pre­digt in Gries­heim kurz ange­spro­chen – ist ja, kann sich der Mensch hier über­haupt ent­schei­den – oder wer oder was ist es, was sich hier ent­schei­det (zu was …) … wenn man das Moment der Erlö­sungs­re­li­gi­on nicht rela­ti­vie­ren will. Müs­sen die (vom Keryg­ma ange­re­de­ten) denn nicht schon ande­re sein, um sich ent­schei­den zu kön­nen …. Oder wie kann man bei­de Ele­men­te fest­hal­ten, ohne dass „eines hin­ten run­ter fällt“ ?
    Zu den Aus­füh­run­gen von Dir unter 1.3.3 (bzw. Abschnitt 8: die Kri­tik am Supra­na­tu-rali­su­mus­as­pekt) sind mir die Aus­füh­run­gen von M. Arndt zur Buße /metanoia im Zu-sam­men­hang der Kri­tik des Fun­da­men­ta­lis­mus in den Sinn gekom­men. Er nimmt hier Wil­fried Enge­mann (Die Lebens­kunst und das Evan­ge­li­um und bes.: Reli­gi­on und Le-bens­stil. Stil­merk­ma­le und –brü­che christ­li­cher Lebens­kunst) auf , wenn er „jede Art von Fun­da­men­ta­lis­mus als dras­tischs­te Art, reli­giö­sen Stil­bruch zu betrei­ben“ bezeich­net. „Denn der Fun­da­men­ta­list ist sich sei­ner immer gewiss. Selbst der Akt der Buße wird – wo er, wie z.B. in evan­ge­li­ka­len Krei­sen, geübt wird – para­do­xer­wei­se kul­ti­viert und ge-pflegt als Akt der Selbst­ver­ge­wis­se­rung. Man gesteht sich ein, tem­po­rär vom rich­ti­gen Pfad abge­wi­chen zu sein, vor­über­ge­hend Stil­bruch began­gen zu haben, aber eigent­lich immer schon gewusst zu haben, was wahr und für das eige­ne leben gut ist. … Die ur-sprüng­li­che Seman­tik (sc. eigent­lich müß­te hier ver­mut­lich Prag­ma­tik ste­hen …; JD) wird hier letzt­lich per­ver­tiert. .“ Er dis­ku­tiert hier die vier von Enge­mann genann­ten Stil-merk­ma­le (Buße als Infra­ge­stel­lung der Selbst- und Welt­in­ter­pre­ta­ti­on, Frei­heit als Bin-dung an das eige­ne Gewis­sen, Dia­log als Basis der Selbst­ent­fal­tung und Gebet als Selbst-explo­ra­ti­on der jüdisch-christ­li­chen Tra­di­ti­on) durch (ebd. S. 121ff).
    Inter­es­sant fin­de ich, wie er hier die struk­tu­rel­le Par­al­le­li­tät von Athe­is­mus und Fun-damen­ta­lis­mus betont, die ja bei­de eine Ver­wechs­lung infol­ge einer unzu­läs­si­gen Gleich-set­zung voll­zie­hen. „Bei­de Sät­ze, die der Gott­heit Geben und Nicht-Geben gegen­über-stel­len, sind glei­cher­ma­ßen unsin­nig, weil sie dem Wesen von Reli­gi­on nicht gerecht wer-den, Das Wort „geben“ setzt ein fak­ti­sches Vor­han­den­sein vor­aus, das geleug­net oder bestä­tigt wird. Damit bewe­gen sich aber der Athe­is­mus und Fun­da­men­ta­lis­mus einer ganz und gar faschen Spur. … Reli­giö­se Spra­che ist Lite­ra­tur­spra­che und fixiert kei­ne Tat­sa-chen im natur­wis­sen­schaft­li­chen Sin­ne. Ein natur­wis­sen­schaft­li­ches Ver­ständ­nis des reli-giö­sen Sprach­spiels ist also völ­lig unan­ge­mes­sen. Es ver­wech­selt … „Gleich­nis­se“ mit „Glei­chun­gen“. …“
    Dei­ne Aus­füh­run­gen unter 1.3.3. fin­de ich her­vor­ra­gend …. Ich habe nur gedacht, hier denkt man ja immer auch an Fun­da­men­ta­lis­mus … Die­se Nähe – aber u.U. auch Dif­fe-renz in man­chen Punk­ten, denn (ver­glei­che dazu die o.g. Haber­mas – Preis­re­de zur Ver-lei­hung des Frie­dens­prei­ses ) Fun­da­men­ta­lis­mus lässt sich ja nicht ein­fach auf Supra­na­tu-ralis­mus redu­zie­ren (bzw. umge­kehrt), aber es gibt auch vie­le Bezü­ge zwi­schen bei­den. Wäh­rend Fun­da­men­ta­lis­mus ein Phä­no­men der Moder­ne ist, gab es Supra­na­tu­ra­lis­mus auch schon vor­her.
    Die von Dir im letz­ten Abschnitt benann­ten Aspek­te der Mit­wir­kung des Lesers an der Inter­pre­ta­ti­on las­sen sich auf die anfangs benann­ten Model­le der Quan­ten­theo­rie (Hei-sen­berg) bezie­hen, eben­so wie die Bre­chung der schein­bar „Objek­ti­ven“ Dar­stel­lun­gen in den Natur­wis­sen­schaf­ten durch den modell­theo­re­ti­schen Hin­ter­grund …. Auf die von Dir stark gemach­te – von Bult­mann abwei­chen­de – Inter­pre­ta­ti­ons­li­nie.
    So, wie Mythos und Logos gar nicht starr ent­ge­gen­ge­setzt sind bzw. wer­den kön­nen, so kön­nen auch nicht natur­wis­sen­schaft­li­che Objek­ti­vi­tät und theo­lo­gi­sche „Sub­jek­ti­vi-tät“ ent­ge­gen­ge­setzt wer­den, wie anfangs betont, weil in dem erst­ge­nann­ten sehr viel In-ter­pre­ta­to­ri­sches, Modell­haf­tes, Kon­struk­ti­ves und Kon­struk­ti­vis­ti­sches drin steckt, was tra­di­tio­nell der „theo­lo­gi­schen Sub­jek­ti­vi­tät (so habe ich das der Ent­ge­gen­set­zung der Seman­tik hal­ber genannt) zuge­schrie­ben wird.
    Mit ganz herz­li­chen Grü­ßen und Dank für Dei­ne freund­li­che Auf­nah­me mei­ner Diss. in die­sem Gedan­ken­zu­sam­men­hang.
    Johan­nes Ditt­mer

