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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Die auto­no­me Ethik Kants

1              Erin­ne­rung an die Sit­zung vom 12.03.

Die Sit­zung ergab, dass im nächs­ten Kurs das The­ma

  • Erkennt­nis­theo­rie“

behan­delt wer­den soll. Der Dozent ver­sprach, dass die Durch­füh­rung des Kur­ses nicht „drö­ge“ sein sol­le. Zur im Kurs ver­wen­de­ten Lite­ra­tur vgl. hier.

Zunächst muss sich der Dozent dafür ent­schul­di­gen, dass er mit dem Schlei­er­ma­cher­zi­tat zur Geschich­te von Güter-, Tugend- und Sit­ten­leh­re und deren Dar­stel­lungs­wei­se in einer Ethik bei den Teil­neh­men­den ein Über­for­de­rungs­ge­fühl erzeugt hat, weil dies eben auch nicht in Lexi­ka und Sekun­där­li­te­ra­tur wie bei Höf­fe oder Tugend­hat adäquat dar­ge­stellt wird. Ich hät­te das Zitat schlicht auf einer Sei­te inter­pre­tie­ren sol­len. Schon 1812 war die Behand­lung der Güter­leh­re ganz zurück­ge­tre­ten, mit der Tugend­leh­re mag es etwas bes­ser gestan­den haben. Seit Kant domi­nier­te die Pflich­ten­leh­re – ohne dass Kant eine Aus­ar­bei­tung der Güter­leh­re ange­deu­tet hät­te. Allen­falls kann über eine Tugend­leh­re dis­ku­tiert wer­den. Dies wer­den wir dann bei der Bespre­chung der Pro­zes­s­ethik Schlei­er­ma­chers argu­men­ta­tiv genau bespre­chen. Mir kam es dar­auf an zu zei­gen, dass die­ser Zusam­men­hang nicht ver­ges­sen wer­den muss – wie seit Kant üblich, son­dern dass es alter­na­ti­ve und vor allem dif­fe­ren­zier­te­re Mög­lich­kei­ten der moder­nen Ethik geben kann.

Nach Schlei­er­ma­cher stellt sich der Sach­ver­halt so dar – und so ist m. E. auch Aris­to­te­les zu ver­ste­hen – dass eben bestimm­te Güter ange­strebt wer­den. Und dann ist die ers­te ethisch rele­van­te Fra­ge: Wel­che sol­len es sein? Aris­to­te­les ver­gleicht das­je­ni­ge, was vor­liegt – und emp­fiehlt sogar die Wahl man­cher, aber sei­ne Rede ist nicht deduk­tiv bzw. vor­schrei­bend, wie unse­re Dis­kus­si­on ergab. Er lei­tet das also nicht aus einem gewis­sen Prin­zip ab, son­dern setzt an den empi­risch beob­acht­ba­ren Stre­bun­gen der Men­schen an. Und die zwei­te ethisch bedeut­sa­me Fra­ge lau­tet: Wel­che Tugen­den oder Ver­nunft­po­ten­zia­le, die Aris­to­te­les als sich ent­wi­ckeln­de Gewohn­hei­ten inter­pre­tier­te, sind dazu nötig, dass jemand ein Gut aus­wählt und dann auch pro­du­ziert? Und schließ­lich: Was wird im ethi­schen Pro­zess vom ein­zel­nen Men­schen in bestimm­ten Situa­tio­nen erwar­tet? Das ver­sucht die Pflich­ten­leh­re zu klä­ren. Da jeder Aspekt des ethi­schen Pro­zes­ses auf die bei­den ande­ren bezo­gen ist, wird aus der Per­spek­ti­ve des einen der gesam­te Pro­zess dar­ge­stellt. Die Güter­leh­re stellt den gesam­ten Pro­zess direkt dar, wäh­rend Tugend- und Pflich­ten­leh­re Schlei­er­ma­cher zufol­ge indi­rek­te Dar­stel­lungs­for­men sind. In die­ser For­mu­lie­rung spie­gelt sich der Ein­fluss des Aris­to­te­les, dass es ethisch pri­mär um sozia­le Her­vor­brin­gun­gen geht. (vgl. auch die Inter­pre­ta­ti­on bei Pfürt­ner, 43ff; eine mus­ter­gül­ti­ge Inter­pre­ta­ti­on).

