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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Pragmatismus und Phänomenologie

Wir haben noch ein­mal in einer sehr inten­si­ven Dis­kus­si­on das Rela­tio­nen­pro­blem und die damit ver­bun­de­nen Kri­ti­ken und teil­wei­se gro­ßen Hoff­nun­gen the­ma­ti­siert, durch­aus anre­gend kon­tro­vers. Von die­ser Stim­mung war auch die Debat­te zu „Wahr­neh­mung“ und „Erfah­rung“ geprägt. Herr Deth­lef­sen ver­miss­te an mei­nen Vor­schlä­gen das Moment der Krea­ti­vi­tät bei der Erfah­rung, ich stel­le in den Vor­der­grund, dass etwas auch als Neu­es für eine bestimm­te Men­schen­grup­pe nur erfah­ren wer­den kann, wenn es mit eige­nen Erfah­run­gen oder Erfah­run­gen ande­rer vor dem Hin­ter­grund geteil­ter Zei­chen­sys­te­me ver­gli­chen wer­den kann. Daher exis­tiert das Pro­blem des Neo­lo­gis­mus, also der Bezeich­nung von etwas, das bis­her im Sprach­sys­tem oder in bild­li­chen Dar­stel­lungs­wei­sen noch kei­ne Reprä­sen­ta­ti­on gefun­den hat. Die­ses Pro­blem wur­de sehr sach­ge­recht erör­tert, wobei deut­lich wur­de, dass die Induk­ti­on, die stets in der Zukunft neu bewährt wer­den muss, der domi­nan­te Schluss­cha­rak­ter der Erfah­rung ist.

Peirce rech­net sys­te­ma­tisch damit, dass auch Wahr­neh­mung ein genu­in tria­di­scher Zei­chen­pro­zess ist. Mit­hin ist er kein infal­li­bler Aus­gangs­punkt, was beson­ders Bert­rand Rus­sell irri­tier­te. Wahr­neh­mung impli­ziert mit­hin also Inter­pre­ta­ti­on – sie ist kein abso­lu­ter Aus­gangs­punkt, weil jedes Zei­chen schon Inter­pre­tant sein soll usf.

Das Ende des 19. Jahr­hun­derts sah den anschei­nen­den Erfolg der Wis­sen­schaf­ten, aber eine Min­der­heit sah, dass die­ser Erfolg, der indus­tri­el­le Kon­se­quen­zen hat­te, offen­sicht­lich fata­le Rück­kopp­lungs­pro­zes­se haben könn­te, so u. a. der Bio­lo­ge Rus­sell Wal­lace. Wir haben in die­sem Kurs die Reak­ti­on Peirce’ auf die­se Kri­sen­ein­sich­ten in der „Prag­ma­ti­schen Maxi­me“ aus­führ­lich bespro­chen. Die Mehr­heit hoff­te ent­we­der auf eine Huma­ni­sie­rung des Kapi­ta­lis­mus oder wand­te sich sozia­lis­ti­schen Theo­ri­en zu, um den Kapi­ta­lis­mus abs­zu­schaf­fen. In bei­den Bewe­gun­gen war aber der Glau­be an die Kom­pe­tenz der Wis­sen­schaf­ten, die sich in wirt­schaft­li­chem Fort­schritt nie­der­schla­ge. Das ist der Hin­ter­grund dafür, dass es eher wis­sen­schafts­zen­trier­te und stär­ker all­tags- oder lebens­welt­ori­en­tier­te Phi­lo­so­phi­en gab. Zu Grund­in­for­ma­tio­nen zur Phä­no­me­no­lo­gie in der Fol­ge Husserls vgl. hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Ph%C3%A4nomenologie#Ph.C3.A4nomenologie_Husserls.  Der Lebens­welt-Begriff ist übri­gens erst in der Spät­phi­lo­so­phie Husserls in die­ser Zuspit­zung ent­wi­ckelt wor­den. Dort wird eine Art unmit­tel­ba­rer Zugang zur Wirk­lich­keit pos­tu­liert, der durch die Wis­sen­schaf­ten ver­stellt wer­de. Zu den „Sachen selbst“ kom­me man im lebens­welt­li­chen Umgang mit den Sach­ver­hal­ten, indem man sie „sein las­se“, wie Hei­deg­ger for­mu­lier­te, des­sen pra­xis­phi­lo­so­phi­schen Ansatz in „Sein und Zeit“ Husserl im Kern in sei­ner Schrift über „Die Kri­sis der euro­päi­schen Wis­sen­schaf­ten“ stär­ker intel­lek­tua­lis­tisch refor­mu­lier­te. Die Lebens­welt und deren prak­ti­scher Umgang mit den Sach­ver­hal­ten wer­de „mathe­ma­ti­siert“ und damit ver­stellt bzw. ent­stellt. Hei­deg­ger sieht seit Mit­te der 1930er Jah­re vor allem den tech­ni­schen Umgang mit den Sach­ver­hal­ten hin­ter dem „Begrei­fen“ durch die Wis­sen­schaf­ten. Es ist schon lan­ge gese­hen wor­den, dass der pra­xis­phi­lo­so­phi­sche Ansatz Hei­deg­gers in „Sein und Zeit“ zumin­dest Par­al­le­len zum klas­si­schen Prag­ma­tis­mus auf­weist. Das gilt im All­ge­mei­nen für die Phä­no­me­no­lo­gie ins­ge­samt, da die­se wie Peirce u. a. das angeb­li­che Sub­jekt-Objekt-Pro­blem als irrig ansieht, der pra­xis­phi­lo­s­phi­sche Ansatz Hei­deg­gers zeigt dies, wie dies auch bewusstseins­phi­lo­so­phisch bei Husserl und Sart­re zu zei­gen ver­sucht wur­de. Der und das Ande­re sind im Bewusst­sein schon „inten­tio­nal“ mit­ge­setzt, man muss also hier kei­nen Sprung voll­zie­hen.

