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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


VHS Neckar­ge­münd Ethik II">VHS Neckar­ge­münd Ethik II

1              Erin­ne­rung an die ers­te Sit­zung

Der Kurs beschloss, den Kurs­plan fol­gen­der­ma­ßen zu ändern:

1.    Erin­ne­rung an den letz­ten Kurs (27.02.)
2.    Die Ent­ste­hung des Begriffs der „Ethik“ (ἠθικὰ Νικομάχεια, ēthi­ká Nikomácheia) bei Aris­to­te­les (05.03.)
3.    Moral – Ethik; Güter, Tugen­den und Pflich­ten (Begriffs­fest­le­gun­gen) (12.03.)
4.    Auto­no­me Ethik (Kant) (19.03.)
5.    Pro­zess-Ethik (F. D. E. Schlei­er­ma­cher) (26.03.)
6.    Dis­kurs-Ethik (Peirce u. a.) (02.04.)
7.    Uti­li­ta­ris­ti­sche Ethik (16.04.)
8.    Exis­ten­zi­el­le bzw. exis­ten­zia­lis­ti­sche Ethik (23.04.)
9.    Prin­zip Ver­ant­wor­tung – Zukunfts­ethik (30.04.)
10.  Medi­zi­nethik – Public-Health-Ethik (14.05.)

Bit­te schla­gen Sie beim nächs­ten Mal The­men für den nächs­ten Kurs vor, über die beim über­nächs­ten Mal abge­stimmt wer­den kann!

2              Die Ent­ste­hung des Begriffs der „Ethik“ bei Aris­to­te­les

Der phi­lo­so­phi­sche Dis­kurs dar­über, was „Ethik“ ist, beginnt in der klas­si­schen Peri­ode der Phi­lo­so­phie in den grie­chi­schen Stadt­staa­ten, ins­be­son­de­re in Athen. Die­ser geht ein lan­ger Dis­kurs vor­aus, der ins­be­son­de­re durch Homer und Hesi­od, aber auch ande­re Poet/inn/en doku­men­tiert ist. Dabei muss beach­tet wer­den, da die­se refle­xi­ve phi­lo­so­phi­sche Dis­zi­plin „Ethik“ erst mit Aris­to­te­les beginnt. (Vgl. Ste­phan H. Pfürt­ner, Ethik in der euro­päi­schen Geschich­te I, 1988)

Danach ergibt sich fol­gen­des Bild:

  1. Es gibt ver­schie­de­ne Sit­ten und Sitt­lich­kei­ten bzw. Hand­lungsgewohn­hei­ten unter den bekann­ten Völ­kern (ethe) – aber es lässt sich eine nach­voll­zieh­ba­re Struk­tur erfas­sen.
  2. Dazu gibt es wei­ter­hin unter­schied­li­che Cha­rak­te­re, die ver­schie­den bestimmt sind (ethi­kos). Dies muss in der „Ethik“ berück­sich­tigt wer­den.

Aris­to­te­les reflek­tiert durch­aus, dass es ein Wer­den zu einem bestimm­ten Cha­rak­ter gibt, mit­hin eine Lebens­ge­schich­te, wozu die Schicht­zu­ge­hö­rig­keit und die Lebens­um­stän­de gehö­ren, die einen ein­zel­nen Cha­rak­ter prä­gen.

(1)  Der ers­te Aspekt kommt in fol­gen­den Text zum Aus­druck:

(1094a) Jede Kunst und jede Leh­re, des­glei­chen jede Hand­lung und jeder Ent­schluss, scheint ein Gut zu erstre­ben, wes­halb man ein Gut tref­fend als das­je­ni­ge bezeich­net hat, wonach alles strebt. Doch zeigt sich ein Unter­schied der Zie­le. Die einen sind Tätig­kei­ten, die ande­ren noch gewis­se Wer­ke oder Din­ge außer ihnen. Wo bestimm­te Zie­le außer den Hand­lun­gen bestehen, da sind die Din­ge ihrer Natur noch bes­ser als die Tätig­kei­ten.

Da der Hand­lun­gen, Küns­te und Wis­sen­schaf­ten vie­le sind, erge­ben sich auch vie­le Zie­le. Das Ziel der Heil­kunst ist die Gesund­heit, das der Schiffs­bau­kunst das Schiff, das der Stra­te­gik der Sieg, das der Wirt­schafts­kunst der Reich­tum. Wo sol­che Ver­rich­tun­gen unter einem Ver­mö­gen ste­hen, wie z. B. die Satt­ler­kunst und die sons­ti­gen mit der Her­stel­lung des Pfer­de­zeu­ges beschäf­tig­ten Gewer­be unter der Reit­kunst, und die­se wie­der nebst aller auf das Kriegs­we­sen gerich­te­ten Tätig­keit unter der Stra­te­gik, und eben­so ande­re unter ande­ren, da sind jedes Mal die Zie­le der archi­tek­to­ni­schen, d. h. der lei­ten­den Ver­rich­tun­gen vor­züg­li­cher als die Zie­le der unter­ge­ord­ne­ten, da letz­te­re nur um der ers­te­ren wil­len ver­folgt wer­den. Und hier macht es kei­nen Unter­schied, ob die Tätig­kei­ten selbst das Ziel der Hand­lun­gen bil­den oder außer ihnen noch etwas ande­res, wie es bei den genann­ten Küns­ten der Fall ist.

