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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Die Semiotik Charles Peirce’ (Vhs Neckargemünd)

Die letz­te Sit­zung befass­te sich mit dem Ethik­ent­wurf Peirce’, was schon durch die For­mu­lie­rung der Prag­ma­ti­schen Maxi­me vor­be­rei­tet war – wobei ich auf die ent­spre­chen­den Tech­ni­ken und Kunst­leh­ren hin­ge­wie­sen hat­te, die kei­nes­wegs nur zur Anwen­dung der Wis­sen­schaf­ten gehö­ren, son­dern durch­aus zur Pro­duk­ti­on von „Wis­sen“ die­nen. Die „Ethik“ Peirce’ beruht auf grund­le­gen­den Erwä­gun­gen des Aris­to­te­les, was sich auch in dem Begriff der „Über­le­gung“ nie­der­schlägt, der eine Neu­fas­sung des Begriffs der sofro­sy­ne (Beson­nen­heit) ist.

Mit­hin sind Wis­sen­schaf­ten – anders als bei den Positivist/inn/en und den Neukantianer/innen nicht wert­neu­tral. Es ließ sich auch an Weber ganz leicht auf­zei­gen, dass selbst die­se For­de­rung nur durch bewer­ten­des Spre­chen mög­lich ist, mit­hin selbst ein Fall der „Ethik“ wäre. Peirce’ Ver­or­tung der „Ethik“ als nor­ma­ti­ve Wis­sen­schaft vor der Logik, stellt sicher, dass sol­che doch recht schlich­ten logi­schen Feh­ler ver­mie­den wer­den.

Positivist/inn/en und Neukantianer/innen sind daher den nicht selbst­kon­trol­lier­ten und wenig beson­ne­nen öko­no­mi­schen oder poli­ti­schen Inter­es­sen ganz hilf­los aus­ge­lie­fert gewe­sen, was den Bei­trag der Wis­sen­schaf­ten zu min­des­tens drei gro­ßen Kri­sen zu Beginn des 21. Jahr­hun­derts sicht­bar macht:

  • Nut­zung der Kern­ener­gie
  • Kli­ma­ka­ta­stro­phe
  • Nahe­zu eine Mil­li­ar­de, mit­hin ein Sieb­tel der Men­schen, ste­hen vor dem Hun­ger­tod (Felix zu Löwen­stein, Food Crash [2011])

In allen die­sen drei Phä­no­me­nen wird erst ein schein­bar nahe­lie­gen­des Modell ver­tre­ten, wel­ches Gefah­ren ban­nen und öko­no­mi­sche Pro­duk­ti­vi­tät oder poli­ti­sche Sicher­heit erzeu­gen könn­te, tat­säch­lich aber wer­den unbe­son­ne­ne Metho­den ver­wen­det, wel­che sich letzt­lich nicht bewäh­ren und fata­le Fol­gen zei­ti­gen. Daher ist die „Ethik“ so wich­tig, die Peirce’ zufol­ge unter Ein­be­zie­hung aller Men­schen gesche­hen muss. Wir sehen das neu­er­dings in der rich­ti­gen Inten­ti­on von Papan­d­reou, das grie­chi­sche Volk über sei­nen Weg selbst abstim­men zu las­sen. Natür­lich gibt es dage­gen Wider­stand der poli­ti­schen Klas­se hier­zu­lan­de und in Grie­chen­land, aber es ist eine Fol­ge der Athe­ner Demo­kra­tie so zu optie­ren.

Damit wird das vier­te Pro­blem sicht­bar, das auch im Werk Peirce’ sicht­bar ist:

  • Der Pri­mat der „Ethik“ for­dert den Pri­mat demo­kra­ti­scher Poli­tik über die öko­no­mi­schen Inter­es­sen.

