Zum Inhalt springen


Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Alles Leben lebt von anderem Leben (EfG Griesheim)

1 Ich bin der wah­re Wein­stock und mein Vater ist der Wein­gärt­ner.

2 Eine jede Rebe an mir, die kei­ne Frucht bringt, wird er weg­neh­men; und eine jede, die Frucht bringt, wird er rei­ni­gen, dass sie mehr Frucht brin­ge.

3 Ihr seid schon rein um des Wor­tes wil­len, das ich zu euch gere­det habe.

4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe kei­ne Frucht brin­gen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Wein­stock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.

5 Ich bin der Wein­stock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weg­ge­wor­fen wie eine Rebe und ver­dorrt, und man sam­melt sie und wirft sie ins Feu­er und sie müs­sen bren­nen.

7 Wenn ihr in mir bleibt und mei­ne Wor­te in euch blei­ben, wer­det ihr bit­ten, was ihr wollt, und es wird euch wider­fah­ren.

 

8 Dar­in wird mein Vater ver­herr­licht, dass ihr viel Frucht bringt und ihr mei­ne Schü­ler wer­det.

 

Lie­be Gemein­de,

 

wir haben schon in der Schrift­le­sung gehört, dass das Johan­nes­evan­ge­li­um eine posi­ti­ve Bezie­hung zum Wein hat. Jeden­falls die Mut­ter Jesu sah es als erfor­der­lich an, dass Jesus auf der Hoch­zeit zu Kana für Nach­schub sorg­te, als der Wein aus­ge­gan­gen war. Jesus war zunächst etwas unwil­lig, schließ­lich wil­lig­te er aber doch in das­je­ni­ge ein, was sei­ne Mut­ter woll­te – es wur­de dann sogar sehr guter Wein …

Natür­lich wird das The­ma „Wein“ nicht zufäl­lig gewählt. Gibt es in der Anti­ke doch Dio­ny­sos, lat. Bac­chus, den Gott des Wei­nes, der in einer eige­nen Reli­gi­on eksta­tisch vor allem von Frau­en ver­ehrt wur­de. Das Chris­ten­tum ist nicht der­art eksta­tisch gewe­sen, aber dass der Wein lebens- und Freu­de spen­dend ist, akzep­tier­te man auch hier. Natür­lich schmeckt auch Trau­ben­saft gut und bringt Lebens­freu­de, Sucht­pro­ble­me sind nicht nötig!

Jeden­falls ist der Wein­stock und sind die Wein­re­ben in ihrer engen Bezie­hung zuein­an­der als Bil­der gut dazu geeig­net, um von der Lie­be, von der Gemein­de der Lie­be zu spre­chen, die in der gött­li­chen Lie­be zwi­schen Vater und Sohn wur­zelt.

Ich bin der wah­re Wein­stock und mein Vater ist der Wein­gärt­ner.

Die Schüler/innen sind die Reben, die an die­sem von Gott gepflanz­ten Wein­stock ger­ne wach­sen und Frucht tra­gen. Der Vater als Wein­gärt­ner und das Wort Jesu rei­ni­gen sie, sodass sie nichts davon abhält, gute Schüler/innen Jesu zu sein und eben Frucht zu tra­gen. Wir als Schüler/innen sol­len also Trau­ben tra­gen – und dazu immer in ihm, in Jesus, blei­ben, wie er mit sei­nen Wor­ten auch in uns bleibt.

D. h., lie­be Gemein­de, wir sind die­je­ni­gen, die Frucht tra­gen sol­len – und unse­re Früch­te, die Trau­ben sol­len ande­re Men­schen anzie­hen und sie sol­len ihnen schme­cken!

Wenn die Reben kei­ne Trau­ben tra­gen, ver­dor­ren sie – und wer­den ver­brannt. Der Wein­stock kann sich so erneu­ern.

Wir haben hier einen der Tex­te der Bibel vor uns, der nicht nur so neben­bei davon spricht, dass ganz zen­tra­le Aspek­te des christ­li­chen Glau­bens mit Bil­dern dar­ge­stellt wer­den, die Natur­vor­gän­ge, wie wir sagen, bezeich­nen. Es ist stär­ker in mei­ner Gene­ra­ti­on als der Gene­ra­ti­on mei­ner Leh­rer wahr­ge­nom­men wor­den, dass dies in der Bibel öfter geschieht. Das sind nicht nur Ver­an­schau­li­chun­gen, son­dern es steckt mehr dahin­ter. In der Natur wer­den Vor­gän­ge beob­ach­tet, die bild­spen­dend für reli­giö­se Vor­gän­ge sein kön­nen – jeden­falls ver­sucht man dies, reli­giö­se Vor­gän­ge mit­tels natür­li­cher Vor­gän­ge aus­zu­drü­cken.

