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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Jahresabschluss – Predigt in Griesheim

Zum Jah­res­ab­schluss ver­öf­fent­li­che ich hier eine Pre­digt in der EfG Gries­heim, einer Gemein­de, von der ich in die­sem für mich nicht ganz leich­ten Jahr Unter­stüt­zung erfah­ren habe. Ich möch­te dies auch zum Anlass neh­men, mei­nen Leser/inne/n zu dan­ken, die sich so enga­giert und inter­es­siert gezeigt haben. Im nächs­ten Jahr geht es inhalt­lich wei­ter – und ich habe mir vor­ge­nom­men, das Niveau die­ses Blogs nicht abzu­sen­ken. Ich wer­de mit­hin hier phi­lo­so­phi­sche und wis­sen­schaft­li­che Auf­sät­ze ver­öf­fent­li­chen, die ein brei­te­res Publi­kum anspre­chen. Ende Febru­ar begin­ne ich mit einem Auf­satz zur „Phi­lo­so­phie der Osteo­pa­thie“, in der ich mei­ne „Allein­stel­lung“ in der Durch­drin­gung der Lite­ra­tur der klas­si­schen Osteo­pa­thie nut­ze. Aber es geht auch dar­um, die­ser Medi­zin­form per­sön­li­chen Dank abzu­stat­ten. Dass ich aus dem Däm­mer­zu­stand, der mich nach mei­nem Schlag­an­fall vom 11. April 2011 erfasst hat­te, wie­der in eine gewöhn­li­che Hel­lig­keit zurück­ge­kehrt bin, geht nach mei­nem Ein­druck auf Behand­lun­gen zurück, die ich seit Mit­te Juli erhal­ten habe. Mit die­sem Auf­satz füh­re ich im Blog die Gewohn­heit neu ein, dass ein­zel­ne Bei­trä­ge zwi­schen drei und fünf Euro kos­ten (PayPal). Da uns die hoch ver­ehr­te Pira­ten­par­tei bis­lang kein ange­mes­se­nes Ange­bot unter­brei­tet hat, wie die Zur­ver­fü­gung­stel­lung qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ger Infor­ma­tio­nen und Bil­dungs­dienst­leis­tun­gen ent­gol­ten wer­den soll, habe ich mich zu die­sem Schritt ent­schlos­sen – und hof­fe auf Ihre Nach­sicht, bes­ser noch: auf Ihr Ein­ver­ständ­nis.

Und hier ist mei­ne Pre­digt zum vier­ten Advent 2011.

 

Lie­be Gemein­de,

 

Der heu­ti­ge Text zum vier­ten Advent 2011 steht im zwei­ten Korin­ther­brief, in den VV. 18-22 des ers­ten Kapi­tels. Ich lese jetzt aber schon ab V. 12 vor und ende mit V. 23. Unser Pre­digt­text ist tat­säch­lich ein advent­li­cher Text, er hat die Ankunft Chris­ti zum The­ma. Eben­so spricht er von der Wie­der­kunft Chris­ti. Dar­über hin­aus erwähnt er die Ver­hei­ßun­gen der „Hei­li­gen Schrif­ten“ der Juden. Aber er hat auch zum The­ma, dass der Apos­tel Pau­lus eben nicht nach Korinth gekom­men ist, obgleich er das ver­spro­chen hat­te. Das damit ver­bun­de­ne Pro­blem führt Pau­lus etwas umständ­lich, aber auch tief­sin­nig aus:

 

12 Denn dies ist unser Ruhm:

das Zeug­nis unse­res Gewis­sens,

dass wir in Ein­falt und gött­li­cher Lau­ter­keit, nicht in fleisch­li­cher Weis­heit, son­dern in der Gna­de Got­tes unser Leben in der Welt geführt haben,

und das vor allem bei euch.

13 Denn wir schrei­ben euch nichts ande­res,

als das­je­ni­ge, was ihr lest und auch ver­steht.

