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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Ver­an­stal­tun­gen am 10.06.

 

2               Lk 10,25-37 (Bil­der der Erlö­sung im NT [TUD])

Zur The­ma­tik der grö­ße­ren Gleich­nis­se vgl. W. Har­nisch, Die Gleich­nis­er­zäh­lun­gen Jesu (UTB 1343), 1985ff (im Appa­rat im MIZ). Er ver­wen­det eben­falls ein Extra­va­ganz­kon­zept. Es ist der bedeu­tends­te Bei­trag zur Gleich­nis­for­schung im 20. Jahr­hun­dert und ent­hält eine aus­führ­li­che Lite­ra­tur­lis­te. Zu dem Extra­va­ganz­kon­zept von Peirce vgl. hier.

Wir star­te­ten mit Lk 10,25-37. Dabei wird die kom­mu­ni­ka­ti­ve Sze­ne zwi­schen Jesus und dem Schrift­ge­lehr­ten als Kon­text zum Ver­ständ­nis von 10,30-35 akzep­tiert. Anders Har­nisch, 271f. Für die Ana­ly­se im Semi­nar ist Aris­to­te­les, Rhe­to­rik II,20 (z. B. Reclam 1999) aus­schlag­ge­bend. Danach gibt es zwei Arten von Bei­spie­len:

  • Bei­spie­le aus der His­to­rie und
  • poe­tisch erfun­de­ne.

Im Semi­nar war man sich bald einig, dass 10,30bff erfun­den sein muss, zumin­dest hat sich kein Exem­plar der Jeru­sa­lem Post oder der Jeri­cho Times erhal­ten.

Im Semi­nar kam dann die The­se Jüli­chers auf, es han­de­le sich um ein Bei­spiel zur Ver­deut­li­chung eines viel­leicht etwas intel­lek­tu­ell for­mu­lier­ten Sach­ver­halts. Die­se The­se hat Har­nisch mit Recht bekämpft. Es ist aber nicht die aris­to­te­li­sche Mei­nung, wie Jüli­cher und Har­nisch bei­de fälsch­lich mei­nen. Denn Aris­to­te­les zufol­ge spie­len Bei­spie­le eine argu­men­ta­ti­ve Rol­le als Induk­tio­nen in der Bera­tungs­re­de. Genau­so ver­steht Lk auch den Dis­kurs zwi­schen dem Schrift­ge­lehr­ten und Jesus, jeden­falls behan­delt die­ser die viel­leicht pro­vo­ka­ti­ve Fra­ge des Schrift­ge­lehr­ten so, wie die­ser das ewi­ge Leben erer­ben kön­ne. Dies geschieht durch die Ori­en­tie­rung an 5. Mose 6,5; 3. Mose 19,18 (Got­tes­lie­be und Nächs­ten­lie­be) als Lebens­re­gel. Nun fragt der Schrift­ge­lehr­te aber, wer jener Nächs­te (τὸ πλησίον [to ple­si­on]) sei. Das wirkt viel­leicht etwas künst­lich, gibt uns aber den Hin­weis, dass die The­se, die durch das Argu­ment mit­tels des Bei­spiels ver­tei­digt wer­den soll, jeden­falls nicht lau­tet: Jedes Mit­glied des jüdi­schen Reli­gi­ons­ver­ban­des ist für die ande­ren Mit­glie­der jeweils der Nächs­te. Die Lesen­den müs­sen die­se zu ver­tei­di­gen­de The­se selbst bil­den, Aris­to­te­les emp­fiehlt, das Publi­kum zu betei­li­gen – und ent­spre­chend lässt Lukas Jesus als ver­sier­ten Rhe­tor ver­fah­ren. Im Semi­nar gelang es, die­se The­se her­aus­zu­be­kom­men, wobei die Metho­de über­wog, ähn­li­che Bei­spie­le aus der jün­ge­ren His­to­rie zu for­mu­lie­ren. Fak­tisch voll­zog das Semi­nar die Metho­de der induk­ti­ven Argu­men­ta­ti­on. Die Seminarteilnehmer/innen bil­de­ten eben ähn­li­che Bei­spie­le aus der EU (vor Lam­pe­du­sa ertrin­ken Flücht­lin­ge im Mit­tel­meer), der Bun­des­re­pu­blik (zuerst wur­den nur christ­li­che Flücht­lin­ge aus Syri­en auf­ge­nom­men).

Dazu muss man sich Lk 10,30b-35 zuwen­den. Wir erar­bei­te­ten uns, dass es

  • eine Opfer­per­spek­ti­ve gibt, wel­che die Erzäh­lungs­hand­lun­gen aus­löst: eine Per­son, die unter die Räu­ber fällt und halb tot an der Stra­ße zwi­schen Jeru­sa­lem und Jeri­cho liegt;
  • eine sich wie­der­ho­len­de Hand­lung:

o   ein Pries­ter geht sehen­den Auges vor­bei, eben­falls

o   ein Levit.

