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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Der Chor der Gemein­de der Lie­be (EfG Gries­heim)

 

 

Lie­be Gemein­de,

 

wir erin­nern uns. Der Schü­ler, den Jesus lieb­te, der Johan­nes heißt, hat­te über das Mahl berich­tet, dass Tho­mas, Natha­na­el, sein Bru­der Jako­bus und er sowie zwei ande­re Schü­ler mit dem auf­er­stan­de­nen Jesus am See Tibe­ri­as fei­er­ten. Es gab vie­le Fische und Brot am Koh­le­feu­er, das Tages­licht däm­mer­te nach dem gro­ßen Fisch­fang – und alle hat­ten ver­stan­den, dass sie die Gemein­de der Lie­be waren, die von Jesus nicht allein gelas­sen wird, wenn er zum Vater geht. So hät­ten mei­ne Geschich­te und mein Buch, das Johan­nes­evan­ge­li­um eigent­lich enden kön­nen, dach­te der Schü­ler, den Jesus lieb­te. Das war eigent­lich ein schö­ner Schluss, sogar ein biss­chen sen­ti­men­tal – und auch ich war gerührt. Aber Jesus hat dann doch – auch für mich über­ra­schend – ganz anders gehan­delt, als ich es mir gewünscht hat­te:

 

 

15 Als sie nun das Mahl gehal­ten hat­ten, sagt Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johan­nes, hast du mich lie­ber, als mich die­se haben?

Er ant­wor­tet ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.

Jesus sagt zu ihm: Wei­de mei­ne Läm­mer!

16 Jesus sagt zum zwei­ten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johan­nes, hast du mich lieb? Er ant­wor­tet ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.

Jesus sagt zu ihm: Wei­de mei­ne Scha­fe!

17 Dann sagt Jesus zum drit­ten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johan­nes, hast du mich lieb?

Petrus wur­de trau­rig, weil er zum drit­ten Mal zu ihm sag­te: Hast du mich lieb?, und ant­wor­te­te ihm: Herr, du weißt alle Din­ge, du weißt, dass ich dich lieb habe.

Jesus sagt zu ihm: Wei­de mei­ne Scha­fe!

18 Wahr­lich, wahr­lich, ich sage dir: Als du jün­ger warst, gür­te­test du dich selbst und gingst, wo du hin­woll­test; wenn du aber alt wirst, wirst du dei­ne Hän­de aus­stre­cken und ein ande­rer wird dich gür­ten und füh­ren, wo du nicht hin­willst.

19 Das sag­te er aber, um anzu­zei­gen, mit wel­chem Tod Petrus Gott prei­sen wür­de. Und als er das gesagt hat­te, fügt er hin­zu: Fol­ge mir nach!

20 Petrus aber dreh­te sich um und sah den Schü­ler fol­gen, den Jesus lieb­te, der auch beim Abend­essen an sei­ner Brust gele­gen und gesagt hat­te: Herr, wer ist es, der dich aus­lie­fern wird?

21 Als Petrus die­sen sah, fragt er Jesus: Herr, was wird aber mit die­sem?

22 Jesus ant­wor­tet ihm: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich kom­me, was geht es dich an? Fol­ge du mir nach!

23 Da kam unter den Brü­dern die Rede auf: Die­ser Schü­ler stirbt nicht. Aber Jesus hat­te nicht zu ihm gesagt: Er stirbt nicht, son­dern: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich kom­me, was geht es dich an?

24 Dies ist der Schü­ler, der dies alles bezeugt und auf­ge­schrie­ben hat, und wir wis­sen, dass sein Zeug­nis wahr ist.

25 Es sind noch vie­le ande­re Din­ge, die Jesus getan hat. Wenn aber eins nach dem andern auf­ge­schrie­ben wer­den soll­te, so wür­de, mei­ne ich, die Welt die Bücher nicht fas­sen, die zu schrei­ben wären.