Ich hof­fe aber, ihr wer­det es noch völ­lig ver­ste­hen,

14 wie ihr uns zum Teil auch schon ver­stan­den habt,

näm­lich, dass wir euer Ruhm sind,

wie auch ihr unser Ruhm seid am Tage unse­res Herrn Jesus.

15 Und in sol­chem Ver­trau­en woll­te ich zunächst zu euch kom­men,

damit ihr aber­mals eine Wohl­tat emp­fin­get.

16 Von euch aus woll­te ich nach Maze­do­ni­en rei­sen,

aus Maze­do­ni­en wie­der zu euch kom­men –

und mich von euch gelei­ten las­sen nach Judäa.

17 Bin ich etwa leicht­fer­tig gewe­sen,

als ich dies woll­te?

Oder ist mein Vor­ha­ben fleisch­lich, sodass das Ja Ja bei mir auch ein Nein Nein ist?

18 Gott ist mein Zeu­ge, dass unser Wort an euch nicht Ja und Nein zugleich ist.

19 Denn der Sohn Got­tes, Jesus Chris­tus, der unter euch durch uns gepre­digt wor­den ist, durch mich und Sil­va­nus und Timo­theus,

der war nicht Ja und Nein, son­dern es war Ja in ihm.

20 Denn auf alle Got­tes­ver­hei­ßun­gen ist in ihm das Ja;

dar­um spre­chen wir auch durch ihn das Amen, Gott zum Lobe.

21 Gott ist’s aber, der uns fest macht samt euch in Chris­tus – und uns gesalbt

22 und ver­sie­gelt und in uns­re Her­zen als Unter­pfand den Geist gege­ben hat.

23 Ich rufe aber Gott zum Zeu­gen an bei mei­ner See­le, dass ich euch scho­nen woll­te und dar­um nicht wie­der nach Korinth gekom­men bin.

 

 

Lie­be Gemein­de,

 

ich bin heu­te Mor­gen, einem leicht win­ter­li­chen vier­ten Advents­mor­gen, nach Gries­heim gekom­men, ger­ne, weil ich mit Ihnen Got­tes­dienst fei­ern möch­te. Das steht seit gut zwei Mona­ten fest – und ich habe mich an die Abspra­che gehal­ten, obgleich die Zei­ten bei mir sehr bewegt sind. Pau­lus hat­te damals am Ende sei­ner Lebens­zeit Rei­se­plä­ne, aber die­se hat er geän­dert, daher ist er nicht gekom­men:

15 Und in sol­chem Ver­trau­en woll­te ich zunächst zu euch kom­men,

damit ihr aber­mals eine Wohl­tat emp­fin­get.

16 Von euch aus woll­te ich nach Maze­do­ni­en rei­sen,

aus Maze­do­ni­en wie­der zu euch kom­men –

und mich von euch gelei­ten las­sen nach Judäa.

So soll­te es also sein, zuerst nach Korinth, dann nach Maze­do­ni­en, dann wie­der nach Korinth – und von dort aus nach Judäa.

Es ist sehr wahr­schein­lich, dass Pau­lus sagt, er habe sich von der korin­thi­schen Gemein­de nach Judäa gelei­ten las­sen wol­len, weil es sich um eine Rei­se nach Jeru­sa­lem han­deln soll­te, auf der er die Kol­lek­te für die Urge­mein­de abzu­ge­ben gedach­te, die er in den klein­asia­ti­schen und euro­päi­schen Gemein­den für die Jeru­sa­le­mer gesam­melt hat­te. Das fand nicht nur Zustim­mung, die Korin­ther­brie­fe sind Doku­men­te des fort­wäh­ren­den Streits zwi­schen der Gemein­de und Pau­lus um das Ver­ständ­nis des Evan­ge­li­ums, wozu auch der Streit um die Kol­lek­te für die Jeru­sa­le­mer Armen gehör­te. Das hat wohl zu Ver­let­zun­gen bei Pau­lus, aber auch den Korinther/inne/n geführt – und auch Pau­lus scheint nicht immer hef­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zun­gen bevor­zugt zu haben:

23 Ich rufe aber Gott zum Zeu­gen an bei mei­ner See­le, dass ich euch scho­nen woll­te und dar­um nicht wie­der nach Korinth gekom­men bin.

