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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Plädoyer für Joachim Gauck als Bundespräsident

Vgl. hier:  http://www.einspruch.org/community/?q=node/242

<p>Im politischen Diskurs sind stets mehrere Perspektiven präsent zu halten. Das ist nicht einfach, man sollte sich hierbei auch nicht von der Themenauswahl unserer Qualitätsmedien zu sehr beeinflussen lassen. Auch im Internet fand zu Joachim Gauck eine z. T. engagierte Debatte statt, die wir <a href=“http://www.einspruch.org/community/?q=node/235″>hier </a>auszugsweise gesammelt haben. Dem/der Leser/in ist es leicht möglich, dies durch Benutzen einer Suchmaschine zu ergänzen.</p>

<p>Im Medienrummel und im Getümmel des Internet wird eine ähnliche Methode sichtbar, um etwas diskursfähig zu machen. Es gibt bestimmte Themen, an denen das gemessen wird, bei Gauck etwa: Gauck ist neoliberal. Nach meiner Auffassung ist „Neoliberalismus“ mit der christlichen Moral bzw. Sittlichkeit nicht vereinbar. Da ich schon durchaus einige Texte von Gauck gelesen und einige seiner Äußerungen gehört habe, bin ich niemals auf diese Idee gekommen. Da ich außerdem weiß, dass er lange Zeit protestantischer Pfarrer war, kann ich dies nicht ausschließen, bin aber wegen einer solchen Behauptung eher skeptisch. </p>

<p>Bei den Rezeptionen Gaucks ist es zudem sehr hilfreich, Wissen und Erfahrung über die Jahre 1980 bis 1989 zu haben. Daran mangelt es einigen Rezipient/inn/en offenbar. Erfahrung der Eigenarten von Bürgerrechtlern, ihrer Gruppen und Kommunikationsweisen sind zudem hilfreich, um Teile der Debatte einschätzen zu können. So kommt der Vorwurf, Gauck sei kein „Bürgerrechtler“ gewesen von denjenigen, die innerhalb der oppositionellen Gruppen für den sogenannten „verbesserlichen Sozialismus“ eingetreten sind –, die durch den Ruf „Kommt die DM nicht hierher, gehen wir zu ihr!“ auf einigen Straßen von der Bewegung des gesamten DDR-Volkes <em>abgelehnt </em>wurde. Es war der dritte Slogan in den Demonstrationen 1989/90 nach „Wir sind <em>das </em>Volk!“ und „Wir sind <em>ein </em>Volk!“. D. h., es gab eigentlich in den Prozessen seit dem September 1989 keine <em>Mehrheit </em>für diese Position des „verbesserlichen Sozialismus“. Diese Auffassung war auch unter den damaligen Bürgerrechtler/inn/en keineswegs <em>Konsens</em>. Und einer dieser Bürgerrechtler ist Joachim Gauck. Er hat sich durchaus für eine Form der Demokratie entschieden, die mit „(sozialer) Marktwirtschaft“ (vgl. Joachim Gauck, Freiheit. Ein Plädoyer, 4. Aufl. 2012, 57.60) einhergeht, was durchaus auch von Beschlüssen der Evangelischen Kirchen in Deutschland befürwortet wird. Wie die Evangelischen Kirchen in Deutschland setzt Gauck dabei auf eine „verbesserliche Marktwirtschaft“ – ob das reicht, steht zur Diskussion. Gauck ist darin zuzustimmen, dass er die Demokratie- und Freiheitsfrage von der Frage des Wirtschaftssystems unterschieden wissen will. Ist die Freiheit des Einzelnen garantiert, gilt die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ (51f) der UNO. Damit ist eine der Hauptfragen, die ich aufgrund seiner Äußerungen hatte, erledigt. Denn diese enthält die <em>sozialen </em>Menschenrechte des Einzelnen, welche eine soziale Entwicklung von Gesellschaften ermöglichen. </p>