Der Bei­trag Peirce’ besteht vor allem dar­in, dass er die semio­tisch-logi­sche Sub­ti­li­tät erhöht hat, um auch im All­tag leich­ter all­zu schlich­te Alter­na­ti­ven und Lösungs­we­ge durch­schau­en zu kön­nen. Semio­ti­sche Kom­pe­tenz erhöht mit­hin die All­tags­kom­pe­tenz und stärkt all­tags­phi­lo­so­phi­sche Bemü­hun­gen – ganz leicht ist sie den­noch nicht … Wir wen­den uns heu­te aber vor allem der wis­sen­schaft­li­chen Bedeu­tung zu. In der nächs­ten Sit­zung schen­ken wir der rela­tio­na­len Begriffs­theo­rie Peirce’ Beach­tung, die unse­re Betrach­tungs­wei­sen ändern könn­te, wir haben dies in unse­rem Kurs schon bei Brod­beck gese­hen, der die Miss­ach­tung der Rela­ti­on als zen­tra­ler Kate­go­rie für vie­le Miss­stän­de in unse­ren Gesell­schaf­ten ver­ant­wort­lich macht: Es sind hier nicht nur wis­sen­schaft­li­che, son­dern brei­te All­tags­über­zeu­gun­gen, die nega­ti­ve Fol­gen haben.

Der Prag­ma­tis­mus ist mit eini­gen Auf­sät­zen auch in die wis­sen­schafts­theo­re­ti­sche Dis­kus­si­on ein­ge­tre­ten, die Charles San­ders Peirce seit 1868 in der Zeit­schrift The Jour­nal of Spe­cu­la­ti­ve Phi­lo­so­phy ver­öf­fent­licht hat, dar­un­ter auch der berühm­te Auf­satz How to Make Our Ide­as Clear (1878), am leich­tes­ten erreich­bar in: The Essen­ti­al Peirce I, 1992, 142ff; eine eini­ger­ma­ßen pas­sa­ble Über­set­zung fin­det sich in Apel, Peirce. Schrif­ten zum Prag­ma­tis­mus usf. (1991; stw 945), 182ff. Der phi­lo­so­phi­sche Ansatz der ursprüng­li­chen Prag­ma­tis­ten Peirce, James, Dew­ey schätzt die Bedeu­tung der Wis­sen­schaf­ten hoch ein, daher gebührt ihnen auch phi­lo­so­phi­sche Auf­merk­sam­keit. Peirce ist als Ein­zel­wis­sen­schaft­ler Logi­ker gewe­sen, er hat die moder­ne Rela­tio­nen­lo­gik mit ent­wi­ckelt, außer­dem war er einer der Begrün­der der Semio­tik. Wil­liam James gilt mit Recht als einer der Begrün­der der empi­ri­schen Psy­cho­lo­gie. John Dew­ey ist nach mei­nem Urteil der bedeu­tends­te nach­klas­si­sche Päd­ago­ge. Die Prag­ma­tis­ten ver­tre­ten z. T. sehr unter­schied­li­che Posi­tio­nen, aber sie eint den­noch eine Grund­über­zeu­gung, die Dew­ey so zusam­men­fasst, wel­che wir uns noch ein­mal ver­deut­li­chen soll­ten:

Sofern sich jemand schon auf die Über­zeu­gung ver­pflich­tet hat, dass die Rea­li­tät sau­ber und abschlie­ßend in einem Paket mit einem Band ver­packt ist, das nicht mehr auf­ge­schnürt wer­den kann, es mit­hin kei­ne unvoll­ende­ten The­men oder neue Aben­teu­er gibt, wird er der Auf­fas­sung wider­spre­chen, dass Wis­sen eine Dif­fe­renz erzeugt, wie man auch sonst jedem unver­schäm­ten auf­dring­li­chen Men­schen wider­spricht. Doch sofern man davon über­zeugt ist, dass sich die Welt selbst im Über­gangs­pro­zess befin­det, war­um soll­te dann die Über­zeu­gung, dass das Wis­sen der bedeu­tends­te Modus ihrer Modi­fi­ka­ti­on und das ein­zi­ge Organ ihrer Lei­tung sei, a prio­ri schäd­lich sein? (Does Rea­li­ty Pos­sess a Prac­tical Cha­rac­ter?, The Essen­ti­al Dew­ey I, 124ff, 125).

