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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


FA(Z)S 01.09., 5: Keine Homosexualität bei Protestant/inn/en!">Marie Katharina Wagner, FA(Z)S 01.09., 5: Keine Homosexualität bei Protestant/inn/en!

Die Ori­en­tie­rungs­hil­fe des Rats der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land Zwi­schen Auto­no­mie und Ange­wie­sen­heit. Fami­lie als ver­läss­li­che Gemein­schaft stär­ken hat etwa so viel Auf­merk­sam­keit erregt wie die erstaun­li­che Behaup­tung der Bun­des­kanz­le­rin, das Inter­net sei für uns alle Neu­land.

Einen gewis­sen Höhe­punkt der Debat­te stellt ein Arti­kel der FAZ-Auto­rin Marie Katha­ri­na Wag­ner auf Sei­te 5 der FAZS vom 01.09. unter der Über­schrift Ehe­kri­se dar. Einen Bericht fin­det man hier. Vor­aus­ge­gan­gen war dem schon ein kri­ti­sches Inter­view mit dem Prä­si­den­ten der Evan­ge­li­schen Kir­che von Hes­sen und Nas­sau Jung, der zu den Auto­ren der Stu­die zählt.

Die jun­ge Auto­rin (*1981) beginnt ihren Arti­kel mit einem Faux pas. In Bezug auf den frü­he­ren Rats­vor­sit­zen­den Wolf­gang Huber teilt sie mit, dass die­ser das Ober­haupt der Pro­tes­tan­ten (!) gewe­sen sei – und jene Auf­ga­be for­mu­liert habe, dass es Ziel der Stu­die sein sol­le „Ehe und Fami­lie“ im Kon­text der gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­rungs­pro­zes­se zu stär­ken. Ich kann mich ange­sichts die­ses Faux pas schwer­lich im Kon­text der Vor­na­men der Auto­rin der Hypo­the­se erweh­ren, die Auto­rin sei katho­lisch. Jeden­falls ist ihre Betrach­tung der evan­ge­li­schen Kir­chen sehr tra­di­tio­nell, an Bischö­fen, der Unter­schei­dung von Theo­lo­gen und Lai­en usf. ori­en­tiert. Man kann viel­leicht auch unter­stel­len, dass sie eine kon­ser­va­ti­ve Pro­tes­tan­tin ist, sagen wir mal der Art der Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin Kris­ti­na Schrö­der. Jeden­falls exis­tiert unter Protestant/inn/en kein Ober­haupt. Und es gibt Bischöf/inn/e/n und Kir­chen­prä­si­den­ten, ein rela­tiv bun­tes Bild. Seit Schlei­er­ma­chers „Kur­zer Dar­stel­lung des theo­lo­gi­schen Stu­di­ums“ (1811) gilt für vie­le Protestant/inn/en, dass Theo­lo­ge bzw. spä­ter Theo­lo­gin alle die­je­ni­gen sind, die an der „Kir­chen­lei­tung“ teil­ha­ben – und das beginnt in heu­ti­ger Spra­che beim Ehren­amt.

Die Auto­rin teilt mit einer Rei­he von inner­pro­tes­tan­ti­schen Kritiker/inne/n der Ori­en­tie­rungs­hil­fe die Über­zeu­gung, dass

  • die­se zu wenig „theo­lo­gisch“ fun­diert sei;
  • sie nur von der Stär­kung der viel­fäl­ti­gen Fami­li­en­for­men (und kei­nes­wegs der „Ehe“) der Gegen­wart spre­che;
  • sie zu stark von femi­nis­ti­schen und sozio­lo­gi­schen Impul­sen bestimmt sei;
  • sie vor allem das „Erbe Luthers über Bord wer­fe“, das dar­in bestan­den habe, die Ehe als Stand zu sehen, was dann inner­halb des Arti­kels als „Insti­tu­ti­on“ und pflich­ten­ethisch als „Pflicht“ inter­pre­tiert wird.