Wie wich­tig die Güter­leh­re und ihr Man­gel gera­de unter der Domi­nanz der Neu­kan­tia­ner seit dem letz­ten Drit­tel des 19. Jahr­hun­derts in Deutsch­land ist bzw. war, wur­de an einer Fra­ge von Herrn Jes­sel nach der „Wirt­schafts­ethik“ deut­lich. In die­sem Milieu wur­de von Sach­zwän­gen und Eigen­ge­setz­lich­keit gespro­chen, wo doch die ethi­sche Fra­ge gelau­tet hät­te: Unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen ist es gut, ein Unter­neh­men zu grün­den und zu betrei­ben? Wel­che Tugen­den sind hier­zu erfor­der­lich und was wird von einem Unter­neh­mens­füh­rer von der sitt­li­chen Gemein­schaft ver­bind­lich erwar­tet? Es hat lan­ge gedau­ert, bis im (Neu­en) St. Gal­ler-Manage­ment-Modell die­se Fra­gen recht ein­leuch­tend beant­wor­tet wor­den sind. Wir wer­den sehen, dass die­se Fra­gen auch erwei­tert in der Dis­kus­ethik und etwas ver­än­dert eben­falls bei Hans Jonas auf­tre­ten. Kurz zusam­men­ge­fasst: Eine am Begriff der Güter­ethik ori­en­tier­te Ethik muss immer auch eine ethi­sche Theo­rie

  • des Staa­tes,
  • der Wirt­schaft,
  • der Wis­sen­schaft und
  • kul­tu­rel­ler Aspek­te wie
  • Reli­gi­on,
  • Kunst und
  • Sport ent­hal­ten,

weil dies erfah­rungs­ge­mäß Güter sind, die Men­schen wäh­len. Das Letz­te­res der Fall ist, liegt seit der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on offen zu Tage, weil dort bei­spiels­wei­se der Bereich der Reli­gi­on aus dem öffent­li­chen Dis­kurs, mit­hin als ernst­haft wähl­ba­res öffent­li­ches Gut, aus­ge­schlos­sen wur­de. Hin­zu tritt das Feld der

  • Intim­be­zie­hun­gen.

Wei­ter beschreibt die Tugend­leh­re auf Indi­vi­du­en bezo­gen den Bei­trag der mensch­li­chen Tugen­den – und die Pflich­ten­leh­re die Pflicht­auf­ga­ben, die von ihnen erwar­tet wer­den müs­sen.

Die phi­lo­so­phi­sche Ethik muss sich seit Aris­to­te­les mit einer zuneh­men­den Zahl von Mora­len befas­sen und soll­te m. E. wie John Dew­ey for­mu­liert hat, als „Ver­bin­dungs­of­fi­zie­rin“ auf­tre­ten, d. h. den Dis­kurs för­dern. Dabei ist die Ana­ly­se einer Moral nach ihren ange­streb­ten Gütern, den dazu erfor­der­li­chen Tugen­den und den von der sitt­li­chen Gemein­schaft erwar­te­ten Pflich­ten sehr hilf­reich. Ein letzt­lich gutes Bei­spiel ist die Ethik-Kom­mis­si­on zur Kern­ener­gie im letz­ten Jahr gewe­sen, wo unter­schied­li­che sitt­li­che Ansät­ze zu einem ein­ver­nehm­li­chen Ergeb­nis kamen – übri­gens eine güter­ethi­sche Ent­schei­dung, wel­che die gesam­te Gesell­schaft und das Leben jedes ein­zel­nen Men­schen betrifft. Bei den Welt­pro­ble­men nimmt die Not­wen­dig­keit der För­de­rung der Dis­kurs­fä­hig­keit recht unter­schied­li­cher Ansät­ze zu, hier tut sich ein wei­tes Feld mög­li­cher ent­spre­chen­der phi­lo­so­phi­scher Leis­tun­gen auf.

