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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Erfahrung I (Vhs Neckargemünd)

 

1               Erinnerung an die letzte Sitzung

Für die Abstim­mung zur The­men­wahl ste­hen fest:

  1. Sprach­phi­lo­so­phie
  2.  Kunst­leh­re und Theo­rie der Kunst
  3. Was ist der Mensch? Kul­tu­rel­le und natür­li­che Anthro­po­lo­gie
  4. Reli­gio­si­tät und Reli­gi­ons­lo­sig­keit – Reli­gi­ons­phi­lo­so­phie

Kants Mit­spie­ler­me­tapho­rik hat im Prag­ma­tis­mus eine Wen­de in der Erkennt­nis­theo­rie aus­ge­löst. Dew­ey zufol­ge ist der Mensch kon­ti­nu­ier­li­cher Teil der Wirk­lich­keit (Rea­li­tät), die als stän­di­ger Über­gangs­pro­zess ver­stan­den wird. An die­sem nimmt auch der erken­nen­de Mensch ver­än­dernd Teil.

Die Dis­kus­si­on ver­such­te im Anschluss stän­dig auf das Wahr­heits­mo­ment der alten Auf­fas­sung zu rekur­rie­ren: Ist die Rea­li­tät nicht mehr als das­je­ni­ge, was der Mensch erken­nen kann? Kön­nen auch Wal­fi­sche erken­nen? Das unbe­streit­ba­re Recht der prag­ma­tis­ti­schen Auf­fas­sung zeigt sich z. B. an der vom Men­schen auf­grund sei­ner unbe­son­nen umge­setz­ten wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­se mit­in­du­zier­ten Kli­ma­ka­ta­stro­phe.

Das Erfahrungsverständnis sollte auf der Kunsterfahrung beruhen (John Dewey)

John Dew­ey hat gegen Ende sei­ner aka­de­mi­schen Lehr­tä­tig­keit 1934 „Kunst als Erfah­rung“ geschrie­ben (stw 703) geschrie­ben (in der Fol­ge: Dew­ey 1988). Dar­in unter­stellt er, dass die Rezi­pi­en­tin der Kunst mit den Kunst­wer­ken eine Erfah­rung macht, die zu den Kunst­wer­ken der rea­len Mög­lich­keit nach gehört – ihnen also kei­nes­wegs äußer­lich ist. Vor allem aber rekon­stru­iert er den Ent­ste­hungs­pro­zess des Kunst­werks als voll­stän­di­gen bzw. voll­ende­ten Erfah­rungs­pro­zess, in dem das­je­ni­ge auf­taucht, was in der klas­si­schen Ästhe­tik immer unter­stellt wur­de. Irgend­wann ver­dich­tet sich der Erfah­rungs­pro­zess zu einem bewuss­ten Plan (con­scious intent), der dann die Erfah­rung zu einem Voll­zug und Abschluss bringt (Dew­ey 1988: 47-72). Auch Ham­pe 2007: 142 akzep­tiert die­sen Gedan­ken und ver­sucht ihn dann in der Fol­ge für die Logik der Expe­ri­men­te wei­ter zu nut­zen. Wir wer­den das am 29.10. näher dis­ku­tie­ren.

Dew­ey 1988 : 47 schreibt – und das soll­te unse­rer Dis­kus­si­on in der Sit­zung zugrun­de lie­gen (Über­set­zung etwas ange­passt):

Erfah­run­gen wer­den stän­dig gemacht, denn die Inter­ak­ti­on von leben­di­gem Geschöpf und Umwelt ist Teil des eigent­li­chen Lebens­pro­zes­ses. Unter den Bedin­gun­gen von Wider­stand und Kon­flikt stat­ten die in die­ser Inter­ak­ti­on ent­hal­te­nen Aspek­te von Selbst und Erfah­rung die Erfah­rung mit Emp­fin­dun­gen und Vor­stel­lun­gen aus, sodass ein bewuss­ter Plan in Erschei­nung tritt. Oft­mals jedoch bleibt die gemach­te Erfah­rung unvoll­stän­dig. Man erfährt die Sach­ver­hal­te, fügt sie aber nicht zu einer Erfah­rung zusam­men: Es herr­schen Tren­nung und Auf­lö­sung. Was wir beob­ach­ten und was wir den­ken, was wir erseh­nen und was wir erlan­gen, steht nicht mit­ein­an­der im Ein­klang. Wir machen uns an die Arbeit und hal­ten inne; wir begin­nen und bre­chen ab – nicht etwa weil das Ziel der Erfah­rung, um des­sent­wil­len sie begon­nen wur­de, erreicht wäre, son­dern wegen äuße­rer Unter­bre­chung oder wegen Lethar­gie.

Im Gegen­satz zu sol­cher Erfah­rung machen wir eine Erfah­rung, wenn das Mate­ri­al das erfah­ren wor­den ist, eine Ent­wick­lung bis hin zur Voll­endung durch­läuft. Dann und nur dann ist es in den Gesamt­strom der Erfah­rung ein­ge­glie­dert und dar­in gleich­zei­tig von ande­ren Erfah­run­gen abge­grenzt. Eine Arbeit wird zufrie­den­stel­lend abge­schlos­sen ein Pro­blem fin­det sei­ne Lösung; ein Spiel wird bis zum Ende durch­ge­spielt; eine Situa­ti­on ist der­art abge­run­det, dass ihr Abschluss Voll­endung und nicht Abbruch bedeu­tet – sei es nun, dass es sich um das Ein­neh­men einer Mahl­zeit han­delt oder um eine Par­tie Schach, um ein Gespräch oder dar­um, dass ma nein Buch ver­fasst oder an einer poli­ti­schen Akti­on teil­nimmt. Eine sol­che Erfah­rung bedeu­tet ein Gan­zes, sie besitzt ihre beson­de­ren kenn­zeich­nen­den Eigen­schaf­ten und eine inne­re Eigen­stän­dig­keit. Sie ist eine Erfah­rung.

Wich­tig an Dew­eys Erfah­rungs­ver­ständ­nis ist die Unter­stel­lung, dass jener bewuss­te Plan irgend­wann ent­steht – und dann zur Voll­endung drängt. Nach Dew­ey gilt das nicht nur für Kunst­wer­ke, son­dern auch für Lie­bes­be­zie­hun­gen und wis­sen­schaft­li­che For­schun­gen. Der Pas­si­vi­täts­cha­rak­ter der Erfah­rung wird hier also mit einem kla­ren Akti­vi­täts­ak­zent ver­bun­den. Die Ein­zel­as­pek­te der Erfah­rung sind dann ent­spre­chend orga­nisch mit dem Gan­zen ver­bun­den, ohne dass sie als Ein­zel­as­pek­te ver­schwun­den wären.

 

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Info:
Erfahrung I (Vhs Neckargemünd) ist Beitrag Nr. 2582
Autor:
Martin Pöttner am 17. Oktober 2012 um 17:08
Category:
VHs Neckargemünd
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