 

Das ist also der Grund, den Pau­lus angibt, wes­halb er nicht nach Korinth gekom­men ist, er woll­te die Korinther/innen scho­nen, es soll­te also nicht zu gefühls­mä­ßig auf­wüh­len­den Sze­nen kom­men, wenn Pau­lus auf­tritt. Die­ser Grund und auch die Rei­se­plä­ne umrah­men unse­ren Pre­digt­text zum vier­ten Advent, der sicher­lich zu den berühm­tes­ten Tex­ten des Apos­tels Pau­lus gehört, in dem das Evan­ge­li­um ganz schlicht gesagt wird:

18 Gott ist mein Zeu­ge, dass unser Wort an euch nicht Ja und Nein zugleich ist.

19 Denn der Sohn Got­tes, Jesus Chris­tus, der unter euch durch uns gepre­digt wor­den ist, durch mich und Sil­va­nus und Timo­theus,

der war nicht Ja und Nein, son­dern es war Ja in ihm.

20 Denn auf alle Got­tes­ver­hei­ßun­gen ist in ihm das Ja;

dar­um spre­chen wir auch durch ihn das Amen, Gott zum Lobe.

21 Gott ist’s aber, der uns fest macht samt euch in Chris­tus – und uns gesalbt

22 und ver­sie­gelt und in uns­re Her­zen als Unter­pfand den Geist gege­ben hat.

Pau­lus hat nichts vor­ge­spie­gelt, er hat nicht gesagt: „Ja, ich kom­me zu Euch“ – aber heim­lich „Nein“ gemeint. Das wäre gegen den Sohn Got­tes, den Chris­tus gewe­sen. Denn nach Pau­lus ist in Jesus Chris­tus, sei­nem Auf­tre­ten, Lei­den und Ster­ben und Auf­er­ste­hen aus­schließ­lich ein „Ja“ zu hören. Der Text erin­nert an ein berühm­tes Jesus­wort aus der Berg­pre­digt, unse­re Rede sol­le nur „Ja, Ja“ sein, alles ande­re wie Schwü­re sei von Übel. Die­se Ein­deu­tig­keit lag nach Pau­lus also im Gesche­hen des Lebens, Ster­bens und Auf­er­ste­hens Jesu. Die­ses Gesche­hen habe „Ja“ zu allen Got­tes­ver­hei­ßun­gen der Hei­li­gen Schrif­ten der Juden gesagt – und ent­spre­chend habe Pau­lus gegen­über den Korinther/inne/n gehan­delt. Die­ser Ein­deu­tig­keit Got­tes in Jesus Chris­tus soll auch die pau­li­ni­sche Pra­xis ent­spre­chen: Sie ist ein­deu­tig beja­hend. Das soll auch gegen­über den Korinther/inn/en gel­ten. Das macht unse­ren Text span­nend, es klingt eben nicht nur ein­fach posi­tiv: In Chris­tus war das „Ja“ – und alles ist gut. Gera­de in den Korin­ther­brie­fen ist sicht­bar, wel­che Schwie­rig­kei­ten eine sol­che posi­ti­ve Bot­schaft aus­lö­sen kann. In Chris­tus war das „Ja“. D. h., unser Leben ist bejaht – trotz sei­nes sitt­li­chen und sün­di­gen Ver­sa­gens. Dann muss ich nicht mehr bestimm­te Nor­men erfül­len, um „gut“ zu sein. In Korinth war es ver­brei­tet, reli­giö­ser Welt­meis­ter wer­den zu wol­len – wer kann am bes­ten „Zun­gen­re­de“? „Wer sagt am bes­ten die Zukunft vor­aus?“ „Wer dringt am tiefs­ten in die Geh­im­nis­se der Gott­heit ein?“ „Wer spricht am bes­ten die Spra­che der Engel?“