Die Auto­rin fragt:

Wel­che Art von Kir­che wol­len wir? Bei der Vor­stel­lung der Ori­en­tie­rungs­hil­fe sag­te der [Rats-] Vor­sit­zen­de Schnei­der, in der Schrift wer­de der ’Wan­del fami­liä­rer Leit­bil­der′ vor­aus­ge­setzt, und dabei kann sie sich auch auf ’Mar­tin Luther bezie­hen.’ Ist die­se Rei­hen­fol­ge – die Gesell­schaft zeich­net die Leit­bil­der vor, die Kir­che folgt ihnen – rich­tig? Vie­le fin­den, es soll­te anders her­um sein.“

Angeb­lich hat dies „zu eine[m] der größ­ten Kon­flik­te der evan­ge­li­schen Kir­che im neu­en Jahr­tau­send“ geführt.

M. E. emp­fiehlt es sich, sol­che Kon­flik­te erfah­rungs­nah zu behan­deln. Ich war etwas weni­ger als die Hälf­te mei­nes Lebens ver­hei­ra­tet – mit zwei Frau­en. Zudem habe ich wei­te­re Frau­en geliebt und wur­de auch von wei­te­ren Frau­en geliebt. Ich bin zwei Mal geschie­den wor­den, wobei in mei­ner zwei­ten Ehe zwei Kin­der gebo­ren wur­den.

Das eigent­li­che Phä­no­men ist im Bereich der Inti­mi­täts­be­zie­hun­gen die durch „Lie­be“ bezeich­ne­te „per­sön­li­che Wahl­an­zie­hung“ (Schlei­er­ma­cher, Ethik 1812/13). Dies tritt in unter­schied­li­chen For­men in allen bekann­ten Gesell­schaf­ten auf. Auch Schlei­er­ma­cher wuss­te, dass sich das oft­mals nicht nur ein­mal im Leben ereig­net – und dass dies nicht auf hete­ro­se­xu­el­le Ver­hält­nis­se beschränkt ist. Homo­se­xua­li­tät hielt er aber für „unna­tür­lich“, weil s. E. die Natur auf Fort­pflan­zung ange­legt sei. Des­we­gen behan­del­te er die „Ehe“ pflich­ten­ethisch: Es gibt eine Ehe­pflicht. Er dis­ku­tiert dann ent­spre­chend das nahe­lie­gen­de Pro­blem, dass nach der Ent­schei­dung für eine/n Partner/in, die­se Ent­schei­dung nicht wider­ru­fen wer­den dür­fe, obgleich man mög­li­cher­wei­se eine inten­si­ve­re „Wahl­an­zie­hung“ emp­fin­de.

Die­se Hal­tung ist heu­te nicht mehr Kon­sens: Denn es gibt selbst in evan­ge­li­ka­len Grup­pen

  • das Phä­no­men der weib­li­chen und männ­li­chen Homo­se­xua­li­tät;
  • eine nicht unbe­acht­li­che Schei­dungs­ra­te.

D. h.: Was Frau Wag­ner wünscht, hat also selbst unter „kon­ser­va­ti­ven“ pro­tes­tan­ti­schen Christ/inn/en kei­nen aus­schließ­li­chen Bestand mehr. Und „die Kir­che“ besteht aus den Kom­mu­ni­ka­tio­nen die­ser Men­schen – so ver­hält es sich jeden­falls nach pro­tes­tan­ti­scher Auf­fas­sung. Daher ist doch häu­fi­ger auch nicht mehr von „Insti­tu­ti­on“ die Rede, son­dern von Orga­ni­sa­ti­on. So ver­sucht man den Gemein­sam­keits­cha­rak­ter reli­giö­ser Kom­mu­ni­ka­tio­nen zu bezeich­nen. Ich selbst ver­ste­he den Orga­ni­sa­ti­ons­be­griff im Sin­ne von Schlei­er­ma­chers Ethik – mit­hin als orga­ni­sie­ren­des Han­deln. D. h., wir ver­su­chen, die Kom­mu­ni­ka­tio­nen in einem bestimm­ten Bereich (etwa der Inti­mi­tät oder der Reli­gi­on) zu orga­ni­sie­ren.