Dem ent­ge­gen steht die Hand­lung

Wäh­rend Pries­ter und Levit auf ihrem Weg nach Jeri­cho den unter die Räu­ber Gefal­le­nen lie­gen las­sen, küm­mert sich der Sama­ri­ta­ner umsich­tig um die­sen.

10,36f reagie­ren nun auf die­ses im Text Erzähl­te und es ergibt sich, dass der Sama­ri­ta­ner der Nächs­te des Hilfs­be­dürf­ti­gen war. Das Gebot lau­tet: Du sollst Dei­nen Nächs­ten lie­ben wie Dich selbst! „Nächs­ter“ ist mit­hin ein rela­tio­na­ler Begriff, man ist stets Nächste/r eine/r/s ande­ren. Mit­hin ist jede/r Nächste/r von …

Die­ser Sach­ver­halt wird von vie­len Exeget/inn/en über­se­hen (so Har­nisch, 291 mit Anm. 312, wor­in er mit Jüli­cher und Bult­mann über­ein­stimmt). Aus sol­chen semio­tisch leicht durch­schau­ba­ren Fehl­ur­tei­len wer­den schnell literar­kri­ti­sche Urtei­le abge­lei­tet. Der Dozent hat sich ent­schlos­sen, lie­ber genau hin­zu­se­hen (vgl. auch den Johan­nes­kom­men­tar von Hart­wig Thy­en aus dem Jahr 2005). Es mag sein, dass 10,30b-35 ein­mal unab­hän­gig exis­tiert hat – aber nie­mand kann das zwin­gend bele­gen. Die Idee hin­ter dem Fehl­ur­teil besteht dar­in, dass der/die Nächs­te stets und nur die ande­re Per­son ist. Das aber ist ein gro­bes Miss­ver­ständ­nis des Nächs­ten­lie­be­ge­bots. Denn „Nächs­te/r-sein-von …“ bezeich­net stets eine sym­me­tri­sche Rela­ti­on:

  • Der Sama­ri­ta­ner ist der Nächs­te des unter die Räu­ber Gefal­le­nen“ (1) hat daher logisch-semio­tisch stets die umge­kehr­te For­mu­lie­rung zur Schwes­ter:
  • Der unter die Räu­ber Gefal­le­ne ist der Nächs­te des Sama­ri­ta­ners“ (2).

Man muss mit­hin m. E. fra­gen, wie­so nur die ers­te For­mu­lie­rung in 10,37 auf­taucht. Wie Aris­to­te­les in Rhe­to­rik I,1f, aus­führt, sind rhe­to­ri­sche Tex­te kei­ne wis­sen­schaft­li­chen Tex­te, die wie die­ser hier (mög­lichst) alle gedank­lich not­wen­di­gen argu­men­ta­ti­ven Aspek­te auf­füh­ren. Aris­to­te­les zufol­ge müs­sen rhe­to­risch sti­li­sier­te Tex­te die Zuhö­ren­den betei­li­gen – und zu ihrer Freu­de ergän­zen sie Aus­ge­las­se­nes gern, wie er glaubt. Auch schrift­li­che Tex­te wie das Luka­sevan­ge­li­um wur­den ent­we­der vor­ge­le­sen oder laut beim ein­zel­nen Lesen gespro­chen, so die anti­ke Gewohn­heit.

Die also aus­ge­las­se­ne For­mu­lie­rung (2) wird von den Rezi­pie­ren­den selbst­tä­tig ergänzt – und das zeig­te sich wie selbst­ver­ständ­lich auch in der Semi­nar­sit­zung. Der Dozent erläu­ter­te das an dem Bei­spiel von Mar­co Reus, der am Frei­tag­abend im Spiel der deut­schen Natio­nal­mann­schaft gegen Arme­ni­en schwer ver­letzt wur­de – und auch die Spie­ler, die zu Bay­ern Mün­chen gehö­ren, sag­ten nicht: „So einem Dort­mun­der darf das mal pas­sie­ren!“ Es herrsch­te offen­sicht­lich all­ge­mei­ne Betrof­fen­heit vor.

