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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Die Pro­zess-Ethik Schlei­er­ma­chers

1               Erin­ne­rung an die letz­te Sit­zung

Unse­re Begeg­nung mit der Pflich­ten­leh­re Imma­nu­el Kants blieb strit­tig. Es gab Ver­su­che, Kants Ethik näher zu ver­ste­hen, auch zu ver­tei­di­gen – ein Kurs­teil­neh­mer schlug vor, die Auf­fas­sung der Ethik nach dem Auf­tre­ten des Manns aus Königs­berg fol­gen­der­ma­ßen zu unter­tei­len: Ethik bis Kant – auf Kants Niveau oder hin­ter Kant zurück­ge­fal­len. Ande­re schie­nen nicht die­ser Über­zeu­gung zu sein, ins­be­son­de­re nicht von Kants Argu­ment für die Ableh­nung der Güter­leh­re, weil die­se nicht vor dem Hang zum Bösen gefeit sei, man hier­mit den Nei­gun­gen ver­fal­len sei, wenn man ein Gut anstre­be. Das tran­szen­den­ta­le Kon­zept der Sub­jek­ti­vi­tät, wel­ches offen­bar hin­ter Kants Opti­on für die Pflich­ten­leh­re und die ent­spre­chen­den kate­go­ri­schen Impe­ra­ti­ve steht, leuch­te­te man­chen Teilnehmer/innen nicht recht ein. Aller­dings akzep­tier­ten alle, soweit sie sich äußer­ten,

  • das Prin­zip der Uni­ver­sa­li­sier­bar­keit von ethi­schen Maxi­men, aber auch Kants
  • Akzep­tanz der Men­schen­rech­te als Grund­la­ge der Ethik.

Ein wich­ti­ges Miss­ver­ständ­nis schien mir teil­wei­se vor­han­den zu sein: Sozi­al­ethik las­se sich auch ohne Güter­ethik betrei­ben. Viel­leicht war das gar nicht gemeint, aber zur Sicher­heit for­mu­lie­re ich die­se Selbst­ver­ständ­lich­keit noch ein­mal expli­zit. Dass Kant tat­säch­lich im Sin­ne Schlei­er­ma­chers eine indi­rek­te Dar­stel­lung der gesam­ten Ethik aus der Per­spek­ti­ve der Pflich­ten­leh­re ist, zei­gen sei­ne Aus­füh­run­gen in „Zum ewi­gen Frie­den“. Dort beschreibt er den Weg der Welt­ge­sell­schaft zum Welt­staat, durch­aus ein pro­zes­sua­ler Ansatz. Viel­leicht ist das ein mög­li­cher Ansatz, Kant zu ver­ste­hen. Sofern der Mensch stär­ker zu sei­ner Auto­no­mie steht – und dies in einem idea­len demo­kra­ti­schen Welt­staat endet, der den gro­tes­ken Ver­hält­nis­sen in Preu­ßen stark ent­ge­gen­ge­setzt ist, sind die Men­schen geeig­net, zumin­dest die­ses Gut zu wäh­len.

2               Die Pro­zess-Ethik Schlei­er­ma­chers

Mit einem hat unser erwähn­ter Kurs­teil­neh­mer auf jeden Fall recht. Jeder, der Ethik betreibt, kann am Pro­blem der Ethik Kants nicht vor­bei­ge­hen.

Die ratio­na­le (Ethik) in der kan­ti­schen Form setzt vor­schwe­ben­de Gedan­ken zur Hand­lung und kann also nur berich­ti­gen oder voll­enden, nicht, auch wenn man sich ihr völ­lig unter­wür­fe, von vor­ne kon­stru­ie­ren.

In allen For­men setzt sie das Sol­len, ohne sich zu beküm­mern um das Sein, als cha­rak­te­ris­tisch für das Ethi­sche im Gegen­satz gegen das Phy­si­sche. Aber die Erschei­nung ist im Phy­si­schen auch dem Begriff nie ange­mes­sen, und was für die Ethik eigent­lich Objekt ist, näm­lich die Kraft, aus wel­cher die ein­zel­nen Hand­lun­gen her­vor­ge­hen, muss in der Ethik auch als sei­end und mit sei­nem Sol­len iden­tisch vor­aus­ge­setzt wer­den.“ (Schlei­er­ma­cher 1990, 6).