Anders als Schlei­er­ma­cher mein­te, gibt es im Bereich der Inti­mi­tät aber kei­ne ein­heit­li­che, son­dern nur eine über­wie­gen­de Struk­tur. Das geht über die Zei­ten hin­weg. In Ägyp­ten und Meso­po­ta­mi­en wur­de Homo­se­xua­li­tät kei­nes­wegs geleug­net, son­dern ver­bo­ten. So dann auch im Juden­tum und Chris­ten­tum. Anders aber in Grie­chen­land und Rom. Im Unter­schied zur Über­zeu­gung der  Auto­rin gibt es dar­auf auch bibli­sche Reak­tio­nen (1. Samu­el 18ff [männ­lich], Ruth 3 [weib­lich]). Mit der Mehr­heit der Zunft der Exeget/inn/en bin ich aber der Über­zeu­gung, dass dies allen­falls schwa­che Anzei­chen dafür sind, dass sich im Juden­tum eine Dis­kus­si­on zu ent­wi­ckeln begann.

Einer der Schwach­punk­te der Ori­en­tie­rungs­hil­fe dürf­te sein, dass sie die seit den 1970ern Jah­ren schwe­len­de Dis­kus­si­on nicht mit theo­lo­gi­schen Dis­kus­sio­nen und Argu­men­ta­tio­nen zu bear­bei­ten such­te. Das ist durch­aus im Sin­ne der Bibel. Denn das Ide­al der Ehe wird seit 1. Mose 12 häu­fig durch das­je­ni­ge der Poly­ga­mie infra­ge gestellt. Kei­nes­wegs in allen Tex­ten des Neu­en Tes­ta­ments wird die Ehe als „Pflicht“ pro­pa­giert – und sie wird auch nicht in allen Fäl­len für unauf­lös­lich gehal­ten. Der­ar­ti­ge Tex­te gibt es auch, aber sie ste­hen nicht voll­kom­men allei­ne. Die Idee der Auto­rin, die soge­nann­te Schöp­fungs­ord­nung lau­fe bei den Inti­mi­täts­be­zie­hun­gen auf die ero­ti­sche Bezie­hung von Män­nern und Frau­en hin­aus, unter­schätzt die Wahr­neh­mungs­fä­hig­keit und Intel­li­genz der bibli­schen Auto­ren.

Nach ver­brei­te­ter Auf­fas­sung gibt es  in jeder Popu­la­ti­on wohl 10 % Homo­se­xu­el­le. Es geht also um Rech­te einer Min­der­heit, so zu leben, wie sie es selbst für rich­tig hal­ten. In Deutsch­land ist es der rot­grü­nen Koali­ti­on gelun­gen, die­sem Men­schen­recht eine gesetz­li­che Form zu geben. Ob die­se aus­reicht, muss wei­ter dis­ku­tiert wer­den. Die Evan­ge­li­schen Kir­chen in Deutsch­land sind gera­de dabei, den Streit über die Fort­schrei­bung der bibli­schen Tex­te in einer wesent­li­chen ethi­schen Hin­sicht zu leis­ten. Die Ori­en­tie­rungs­hil­fe hat dazu wenigs­tens einen Anstoß gelie­fert. Dass es hier um die Fra­ge der Men­schen­rech­te geht, wird bei Marie Katha­ri­na Wag­ner gar nicht erwähnt, aber das ist der Haupt­punkt.

« Franck Ribéry – Lukas 7,1-10 (EfG Griesheim) »

Info:
Marie Katharina Wagner, FA(Z)S 01.09., 5: Keine Homosexualität bei Protestant/inn/en! ist Beitrag Nr. 2868
Autor:
Martin Pöttner am 3. September 2013 um 17:51
Category:
Biologie,Religion und Mystik,Was ist der Mensch?
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