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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Hans Jonas, Prinzip Verantwortung (VHs Neckargemünd)

Für nach­denk­li­che­re Men­schen waren die 1970er Jah­re nicht nur die Jah­re, in denen die Leis­tungs­fä­hig­keit der Sozia­len Markt­wirt­schaft deut­lich wur­de, weil die deut­sche Arbei­ter­schaft durch die sozi­al­li­be­ra­le Koali­ti­on in die Bun­des­re­pu­blik inte­griert wur­de. Durch die Ölpreis­kri­se 1973 sowie durch den ers­ten Bericht des „Club of Rome“ 1972 wur­de deut­lich, dass dies mög­li­cher­wei­se auf Sand gebaut war – die Kon­flik­te seit Ende der 1970er Jah­re waren sehr hef­tig. Die Mehr­heit der Bundesbürger/innen sah ange­strengt weg. Zu den­je­ni­gen, die nicht weg­sa­hen und das als ein erns­tes phi­lo­so­phi­sches Pro­blem nicht zuletzt der Ethik ver­stan­den, gehört Hans Jonas. Er bestimm­te das phi­lo­so­phisch reflek­tier­te Han­deln als eines, das nicht nur wie die kan­ti­sche Ethik auf Nah­be­reichs­pro­ble­me und über­schau­ba­re Zei­ten bezo­gen sei, son­dern die glo­ba­len Fol­gen des ins­be­son­de­re tech­no­lo­gisch bestimm­ten Han­delns stets abschät­zen und im Blick behal­ten müs­se – und des­halb für die Zukunft Ver­ant­wor­tung über­neh­men müs­se. Wir Jün­ge­ren sahen, dass er ein erns­tes Pro­blem ansprach – aber in den 1980er Jah­ren setz­te eben auch die ernst zu neh­men­de Peirce-Rezep­ti­on ein, sodass sehr schnell deut­lich wur­de, dass seit den 1870er Jah­ren eine der­ar­ti­ge Ver­ant­wor­tungs­ethik für die wis­sen­schaft­lich-tech­ni­sche Kul­tur ver­tre­ten wor­den ist. Der von Jonas rich­tig beschrie­be­ne Kli­ma­ef­fekt wur­de übri­gens gegen Ende des 19. Jahr­hun­derts grund­le­gend durch Rus­sel Wal­lace beschrie­ben. Die­se auf die Ver­gan­gen­heit bezo­ge­nen Aspek­te feh­len in Jonas’ Buch – aber die beson­de­re Poin­te bleibt bestehen, dass er am Höhe­punkt des Wohl­stands­mo­dells zeig­te, dass die­ses stark gefähr­det ist – und nur durch die Berück­sich­ti­gung der glo­ba­len Fol­gen eini­ger­ma­ßen unter Kon­trol­le gehal­ten wer­den konn­te.

Das Buch ist in der Pha­se geschrie­ben, als die Ana­ly­ti­sche Phi­lo­so­phie zur phi­lo­so­phi­schen Leit­dis­zi­plin gewor­den war – und der Neo­po­si­ti­vis­mus mit sei­ner Reduk­ti­on des Peirce’schen Fal­li­bi­lis­mus auf den Pop­per­schen Fal­si­fi­ka­tio­nis­mus in gro­ßer Blü­te stand. Beson­ders Pop­pers Feh­ler hat sich sehr nega­tiv auf die Umwelt­pro­ble­ma­tik aus­ge­wirkt. Ihm zufol­ge las­sen sich vie­le Theo­ri­en den­ken, aber in der Regel irren wir uns. Lei­der bemer­ken wir es oft spät. Des­halb ist es die vor­nehms­te Pflicht der Wis­sen­schafts­theo­rie, Theo­ri­en zu fal­si­fi­zie­ren. Pop­per ver­trat eine „Kata­stro­phen­theo­rie“ der Erkennt­nis, wie mein Freund Frank Mie­ge for­mu­liert hat. Jonas hat den Unsinn der Pop­per­schen Posi­ti­on durch­schaut und plä­dier­te für eine „Heu­ris­tik der Furcht“. Damit ist gemeint, dass man durch­aus die schlech­test­mög­li­che Ent­wick­lung hypo­the­tisch erfas­sen soll, um die Bedin­gun­gen her­aus­zu­fin­den, wie man die­se ver­mei­den kann. Das steht par­al­lel zu dem Prin­zip Peirce’, das nur Ent­wick­lun­gen sitt­lich gerecht­fer­tigt sind, die kei­ne irrever­si­blen Fol­gen auf­wei­sen. Sowohl Jonas als auch Peirce sind daher nicht als Apo­lo­ge­ten der fried­li­chen Nut­zung der Kern­ener­gie taug­lich, Pop­per war es schon – aber selbst Frau Dr. rer. nat. Ange­la Mer­kel hat ein­ge­se­hen, dass der Fal­si­fi­ka­tio­nis­mus falsch, dage­gen der Fal­li­bi­lis­mus zutref­fend ist. Die Theo­rie, dass in Kern­kraft­wer­ken gele­gent­lich GAUs auf­tre­ten, hat sich als zutref­fend erwie­sen – und konn­te gera­de nicht fal­si­fi­ziert wer­den. Also ist auch die fal­li­bi­lis­ti­sche Auf­fas­sung zutref­fend, dass alle Theo­ri­en falsch sein kön­nen, aber eini­ge doch zumin­dest in man­chen Aspek­ten wahr sind.