Dies besagt im Kon­text die­ses grund­le­gen­den Auf­sat­zes min­des­tens drei­er­lei:

(1)  Die Rea­li­tät sei nicht nur prak­tisch erschließ­bar, das scheint auf­grund der expe­ri­men­tel­len Pra­xis der Natur­wis­sen­schaf­ten seit dem 17. Jahr­hun­dert unab­weis­bar. Das wäre ein blo­ßer tru­ism, eine blo­ße Bin­sen­wahr­heit. Die Prag­ma­tis­ten ver­tre­ten aber dar­über hin­aus:

(2)  Die Rea­li­tät steht den han­deln­den Men­schen, auch den expe­ri­men­tie­ren­den Wissenschaftler/innen nicht sta­tisch gegen­über, son­dern sie wird sowohl durch das Expe­ri­ment als auch durch die dar­auf fol­gen­de Pra­xis ver­än­dert. Inso­fern befin­det sich die Rea­li­tät in einem durch mensch­li­ches wis­sen­schaft­li­ches Erken­nen mit­be­stimm­ten Ver­än­de­rungs­pro­zess. Auch dies war im letz­ten Drit­tel des 19. Jahr­hun­derts auf­grund der öko­no­misch-tech­ni­schen Umset­zung phy­si­ka­li­scher und che­mi­scher Erkennt­nis­se unab­weis­bar.

(3)  Dar­über hin­aus war allen klas­si­schen Prag­ma­tis­ten klar, dass auch die Fol­gen der Hand­lun­gen in der Wis­sen­schaft in die Erfas­sung wis­sen­schaft­li­cher Hand­lun­gen ein­ge­hen müs­sen. Auch bei heu­ti­gen Prag­ma­tis­ten wie Put­nam, Haber­mas, Ham­pe und Pape wird genau dies betont – und das ist ange­sichts des kata­stro­pha­len Schei­terns des wis­sen­schaft­lich-öko­no­misch-tech­ni­schen Pro­jek­tes vor allem an der Kli­ma­ver­än­de­rung, aber auch der Nut­zung der Kern­ener­gie und der Erzeu­gung von  Hun­ger über­aus aktu­ell.

1                               Semiotik und Erkenntnis

Es war das von allen ande­ren auch aner­kann­te Ver­dienst Peirce’ bestimm­te Grund­la­gen logisch-semio­ti­scher Art gelegt zu haben, die manch­mal nicht direkt zitiert wer­den, aber noch bis zu Dew­eys Theo­ry of Inqui­ry (1938 [vgl. wich­ti­ge Aus­zü­ge in: The Essen­ti­al Dew­ey II]), die akzep­tier­te Grund­la­ge bil­de­ten. Dew­ey hat­te bei Peirce Logik gehört – und das macht sich auf jeden Fall bemerk­bar.

Gra­fik 1: Genu­in Tria­di­sche Bezeich­nungs­re­la­ti­on, kei­nes der drei Rela­ta der Bezeich­nungs­re­la­ti­on Zei­chen, Objekt und Inter­pre­tant darf feh­len, alle sind stets durch die genu­in tria­di­sche Bezeich­nungs­re­la­ti­on ver­bun­den, der Inter­pre­tant ist stets eine refle­xi­ve Inter­pre­ta­ti­on eines schon vor­han­den Inter­pre­ta­ti­ons­pro­zes­ses.

Ein Zei­chen oder Reprä­sen­ta­men ist alles, was in einer sol­chen Bezie­hung zu einem Zwei­ten steht, dass sein Objekt genannt wird, dass es fähig ist ein Drit­tes, das sein Inter­pre­tant genannt wird, dahin­ge­hend zu bestim­men, in der­sel­ben tria­di­schen Rela­ti­on zu ste­hen, in der es selbst steht. Das bedeu­tet, dass der Inter­pre­tant selbst ein Zei­chen ist, das ein Zei­chen des­sel­ben Objekts bestimmt – und so fort ohn Ende. (Phä­no­men und Logik der Zei­chen, 64)

