Zum Inhalt springen


Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


1Kor 15,20-28 (EfG Griesheim)

20 »Nun aber ist Chris­tus auf­ge­stan­den von den Toten[1] als ers­ter unter denen, die schla­fen.

21 Denn da durch einen Men­schen der Tod gekom­men ist, kommt auch durch einen Men­schen das Auf­ste­hen der Toten.

22 Denn wie sie in Adam alle ster­ben, so wer­den sie in Chris­tus alle leben­dig gemacht wer­den.

23 Jeder aber in der ange­mes­se­nen Rei­hen­fol­ge: als ers­ter Chris­tus; danach, wenn er kom­men wird, die­je­ni­gen, die Chris­tus ange­hö­ren;

24 danach das Ende, wenn die­ser das Reich Gott, dem Vater, über­ge­ben wird, nach­dem er alle Herr­schaft und alle Macht und Gewalt ver­nich­tet hat.

25 Denn er muss herr­schen, bis Gott ihm ›alle Fein­de unter sei­ne Füße legt‹ (Psalm 110,1).

26 Der letz­te Feind, der ver­nich­tet wird, ist der Tod.

27 Denn ›alles hat er unter sei­ne Füße getan‹ (Psalm 8,7). Wenn es aber heißt, ›alles‹ sei ihm unter­wor­fen, so ist es klar, dass der­je­ni­ge aus­ge­nom­men ist, der ihm alles unter­wor­fen hat.

28 Wenn ihm aber alles unter­tan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst dem­je­ni­gen unter­tan sein, der ihm alles unter­wor­fen hat, damit Gott alles in allem sei.«

 

Lie­be Gemein­de,

 

Ostern 2014 – und das mit 1Kor 15, einem Text, in dem das leib­li­che Auf­ge­weckt­sein des vom Römi­schen Staat gekreu­zig­ten Jesus von Naza­reth nicht als indi­vi­du­el­le Wie­der­be­le­bung, son­dern als Beginn des­je­ni­gen Pro­zes­ses ver­stan­den wird, in dem unse­re Lei­ber ver­wan­delt und mit allen Geschöp­fen so gestal­tet wer­den, dass schließ­lich Gott alles in allem sein wird.

Wir haben in der Schrift­le­sung gehört, dass Pau­lus das Phä­no­men „Leib“ recht uni­ver­sal, also kos­mo­lo­gisch ansetzt – und genau­so ist auch der Pre­digt­text zu ver­ste­hen. Das­je­ni­ge, was wir als „Natur“ ver­ste­hen, wird geist­lich ver­wan­delt – und so wird Gott alles in allem sein, wir sind ver­wan­delt dabei – wie es der leib­lich auf­ge­weck­te gekreu­zig­te Jesus von Naza­reth als ers­ter der Schla­fen­den ist.

Ich habe den Pre­digt­text wört­lich über­setzt, damit sei­ne bild­li­che Spra­che deut­lich wird. Das kann für eini­ge hier merk­wür­dig und unge­wohnt klin­gen. Denn auch der sprach­schöp­fe­ri­sche Refor­ma­tor Mar­tin Luther hat es nicht geschafft, das­je­ni­ge in das Kanz­lei­säch­sisch des frü­hen 16. Jahr­hun­derts zu über­tra­gen, was in den hebräi­schen, ara­mäi­schen und grie­chi­schen Tex­ten steht. Seit dem Jesa­ja-, Dani­el­buch und den Mak­ka­bä­er­bü­chern ist stets von „schla­fen“ und „auf­ste­hen“ bzw. vom „auf­wa­chen“ und „auf­ge­weckt wer­den“ die Rede[2], gele­gent­lich auch ist vom durch Mor­gen­tau Benetzt­wer­den die Rede, wenn von der ewi­gen Zukunft des Lei­bes gespro­chen wird. Wenn also biblisch von der ewi­gen Zukunft des Lei­bes und dem zeit­li­chen Tod des Lei­bes die Rede ist, wird bild­lich gespro­chen, wobei der uns ver­trau­te all­täg­li­che Vor­gang, dass wir zumeist nachts schla­fen und früh­mor­gens auf­ste­hen meta­pho­risch oder sym­bo­lisch ver­wen­det wird. Das ist auch nicht anders zu erwar­ten. Sind wir doch nach 1. Mose 1,26f nach dem Bil­de Got­tes geschaf­fen und mit­hin selbst bild­li­che Wesen, die auch in lebens­ori­en­tie­ren­den Bil­dern spre­chen.