    #2 Comment vom 13. Juli 2014 um 20:11

  3. Martin Pöttner

    Lie­ber Johan­nes,

    ganz herz­li­chen Dank für Dei­nen aus­führ­li­chen Text und die reich­hal­ti­gen Zita­te, die hier sicher­lich eini­ge lesen – und sich hof­fent­lich auch durch die Lite­ra­tur­an­ga­ben anre­gen las­sen. Dass Dein Name fett gedruckt ist, ist so üblich, mal sehen, ob ich das vari­ie­ren kann. Dass Dein Titel erkenn­bar ist, rührt daher, dass die Maschi­ne her­aus­ge­fun­den hat, dass Du eine der bes­ten theo­lo­gi­schen Arbei­ten seit den 1980er Jah­ren geschrie­ben hast, die zudem phi­lo­so­phi­schen Tief­gang hat. Mei­ne Stu­die­ren­den wei­se ich nicht sel­ten auf die­ses Werk hin. Daher zitie­re ich es auch als Lite­ra­tur in die­sem Arti­kel.
    Ich habe das zu mei­nen Erfah­run­gen gegen­über Peter Stein­acker gesagt, weil ich schon lan­ge beob­ach­te, dass Bult­mann oder Til­lich weit­ge­hend fol­gen­los geblie­ben sind, wenn man Stu­die­ren­de und Schüler/innen betrach­tet.
    Es gibt zwei auf der Hand lie­gen­de Grün­de.
    • Zum einen wen­den Professor/inn/en, Pfarrer/inn/en und Religionslehrer/innen unzu­rei­chen­de didak­ti­sche Metho­den an, und zwar sol­che, wel­che die Eigen­ak­ti­vi­tät zu wenig för­dern oder for­dern.
    • Das hängt zum ande­ren damit zusam­men zusam­men, dass der Bil­dungs­pro­zess noch immer zuneh­mend auf das Über­le­ben in der Kon­kur­renz­ge­sell­schaft aus­ge­rich­tet ist.
    Das ist im Übri­gen schon in den „Reden“ Schlei­er­ma­chers klar erkannt wor­den. Der­je­ni­ge, der das päd­ago­gisch am klars­ten ope­ra­tio­na­li­siert und auch durch­dacht hat, war Dew­ey (vgl. jetzt die aus­führ­li­che Erör­te­rung in: Ham­pe, Die Leh­ren der Phi­lo­so­phie, 2014). D. h., wenn die von Dir bevor­zug­te Unter­schei­dung von Ori­en­tie­rungs­wis­sen und Ver­fü­gungs­wis­sen hilf­reich sein soll, muss sie mit didak­ti­schen Metho­den kom­bi­niert wer­den, die unter Annet­te Scha­van ver­pönt waren. Ich habe mich immer gewun­dert, war­um sie in ihrer Dis­ser­ta­ti­on prag­ma­tis­ti­sche Auto­ren zitiert – und eine sol­che Bil­dungs­po­li­tik macht. Jetzt wis­sen wir es. Sie hat ihr Leben opti­miert und wich­ti­ge Lite­ra­tur gar nicht gele­sen, son­dern nur aus der Sekun­där­li­te­ra­tur zitiert, mit­hin sich damit auch nicht aus­ein­an­der­ge­setzt. Aber sie hat erfolg­reich die Ori­en­tie­rung an der Kon­kur­renz­ge­sell­schaft wei­ter betrie­ben.