Dass Erken­nen und wis­sen­schaft­li­ches Erken­nen Zei­chen­pro­zes­se sind, ist eigent­lich auch ein tru­ism, aber lei­der wird die­ser häu­fig nicht beach­tet. Noch heu­te meint man, eine wis­sen­schaft­li­che Behaup­tung sei eine Vor­stel­lung, ein men­ta­les Urteil, mög­li­cher­wei­se han­delt es sich sogar um – bis­lang unbe­ob­acht­ba­re – Gehirn­pro­zes­se. Davon kann kaum eine Rede sein, wis­sen­schaft­li­che Behaup­tun­gen wer­den öffent­lich gemacht, öffent­lich dis­ku­tiert usf. Mit­hin sind sie Zei­chen­pro­zes­se. Die Poin­te Peirce’ besteht in zwei wesent­li­chen Punk­ten:

(1)  Der wis­sen­schaft­li­che Pro­zess ist als Erken­nen mit dem Objekt in einer genu­in tria­di­schen Rela­ti­on rela­tio­nal ver­bun­den, die sinn­li­che Wahr­neh­mung des „Objekts“ im „Zei­chen“ wird im „Inter­pre­t­an­ten“ dar­ge­stellt. Da der Inter­pre­tant selbst­re­fle­xiv dar­stellt, ist auch unter­stellt, dass schon die sinn­li­che Wahr­neh­mung im Zei­chen auf einen sol­chen tria­di­schen Pro­zess zurück­geht, mit­hin: Sofern sinn­li­che Wahr­neh­mung selbst ein Zei­chen­pro­zess ist, sind die angeb­li­chen Sin­nes­da­ten als abso­lu­ter Aus­gangs­punkt wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis, wie dies die Posi­ti­vis­ten unter­stell­ten, Tei­le eines unend­li­chen Zei­chen­pro­zes­ses, ein Punkt, den beson­ders Bert­rand Rus­sell als über­aus bedroh­lich emp­fand; vgl. die Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Rus­sell und Dew­ey in: The Essen­ti­al Dew­ey II, 201ff; 408ff; mit aus­führ­li­chen und fai­ren Rus­sell­zi­ta­ten, in denen Rus­sell auf der Mach­schen Posi­ti­on beharrt.) Dew­ey hat spä­ter mit Recht betont, dass die Ide­en von Peirce mit denen von Whitehead beson­ders ver­wandt sei­en, weil bei­de auf unter­schied­li­che Wei­se, den fal­schen Gemein­platz infra­ge­ge­stellt hät­ten, es gäbe so etwas wie eine Sub­jekt-Objekt-Spal­tung usf. bzw. eine fak­tisch siche­re Aus­gangs­ba­sis in Sin­nes­da­ten. Auch Sin­nes­da­ten beru­hen auf einem Inter­pre­ta­ti­ons­pro­zess, so Peirce, mit­hin müs­sen vie­le sol­che Inter­pre­ta­tio­nen mit­ein­an­der ver­gli­chen wer­den. Folg­lich ist anders als Pop­per mein­te, nicht nur die Induk­ti­on pro­ble­ma­tisch, wie also die Sin­nes­da­ten zu einer Theo­rie zusam­men­ge­fügt wer­den, schon die sinn­li­che Erfah­rung stellt eine prin­zi­pi­ell fal­li­ble Inter­pre­ta­ti­on dar.