Es ist sicher eine Ver­su­chung von Auferweckung, Auferste­hung, von Entschla­fe­nen „eigent­lich“ zu spre­chen. Doch die Ver­su­che, das dann auch natur­wis­sen­schaft­lich zu unter­füt­tern, ber­gen die Gefahr in sich, sich dra­ma­tisch lächer­lich zu machen. Die nach mei­nem Emp­fin­den bes­ten Dar­stel­lungs­ver­su­che jen­seits des bild­li­chen bibli­schen Spre­chens sind künst­le­ri­sche Ver­su­che wie der­je­ni­ge Gus­tav Mah­lers in sei­ner zwei­ten Sin­fo­nie. Wir soll­ten uns offen­siv dazu ver­ste­hen, dass wir als reli­giö­se Men­schen lebens­be­stim­men­de Bil­der ver­wen­den – und ent­spre­chend attrak­tiv leben. Dazu braucht es sicher etwas Mut und Gelas­sen­heit. Ein biss­chen Bil­dung kann auch nicht scha­den, zeigt doch 1. Mose 1,26f, dass Juden­tum und Chris­ten­tum der Mög­lich­keit nach Bil­dungs­re­li­gio­nen sind, die ihre Bil­der­welt erzäh­le­risch refle­xiv ver­ar­bei­ten kön­nen. Und wir wol­len uns heu­te Mor­gen dem Bild vom Auf­ste­hen bzw. Auf­ge­weckt­sein des Lei­bes öff­nen.

Es ist exis­ten­zi­ell ganz wich­tig zu sehen, dass Pau­lus kein Anhän­ger des Wei­ter­le­bens der See­le nach dem Tod ist, wie es etwa recht intel­li­gent seit Pla­ton bis heu­te zu man­chen nach mei­nem Ein­druck nicht ganz so intel­li­gen­ten Inter­pre­ta­tio­nen der sehr ver­schie­de­nen Nah­tod­erfah­run­gen der Fall ist. Wer wie ich eine Schä­di­gung am Gehirn erlit­ten hat, kann im medi­zi­ni­schen Kon­text wie in der Kopf­kli­nik in Hei­del­berg Wahr­neh­mun­gen haben, bei denen man, jeden­falls ich, nicht genau weiß, ob sie real sind, sodass das die Lebens­wirk­lich­keit ist – oder ob die­se Wahr­neh­mun­gen, die stets eine Selbst­wahr­neh­mung ein­schlie­ßen, sich mit der Zeit durch eige­ne Akti­vi­tät wie­der ver­än­dern kön­nen. Als ich sogar dar­über gespro­chen und geschrie­ben habe, wur­de ich von einer Teil­neh­me­rin eines mei­ner Phi­lo­so­phie­kur­se ange­grif­fen: So etwas wol­le sie weder hören noch lesen. Es han­delt sich dabei um Wahr­neh­mun­gen, bei der ich der Über­zeu­gung war, nicht in mei­nem Kör­per zu sein, son­dern ein dis­em­bo­di­ed spi­rit zu sein, wie es unse­re angel­säch­si­schen Freund/inn/en nen­nen. Das kann im Extrem­fall eine dis­so­zia­ti­ve Stö­rung sein, wie es bei mir wohl in den ers­ten bei­den Tagen nach mei­ner Gehirn­blu­tung der Fall war. In mei­nem Fall hat­te ich den Ein­druck, dass jemand bei­spiels­wei­se mei­nen rech­ten Arm bewe­ge – und ich kön­ne nichts dage­gen tun – und muss­te es ohn­mäch­tig beob­ach­ten, wie der rech­te Arm vor mir her zog. Ändern lässt sich das all­mäh­lich, wenn man wie ich beginnt, bewusst Bewe­gun­gen aus­zu­füh­ren. Und dann lässt auch all­mäh­lich die Selbst­wahr­neh­mung nach, ein dis­em­bo­di­ed spi­rit zu sein, ein Geist, der sei­nen Kör­per von außen betrach­tet.

Pau­lus ist dem­ge­gen­über bei sei­ner Auf­fas­sung des Auf­ge­weckt­seins des Lei­bes, dass unser Leib näm­lich als gan­zer ver­wan­delt wird, ent­schie­den ande­rer Mei­nung. Was wir für unse­ren Geist oder unse­re See­le hal­ten mögen, unse­re Gefüh­le, Gedan­ken, Wil­lens­äu­ße­run­gen, das gehört alles zu unse­rem Leib – und ist bei Jesus gekreu­zigt wor­den. Das Auf­ge­weckt­sein des Lei­bes ist Pau­lus zufol­ge ein Ver­wand­lungs­ge­sche­hen. Es han­delt sich um eine neue Schöp­fung durch den gött­li­chen Geist, dem Geist, der zer­stör­tes Leben leben­dig macht. Dabei wird vor allem das­je­ni­ge neu und unver­wes­lich geschaf­fen, was uns aus­macht: Wir sind näm­lich Bezie­hungs­we­sen und in der Schöp­fung nicht iso­liert. Wir ver­hal­ten uns zu uns selbst. Wir ver­hal­ten uns zu ande­ren Men­schen, unse­ren Partner/inne/n, unse­ren Kin­dern, Freund/inn/en, auch Konkurrent/inn/en. Wir ver­hal­ten uns zu den ande­ren Geschöp­fen. Und wir ver­hal­ten uns zu Gott. Das ist das grund­le­gen­de Ver­hält­nis. Es ist seit dem Auf­ge­weckt­sein des gekreu­zig­ten Jesus dabei, so wich­tig zu wer­den, dass Gott alles in allem sein wird. Dann gibt es kei­ne welt­li­chen Macht­ha­ber mehr, kei­ne Gewalt­tä­ti­gen, die Men­schen aus der Gesell­schaft aus­schlie­ßen, weil sie die­se fol­tern und hin­rich­ten.

