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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Ver­an­stal­tun­gen am 21.01.

 

2               Mk 10,1-12 (Inti­mi­täts­be­zie­hun­gen [Ethik des NT; TUD])

 

Nach mei­ner Über­zeu­gung kann man einen Bereich des Wis­sens nur dann ange­mes­sen ein­schät­zen, wenn man alle ande­ren Berei­che des Wis­sens auch erfasst, weil sich alles wech­sel­sei­tig bestimmt (vgl. mit unter­schied­li­chen Model­len Schlei­er­ma­cher, Ethik [1812/13] mit späte­ren Fas­sungen der Ein­lei­tung, Güter­leh­re und Pflich­ten­leh­re, 1981 [PhB 335]; Peirce, Phä­no­men und Logik der Zei­chen, 21993 [stw 425]). Die Wahr­heit die­ser wis­sen­schafts­phi­lo­so­phi­schen The­se wird dadurch belegt, dass die heu­te sicht­ba­ren kata­stro­pha­len Fol­gen der Indus­trie­ge­sell­schaft hät­ten ver­mie­den wer­den kön­nen, wenn man die kla­re und deut­li­che Erkennt­nis der Rück­kopp­lungs­pro­zes­se der Ver­bren­nung von Koh­len­stoff am Ende des 19. Jahr­hun­derts nicht mar­gi­na­li­siert hät­te. Bis in die 1970er Jah­re ist das übri­gens häu­fi­ger gesche­hen. Nach mei­ner Auf­fas­sung gibt es eine Wahr­neh­mungs- und Über­prü­fungs­pflicht der­ar­ti­ger Behaup­tun­gen.

Zu mei­ner Kri­tik an Kolleg/inn/en. Ich den­ke, dass die­se in der Tat nicht hin­rei­chend genug nach­ge­dacht haben. Dass in der Anti­ke alle die Men­schen­rech­te miss­ach­tet hät­ten oder alle einer patri­ar­cha­len Gesell­schaft selbst­ver­ständ­lich zuge­stimmt hät­ten, ist theo­lo­gisch fatal. Dann könn­ten exege­ti­sche Bemü­hun­gen zur Sozi­al­ge­stalt des Chris­ten­tums und der Pra­xis heu­ti­ger Men­schen nichts bei­tra­gen. Zum Glück akzep­tie­ren nur weni­ge den­ken­de Theolog/inn/en die­se The­se ernst­haft, wel­che das Chris­ten­tum als eine wesent­lich ver­gan­ge­ne Reli­gi­ons­form dar­stellt. Und zum Glück war die Anti­ke etwas dif­fe­ren­zier­ter – und das NT ist es des­halb auch, wor­auf ich gegen den Wider­stand eini­ger Teilnehmer/innen folg­lich mit gro­ßer Geduld auch bestan­den habe, weil ich respek­tie­re, dass ihnen das in ihrem bis­he­ri­gen Leben nicht mit­ge­teilt wor­den ist und sie selbst auch nicht dar­auf gekom­men sind. Im NT ist vor allem Lukas das Ver­dienst zuzu­schrei­ben, die radi­ka­len Tra­di­tio­nen Jesu mit stoi­schen Kon­zep­tio­nen zu ver­bin­den.

Mit Schlei­er­ma­cher bin ich des­we­gen davon über­zeugt, dass „die his­to­ri­sche Theo­lo­gie [wozu die Neu­tes­ta­ment­li­che Theo­lo­gie gehört] … ihrem Inhal­te nach ein Teil der neue­ren Geschichts­kun­de“ ist – eine tref­fen­de Fest­le­gung, die auch in die­sem Semes­ter das Erstau­nen mei­ner Hei­del­ber­ger Student/inn/en her­vor­ge­ru­fen hat (Schlei­er­ma­cher, Kur­ze Dar­stel­lung des theo­lo­gi­schen Stu­di­ums, 21831ff, § 69 Ls]). Das Chris­ten­tum ist also m. E. nicht über­holt. Das muss man natür­lich unter­su­chen, was ich auch in mei­nen For­schun­gen tue und dies auch in der Leh­re prä­sen­tie­re. Hät­te ich der Auf­fas­sung mei­ner Kolleg/inn/en sein müs­sen, hät­te ich mich nie­mals für Neu­tes­ta­ment­li­che Theo­lo­gie habi­li­tie­ren dür­fen. Das ist sowohl eine Fra­ge des kla­ren Den­kens als auch eine sol­che des Gewis­sens. Wer also das Wesen des Chris­ten­tums bestim­men will – und dies ist eine Auf­ga­be, die zusam­men mit der Phi­lo­so­phi­schen Theo­lo­gie der Neu­tes­ta­ment­li­chen Theo­lo­gie zufällt, muss sehr genau wis­sen, was sie oder er tut. Wer also wahr­haf­tig ist und meint, das NT wider­spre­che den Men­schen­rech­ten – oder sei Aus­druck einer patri­ar­cha­len Reli­gi­on, hat ein Urteil über das Wesen die­ser Reli­gi­on gefällt. Sie ist dann nicht mehr prak­tisch dyna­misch fort­schreib­bar, weil gar nichts da ist, das die Fort­schrei­bung ver­dien­te.