2              Die auto­no­me Ethik Kants

Es dürf­te einer der Nach­tei­le der Ethik Kants sein, dass er aus­schließ­lich eine Pflich­ten­leh­re vor­ge­legt hat – und gemeint hat, damit sei das Pro­blem erle­digt. Viel­leicht fällt auch vie­len Rezipient/inn/en die­ser Sach­ver­halt gar nicht so auf – und sie hal­ten Kants kate­go­ri­sche Impe­ra­ti­ve und deren Expli­ka­ti­on bzw. die von Kant allen Erns­tes ver­tre­te­ne deduk­ti­ve Ablei­tung der Impe­ra­ti­ve aus dem Begriff der Ver­nunft für eine voll­stän­di­ge Ethik. Mög­li­cher­wei­se ist er daher für die über­ver­ein­fach­ten Rezep­tio­nen sei­ner ethi­schen Über­le­gun­gen ein wenig mit­ver­ant­wort­lich. Denn Kant ist für sei­ne unbe­ding­ten Impe­ra­ti­ve berühmt und berüch­tigt, weil „kate­go­risch“ gele­gent­lich als uner­bitt­lich inter­pre­tiert wor­den ist und wird. Dabei tritt in den Hin­ter­grund, dass die mit der Kon­zen­tra­ti­on auf die Pflich­ten­leh­re ein­her­ge­hen­de Zen­trie­rung sei­ner Denk­be­mü­hun­gen auf das Indi­vi­du­um und des­sen sitt­li­ches Han­deln tat­säch­lich bedeu­ten­de Leis­tun­gen für die Phi­lo­so­phie und die ange­mes­se­ne Refle­xi­on gesell­schaft­li­cher Pro­zes­se aus ethi­scher Per­spek­ti­ve erbracht hat. So hat er

  • die Auto­no­mie­struk­tur des ein­zel­nen Men­schen ganz klar zum Aus­druck gebracht – und her­aus­ge­ar­bei­tet hat,
  • dass dies mit einer unmiss­ver­ständ­lich an den Men­schen­rech­ten des Ein­zel­nen ori­en­tier­ten Hal­tung ein­her­geht.

Dabei bestä­tigt sich Schlei­er­ma­chers Urteil, dass eine Pflich­ten­leh­re eine indi­rek­te Dar­stel­lung des gesam­ten ethi­schen Pro­zes­ses ist, also aus der Per­spek­ti­ve der indi­vi­du­el­len Pflicht zumin­dest impli­zit auch indi­rekt die Güter­leh­re the­ma­ti­siert.

Der Aus­gang aus der selbst ver­schul­de­ten Unmün­dig­keit

Auf­klä­rung ist der Aus­gang des Men­schen aus sei­ner selbst ver­schul­de­ten Unmün­dig­keit. Unmün­dig­keit ist das Unver­mö­gen, sich sei­nes Ver­stan­des ohne Lei­tung eines ande­ren zu bedie­nen. Selbst ver­schul­det ist die­se Unmün­dig­keit, wenn die Ursa­che der­sel­ben nicht am Man­gel des Ver­stan­des, son­dern der Ent­schlie­ßung und des Mutes liegt, sich sei­ner ohne Lei­tung eines ande­ren zu bedie­nen. Sape­re aude­re! Habe Mut, Dich Dei­nes eige­nen Ver­stan­des zu bedie­nen! Ist also der Wahl­spruch der Auf­klä­rung.

Faul­heit und Feig­heit sind die Ursa­chen, war­um ein so gro­ßer Teil der Men­schen, nach­dem sie die Natur längst von frem­der Lei­tung frei gespro­chen (natu­ra­li­ter maio­ren­nes), den­noch ger­ne zeit­le­bens unmün­dig blei­ben; und war­um es ande­ren so leicht wird, sich zu deren Vor­mün­dern auf­zu­wer­fen. Es ist so bequem, unmün­dig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Ver­stand hat; einen Seel­sor­ger, der für mich Gewis­sen hat; einen Arzt, der für mich die Diät beur­teilt usw.: So brau­che ich mich ja nicht selbst zu bemü­hen. Ich habe nicht nötig zu den­ken, wenn ich nur bezah­len kann; ande­re wer­den das ver­drieß­li­che Geschäft schon für mich über­neh­men. Dass der bei Wei­tem größ­te Teil der Men­schen (dar­un­ter das gan­ze schö­ne Geschlecht) den Schritt zur Mün­dig­keit, außer dem, dass er beschwer­lich ist, auch für sehr gefähr­lich hal­te: dafür sor­gen schon jene Vor­mün­der, wel­che die Ober­auf­sicht über sie gütigst über­nom­men haben. Nach­dem sie ihr Haus­vieh zuerst dumm gemacht haben und sorg­fäl­tig ver­hü­te­ten, dass die­se ruhi­gen Geschöp­fe ja kei­nen Schritt außer dem Gän­gel­wa­gen, dar­in sie sie ein­sper­re­ten, wagen durf­ten: so zei­gen sie ihnen nach­her die Gefahr, die ihnen dro­het, wenn sie es ver­su­chen, allein zu gehen.“ (Was ist Auf­klä­rung, Bd. 9, A 481-483)