Wir haben in der letz­ten Sit­zung die berühm­tes­ten die­ser „vor­schwe­ben­den Gedan­ken zur Hand­lung“, also u. a. die drei Ver­sio­nen des „kate­go­ri­schen Impe­ra­tivs“ zur Kennt­nis genom­men, auch die Meta­re­gel der „Uni­ver­sa­li­sier­bar­keit“, inso­fern für auto­no­me Wesen die eige­ne Maxi­me auch die­je­ni­ge aller ande­ren Men­schen sein kön­nen muss (all­ge­mei­ne Gesetz­ge­bung). Es wur­den lei­se Zwei­fel geäu­ßert, ob das eine rea­lis­ti­sche Posi­ti­on sein kann. Bin ich als Mar­tin Pött­ner eigent­lich so wie alle ande­ren Men­schen? Kant sagt „Ja!“, bezo­gen auf die Auto­no­mie­struk­tur, den Wil­len zur Selbst­be­stim­mung, die Refle­xi­ons­fä­hig­keit, die Fähig­keit, sich in ande­re zu ver­set­zen. Aber ich bin im Gegen­satz zur über­gro­ßen Mehr­heit der Men­schen Mit­glied einer Reli­gi­ons­ge­mein­schaft, wel­cher auch Kant ange­hör­te. Ich bin durch­aus nicht völ­lig unähn­lich wie Kant erzo­gen wor­den – und bin durch­aus in der Lage zu erken­nen, dass bestimm­te ethi­sche Maxi­men, die Kant bevor­zugt, säku­la­ri­siert for­mu­lier­te Grund­sät­ze der „Berg­pre­digt“ sind. Und ich stim­me sogar dar­in mit Kant über­ein, dass die For­mu­lie­rung einer Ethik als the­o­nom falsch ist. Wir tun das Gute nicht des­halb, weil es Gott gebo­ten hat, son­dern, weil wir auto­nom bestim­men, dass es gut ist. Aber das alles reicht nicht hin, um eine nach­voll­zieh­ba­re Ethik zu for­mu­lie­ren. Weil näm­lich die rela­ti­ve Ähn­lich­keit Imma­nu­el Kants und Mar­tin Pött­ners im Blick nicht zuletzt auf ihre pie­tis­ti­sche Bil­dungs­ge­schich­te zwar eine gewis­se Sym­pa­thie von Mar­tin Pött­ner für Imma­nu­el Kants Posi­ti­on begrün­det, aber kei­nen hin­rei­chen­den Grund dafür dar­stellt, Kants ethi­sche Theo­rie als gedank­lich beson­ders kon­trol­liert ein­zu­schät­zen. Es ver­hält sich näm­lich so, dass Schlei­er­ma­cher mit sei­ner scharf­sich­ti­gen Kri­tik Kant 1812 als einen Kai­ser dar­stellt, der kei­ne Klei­der anhat. Er kön­ne näm­lich nicht „von vor­ne“ auf­bau­en, nicht „von vor­ne“ kon­stru­ie­ren, wie ethi­sches Han­deln real vor sich gehe. Schlei­er­ma­cher ist also das Kind, das aus­spricht, was vor­dem durch­aus eini­ge sahen, was seit­dem vie­le sehen, aber sich nicht zu sagen trau(t)en, weil da vie­le kan­tia­ni­sche „Vor­mün­der“ sind, die stän­dig davon spre­chen, wie man etwas rich­tig den­ken müs­se, das sei doch klar. Schlei­er­ma­cher stellt Kants Posi­ti­on so dar, dass sie rein nega­tiv sei. Kri­ti­sche Kan­tia­ner mei­nen, die­se Extrem­po­si­ti­on sei durch den Ter­ror in der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on aus­ge­löst wor­den – ich las­se das ein­mal dahin­ge­stellt. Wor­auf es aber ankommt, ist für Schlei­er­ma­cher klar. Gestal­ten kann man im Kon­text der Stein-Har­den­berg­schen Refor­men nur, wenn es klar ist, wie man ver­ant­wort­lich han­deln kann, in wel­chen Insti­tu­tio­nen usf. Also muss eine Theo­rie der Güter her, eben­so eine Theo­rie der Ver­nunft­po­ten­zia­le, wie man sol­che Güter wäh­len und dann gestal­ten kann; auch wel­che Pflich­ten die sitt­li­che Gemein­schaft von einem erwar­ten darf. Ich hat­te das in der Zusam­men­fas­sung zur letz­ten Sit­zung skiz­ziert.