Ich habe aber mehr­mals im Semi­nar dar­auf  hin­ge­wie­sen, dass das Chris­ten­tum die Auf­klä­rung und sogar ihre letz­te Toch­ter, den radi­ka­len Femi­nis­mus, über­lebt hat.  Und dies ver­langt nach einer Erklä­rung.

Die Men­schen­rech­te sind nor­ma­tiv – und wenn Staa­ten gegen sie ver­sto­ßen, besit­zen die Bürger/innen ein Wider­stands­recht. Das ist also bei den Ver­bre­chen von NSA und GCHQ gegen die Men­schen­rech­te m. E. der Fall. Zu mei­ner Begriffs­wahl vgl. Imma­nu­el Kant, Zum ewi­gen Frie­den. Ein phi­lo­so­phi­scher Ent­wurf, in: Wei­sche­del (Hg.), Kant, Wer­ke in zehn Bän­den, Bd. 9, 195ff, wo das ver­bre­che­ri­sche Wesen der Geheim­diens­te ganz ruhig erklärt wird. Für schlich­te­re Geis­ter hat sich der ver­bre­che­ri­sche Cha­rak­ter des GCHQ in der skur­ri­len erzwun­ge­nen gewalt­sa­men Zer­trüm­me­rung eines Com­pu­ters bei der Zei­tung „Guar­di­an“ gezeigt, auf dem die Datei­en Snow­dens gespei­chert waren. Der Fall Snow­den ist also recht­lich völ­lig klar, sofern die Men­schen­rech­te aner­kannt sind. Ob das zu mehr  als gewalt­lo­sem Wider­stand gegen die US-Regie­rung oder die Regie­rung des Ver­ei­nig­ten König­reichs sowie der Amts­eid­ver­ges­sen­heit Ange­la Mer­kels führt, müs­sen wir ruhig abwar­ten. Wir Bürger/innen besit­zen jeden­falls das Recht dazu, weil uns die Frei­heit ent­zo­gen wird.

In der Sit­zung began­nen wir mit der Erör­te­rung der Inti­mi­täts­be­zie­hun­gen, wobei das Chris­ten­tum die­se auf die Ehe eines Man­nes und einer Frau beschränkt (anders teil­wei­se im Juden­tum: 1. Mose 12ff). Gewählt wur­de dabei mit Mk 10,1-12 ein nicht­pa­tri­ar­cha­ler Text, der frei­lich erken­nen lässt, dass die patri­ar­cha­le Vor­la­ge aus 5. Mose 24 kri­tisch dyna­misch fort­ge­schrie­ben wird (vgl. 10,11f), ein wun­der­ba­rer Fall von dyna­mi­scher Schrift­aus­le­gung. Dies zu erken­nen, setzt Offen­heit und kri­ti­sche Denk­be­reit­schaft vor­aus. Mit­hin ist das Ver­hält­nis von Frau und Mann sym­me­trisch ver­stan­den, was ja auch nach dem schon bespro­che­nen Text 10,30 klar zu erwar­ten ist.

Mose habe ihnen die Schei­dung des Man­nes von der Frau kon­ze­diert, so die wit­zi­ge Ant­wort an die Pha­ri­sä­er im Streit­ge­spräch, weil er die Här­te ihrer Her­zen kann­te. Jesus plä­diert für kei­ne Schei­dung – und wenn doch, dann nicht mehr neu hei­ra­ten! Dass dar­aus dann wie­der ein neu­es Gesetz gemacht wor­den ist, das eine ande­re Form der Her­zens­här­tig­keit (σκληροκαρδία [skle­ro­kar­dia]) ver­rät, sei nur neben­bei erwähnt. Es han­delt sich statt­des­sen um die enthu­si­as­tisch über­trei­ben­de Beto­nung der ein­zig­ar­ti­gen Bezie­hung der ero­ti­schen Lie­be, die Mann oder Frau gewählt haben. Das ist ein über­aus ver­letz­li­ches Ver­hält­nis, wie sich Hans Weder aus­drück­te.