Wes­halb der Dis­kurs zwi­schen Jesus und dem Schrift­ge­lehr­ten geführt wird und auch die Fra­ge des Schrift­ge­lehr­ten sinn­voll ist, wer sein Nächs­ter sei (10,29b), ist daher m. E. klar: Wie ist die Gemein­schaft zu bestim­men, wo man sich wech­sel­sei­tig Nächste/r ist? Jesus erfin­det ent­spre­chend eine Sto­ry, die am Kon­flikt von Sama­ri­ta­nern und Juden, mit­hin den Nach­fah­ren der Nord­is­rae­li­ten und Süd­is­rae­li­ten ansetzt. Die reli­giö­sen Funk­tio­nä­re des Juden­tums betrach­ten den unter die Räu­ber Gefal­le­nen nicht als Nächs­ten, wohl aber der Sama­ri­ta­ner. Er hät­te locker sagen kön­nen: Was geht mich die­ser Jude an? Statt­des­sen hat­te er Mit­leid, weil es sich um einen Men­schen han­delt, der unter die Räu­ber gefal­len ist. Das ist wohl über­ra­schend, wenn man sich die nicht sehr freund­li­che Geschich­te zwi­schen bei­den reli­giö­sen Grup­pie­run­gen betrach­tet. Har­nisch hat also recht, dass das poe­tisch erfun­de­ne Bei­spiel etwas Unwahr­schein­li­ches, Extra­va­gan­tes erzählt. Unse­re his­to­risch nahen Bei­spie­le brach­ten meh­re­re Bei­spie­le dafür bei, dass die Pra­xis der EU und der Bun­des­re­pu­blik eher so wie die­je­ni­ge der jüdi­schen pries­ter­li­chen Funk­tio­nä­re ist. Zugleich ent­war­fen wir aber mög­li­che Geschich­ten, wie die Hand­lun­gen sein soll­ten. Und die­ser ethi­sche Dis­kurs ist an den Men­schen­rech­ten ori­en­tiert – und so ver­hält es sich auch in Lk 10,25-37.

  • Die von Lukas bevor­zug­te Regel, die wir induk­tiv erar­bei­tet haben, lau­tet: „Jeder Mensch besitzt ein Recht, in einer Not­la­ge gehol­fen zu bekom­men.“

Lukas hat den Men­schen­rechts­dis­kurs, der ein­deu­tig in der Stoa da ist, mit früh­jü­disch-alex­an­dri­ni­schen und den radi­ka­len ethi­schen Über­zeu­gun­gen Jesu wie ins­be­son­de­re der­je­ni­gen der Fein­des­lie­be (vgl. Lk 6,27) zusam­men­ge­bracht. Die hei­li­gen Tex­te der Juden wer­den als pro­phe­ti­sche Tex­te ver­stan­den, die das­je­ni­ge, was im Auf­tre­ten Jesu gesche­hen ist und in der Geschich­te der Kir­che wei­ter geschieht, vor­aus­sa­gen. Ent­spre­chend pan­the­is­tisch ist auch sei­ne Got­tes­kon­zep­ti­on (Apos­tel­ge­schich­te 17,16ff) in der Areo­pagre­de des Pau­lus – weil natür­lich auch die Fein­de Got­tes, die ihn nicht aner­ken­nen, eben die Grie­chen bzw. Hei­den, Men­schen und Nächs­te sind.

Induk­ti­ve Regeln sind nicht unbe­dingt sta­bil. Man kann sich dage­gen ent­schei­den, wie die EU und die Bun­des­re­gie­rung. Dass Fran­zis­kus I. und Joa­chim Gauck ange­sichts des­sen pro­tes­tie­ren, dass vor Lam­pe­du­sa vie­le Flücht­lin­ge ertrin­ken, geht sicher­lich auf ihre christ­li­che Prä­gung zurück. Aber dass dies nicht sein darf, ist eine induk­tiv erschlos­se­ne Regel der Men­schen­rech­te.

Wir müs­sen den poe­ti­schen Stil der Gleich­nis­se noch genau­er erfas­sen. Zunächst haben wir mal die kon­tro­ver­se Drei­er­kon­stel­la­ti­on ent­deckt, die von einer ande­ren Erzähl­fi­gur aus­ge­löst wird.

Lesen Sie zum nächs­ten Mal Lukas 15,11-32 und dazu Lk 15,1-3. Das ist wich­tig, um das bei Lk 10,25ff ange­wen­de­te Ver­fah­ren wie­der anwen­den zu kön­nen. Bestim­men Sie eben­falls, ob es Ähn­lich­kei­ten bei der poe­ti­schen Erfin­dung von 15,11ff gibt. Fra­gen Sie sich bit­te auch, war­um 15,12ff nach 15,4ff erzählt wird.

Wir müs­sen auch ent­schei­den, ob die über­nächs­te Sit­zung aus­fal­len soll, ich habe für die­sen Fall einen Ersatz­ter­min am 12.07. bei Frau Komo­rek bean­tragt.

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Info:
Ver­an­stal­tun­gen am 10.06. ist Beitrag Nr. 3370
Autor:
Martin Pöttner am 12. Juni 2014 um 12:14
Category:
Menschenrechte,Religion und Mystik,TU Darmstadt,Wie wollen wir leben?
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