 

Lie­be Gemein­de,

 

das Johan­nes­evan­ge­li­um ist ein lite­ra­risch anspruchs­vol­ler Text, der sehr durch­geis­tigt ist – und sei­ne Gestalt als Buch, das von dem Schü­ler, den Jesus lieb­te, stammt, genau reflek­tiert.

Am Ende mel­det sich der Chor der Gemein­de der Lie­be, die noch in der Welt ist:

24 Dies ist der Schü­ler, der dies alles bezeugt und auf­ge­schrie­ben hat, und wir wis­sen, dass sein Zeug­nis wahr ist.“

Die­ser Chor der Gemein­de der Lie­be mel­det sich im Johan­nes­evan­ge­li­um auch sonst. So spricht oder singt er am Ende des Pro­logs im ers­ten Kapi­tel:

14: Und das Wort wur­de Fleisch und wohn­te unter uns, und wir sahen sei­nen Glanz, den Glanz des ein­zig­ge­bo­re­nen Soh­nes des Vaters, vol­ler Gna­de und Wahr­heit.

16 Und aus sei­ner Fül­le haben wir alle emp­fan­gen Gna­de um Gna­de.

17 Denn das Gesetz ist durch Mose gege­ben; die Gna­de und Wahr­heit sind durch Jesus Chris­tus gewor­den.

18 Nie­mand hat Gott je gese­hen; der Ein­zig­ge­bo­re­ne, der Gott ist und an der Brust des Vaters liegt, der hat ihn uns aus­ge­legt.“

Wenn wir den Chor hören, dann kön­nen wir recht gut ver­ste­hen, wie das Johan­nes­evan­ge­li­um gemeint ist, was die Span­nung aus­macht, die auch die Span­nung des Lebens der Gemein­de der Lie­be aus­macht. Sie ver­dankt sich dem Flei­schwer­den des Wor­tes, das „bei uns“ „gewohnt“ hat, wie der Chor singt oder spricht. Nach sei­nem Woh­nen wur­de er gekreu­zigt, er ist auf­er­stan­den und zum Vater gegan­gen, wo er jetzt an der Brust des Vaters liegt. Und der Chor der Gemein­de der Lie­be erin­nert nicht zufäl­lig dar­an, dass auch der Schü­ler, den Jesus lieb­te, an der Brust Jesu lag, als Judas sei­ne Aus­lie­fe­rungs­ak­ti­on star­te­te:

20 Petrus aber dreh­te sich um und sah den Schü­ler fol­gen, den Jesus lieb­te, der auch beim Abend­essen an Jesu Brust gele­gen und gesagt hat­te: Herr, wer ist es, der dich aus­lie­fern wird?“

Zum Woh­nen Jesu „bei uns“, so singt und spricht der Chor, gehört auch, dass der Schü­ler, den Jesus lieb­te, an sei­ner Brust lag. Und er lag an sei­ner Brust, wie jetzt Jesus an der Brust des Vaters liegt. Dazwi­schen ist unser Leben als Gemein­de der Lie­be auf­ge­spannt. Der Schü­ler, den Jesus lieb­te, lag an der Brust Jesu. Und Jesus liegt an der Brust des Vaters. Bei­des bezeich­net, dass die Lie­be das­je­ni­ge ist, was Gott aus­macht: Gott ist die Lie­be.

Das hat­te der Schü­ler, den Jesus lieb­te, auch schon ver­stan­den – und auch so sein Evan­ge­li­um geschrie­ben. Immer­hin, da gab es noch die­se letz­te unan­ge­neh­me Epi­so­de mit Petrus. Jesus war nicht ein­fach schwei­gend dar­über hin­weg gegan­gen, dass Petrus drei Mal geleug­net hat­te, er sei Schü­ler Jesu. Er erin­ner­te Petrus dar­an, dass Jesus der gute Hir­te ist – und sei­ne Schüler/innen das ent­spre­chend auch sein sol­len.