Natür­lich sieht Schlei­er­ma­cher ein Wahr­heits­mo­ment in Kants Posi­ti­on, obgleich er es iro­nisch aus­drückt. Auch jede phy­si­sche Erschei­nung ent­spre­che ja nicht ihrem Begriff. So sieht es natür­lich auch bei Kants Auto­no­mie­ge­dan­ken aus. Kei­nes­wegs sind alle Sub­jek­te welt­weit mit einer äqui­va­len­ten Struk­tur ver­se­hen, man kann sich aber den­ken, dass sie auf­ein­an­der zuge­hen könn­ten. Die Ver­schie­den­heit der Spra­chen wird von Schlei­er­ma­cher und Hum­boldt gegen die Abs­trakt­heit des tran­szen­den­ta­len Kon­zepts Kants ins Feld geführt. Bei Schlei­er­ma­cher geht es zudem nicht nur um Spra­che, son­dern auch um die viel­fäl­ti­gen Zei­chen­sys­te­me, mit denen wir unser Leben orga­ni­sie­ren. D. h., es gibt gar kei­ne star­ren Äqui­va­len­zen, son­dern pro­zes­su­al ver­schieb­ba­re Mus­ter, die durch den kom­mu­ni­ka­ti­ven Aus­tausch der Men­schen beför­dert wer­den soll. Sodass das Wis­sen­schafts­sys­tem eben schon in der Schu­le beginnt – und min­des­tens All­ge­mein­bil­dung her­vor­bringt, wel­che einen jun­gen Men­schen, Schlei­er­ma­cher denkt auch an die jun­gen Frau­en, befä­higt, Staatsbürger/innen und Wirtschaftsbürger/innen zu sein. Schlei­er­ma­cher hält es dabei für nötig, dass sich der preu­ßi­sche Staat demo­kra­ti­sie­re. Eben­so müs­sen die Pro­ble­me im Wirt­schafts­sys­tem nicht zuletzt sozi­al gemä­ßigt wer­den. Eben­so gehö­ren kul­tu­rel­le Güter wie Sport, Kunst und Reli­gi­on zu den wähl­ba­ren Gütern. Das mög­lichst gute Zusam­men­spiel der Güter, die recht unter­schied­lich sind, bezeich­net er als „höchs­tes Gut“.

Dazu sind bestimm­te Tugen­den güns­tig: Weis­heit und Lie­be, dazu Beson­nen­heit und Beharr­lich­keit. Vom Indi­vi­du­um wird die Rechts­pflicht und die Berufs­pflicht erwar­tet, eben­so gibt es Gewis­sens- und Lie­bes­pflicht.

 

Es gibt also in den ver­schie­de­nen gesell­schaft­li­chen Berei­chen, die als Güter gewählt wer­den kön­nen und gepflegt wer­den sol­len, genü­gend Sitt­lich­keit, sodass man das Sol­len gar nicht ein­fach dem Sein gegen­über­stel­len muss. Gera­de der Bil­dungs­be­reich stellt aus Schlei­er­ma­chers Per­spek­ti­ve eine gro­ße Mög­lich­keit und sitt­li­che Auf­ga­be dar, die Mög­lich­kei­ten für ent­spre­chen­de Par­ti­zi­pa­ti­on in Staat und Wirt­schaft zu schaf­fen. Vie­le die­ser Gedan­ken sind dann z. T. noch über­zeu­gen­der von John Dew­ey am Ende des 19. Jahr­hun­derts und in der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts aus­ge­führt wor­den.

Gera­de der Bil­dungs­as­pekt stellt ein star­kes Gegen­ar­gu­ment gegen Kants nega­ti­ves Räson­ne­ment dar. Immer­hin sind im Unter­schied zu den 1970er Jah­ren gegen­wär­tig wie­der vie­le Anstren­gun­gen nötig, um gesell­schaft­li­che Aus­gren­zun­gen auf­he­ben zu kön­nen – und Par­ti­zi­pa­ti­on zu ermu­ti­gen. Aber Schlei­er­ma­cher wür­de sagen, die­ser Pro­zess ist real mög­lich.

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Die Pro­zess-Ethik Schlei­er­ma­chers ist Beitrag Nr. 2387
Autor:
Martin Pöttner am 22. März 2012 um 19:51
Category:
Bildung,Erfahrung,Politik,Religion und Mystik,Was ist Philosophie?,Wie wollen wir leben?,Wirtschaft und Philosophie
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