Der Ansatz in „Sein und Zeit“ ist im Blick auf Sub­jek­ti­vi­tät und Per­so­na­li­tät wohl am ehes­ten gelun­gen, weil Per­so­nen als die­je­ni­ge Enti­tät ver­stan­den wird, die sich zu sich selbst und zu ande­rem ver­hält, wobei sie stets Stel­lung zu sich nimmt – und dar­über ent­schei­det, ob sie wei­ter­le­ben will. Hier wird kei­ne sub­stan­zon­to­lo­gi­sche Phi­lo­so­phie des Sub­jekts ver­tre­ten, was in den tran­szen­den­tal­phi­lo­so­phi­schen Ver­su­chen Husserls wohl eher der Fall sein dürf­te, also die Bewusstseins­pro­zes­se fin­den am oder im tran­szen­den­ta­len Sub­jekt statt – dies kann mit den prag­ma­tis­ti­schen Über­le­gun­gen nicht mit­hal­ten, die den Pro­zess der Sub­jek­ti­vi­tät zu erfas­sen suchen. Wobei Hei­deg­gers Ansatz ganz gewiss so nicht zu ver­ste­hen ist …

Das ist dann exis­ten­zia­lis­tisch wei­ter­ent­wi­ckelt wor­den. Eine inter­es­san­te Ent­wick­lung inner­halb der Phä­no­me­no­lo­gie stellt die Wahr­neh­mungs­phi­lo­so­phie Mau­rice Mer­leau-Pon­tys dar. Sie wird stark von Tho­mas Fuchs auf­ge­nom­men – und hat nicht zuletzt im the­ra­peu­ti­schen, auch medi­zi­ni­schen Bereich star­ke Reso­nanz gefun­den, wobei er betont, dass Wesent­li­ches an der Wahr­neh­mung mit­tels des Sub­jekt-Objekt-Sche­mas nicht erklärt wer­den kön­ne. D. h., er unter­stellt ähn­lich wie Peirce, dass Wahr­neh­mung kein abso­lu­ter Aus­gangs­punkt ist, son­dern ein Bezie­hungs­ge­sche­hen, was Peirce detail­liert und nicht ganz ein­fach nach­zu­wei­sen sucht. The­ra­peu­tisch ist vor allem Mer­leau-Pon­tys Kon­zept der Zwi­schen­leib­lich­keit wich­tig, als ein inter­per­so­na­les Medi­um, das Per­so­nen ver­bin­det. Hier liegt eine Par­al­le­le zu den Inter­ak­ti­ons­theo­ri­en der Prag­ma­tis­ten vor, aber Mer­leau-Pon­ty ist hier ori­gi­nell dar­in, dass eine Sphä­re der sinn­lich ver­mit­tel­ten Leib­lich­keit besteht, die einen Aus­tausch zulässt. Fuchs hat vor die­sem Hin­ter­grund das Ent­ste­hen von Selbst­be­wusst­sein bei etwa acht Mona­te alten Kin­dern erklärt. Die­ser Gedan­ke ist Peirce nicht fremd, schon die frü­he Phi­lo­so­phie for­mu­liert durch­aus Ver­gleich­ba­res – aber er kommt nach mei­nem Urteil zu nichts Kon­kre­tem. M. E. bie­ten sich in der Leib­lich­keits­auf­fas­sung und der Wahr­neh­mungs­phi­lo­s­phie noch Chan­cen wech­sel­seit­ge­en Ler­nens.

« Gal 3,26-29 – Mt 6,19ff (TUD) »

Info:
Pragmatismus und Phänomenologie ist Beitrag Nr. 2283
Autor:
Martin Pöttner am 8. Dezember 2011 um 18:27
Category:
Alltag,Erfahrung,Körper,Kultur,Kunstlehre,Mensch und Universum,Ökologie,Phänomen,Technik,Zeichen und Philosophie
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