Dar­in sind wir viel­leicht nicht so geübt wie die Men­schen in der Anti­ke. Ich habe am Don­ners­tag einen Vor­trag in der Nähe von Heil­bronn gehal­ten, dar­in ging es um Nietz­sche und den Gott Dio­ny­sos bzw. Bac­chus, der auch Gott des Weins war. Bei den eksta­ti­schen Umzü­gen zer­ris­sen zumeist Frau­en Tie­re und aßen rohes Fleisch – ein Ritu­al, bei dem die Frau­en sym­bo­lisch am Ster­ben und Auf­er­ste­hen des Got­tes Dio­ny­sos teil­hat­ten. Eine Frau, die wohl etwas älter als ich ist, frag­te: „Was hat denn die­ser Gott mit dem Wein zu tun?“ Für mich war inter­es­sant, dass die Grup­pe dar­auf kam, dass das wohl mit der Her­stel­lung von Wein zu tun haben müs­se. Vor dem Ver­gä­ren müs­sen die Trau­ben zer­stampft, damals wohl mit den Füßen, wer­den. Die Frau war noch nicht ganz über­zeugt: Es sei doch etwas ande­res, Fleisch von Tie­ren abzu­rei­ßen und roh zu essen als Trau­ben zu zer­stamp­fen, um dar­aus Wein her­zu­stel­len?

Sie woll­te also dar­auf hin­aus, bei den Tie­ren sei das absto­ßend und unmo­ra­lisch, wäh­rend die Trau­ben als Pflan­zen davon nichts mer­ken. Das drück­te sie auch so ähn­lich aus. Sie war dabei nahe an den Hin­dus und Bud­dhis­ten, die Vege­ta­ri­er sind.

Der Neu­tes­ta­ment­ler, Kul­tur­phi­lo­soph, Musi­ker und Arzt Albert Schweit­zer hat dage­gen ein­ge­wen­det, dass jedes Leben von ande­rem Leben lebt. D. h., auch der Vege­ta­ris­mus ent­kommt nicht die­sem schwie­ri­gen Zusam­men­hang. Man ver­steht dann leich­ter, dass Jesus in den ers­ten drei Evan­ge­li­en erst 40 Tage in die Wüs­te geht und von den Engeln ernährt wird. Er ist mit den wil­den Tie­ren zusam­men – „und die Engel dien­ten ihm“, d. h., sie gaben ihm etwas zu essen, wohl himm­li­sche Spei­se, so Mar­kus.

Das Chris­ten­tum und Jesus sind also von Anfang an mit die­sem Zusam­men­hang kon­fron­tiert, das alles Leben von ande­rem Leben lebt. Unse­re Kul­tur ist dabei nicht ein­fach als unschul­dig ver­stan­den. Aber man kann dem Pro­blem nicht durch Vege­ta­ris­mus ent­kom­men.

Man muss die­sen Zusam­men­hang hin­ter unse­rem Text hören, um sei­ne Bot­schaft zu ver­ste­hen. Die Gemein­de der Lie­be wird über das Wein­stock­bild mit dem Wein­gärt­ner, den Reben und der Frucht, den Trau­ben, kom­mu­ni­ziert. Das, was wir als Schüler/innen, erbrin­gen sol­len, ist Freu­de an den Trau­ben. Aber für anti­ke Leser/innen ist klar, dass das sowohl bei Wein und Trau­ben­saft nur durch kul­tu­rel­le Prak­ti­ken mög­lich ist, wel­che die Trau­ben zer­stö­ren. Das ist auch beim Essen der Trau­ben der Fall. Sie wer­den gekaut und ver­schluckt. Jedes Leben lebt von ande­rem Leben.

Das Wein­stock­bild gehört zu den Abschieds­re­den im Johan­nes­evan­ge­li­um, die vom bal­di­gen gewalt­sa­men Tod Jesu bestimmt sind. Das wird, wie Joh 21 sagt, auch dem Petrus und dem Schü­ler, den Jesus lieb­te, pas­sie­ren. Auch die­ser hat­te ja wohl die Erwar­tung oder doch die Bit­te, dass er nicht ster­be, bis Jesus wie­der­kommt.

Dass wir als Schüler/innen also im Wein­stock, in Jesus blei­ben, schließt unse­ren Tod nicht aus. Wenn wir die Bit­te hät­ten, nicht zu ster­ben, wird sie nicht erfüllt.

Es ist schön, wenn wir viel Frucht brin­gen und Freu­de spen­den. So ist es bei Jesus auch, der Tod des Wein­stocks spen­det Leben. Aber eben nur Leben, das von ande­rem Leben lebt – bis wir in den Woh­nun­gen sind, die Jesus beim Vater für uns berei­tet hat. Dann sind wir den Unein­deu­tig­kei­ten ent­nom­men – und die Lie­be ist voll­kom­men und ohne Schmerz. Dann sind alle Bit­ten, die wir haben kön­nen, ganz erfüllt. Dann sind wir ganz ohne Unein­deu­tig­keit in ihm, wie er in uns und im Vater ist. Und so wer­den wir, der Sohn und der Vater ver­herr­licht.

« 1Kor 11,17-34 (Uni Heidelberg) – Verständnisvolles Lesen der Bibel IV (TUD) »

Info:
Alles Leben lebt von anderem Leben (EfG Griesheim) ist Beitrag Nr. 2467
Autor:
Martin Pöttner am 11. Mai 2012 um 19:06
Category:
Kultur,Ökologie,Religion und Mystik,Zeichen und Philosophie
Tags:
 
Trackback:
Trackback URI

Keine Kommentare »

No comments yet.

Kommentar-RSS: RSS feed for comments on this post.

Leave a comment