Offen­bar argu­men­tier­te Pau­lus aus der Sicht vie­ler Korinther/innen zu ratio­nal. Er fand das alles nicht unwich­tig, aber es gin­ge am Kern des Evan­ge­li­ums vor­bei, also sich dem Nächs­ten und sogar Feind beja­hend zuzu­wen­den, mit­hin alle Geschöp­fe zu lie­ben, wie wir es in der Schrift­le­sung vom Seuf­zen der Schöp­fung, wel­che auf die Frei­heit der Kin­der Got­tes har­re, gehört haben. From­me schö­ne Erfah­run­gen sind dem Indi­vi­du­um mög­lich, aber für die Grup­pe kön­nen sie streit­aus­lö­send sein. Wenn ich öffent­lich behaup­te, dass ich tie­fe­re geist­li­che Ein­sich­ten als Peter Quer­bach habe, dann habe ich „Ja“ zu mir und „Nein“ zu Peter Quer­bach gesagt. Dass dies nach Pau­lus nicht sein soll, macht den anspruchs­vol­len Grund­ge­dan­ken des Pau­lus aus. Das ist auch nicht all­zu leicht durch­zu­hal­ten, wir sind so im Wett­be­werbs­ver­hal­ten erzo­gen, dass uns die­ses zur zwei­ten Natur gewor­den ist.

Wie die pau­li­ni­schen Brie­fe zei­gen, ging Pau­lus sel­ten einem Streit aus dem Wege, sofern sein Evan­ge­li­um vom Ja Got­tes in Chris­tus nicht beach­tet wur­de. Daher übte er im 1. Korin­ther­brief Kri­tik an eini­gen selbst­ver­lieb­ten, nur sich selbst beja­hen­den Erschei­nun­gen in Korinth. Dann ist er gegen sei­ne Ankün­di­gun­gen und Rei­se­plä­ne nicht nach Korinth gekom­men. Das haben zumin­dest eini­ge Korinther/innen wohl als dras­ti­sches „Nein“ gegen­über sich erlebt. Nach Pau­lus war dies bloß der Ver­such, all­zu hef­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zun­gen von Ange­sicht zu Ange­sicht zu ver­mei­den. Wer also so han­delt wie Pau­lus, muss sich Miss­ver­ständ­nis­de­bat­ten stel­len. Pau­lus dekli­niert das in 2Kor 1 durch und zeigt so, wie kom­pli­ziert prak­ti­sche Theo­lo­gie dann wird, wenn sie meint, in Gott sei mit Chris­tus ein­deu­tig „Ja!“ gesagt wor­den – und dass dies auch eine Hand­lungs­ma­xi­me für den christ­li­chen All­tag sei. Wir haben damit genug zu tun, anzu­neh­men, dass Gott in Chris­tus auch zu uns unan­ge­neh­men Men­schen „Ja“ gesagt hat. Dass dies nie­mals eine Pra­xis ohne fai­re Aus­ein­an­der­set­zun­gen besagt, führt Pau­lus in 2Kor 1 vor.

Die Advents­bot­schaft zum vier­ten Advent 2011 lau­tet also:

Gott hat „Ja“ zu mir, aber auch zual­len ande­ren Geschöp­fen gesagt. Und für mich bedeu­tet dies, dass ich mit allen ande­ren Geschöp­fen fair umge­hen soll, was kei­ne so ganz leich­te Auf­ga­be ist. Aber ich las­se mich nicht ent­mu­ti­gen – und neh­me mir Pau­lus als Bei­spiel.

 

«  – Kol 1,25ff (TUD) »

Info:
Jahresabschluss – Predigt in Griesheim ist Beitrag Nr. 2314
Autor:
Martin Pöttner am 31. Dezember 2011 um 16:03
Category:
Administratormitteilungen,Religion und Mystik
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