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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Begriffe der Ethik, „Güter-, Tugend- und Pflichtenlehre“, „gut“ und „schlecht“, „Ethik vs. Moral“

In der letz­ten Sit­zung wur­den drei The­men fest­ge­legt, die im Kurs nächs­tes Semes­ter ver­han­delt wer­den könn­ten – und in der kom­men­den Sit­zung abge­stimmt wer­den sol­len:

  • Erkennt­nis­theo­rie: Gren­zen, Bedin­gun­gen, Medi­en und Mög­lich­kei­ten mensch­li­cher Erkennt­nis;
  • Mas­se und Macht. Sozi­al­psy­cho­lo­gi­sche und phi­lo­so­phi­sche Erwä­gun­gen;
  • Kunst(-lehre) und Tech­nik. Phi­lo­so­phi­sche Refle­xi­on wesent­li­cher Hand­lungs­ty­pen.

In die­ser Sit­zung wur­den auch zwei typi­sche Tex­te des Aris­to­te­les bespro­chen, wel­cher eine Güter­leh­re vor­trägt und die hier­für nöti­gen Ver­nunft­po­ten­zia­le als Tugen­den (z. B. „Tap­fer­keit“, „Beson­nen­heit“) bestimmt – bzw. die Ver­tei­lung sol­cher Tugen­den bei den indi­vi­du­ell Han­deln­den durch sei­ne „Mit­te-Leh­re“ zu erfas­sen sucht, wel­che jeweils indi­vi­du­el­le Lebens­ge­schich­ten berück­sich­tigt. Die Teilnehmer/innen muss­ten sich an den Stil der aris­to­te­li­schen Argu­men­ta­ti­on erst all­mäh­lich gewöh­nen, der es unter­nimmt, die für eine Gesell­schaft ange­mes­se­nen Güter zu bestim­men, wobei er als Dif­fe­ren­zie­rungs­kri­te­ri­um wählt, ob Güter wegen ihrer selbst oder wegen ande­rer gewählt wer­den. Die­ser Pro­duk­ti­ons­as­pekt von Gütern ist für die aris­to­te­li­sche Ethik – und für gedank­lich kon­trol­lier­te Ethi­ken m. E. auch bis heu­te – grund­le­gend. Funk­tio­nal sind die­sem Pro­duk­ti­ons­pro­zess jene Tugen­den zuge­ord­net, die als Ver­nunft­po­ten­zia­le bezeich­net wer­den kön­nen. Als drit­te Grö­ße tre­ten im Ver­lauf der Geschich­te auch deut­li­cher die Pflich­ten hin­zu, näm­lich all­ge­mei­ne Hand­lungs­wei­sen, die von einem Indi­vi­du­um ver­bind­lich im ethi­schen Pro­zess erwar­tet wer­den kön­nen.

Mit Schlei­er­ma­cher, den wir in einer spä­te­ren Sit­zung in Gän­ze zur Kennt­nis neh­men wer­den:

Jedes sitt­lich Gewor­de­ne ist ein Gut und die Tota­li­tät des­sel­ben Eines, also das höchs­te Gut. Die objek­ti­ve Dar­stel­lung des Ethi­schen also ist die Dar­stel­lung der Idee des höchs­ten Gutes.

Jede zur Ver­nunft­po­tenz erho­be­ne Funk­ti­on der mensch­li­chen Natur ist eine Tugend, also der ers­te Teil der indi­rek­ten Dar­stel­lung ist die Tugend­leh­re.

Das Begrif­fen­sein einer mensch­li­chen Hand­lung aus der Tota­li­tät eines Lebens, aus der momen­ta­nen Beschränkt­heit her­aus­ge­ho­ben, ist das, wodurch sie dem Begriff der Pflicht ent­spricht; also der ande­re Teil der indi­rek­ten Dar­stel­lung ist die Pflich­ten­leh­re.

Geschicht­lich sind die­se For­men auf eine bewusst­lo­se Wei­se immer zusam­men gewe­sen; doch so, dass im Alter­tum die Idee des Gutes am meis­ten domi­nier­te und die Pflicht am meis­ten zurück­trat; und jetzt die Idee des Guten fast ganz ver­schwun­den ist und der Pflicht­be­griff selbst über den Tugend­be­griff domi­niert.

… Das Wesen der Pflicht [besteht dar­in], dass … in jeder sitt­li­chen Hand­lung die Bezie­hung auf die Tota­li­tät des Pro­zes­ses liegt.“ (Ethik 1812/13 [PhB 335], 16f [Recht­schrei­bung ange­passt])