Wenn es nun ein Ziel des Han­delns gibt, das wir sei­ner selbst wegen wol­len, und das ande­re nur um sei­net­wil­len, und wenn wir nicht alles wegen eines ande­ren uns zum Zwe­cke set­zen – denn da gin­ge die Sache ins Unend­li­che fort, und das mensch­li­che Begeh­ren wäre leer und eitel –, so muss ein sol­ches Ziel offen­bar das Gute und das Bes­te sein. Soll­te sei­ne Erkennt­nis nicht auch für das Leben eine gro­ße Bedeu­tung haben und uns hel­fen, gleich den Schüt­zen, die ein fes­tes Ziel haben, das Rech­te bes­ser zu tref­fen? So gilt es denn, es wenigs­tens im Umriss dar­zu­stel­len, und zu ermit­teln, was es ist und zu wel­cher Wis­sen­schaft oder zu wel­chem Ver­mö­gen es gehört.

Die­se Über­set­zung ist teil­wei­se bes­ser als die­je­ni­ge von Dirl­mei­er, ich habe sie leicht nach­kor­ri­giert, ins­be­son­de­re die Stel­len, die sich auf  ein aga­thon, ein Gut bezie­hen. Es ist also anthro­po­lo­gisch der Fall, dass die Men­schen in ihren Akti­vi­tä­ten Kunst (tech­ne), Leh­re (dida­che), Hand­lun­gen und Wah­len bzw. Ent­schlüs­sen (pro­hai­res­eis) ein Gut bzw. unter­schied­li­che Güter anstre­ben. Wir sahen schon in der kur­zen Dis­kus­si­on der letz­ten Sit­zung, dass dar­in eine Span­nung liegt, eine Dyna­mik. Das mensch­li­che Leben ist ein nach etwas stre­ben­des Leben – und das Erstreb­te heißt Gut, hier auch durch „Ziel“ und „Zweck“ bezeich­net. Die­ses mensch­li­che Leben voll­zieht sich in der polis, der Stadt, mit­hin gehört die „Ethik“ zur Theo­rie der Staats­kun­de, also im alten Sinn zur Poli­tik. Im heu­ti­gen Sprach­ge­brauch soll­te man eher von „Gesell­schafts­theo­rie“ spre­chen, sofern man dies nicht posi­ti­vis­tisch miss­ver­steht. Denn ein „Gemein­we­sen“ strebt wie jedes Indi­vi­du­um bzw. alle Indi­vi­du­en, die das Gemein­we­sen bil­den, stre­ben nach dem höchs­ten Gut, wel­ches das „Glück“ (eudai­mo­nia) sei. Das ist dann der ethi­sche Kon­sens bis ins euro­päi­sche Mit­tel­al­ter gewe­sen (vor allem Tho­mas von Aquin) und liegt auch modi­fi­ziert der ame­ri­ka­ni­schen Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung zugrun­de, nach wel­cher der Staat sich dazu ver­pflich­tet, sei­nen Bürger/inn/en zu ermög­li­chen, einen pur­su­it of hap­pi­ness durch­zu­füh­ren, mit­hin ihr Glück zu suchen bzw. die­ses anzu­stre­ben – wobei unter­stellt ist, dies füh­re zu einem für die aller­meis­ten guten Zustand oder guten Schick­sal, wie man  eudai­mo­nia auch im Deut­schen wie­der­ge­ben kann.

Argu­men­ta­tiv geht Aris­to­te­les ver­schie­de­ne Güter durch und unter­sucht, wel­che man „um ihrer selbst wil­len“ oder „wegen ande­rer“ wählt. Er unter­stellt, dass „Geld­men­schen“ zwar etwas „For­cier­tes“ an sich tra­gen, aber kon­ze­diert, dass sie den „Reich­tum“ wäh­len, weil dies ihrem Glücks­kon­zept ent­spricht.

Wesent­lich also ist, dass man die anthro­po­lo­gi­sche Grund­the­se des Aris­to­te­les ver­steht,

  • dass alle Men­schen nach einem „Gut“ stre­ben;
  • dass mit­tels der Unter­schei­dung von „um-sei­ner-selbst-wil­len“ oder „wegen ande­rem“ Wäh­len eine Unter­schei­dung zwi­schen den Gütern durch­ge­führt wer­den kann – und
  • dass damit prin­zi­pi­ell ein „höchs­tes Gut“ bestimmt wer­den kann.