Er frag­te Petrus drei Mal „Hast Du mich lieb?“

Und wenn die­ser pein­lich berührt und trau­rig-resi­gniert das bejah­te, gab er ihm den Auf­trag, sei­ne Läm­mer und Scha­fe zu wei­den. Man hät­te glau­ben kön­nen, dass Jesus ihn zum Bischof oder gar Papst hät­te bestim­men wol­len. Aber Jesus mein­te etwas ganz ande­res:

18 Wahr­lich, wahr­lich, ich sage dir: Als du jün­ger warst, gür­te­test du dich selbst und gingst, wo du hin­woll­test; wenn du aber alt wirst, wirst du dei­ne Hän­de aus­stre­cken und ein ande­rer wird dich gür­ten und füh­ren, wo du nicht hin­willst.

19 Das sag­te er aber, um anzu­zei­gen, mit wel­chem Tod er Gott prei­sen wür­de. Und als er das gesagt hat­te, sagt er zu ihm: Fol­ge mir nach!“

So schreck­lich es ist: Hir­te zu sein und Scha­fe zu hüten, ist Kreu­zes­nach­fol­ge. Und Petrus wird am Ende wie Jesus gekreu­zigt wer­den. Die Gemein­de der Lie­be kann das offen­bar nicht ver­hin­dern. Sie ist lei­der kei­ne stän­dig fort­dau­ern­de Erfolgs­ge­schich­te. Der Schü­ler, den Jesus lieb­te, dach­te bei sich selbst:

Jesus führ­te uns also an die bit­te­re Rea­li­tät her­an. Petrus woll­te das nicht so ganz wahr­ha­ben. Wenn schon er gekreu­zigt wer­den wür­de, wür­de etwa ich das über­le­ben – so sei­ne ange­deu­te­te Fra­ge. Jesus ant­wor­te­te, dass es Petrus nichts ange­he, falls ich so lan­ge lebe, bis er wie­der­kom­me. Ich selbst und ande­re Brü­der hat­ten die Hoff­nung, dass ich bis dahin nicht ster­ben müs­se. Aber so hat es Jesus nicht gemeint. Er mein­te nur, dass Petrus mit sei­nem eige­nen Leben genug Pro­ble­me habe. Eifer­sucht auf mich oder Neid sei nicht ange­bracht. Auch „der Schü­ler, den Jesus lieb­te“, muss also wie sein Herr ster­ben. Also auch ich muss ster­ben.

Ich trös­te­te mich: Zum Glück gibt es den Chor der Gemein­de der Lie­be, der mein zu Ende geschrie­be­nes Werk etwas ergän­zen und ver­öf­fent­li­chen kann. Lei­der kann ich das Werk nicht mit einem Hap­py End auf­hö­ren las­sen. Im Kern habe ich mir das gewünscht. Aber Jesus hat nicht nur Petrus, son­dern auch mich auf den Boden der Rea­li­tät zurück­ge­holt. Wäh­rend er an der Brust des Vaters liegt, berei­tet er für uns Woh­nun­gen beim Vater – wie er gesagt hat. Also kon­zen­trie­re ich mich dar­auf, mein Buch fer­tig­zu­stel­len. Der Chor der Gemein­de der Lie­be kann es ruhig ergän­zen.

Und der Chor der Gemein­de der Lie­be tat das. Er leg­te Wert dar­auf, dass der Schü­ler, den Jesus lieb­te, so an der Brust Jesu lag wie Jesus jetzt an der Brust des Vaters liegt. Der Chor singt von der Lie­be und spricht über die Lie­be – im Him­mel wie auf Erden. Denn Gott ist die Lie­be.

 

 

 

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Info:
Der Chor der Gemein­de der Lie­be (EfG Gries­heim) ist Beitrag Nr. 2430
Autor:
Martin Pöttner am 21. April 2012 um 16:57
Category:
Allgemein
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