Offen­bar unter­stellt Jesus, dass Män­ner und Frau­en nicht gleich sind, son­dern unter­schied­li­che Lebens­ge­schich­ten haben, die dann auch zu unter­schied­li­chen Bedürf­nis­sen und Wün­schen füh­ren, wel­che auch gleich­be­rech­tigt aner­kannt wer­den müs­sen. Dazu ist ein sanf­tes oder wei­ches Herz wohl ange­mes­se­ner. Jesus ver­weist also auf die emo­tio­na­le Ebe­ne der Men­schen, die dann eine Schei­dung der ero­ti­schen Lie­be ver­mei­det, weil sie auf einen frem­den Men­schen ande­ren Geschlechts sen­si­bel ein­zu­ge­hen ver­mag.

Schlei­er­ma­cher inter­pre­tier­te das in sei­ner Ethik als „per­sön­li­che Wahl­an­zie­hung“ (84 u. ö.). Es han­delt sich um einen Wil­lens­akt zwei­er Men­schen, die gleich­wohl auf emo­tio­na­ler und lei­den­schaft­li­cher Anzie­hung beruht. Das hat sei­nen Kern in der Sexua­li­tät, was in 10,8 mit der Wen­dung „ein Fleisch sein“ auch gemeint ist (vgl. auch 1Kor 6,16). Das erfor­dert, sich die sexu­el­len Dif­fe­ren­zen und ver­schie­de­nen Wün­sche der Partner/innen mög­lichst klar zu machen und die­se zu respek­tie­ren. Das ist nicht erst seit 1968 der Fall und wur­de durch­aus im Juden­tum recht offen bespro­chen. Hilf­reich ist hier auch die tan­tri­sche Tra­di­ti­on in den Hin­du-Reli­gio­nen und bestimm­ten For­men des Bud­dhis­mus. Mit (auch) neue­ren Ein­sich­ten lernt man dann – soll­te man es durch eige­ne Erfah­rung nicht schon wis­sen –, dass Orgas­men nicht nur durch Sti­mu­lie­rung der Ner­ven eines Geschlechts­teils (z. B. der Vul­va oder des Penis) erreicht wer­den kön­nen; dass sowohl Män­ner als auch Frau­en Ganz­kör­per­or­gas­men erle­ben kön­nen usf. D. h.: Jesus fin­det, dass befrie­di­gen­der Sex für Partner/innen gut ist.

Dass im Juden­tum und in der Fol­ge auch im Chris­ten­tum die Sexua­li­tät sehr hoch geschätzt wur­de bzw. jeden­falls hoch geschätzt wer­den konn­te, sieht man dar­an, dass Mar­tin Luther das hebräi­sche Wort ידע (jadā) mit „erken­nen“ über­setz­te (z. B. 1. Mose 4,1). Die­se Über­set­zung sieht rich­tig, dass sich beim Sex die Partner/innen ganz neu spü­ren bzw. sehen und somit als Per­so­nen „erken­nen“. Bei Pau­lus zeigt sich die­ser Hebrais­mus in 1Kor 8,1ff, wo Pau­lus fest­legt, dass wah­re  Erkennt­nis (γνῶσις [gno­sis]) nur dann vor­lie­ge, wenn sie im Kon­text der Lie­be (ἀγάπη [aga­pe]) loka­li­siert sei. Dar­an ist zunächst zu ler­nen, dass ἀγάπη und ἒρως (eros) für Pau­lus aus jüdi­scher Tra­di­ti­on weni­ger weit aus­ein­an­der lagen, als es spä­ter bei Theo­lo­gen der Fall war, die eine schar­fe Unter­schei­dung von Aga­pe und Eros auf­stell­ten, was aber eher ihre Pro­ble­me mit der Akzep­tanz der sen­sa­tio­nel­len eige­nen Sexua­li­tät anzei­gen dürf­te, anstatt ein Indiz für theo­lo­gi­sche Weis­heit oder gar Sach- bzw. Sprach­kom­pe­tenz zu sein. Dass Pau­lus etwas ande­res meint, ist nur sexu­al­feind­li­cher Schein von Exege­ten, die sich dar­an auf­hal­ten, dass er „im Fleisch“ zwar ent­halt­sam war, „im Geist“ (1Kor 6,17) aber sehr wohl mys­tisch mit dem Herrn inter­agier­te (vgl. die Inti­mi­tätsspra­che in Gal 2,19f).