Also selbst zu den­ken, ist der Impe­ra­tiv für Frau­en und Män­ner. Dazu gehört Mut, sich des eige­nen Ver­stan­des zu bedie­nen. Nicht zur nächs­ten Exper­tin zu lau­fen – oder gar die eige­ne Gewis­sens­ent­schei­dung zu dele­gie­ren. Kant fin­det es auch nicht so hilf­reich, am Sonn­tag­abend nach dem „Tat­ort“ den mas­sen­me­dia­len Gän­gel­wa­gen „Gün­ter Jauch“ ein­zu­schal­ten. Kant ver­steht so etwas als „selbst ver­schul­de­te Unmün­dig­keit“, ger­ne las­sen sich die Men­schen von Gün­ter Jauch und sei­nen Gäs­ten im „Gän­gel­wa­gen“ füh­ren. Es ist die Furcht, die Mut­lo­sig­keit, wel­che zu sol­cher Bequem­lich­keit führt. Für Kants Den­ken ist aus­schlag­ge­bend und für des­sen Ver­ständ­nis erhel­lend, dass er die Been­di­gung die­ses Zustands als Gebot, als Pflicht sieht, welche/s „die Auf­klä­rung“ also impe­ra­ti­visch for­mu­liert: „Habe Mut Dich Dei­nes eige­nen Ver­stan­des zu bedie­nen!“

Nach Kants Ana­ly­se müss­te sich eigent­lich jeder Mensch das selbst sagen, weil dies sei­ner auto­no­men Ver­nunftstruk­tur ent­spricht. „Auto­no­me Ver­nunftstruk­tur“ heißt: Selbst­ge­setz­ge­ben­de Ver­nunftstruk­tur. Danach ist die Sprach­form der Ethik das sitt­li­che Gebot, das durch einen Impe­ra­tiv gram­ma­tisch aus­ge­drückt wird. Mit­hin könn­te ich prin­zi­pi­ell alle Gebo­te selbst ent­wer­fen, weil sie aus mei­ner Ver­nunftstruk­tur fol­gen.

Die drei Fas­sun­gen des kate­go­ri­schen Impe­ra­tivs

Hand­le nur nach der­je­ni­gen Maxi­me, durch die Du zugleich wol­len kannst, dass sie ein all­ge­mei­nes Gesetz wer­de.“ (Grund­le­gung zur Meta­phy­sik der Sit­ten, Preu­ßi­sche Aus­ga­be, 421)

Hand­le so, dass du die Mensch­heit, sowohl in Dei­ner Per­son als in der Per­son eines jeden ande­ren, jeder­zeit zugleich als Zweck, nie­mals bloß als Mit­tel brauchst.“

Nur die­je­ni­ge Maxi­me ist mora­lisch erlaubt, „die jeder­zeit aus dem Gesichts­punk­te sei­ner selbst, zugleich aber auch jedes ande­ren ver­nünf­ti­gen Wesens“ ver­stan­den wird. (438)

Die drit­te Form ver­ein­deu­tigt nur, dass mit „ich“ auf jeden belie­bi­gen Men­schen Bezug genom­men wer­den kann.

Die ers­ten bei­den For­meln hal­ten fest, dass

(1)  die eige­ne sitt­li­che Maxi­me nur dann gerecht­fer­tigt ist, wenn sie von allen ande­ren und deren auto­no­mer Ver­nunftstruk­tur geteilt wer­den kann. Die­se müs­sen das Gesetz bzw. die Maxi­me zwang­los selbst ent­wer­fen kön­nen.

(2)   Die zwei­te For­mel for­mu­liert die Ach­tung vor der Men­schen­wür­de, nie­mand darf bloß als Mit­tel behan­delt wer­den. Dies ist die expli­zi­te Ein­füh­rung der Men­schen­rech­te in Kants Ethik. Es besteht also die unbe­ding­te Pflicht, jeden Men­schen als ihn selbst zu respek­tie­ren.

Damit ist die Pflich­ten­leh­re Kants auf jeden Fall Aus­gangs­punkt sozi­al­ethi­scher Über­le­gun­gen, weil alle Men­schen (und das ist bei Kant ernst gemeint) auch als Men­schen behan­delt wer­den müs­sen.

« Begrif­fe der Ethik, „Güter-, Tugend- und Pflich­ten­leh­re“, „gut“ und „schlecht“, „Ethik vs. Moral“ – Die Pro­zess-Ethik Schlei­er­ma­chers »

Info:
Die auto­no­me Ethik Kants ist Beitrag Nr. 2377
Autor:
Martin Pöttner am 14. März 2012 um 20:00
Category:
Bildung,Politik,Religion und Mystik,Wie wollen wir leben?,Wirtschaft und Philosophie
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