Jonas hat 1979 Fra­gen auf­ge­wor­fen, die zuvor zuletzt in der Roman­tik the­ma­ti­siert wor­den sind.

In der Wahl zwi­schen Mensch und Natur, wie sie sich im Daseins­kampf von Fall zu Fall immer wie­der stellt, kommt aller­dings der Mensch zuerst und die Natur, auch wenn ihre Wür­de zuge­stan­den ist, muss ihm und sei­ner höhe­ren Wür­de wei­chen. Oder, wenn die Idee irgend­ei­nes »höhe­ren« Rech­tes hier bestrit­ten wird, so geht doch, gemäß der Natur selbst, der Ego­is­mus der Art immer vor­an und die Aus­übung der Men­schen­macht gegen die übri­ge Lebens­welt ist ein natür­li­ches, aus dem Kön­nen allein begrün­de­tes Recht. Das war prak­tisch der Stand­punkt aller Zei­ten, in denen die Natur im Gro­ßen unver­letz­lich und des­halb in allem Ein­zel­nen dem Men­schen zum unbe­küm­mer­ten Gebrauch frei­zu­ste­hen schien. Aber selbst wenn wei­ter­hin die Pflicht zum Men­schen als die abso­lu­te gilt, so schließt sie doch nun die zur Natur als der Bedin­gung sei­ner eige­nen Fort­dau­er und als einem Ele­ment sei­ner eige­nen exis­ten­ti­el­len Voll­stän­dig­keit ein. Wir gehen dar­über hin­aus und sagen, dass die in der Gefahr neu ent­deck­te Schick­sals­ge­mein­schaft von Mensch und Natur uns auch die selb­st­ei­ge­ne Wür­de der Natur wie­der ent­de­cken lässt und uns über das Uti­li­ta­ris­ti­sche hin­aus ihre Inte­gri­tät bewah­ren heißt. Es braucht kaum gesagt zu wer­den, dass ein sen­ti­men­ta­les Ver­ständ­nis die­ses Gebo­tes aus­ge­schlos­sen ist durch das Gesetz des Lebens selbst, das offen­bar in die zu erhal­ten­de »Inte­gri­tät“ mit ein­be­zo­gen ist, also sel­ber erhal­ten wer­den muss. Denn Über­griff in ande­res Leben ist mit der Zuge­hö­rig­keit zum Lebens­be­reich eo ipso gege­ben, da jede Art von ande­ren lebt oder deren Umwelt mit­be­stimmt und daher die blo­ße, von Natur betrie­be­ne Selbst­er­hal­tung einer jeden einen fort­wäh­ren­den Ein­griff in das übri­ge Lebens­ge­fü­ge dar­stellt. Sim­pel gesagt: Fres­sen und Gefres­sen­wer­den ist Exis­tenz­prin­zip eben der Man­nig­fal­tig­keit, die das Gebot um ihrer selbst wil­len bejaht. (Stoff­wech­sel ledig­lich mit der anor­ga­ni­schen Natur womit das Gan­ze ein­mal begon­nen haben muss, fin­det nur an der unters­ten Gren­ze statt.) Die Sum­me die­ser gegen­sei­tig limi­tie­ren­den, immer mit Ver­nich­tung im Ein­zel­nen ein­her­ge­hen­den Ein­grif­fe ist im Gan­zen sym­bio­tisch, obwohl nicht  sta­tisch, mit jenem Kom­men, Gehen und Blei­ben, das uns aus der Dyna­mik vor­mensch­li­cher Evo­lu­ti­on bekannt ist. Das har­te Gesetz der Öko­lo­gie (zuerst von Mal­thus gese­hen) ver­hin­der­te jeden über­mä­ßi­gen Raub der ein­zel­nen Lebens­form am Gan­zen, jedes Über­hand­neh­men eines »Stärks­ten«, und der Bestand des Gan­zen war sicher im Wan­del sei­ner Tei­le. Hier­von mach­te selbst das zuneh­mend ein­sei­ti­ge Ein­grei­fen des Men­schen bis vor kur­zem noch kei­ne ent­schei­den­de Aus­nah­me. (Das Prin­zip Ver­ant­wor­tung, 246f)

 

 

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Info:
Hans Jonas, Prinzip Verantwortung (VHs Neckargemünd) ist Beitrag Nr. 2440
Autor:
Martin Pöttner am 25. April 2012 um 13:25
Category:
Biologie,Mensch und Universum,Ökologie
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