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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Alltagserfahrung

1               Erinnerung an die letzte Sitzung (Vhs Neckargemünd)

Der Kurs benutz­te den Text von A. N. Whitehead, aus Adven­tures of Ide­as zu den vier ver­schie­ne­nen Theo­ri­en bzw. Leh­ren dar­über, was Natur­ge­set­ze dar­stel­len, um eine Erfah­rung mit den eige­nen Ver­mu­tun­gen, Ide­en, Gefüh­len und Vor­stel­lun­gen, Unsi­cher­hei­ten zu machen. Es dau­er­te bis etwa 20.57 Uhr bei der in die z. T. in die kon­tra­dik­to­ri­schen Extre­me getrie­be­ne Grup­pen­er­fah­rung, bis schließ­lich unter posi­ti­ver Mit­hil­fe des Mit­ar­bei­ters am Bil­dungs­pro­zess doch wohl eini­ge sagen konn­ten: Das war eine Erfah­rung. Tat­säch­lich mach­ten die Teilnehmer/innen die Erfah­rung mit ihrer Denk­ge­wohn­heit, kon­tra­dik­to­ri­sche Aus­gangs­si­tua­tio­nen zu defi­nie­ren – und dar­in zu ver­har­ren. Die­se brö­ckel­te schließ­lich, als erkannt wur­de, dass man der­ar­ti­ge Pro­zes­se bes­ser als Über­gangs­er­fah­rung ver­steht, in denen man die kon­tra­dik­to­ri­schen Extrem­po­si­tio­nen als die Grenz­be­grif­fe nimmt, zwi­schen denen sich die Rea­li­tät in unter­schied­li­chen Abschat­tie­run­gen und ver­schie­de­nen Ver­hält­nis­sen der Extrem­be­grif­fe abspielt (con­scious intent), der Mit­ar­bei­ter schlug vor, „Beein­flus­sung der Natur­ge­set­ze“ und „über­haupt kei­ne Ver­än­de­rung am Mond durch Beob­ach­tung“ als sol­che Extrem­be­grif­fe zu wäh­len – und beim über­nächs­ten Mal zu sehen, wie es tat­säch­lich geht, ein Natur­ge­setz zu erken­nen.

Zu Whitehead ein­füh­rend: Micha­el Ham­pe, Alfred North Whitehead, 1998 (BsR 547), in der Fol­ge: Ham­pe 1998.

2               Alltagserfahrung

In der All­tags­er­fah­rung ist die kan­ti­sche Auf­fas­sung des Mit­spie­lerseins an sich wohl selbst­ver­ständ­lich. Wenn ein Apfel vom Baum fällt, ist eigent­lich nur die Fra­ge, ob man ihn gleich essen darf – oder er erst gerei­nigt wer­den muss. Wir unter­stel­len auf­grund häu­fi­ger ähn­li­cher Erfah­run­gen, dass auch der nächs­te Apfel vom Baum fal­len wird, die jet­zi­ge Jah­res­zeit ist schon eine bekann­te Gren­ze die­ser Erfah­rung, aber man erwar­tet, dass es im nächs­ten Jahr wie­der so sein wird. Dann kann man die­se Erfah­rung im Dew­ey­schen Sinn wie­der machen, wir war­ten vor einem Baum – oder schüt­teln die­sen, um Äpfel fal­len zu sehen. Phänomenolog/inn/en und Pragmatist/inn/en stim­men dar­in über­ein, dass die All­tags­er­fah­rung wesent­lich für uns ist, wenn sie inter­sub­jek­tiv kom­mu­ni­ziert wird. Wenn ich also zu einer Ärz­tin gehe und mich dar­über bekla­ge, dass seit zwei Tagen mein rech­ter Fuß schmerzt, dann ist es nicht unwahr­schein­lich, dass die Ärz­tin eini­ge Unter­su­chun­gen am Fuß bis zum Knie durch­führt. Irri­ta­tio­nen kann aber der Vor­schlag der Ärz­tin aus­lö­sen, dass man erst ein­mal eine Magnet­re­so­nanz­to­mo­gra­fie durch­füh­ren müs­se, um abzu­klä­ren, ob die­ses nicht eine Stö­rung im sen­so­mo­to­ri­schen Kor­tex im Gehirn sei (zum Bei­spiel: Tho­mas Fuchs, Das Gehirn – ein Bezie­hungs­or­gan. Eine phä­no­me­no­lo­gisch-öko­lo­gi­sche Kon­zep­ti­on, 2008, 34f, in der Fol­ge: Fuchs 2008). Ärz­tin und Pati­ent unter­stel­len aber gewöhn­lich, dass die Ursa­che des Schmer­zes im rech­ten Fuß durch eine Ursa­che in die­ser Gegend zustan­de kommt, bei­spiels­wei­se eine Ver­stau­chung oder einen Gicht­an­fall.