Aris­to­te­les erfasst auch eines der Haupt­pro­ble­me sei­nes Kon­zepts, denn die „Ethik“ setzt Wahl­frei­heit vor­aus. Also „edle Taten“ sind nur dann mög­lich, wenn genü­gend Ein­kom­men vor­han­den ist (1099b). D. h.: Wer nur von der Hand in den Mund lebt, hat sol­che Wahl­frei­heit nicht. Dies beglei­tet bis in unse­re Tage die „Ethik“: Weil man­che Men­schen behaup­ten, es gäbe bestimm­te wirt­schaft­li­che Zwän­ge, und ande­re die­se zu erfah­ren glau­ben, kann nur das getan wer­den, was die wirt­schaft­li­chen Zwän­ge zulas­sen. Dies scheint in unse­ren Tagen iro­ni­scher­wei­se an Grie­chen­land durch­ge­führt zu wer­den.

(2)  Der zwei­te Aspekt ist unspek­ta­ku­lä­rer, aber eben­so wich­tig. Aris­to­te­les unter­stellt, dass die Indi­vi­du­en nicht alle von exakt der­sel­ben Struk­tur oder Gestalt sind.

In allem, was kon­ti­nu­ier­lich und was teil­bar ist, lässt sich

ein Mehr, ein Weni­ger und ein Glei­ches antref­fen, und

zwar ent­we­der mit Rück­sicht auf die Sache selbst oder

mit Rück­sicht auf uns. Das Glei­che aber ist ein Mitt­le­res

zwi­schen Über­maß und Man­gel. Mitt­le­res der Sache nach

nen­nen wir das­je­ni­ge, was von bei­den Enden gleich weit

ent­fernt ist, und die­ses ist bei allem eines und das­sel­be,

dage­gen Mitt­le­res für uns, was weder ein Über­maß noch

einen Man­gel hat, und die­ses ist nicht bei allem eines und

das­sel­be. Wenn z. B. zehn viel sind und zwei wenig, so

nimmt man sechs für das der Sache nach Mitt­le­re, weil

es um gleich viel mehr und weni­ger ist. Das ist die Mit­te

nach dem arith­me­ti­schen Ver­hält­nis. Das Mitt­le­re für

uns kann dage­gen so nicht bestimmt wer­den. Wenn für

jeman­den zehn Pfund zu ver­zeh­ren viel sind und zwei

Pfund wenig, so wird der Ring­meis­ter nicht sechs vor-

schrei­ben. Denn auch das ist viel­leicht für den, der sie

zu sich neh­men soll, viel oder wenig, wenig für einen

Milon, viel für einen Anfän­ger in den Übun­gen. Das­sel­be

gilt für den Wett­lauf und Ring­kampf. So mei­det denn

jeder Kun­di­ge das Über­maß und den Man­gel und sucht

und wählt die Mit­te, nicht die Mit­te der Sache nach,

son­dern die Mit­te für uns. (1106a-b; ange­pass­te Über­set­zung Rol­fes)

 

Mit­hin geht es im Bereich der Tugend dar­um, für jeden ein­zel­nen Men­schen die Mit­te zwi­schen (begriff­lich aus­ge­drückt: logisch kon­tra­dik­to­ri­schen) Extre­men zu fin­den (Über­maß [an Tap­fer­keit] vs. Man­gel [an Tap­fer­keit = Feig­heit]). Dabei spielt die Aner­ken­nung der jewei­li­gen Lebens­ge­schich­te eine bedeu­ten­de Rol­le. Die Extre­me bezeich­nen Grenz­be­grif­fe, zwi­schen denen sich die Viel­falt und die Bunt­heit des tat­säch­li­chen Lebens abspie­len.

Die Bedeu­tung und auch metho­di­sche Gestalt des Vor­ge­hens des Aris­to­te­les kann für den abend­län­di­schen Dis­kurs schwer­lich unter­schätzt wer­den. Die Metho­de, Extre­me fest­zu­le­gen, den rea­len Pro­zess aber zwi­schen die­sen ablau­fen zu las­sen, scheint der Idee nach von Pla­ton zu stam­men, ist aber von Aris­to­te­les für sei­ne „Niko­ma­chi­sche Ethik“ frucht­bar gemacht wor­den. Damit wird es mög­lich, kom­ple­xe Pro­zes­se, die nicht nur nach einem Mus­ter ver­lau­fen, phi­lo­so­phisch beschrei­ben zu kön­nen. D. h., Aris­to­te­les gibt nicht bestimm­te „Nor­men“ vor, defi­niert nicht ein­deu­tig, was „gut“ ist – son­dern wen­det sich den rea­len gesell­schaft­li­chen Pro­zes­sen zu, wobei er auch die nicht ein­deu­tig nach einem Mus­ter beschreib­ba­ren Lebens­ge­schich­ten der Indi­vi­du­en in die­sen gesell­schaft­li­chen Pro­zess zu inte­grie­ren beab­sich­tigt.

« Ers­te Sit­zung 27.02. – Plä­doy­er für Joa­chim Gauck als Bun­des­prä­si­dent »

Info:
VHS Neckar­ge­münd Ethik II ist Beitrag Nr. 2363
Autor:
Martin Pöttner am 1. März 2012 um 20:54
Category:
Kunstlehre,Politik,Wie wollen wir leben?
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