Das ist der Aus­gangs­punkt des Chris­ten­tums. Der Erlö­ser ist vom Römi­schen Staat gefol­tert und hin­ge­rich­tet wor­den. Eini­gen ist er dann erschie­nen – und Pau­lus deu­tet das umfas­send in 1Kor 15. Nicht nur die Mäch­ti­gen, die ande­re aus der Gesell­schaft aus­schlie­ßen, wer­den vom Auf­ge­weck­ten besiegt. Nein, auch das Mit­tel, mit dem die Mäch­ti­gen den Aus­schluss bewerk­stel­li­gen, indem sie ande­re töten, ver­schwin­det zuletzt:

»26 Der letz­te Feind, der ver­nich­tet wird, ist der Tod.«

Für Pau­lus ist der Tod der aller­größ­te gewalt­tä­ti­ge Macht­ha­ber, er mas­sa­kriert alle. Aber der eine, der auch mas­sa­kriert wur­de, wur­de auch auf­ge­weckt – und weil er als der Chris­tus, der Sohn Got­tes vom Tod mas­sa­kriert wur­de, hat Gott den Tod selbst erlit­ten – und so setzt die Wen­de ein.

Dann ist durch den Auf­ge­weck­ten alles unter­wor­fen, auch er unter­wirft sich dem Vater – und dann wird Gott alles in allem sein.

Und unse­re Lei­ber, unse­re Bezie­hun­gen zu uns selbst, zu ande­ren Men­schen und Geschöp­fen sind auch dabei – ein ver­wan­del­ter Kos­mos. Da begeg­nen uns alle, auch die­je­ni­gen, die wir im irdi­schen Leben nicht lei­den moch­ten oder gar hass­ten. Der Theo­lo­ge Jün­gel hat wie der Phi­lo­soph Whitehead gemeint, im ewi­gen Leben sei­en auch die­je­ni­gen Mög­lich­kei­ten ver­wirk­licht, die uns im irdi­schen Leben ver­wehrt geblie­ben sind. Jeden­falls geht es um ver­söhn­te Bezie­hun­gen. Und dabei sind wir auf unse­re Lei­ber ange­wie­sen. Eine Iden­ti­tät von irdi­schem und ewi­gen Leben ohne unse­ren Leib ist logisch selbst­wi­der­sprüch­lich, obgleich es so etwas gibt wie Nah­tod­erfah­run­gen oder die Erfah­rung, ein dis­em­bo­di­ed spi­rit zu sein. Bei­des ändert sich irgend­wann wie­der. Wir las­sen den­je­ni­gen, die logisch nicht so genau den­ken kön­nen oder wol­len wie wir, ihre Frei­heit dazu. Aber wir fin­den das Auf­ge­weckt­sein des Lei­bes attrak­ti­ver, weil alle Bezie­hun­gen, in denen wir ste­hen, mit auf­ge­weckt wer­den. Und wir freu­en uns, wenn Men­schen, die wir geliebt haben und an etwas Schreck­li­chem wie Krebs ver­stor­ben sind, wie­der in Bezie­hung zu uns ste­hen.

Wir kön­nen uns viel­leicht dadurch ermu­ti­gen las­sen, schmerz­li­chen Erfah­run­gen ins Auge zu sehen – und ihnen nicht aus­zu­wei­chen.

 

Ich wün­sche Ihnen fro­he Ostern!

 

[1] Link zu einem Aus­schnitt des fünf­ten Sat­zes der zwei­ten Sin­fo­nie von Gus­tav Mah­ler auf You­tube.

[2] Näm­lich von קןם  (kum), ἀνίσταναι (anhi­stanei) und ἐγείρειν (ege­i­rein) bzw. ἐγέρθηναι (eger­t­he­n­ai).

« Thomas Nagel, Geist und Kosmos – Veranstaltungen am 22.04. (TUD) »

Info:
1Kor 15,20-28 (EfG Griesheim) ist Beitrag Nr. 3214
Autor:
Martin Pöttner am 19. April 2014 um 10:51
Category:
als Künstler/in,Religion und Mystik
Tags:
 
Trackback:
Trackback URI

Keine Kommentare »

No comments yet.

Kommentar-RSS: RSS feed for comments on this post.

Leave a comment