(2)  Für alle Prag­ma­tis­ten bis hin zu Haber­mas heißt das dann, dass der Wis­sen­schafts­pro­zess zukunfts­of­fen ist, er hat als Ziel mit­hin die Zustim­mung aller der­je­ni­gen, die sich wis­sen­schaft­lich kom­pe­tent enga­gie­ren. Bzw. man kann zurück­hal­ten­der sagen, dass er die­ses Ziel  haben kön­nen muss, wenn man gründ­lich nach­denkt. Dies heißt dann aber auch, dass man im Sin­ne der „Prag­ma­ti­schen Maxi­me“ Peirce’ stets die Kon­se­quen­zen des eige­nen wis­sen­schaft­li­chen Han­delns mit­be­den­ken muss, Ethik­ko­mis­sio­nen wer­den heu­te addi­tiv sozu­sa­gen stan­dard­mä­ßig auf­ge­baut. Für Dew­ey bedeu­te­te dies, dass die Zahl der­je­ni­gen, die wis­sen­schaft­lich kom­pe­tent sind, durch geeig­ne­te demo­kra­ti­sche Erzie­hung mög­lichst weit gefasst wer­den muss; vgl. dazu mei­ne Dar­stel­lung. Anders als in der spät­po­si­ti­vis­ti­schen oder neo­po­si­ti­vis­ti­schen Posi­ti­on Pop­pers liegt also kein prin­zi­pi­el­ler Erkennt­nis­zwei­fel vor. Statt­des­sen besteht die Erwar­tung, dass die Wis­sen­schaf­ten vor dem Hin­ter­grund einer brei­ten Kom­pe­tenz in der Bevöl­ke­rung ihre hoch­kom­ple­xen und uni­ver­sal ange­setz­ten Auf­ga­ben eini­ger­ma­ßen lösen und dabei die Rea­li­tät zuguns­ten sitt­li­cher Zie­le ver­än­dern könn­ten. Es sind hier also kei­nes­wegs die wis­sen­schaft­li­chen Expert/inn/en gefragt, son­dern die ursprüng­li­che prag­ma­tis­ti­sche Idee besteht dar­in, dass es zu einer Demo­kra­tie gehört, dass das Wis­sen­schafts­sys­tem mög­lichst vie­le Men­schen durch All­ge­mein­bil­dung und in die Tie­fe gehen­de unend­li­che Bil­dungs­be­mü­hun­gen betei­ligt. Dies ist beson­ders ein­drück­lich von Dew­ey bedacht wor­den, der auch die ent­spre­chen­den sozia­len Vor­aus­set­zun­gen immer deut­li­cher erkann­te, z. B. einen Sozi­al­staat, der deut­lich über gewöhn­li­che „ame­ri­ka­ni­sche Ver­hält­nis­se“ hin­aus­geht; vgl. „Demo­cra­cy is Radi­cal“, in: The Essen­ti­al Dew­ey I, 337ff, aber Dew­ey zufol­ge sehr wohl in den klas­si­schen Doku­men­ten der ame­ri­ka­ni­schen Revo­lu­ti­on und Demo­kra­tie ange­legt sei.

Inter­es­sant ist, dass der schon in unse­ren Kurs­zu­sam­men­hän­gen erwähn­te Johann Jakob von Uex­küll prin­zi­pi­ell den Ansatz von Peirce und Dew­ey, dass also „Rea­li­tät“ im dar­ge­stell­ten Sin­ne unter Zei­chen­ver­wen­dung „prak­tisch“ sei, auch bei den leben­den Wesen ab dem Ein­zel­ler unter­stellt:

Gra­fik 2: Quel­le: Thu­re von Uex­küll u. a., Psy­cho­so­ma­ti­sche Medi­zin, 2008, 9.

Das „Mer­ken“ führt zum „Wir­ken“, wodurch die Rea­li­tät, die wahr­ge­nom­men wur­de, ver­än­dert wird. Dies geht Uex­küll zufol­ge nur durch eine ent­spre­chen­de Inter­pre­ta­ti­on, die u. a. am eige­nen Bedürf­nis ori­en­tiert ist.

Zwi­schen den Prag­ma­tis­ten und von Uex­küll scheint kei­ne wech­sel­sei­ti­ge oder auch nur ein­sei­ti­ge Wahr­neh­mung zustan­de­ge­kom­men zu sein. Hier liegt aber eine wesent­li­che wis­sen­schaft­li­che Chan­ce, um Ein­sei­tig­kei­ten in der Bio­lo­gie infra­ge zu stel­len.