<p>Der recht programmatische Text, auf den ich mich beziehe, fasst in einem Vortrag vor der Evangelischen Akademie Tutzing eine Reihe von Gedanken Gaucks zusammen – und präzisiert diese. Es spricht hier ein engagierter Protestant, der sich auf die Debatten im Protestantismus seit Ende der 1970er Jahre bezieht. Hier war der Diskurs zwischen Ost und West niemals ganz abgebrochen. Gauck kennt alle Positionen und verdammt auch diejenigen nicht, die er nicht teilt. Insofern setzt er seine <em>Autobiografie </em> „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“ (14. Auflage, 2009) produktiv fort. Die Protestant/inn/en sind seit den 1960er Jahren darin vorbildlich gewesen, dass sie wesentliche Fragen wie „Entspannungspolitik“, „Friedensbewegung“, „Ökologiebewegung“, „Frauenbewegung“, „Dritte oder Eine Welt“ durchaus als politische relevante Themen des christlichen Glaubens kontrovers und friedlich erörtert haben. Diese Themen waren innerhalb der protestantischen Kirchen und auch unabhängig von diesen relevant. Insbesondere die Kirchentage traten hierbei hervor. </p>

<p>Der Stil des Vortrags ist hochinteressant, weil hier ein rhetorisch gebildeter Mensch spricht, der durch die Kanzelrede geprägt ist. Anders als in den Medien behauptet wird, ist beispielsweise Guido Westerwelle kein guter Rhetor. Vielleicht war er ein ganz guter Marketingstratege. Gauck jedenfalls nimmt seine Hörer/inn/en mit, thematisiert mögliche Gegeneinwände und versucht diese aus seiner Sicht zu widerlegen. Wesentlich ist, dass er sich an denjenigen philosophischen und theologischen Konsens anschließt, dass das individuelle und soziale höchste Gut das „<em>Glück</em>“ ist: </p>

<p> Denn geheimnisvollerweise ist das Glück dort, wo wir Bezogenheit leben – selbst in dem unspektakulären Tun des Alltags. (40f) </p>

<p>Diese Erfahrung habe ich auch – und daraus speist sich mein Engagement; auch dann, wenn zunächst kein großer Erfolg sichtbar ist. Gauck beobachtet mit Søren Kierkegaard, dass es trotz der Sehnsucht nach der Freiheit eine große Angst gibt, die ihre Realisierung begleitet. </p>

<p>Letztendlich sind es deutsche Bürgerinnen und Bürger gewesen, die auf den sächsischen Straßen eine Erkenntnis umgesetzt haben, die in Frankreich als kostbarstes Wort der Politikgeschichte längst in jedem Klassenzimmer hängen würde: „Wir sind das Volk!“ Dieser Satz hat uns gelehrt, dass wir, wenn wir unserer Sehnsucht glauben und ihr vertrauen, die Angst verlieren können. Eine Angst, welche die willfährige Dienerin jeder Art von nicht legitimierter Herrschaft ist, die uns ohnmächtig macht, die uns bindet. (10; stilistisch etwas angepasst) </p>

<p>In dem Augenblick aber, in dem wir unsere Angst als Angst benennen und Anpassung und Angst als Geschwisterkinder erkennen, sind wir möglicherweise bereit zu erproben: Können wir auch ohne sie leben? In genau diesem Augenblick wachsen uns jene Kräfte zu, die eine ganze Gesellschaft verändern können. (10f) </p>

</p>Es ist klar, dass hier unsere Gehirnforscher/innen ganz schweigen müssen. Hier spricht ein lebenserfahrener Mensch, der eben diesen Umschwung in der Bevölkerung der DDR (bei „den Staatsinsassen“) und bei sich selbst beobachtet hat, der auch die Trennung von seinen Söhnen und seiner Frau <em>erlitten </em>hat. </p>

<p>Gauck geht zwei weitere Aspekte der Freiheitsthematik durch, die Verantwortung und die Toleranz. Freiheit ist stets Freiheit <em>von</em> etwas, wie wir dies alle in der Pubertät erleben (11ff). Und sie ist jeweils Freiheit <em>zu </em>etwas, die „Freiheit der Erwachsenen“ (26), eben die „Verantwortung“. Hierzu gehört unsere soziale Tätigkeit. Bei der Toleranzproblematik thematisiert er die unterschiedlichen Lebensentwürfe und die Probleme der Fremdheit in der Gesellschaft, insbesondere natürlich werden die Muslime erwähnt. Es könne nicht so sein, dass man aufgefordert werde: </p>