Fuchs hält die­se geteil­te Situa­ti­ons­er­fah­rung für hin­rei­chend, um vie­le Phä­no­me­ne des All­tags zu erklä­ren – und steht einer Prio­ri­tät der Wis­sen­schaf­ten vor der All­tags­er­fah­rung sehr kri­tisch gegen­über. Dass man z. B. in den Medi­en publi­zier­te Mess­ergeb­nis­se aus der Gehirn­for­schung etwa zum Bil­dungs­pro­zess als Argu­ment nimmt, um zu sagen: Nur Unter­richt, der Spaß macht, ist guter Unter­richt! – greift aus die­ser Per­spek­ti­ve also zu kurz. Man muss über län­ge­re Zeit sol­che Unter­richts­ty­pen beob­ach­ten und qua­li­ta­ti­ve Erfah­run­gen der Schüler/innen sowie ihre Leis­tun­gen auf­zeich­nen, um der­ar­ti­ge Schlüs­se zie­hen zu kön­nen. Für die Phä­no­me­no­lo­gie hat also die All­tags­er­fah­rung Prio­ri­tät, die Wis­sen­schaf­ten hin­ken eher nach. Natür­lich wer­den bei sol­chen Nach­rich­ten in den Medi­en die Pro­ble­me der Genau­ig­keit der Kern­spin­to­mo­gra­fen usf. gar nicht erwähnt.

Die Pragmatist/inn/en ste­hen der wis­sen­schaft­li­chen Eva­lu­ie­rung von All­tags­er­fah­run­gen offe­ner gegen­über. Die All­tags­er­fah­rung ist wesent­lich, weil wir haupt­säch­lich durch sie Erfah­run­gen mit natür­li­chen und sozia­len Sach­ver­hal­ten haben. Aber nicht nur in den Wis­sen­schaf­ten ist der Irr­tum zu Hau­se, auch im All­tag kann man sich irren. Pragmatist/inn/en wür­den im Erzie­hungs­bei­spiel für eine expe­ri­men­tel­le Schul­si­tua­ti­on plä­die­ren, in der alle Rah­men­be­din­gun­gen und mög­li­che Stör­fak­to­ren auf­ge­zeich­net wer­den. Qua­li­ta­ti­ve Auf­zeich­nun­gen von Schüler/innen/äußerungen sind gut, den­noch müs­sen mehr Aspek­te genau nach­kon­trol­liert wer­den.

Hier liegt einer der Unter­schie­de von Phä­no­me­no­lo­gen und Prag­ma­tis­ten, die Prag­ma­tis­ten set­zen auf bestän­di­ge Über­prü­fung, wäh­rend die Phä­no­me­no­lo­gen ein rela­tiv unge­bro­che­nes Ver­trau­en in die All­tags­er­fah­rung haben.

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Info:
Alltagserfahrung ist Beitrag Nr. 2587
Autor:
Martin Pöttner am 1. November 2012 um 19:21
Category:
VHs Neckargemünd
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