2                             Fallibilismus

Wer die Rea­li­tät als in einem stän­di­gen Über­gangs­pro­zess begrif­fen sieht, kann die Rol­le der Wis­sen­schaf­ten ganz gelas­sen als sozia­le Sys­te­me mit Fal­li­bi­lis­mus als wesent­li­chem metho­di­schem Aspekt und dau­ern­der selbst­kri­ti­scher Besin­nung bestim­men. Der ent­spre­chen­de Wiki­pe­diaar­ti­kel hat das unbe­streit­ba­re Ver­dienst, die Sache nicht ganz auf Pop­pers Niveau her­un­ter­zu­bea­men. M. E. ist Pop­pers Fal­si­fi­ka­tio­nis­mus kein Fal­li­bi­lis­mus im Sin­ne von Peirce und Dew­ey, dass dies den­noch oft als Fal­li­bi­lis­mus bezeich­net wird, ist ein bedau­er­li­cher Man­gel, aber so etwas kommt in der Wis­sen­schafts- und Phi­lo­so­phie­ge­schich­te nicht sehr sel­ten vor. Der Fal­li­bi­lis­mus ist auf­grund der Grund­idee der Prag­ma­tis­ten wis­sen­schaft­lich zwin­gend, weil schon die Sin­nes­da­ten Tei­le der dyna­mi­schen genu­in tria­di­schen Bezeich­nungs­re­la­ti­on sind, ganz zu schwei­gen von allen wei­te­ren abduk­ti­ven, induk­ti­ven oder gele­gent­lich auch deduk­ti­ven Inter­pre­ta­tio­nen grö­ße­ren Aus­ma­ßes. Wei­ter ist den Prag­ma­tis­ten zufol­ge die Bedeu­tung einer wis­sen­schaft­li­chen Behaup­tung oder Theo­rie auf die Zukunft aus­ge­legt, mit­hin kön­nen im Ver­lauf ihrer Wei­ter­in­ter­pre­ta­ti­on stän­dig Ver­än­de­run­gen auf­tre­ten – und wie die Wis­sen­schafts­ge­schich­te zeigt, ist dies auch der Fall. Jede Induk­ti­on muss sich in der Zukunft bewäh­ren – und das gilt auch und gera­de für die Natur­ge­set­ze, die man­che für recht gut erkannt hal­ten. Aller­dings zeigt die Geschich­te der Wis­sen­schaf­ten auch, dass bestimm­te Ein­sich­ten wis­sen­schaft­li­cher Art sich bewährt haben. Das ist des­halb der Fall, weil wir unse­re Behaup­tun­gen und Theo­ri­en in ent­spre­chen­den Pra­xis­si­tua­tio­nen stets über­prü­fen und ver­bes­sern kön­nen, das setzt mit Dew­ey eben eine sehr ver­brei­te­te wis­sen­schaft­li­che Kom­pe­tenz in einer mög­lichst brei­ten Öffent­lich­keit vor­aus. Pop­per ist gegen die­se Auf­fas­sung rela­tiv mas­siv vor­ge­gan­gen und hat ent­spre­chen­de Poli­tik­be­ra­tung bei Hel­mut Schmidt u. a. betrie­ben. Das war vor allem in der Fra­ge der Kli­ma­ka­ta­stro­phe fatal – auch das an sich ganz intel­li­gen­te Men­schen wie Hel­mut Schmidt sich von Pop­pers Aura täu­schen lie­ßen, anstatt des­sen Behaup­tun­gen kri­tisch zu hin­ter­fra­gen. Daher lässt sich inzwi­schen an die­sem Bei­spiel eigent­lich ganz leicht sehen, dass der Fal­si­fi­ka­tio­nis­mus Pop­pers mit dem Fal­li­bi­lis­mus von Peirce und Dew­ey schwer­lich mit­hal­ten kann. Pop­per hat die öko­lo­gi­schen Behaup­tun­gen und Theo­ri­en nur als zu fal­si­fi­zie­ren­de Theo­ri­en betrach­tet, dabei waren die Ansich­ten von Alfred Rus­sel Wal­lace im Kern rich­tig. Sie müs­sen wie jede Theo­rie natür­lich ange­passt wer­den. Aber die Idee des Erkennt­nis­zwei­fels, die hin­ter Pop­pers Theo­rie liegt, scheint eher zwei­fel­haft, wie die Ent­wick­lung zeigt.

 

 

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Die Semiotik Charles Peirce’ (Vhs Neckargemünd) ist Beitrag Nr. 2248
Autor:
Martin Pöttner am 3. November 2011 um 10:40
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Allgemein,Bildung,Kunstlehre,Politik,Wie wollen wir leben?,Wirtschaft und Philosophie,Zeichen und Philosophie
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