Wich­ti­ge Anre­gun­gen ver­dan­ke ich dem theo­lo­gi­schen Haupt­werk mei­ner Jugend: E. Jün­gel, Gott als Geheim­nis der Welt, 1977ff. Zu wich­ti­gen Aspek­ten die­ses The­mas vgl. die Psy­cho­so­ma­ti­ke­rin und Kör­per­the­ra­peu­tin Julie Hen­der­son, Die Erwe­ckung des inne­ren Gelieb­ten, 1989. Sie weist vor ihrem tan­tri­schen Hin­ter­grund dar­auf­hin, dass es nicht nur die ver­schie­de­nen Orgas­men gibt, die durch Sti­mu­lie­rung der Ner­ven der Geschlechts­tei­le in Brust und Becken ent­ste­hen, son­dern im Tan­tris­mus auch orgas­mi­sche Erfah­run­gen vor­lie­gen, die damit ein­her­ge­hen, dass man sich geis­tig etwa durch Medi­ta­ti­on mit dem Uni­ver­sum ver­ei­ni­ge, was zwei­fel­los den Ganz­kör­per­or­gas­men ent­spricht. Und daher könn­te die ero­ti­sche Meta­pho­rik bei Pau­lus, Mecht­hild von Mag­de­burg, Mar­tin Luther u. a. dar­auf ver­wei­sen, dass in der unio mys­ti­ca qua­li­ta­tiv ähn­li­che Erfah­run­gen gemacht wer­den. Es geht dabei schwer­lich um Sub­li­ma­ti­on von Sexua­li­tät, was bei Luther klar ist, weil er sexu­ell stär­ker aktiv war. Gleich­wohl dürf­te eine Über­set­zung aus dem Kon­text der sinn­li­chen Erfah­rung in die bild­li­che Dar­stel­lung tran­szen­den­ter Sach­ver­hal­te bzw. ent­spre­chen­de bild­li­che Dar­stel­lung mys­ti­scher Erfah­run­gen vor­lie­gen. Bei den ande­ren Genann­ten dürf­te es sich auf­grund des die Fan­ta­sie anre­gen­den Hören­sa­gens, des Bruchs des Keusch­heits­ge­lüb­des bzw. der Mas­tur­ba­ti­on eben­falls kaum um eine zufäl­li­ge Über­set­zung in eine ero­ti­sche Bil­der­welt han­deln.

Aus der fleisch­li­chen, sen­sa­tio­nel­len Sexua­li­tät kön­nen Kin­der ent­ste­hen. Aber auch hier soll­te man die Ver­hü­tungs­kennt­nis­se in der Anti­ke nicht unter­schät­zen – und nor­ma­ti­ven Ter­ror dar­aus machen. Wir wer­den das beim nächs­ten Mal anhand von 1Kor 7,1-16 noch­mals ver­tie­fen.

Das ist also m. E. ein Gut, das anzu­stre­ben ist oder ange­strebt wer­den kann. Anders als Schlei­er­ma­cher bin ich nicht der Ansicht, dass es sich um eine Pflicht (Schlei­er­ma­chers reflek­tier­te Vari­an­te der merk­wür­di­gen Rede von der „Schöp­fungs­ord­nung“) han­de­le, weil nicht alle Men­schen auf die­ses Mus­ter ansprech­bar sind. Mit­hin darf es von ihnen auch nicht erwar­tet wer­den. Die­sen Punkt wer­den wir beim über­nächs­ten Mal exem­pla­risch anhand der Fra­ge der weib­li­chen und männ­li­chen Homo­se­xua­li­tät behan­deln, eine Fra­ge, wel­che auch in den Evan­ge­li­schen Kir­chen umstrit­ten ist – und auch die­je­ni­ge Fra­ge, in der die Piet­kongs ihre gegen­auf­klä­re­ri­sche und mit den Men­schen­rech­ten unver­ein­ba­re Posi­ti­on noch ein­mal tri­um­phie­rend zu affir­mie­ren ver­su­chen.

Ich wer­de beim nächs­ten Mal eine Kopie mei­nes Gewis­sens­auf­sat­zes hier ein­stel­len, der einen Aspekt der Ethik the­ma­ti­siert, wel­cher wich­tig ist, aber aus­führ­lich auf der Ver­an­stal­tung am 08.02. bespro­chen wer­den soll. Dar­aus sind aber schon zwei Sei­ten (198f) für die über­nächs­te Sit­zung zu lesen, wo es um „ver­kehr­te Sexua­li­tät“ (Sapi­en­tia Salo­mos 14,26) bzw. die „Ver­tau­schung der natür­li­chen Sexua­li­tät mit der wider­na­tür­li­chen Sexua­li­tät“  (vgl. Röm 1,26) geht.

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Info:
Ver­an­stal­tun­gen am 21.01. ist Beitrag Nr. 3073
Autor:
Martin Pöttner am 23. Januar 2014 um 15:04
Category:
Allgemein,Mann/Frau,Menschenrechte,Vegetatives Nervensystem
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