Natür­lich ist Schlei­er­ma­chers Text aus dem Respekt vor der Leis­tung ins­be­son­de­re Aris­to­te­les’ ver­ständ­lich. Aber die Domi­nanz des „Ver­bind­lich Erwart­ba­ren“, also der Pflicht, was mit­hin jemand tun soll, ist nur ein Teil der Ethik, wel­cher ins­be­son­de­re seit Kant domi­niert – und heu­te zumeist als „deon­to­lo­gi­sche Ethik“ bezeich­net wird. Aber die­ser Aspekt lässt sich beson­nen als berech­tig­ter Aspekt gedank­lich rekon­stru­ie­ren. Er bezieht sich auf das­je­ni­ge, was von einer ein­zel­nen Per­son ange­sichts der Pro­duk­ti­on von sitt­li­chen Gütern erwar­tet wer­den darf bzw. als ver­bind­lich ange­se­hen wird – z. B. von einem Poli­ti­ker unse­rer Tage, dass er sich kei­ner Vor­teils­an­nah­me schul­dig macht, weil dies die Tugend eines Poli­ti­kers, unab­hän­gig und beson­nen zu urtei­len, und damit das Gelin­gen des Poli­tik­pro­zes­ses, infra­ge stel­len wür­de. Man sieht an die­sem Bei­spiel ganz leicht, dass die Pflich­ten­leh­re nur einen Teil der Ethik dar­stellt, die­se also nicht auf jene redu­ziert wer­den kann, weil sonst die rele­van­ten Güter und die erfor­der­li­chen Ver­nunft­po­ten­zia­le (Tugen­den) zur Pro­duk­ti­on von Gütern nicht erfasst wür­den. Schlei­er­ma­cher sah mit Recht, dass die aris­to­te­li­sche Ethik eine Gesell­schafts­theo­rie impli­ziert, die mit der Theo­rie des höchs­ten Gutes – und den dazu erfor­der­li­chen Ver­nunft­po­ten­zia­len und Pflich­ten einen für das Abend­land vor­bild­li­chen Ent­wurf vor­ge­legt hat­te.

Die Unter­schei­dung von „gut“ und „schlecht“ führt auf die Beur­tei­lung einer Hand­lung vor dem Hin­ter­grund von Güter-, Tugend- und Pflich­ten­leh­re zurück. Die heu­te teil­wei­se übli­che Beur­tei­lung einer sitt­li­chen Hand­lung als sitt­lich „rich­tig“ oder „falsch“ beruht auf dem (z. T. gedan­ken­los wir­ken­den) Abwei­chen der gegen­wär­ti­gen Debat­te von die­ser Tra­di­ti­on. Es gibt also sozia­le Gebil­de wie Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger, die im Sin­ne der Güter­leh­re gar kein „Gut“ dar­stel­len und auch nicht ange­strebt wer­den sol­len. Kaum jemand wür­de dies als „Gut“ wäh­len, wenn er frei ent­schie­de. Die Ethi­ken, wel­che der aris­to­te­li­schen fol­gen bzw. von ihr ange­regt sind, sind also ganz weit von jeder posi­ti­vis­ti­schen angeb­li­chen Neu­tra­li­tät von Insti­tu­tio­nen o. Ä. ent­fernt.

Die Unter­schei­dung von „Ethik“ und „Moral“ beruht auf dem Gegen­satz der grie­chi­schen und latei­ni­schen Spra­che – wie man „Schlaf­apnoe“ als „Schlaf­apnö“ und „Schlaf­ap­no-e“ aus­spre­chen kann. Immer­hin hat man ver­sucht, die­sen Gegen­satz pro­duk­tiv zu nut­zen. „Ethik“ bezeich­net dann die phi­lo­so­phi­sche Beschäf­ti­gung mit ver­schie­de­nen Sitt­lich­kei­ten (Mora­len) zum Zweck ihrer gedank­lich kon­trol­lier­ten Beur­tei­lung – und fragt nach den jewei­li­gen Begrün­dun­gen. Der ers­te Fall liegt bei Aris­to­te­les vor.

Moral“ bezeich­net eine bestehen­de Sitt­lich­keit wie z. B. die pro­tes­tan­ti­sche, katho­li­sche, jüdi­sche, mus­li­mi­sche, bud­dhis­ti­sche, kon­fu­zia­ni­sche, neo­li­be­ra­le oder kom­mu­nis­ti­sche.

Ver­schie­de­ne Mora­len bzw. Sitt­lich­kei­ten kön­nen dar­auf­hin beur­teilt wer­den, wel­che

  • · Güter,
  • · Tugen­den und
  • · Pflich­ten sie vor­aus­set­zen – und wie die­se begrün­det wer­den.

Dadurch ergibt sich ein dif­fe­ren­zier­tes Bild. Die phi­lo­so­phi­sche Ana­ly­se kann daher zum Gespräch die­ser Mora­len bei­tra­gen. Sie kann aber auch Defi­zi­te von Sitt­lich­kei­ten auf­wei­sen und selbst eige­ne Vor­schlä­ge unter­brei­ten.

« Plädoyer für Joachim Gauck als Bundespräsident – Die autonome Ethik Kants »

Info:
Begriffe der Ethik, „Güter-, Tugend- und Pflichtenlehre“, „gut“ und „schlecht“, „Ethik vs. Moral“ ist Beitrag Nr. 2370
Autor:
Martin Pöttner am 6. März 2012 um 15:44
Category:
Politik,Was ist der Mensch?,Wie wollen wir leben?,Wirtschaft und Philosophie
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