<p>Ihr werdet bitte innerhalb einer festgesetzten Frist genauso wie wir. </p>

<p>Im Toleranzabschnitt diskutiert er seine eigene Position innerhalb der Evangelischen Kirchen in Deutschland, wobei er sich eher der Mehrheitsposition anschließt. Die „verbesserliche Marktwirtschaft“ hatte ich schon erwähnt. Wie viele Oppositionelle in der DDR kann er die Entspannungspolitik nicht nur positiv finden, weil sie jedenfalls auch die eigene Unterdrückung zu zementieren schien. Und wie Helmut Schmidt sieht er die Friedensbewegung nicht nur positiv, obgleich er weiß, dass die entsprechenden Texte im Neuen Testament durch die Friedensbewegung richtig interpretiert wurden. Zu wenig diskutiert er die Frage der UNO-Einsätze, wo sich nachhaltig gezeigt hat, dass die Haltung der Friedensbewegung, sofern sie einen gewaltlosen Widerstand einschloss, zumindest negativ bestätigt wurde: Durch Gewalt ist z. B. in Afghanistan kaum etwas besser geworden. Hier ist noch ein weites Feld zu beackern … </p>

<p>Schon vor zwei Jahren habe ich mich dafür eingesetzt, dass Joachim Gauck Bundespräsident werden soll. Die plakativen Entgegensetzungen zurzeit wie „Nazijägerin“ <em>vs.</em>Stasijäger für Beate Klarsfeld und ihn werden beiden nicht gerecht. Selbst wenn Klarsfeld ihre Informationen von der Stasi erhalten haben sollte, waren sie deshalb nicht <em>falsch – </em>und die Bundesrepublik stand vor der Frage, warum ein Mitglied der NSDAP Bundeskanzler sein durfte. Das hatte eine wichtige Funktion, es handelte sich um <em>Aufklärung </em>und einen unerlässlichen Beitrag zur Demokratie. </p>

<p>Der Beitrag Gaucks aber ist derjenige eines revolutionären Opas, der am eigenen Leib erfahren und unter Einsatz seines Leibes dazu beigetragen hat, dass ein tyrannisches System stürzte – und zwar friedlich stürzte. Letzteres spricht übrigens dafür, dass an der Theorie des gewaltfreien Widerstands einiges dran ist. Es waren nicht Gorbatschow oder Helmut Kohl, welche die Freiheit und Einheit herbeiführten. Sie zogen nur die Konsequenzen. Es sind nun einmal diese widerspenstigen Bürgerrechtlertypen gewesen, die diesen Prozess zum Slogan „Wir sind das Volk“ initiierten . Die Bundeskanzlerin ist wohlweislich sehr zurückhaltend damit gewesen, ihren etwaigen positiven Beitrag hierzu auszuführen. Sie war eben „angepasst“. Gauck hat vor allem das vorbildliche Stasiunterlagengesetz mitentworfen und dafür gesorgt, dass dies auch staatliches Recht der Bundesrepublik wurde. Dass „die Linke“ ihn deshalb nicht liebt, ist klar. Es zeigt aber auch, dass sie sich noch nicht entschlossen hat, eine eindeutig demokratisch-sozialistische Partei zu werden – daran besteht in Deutschland durchaus ein Mangel. </p>

<p> Natürlich zeigt der Sachverhalt, dass es Gauck nach zwei Jahre nun doch wird, den Zerfall der sogenannten <em>bürgerlichen Koalition </em>an, wobei es eine ironische Pointe ist, dass diesmal die FDP ihre Überlebenschance durch die Unterstützung Gaucks zu erhöhen sucht. </p>

<p> Er wird also nicht nur der „Präsident der Herzen“ bleiben wie Schalke 04 der „Meister der Herzen“ bislang geblieben ist. Dass Gauck Kandidat wird, war ganz unwahrscheinlich, wenn auch nicht ganz so unwahrscheinlich wie die „friedliche Revolution“. Gauck hat „selbst den Finger gehoben“ (23), will Verantwortung übernehmen – sein Glück finden. Ich kann mir vorstellen, dass dies zum Glück der Bundesrepublik beiträgt. Dass ist uns zu wünschen – wir bekommen einen Bundespräsidenten, der sich hoffentlich als diskursiv erweist – und man muss nicht ausschließlich den automatischen Sprechapparat aus der Uckermark hören.

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Info:
Plädoyer für Joachim Gauck als Bundespräsident ist Beitrag Nr. 2368
Autor:
Martin Pöttner am 4. März 2012 um 19:54
Category:
Administratormitteilungen
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