    Für die Welt der Uni geht es m. E. Es läuft auch in Darm­stadt, da muss es aber dar­auf hin­auf­lau­fen, dass ich noch weni­ger aktiv wer­den muss, son­dern mei­ne Akti­vi­tät dar­auf kon­zen­trie­re, die Lust der Stu­die­ren­den am kom­ple­xen Wis­sen zu beför­dern.
    Bult­mann und Dew­ey
    Mög­li­cher­wei­se klin­gen mei­ne Äuße­run­gen irgend­wie so, dass ich mein­te, die bei­den in der Über­schrift mein­ten, es gebe eine objek­ti­ve Rea­li­tät, die nur abge­spie­gelt wer­den muss o. Ä. Das mei­nen bei­de nicht. Sowohl Bult­mann als auch Dew­ey fol­gen der Auf­fas­sung, wir sei­en Mit­spie­ler in der Rea­li­tät – und stün­den ihr nicht gegen­über. Zur Her­kunft des Gedan­kens vgl. hier. (Das ermög­licht übri­gens die beschwer­de­freie Ein­bin­dung Bult­manns in pro­zessphi­lo­so­phi­sche Über­le­gun­gen.) Daher ist auch Peters Ein­wand, Deu­ser habe ihm ver­si­chert, dass die Natur­wis­sen­schaf­ten heu­te etwas ganz ande­res sag­ten als 1941, sach­lich irrele­vant. Es geht um die expe­ri­men­tel­le Metho­de und die­se ist von Peirce und Dew­ey (weni­ger von Pop­per) sehr gut ver­stan­den wor­den. Und dar­auf bezie­he ich auch die Äuße­run­gen von Bult­mann. Danach ist das Dop­pel­spalt­ex­pe­ri­ment des­halb rele­vant, weil es wie­der­hol­bar sein muss, um aus­sa­ge­kräf­tig zu sein. Dew­ey hat daher m. E. die klars­te Kon­se­quenz gezo­gen, indem er behaup­tet hat, die Rea­li­tät sei prak­tisch, vgl. in dem ange­ge­be­nen Link.
    Bult­manns Inter­es­se liegt aber dar­über hin­aus dar­auf, dass in den bibli­schen Tex­ten noch mehr liegt, näm­lich Vor­schlä­ge dazu, wie wir leben könn­ten. Damit stimmt Dew­ey über­ein, der das in den 1930er Jah­ren, wobei er nicht unbe­dingt auf die Bibel fest­ge­legt ist, schlim­me pro­tes­tan­ti­sche Erzie­hung. Bes­ser als Bult­mann hat er ver­stan­den, dass dies nicht ohne „semio­ti­sche Auto­no­mie“ geht. Zei­chen schlie­ßen aber immer einen mate­ri­el­len Aspekt ein, mit­hin funk­tio­niert Geis­t/­Na­tur-Dual nicht, weil der Geist selbst nicht mate­rie­los ist. Daher bin ich bereit, an den Bil­dern vom „Auf­ste­hen der Toten“ fest­zu­hal­ten. Ich beto­ne aber stär­ker, dass die Glau­ben­den an der Inter­pre­ta­ti­on die­ser Bil­der betei­ligt sind, weil sie extra­va­gant struk­tu­riert sind.
    Soweit erst ein­mal!

    #3 Comment vom 14. Juli 2014 um 15:55

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