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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


EFG-Gries­heim

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Der Text der heu­ti­gen Pre­digt steht in Mk 2, in den VV. 1-12:

 

1 Und nach eini­gen Tagen ging er wie­der nach Kapharnaum; und es wur­de bekannt, dass er im Haus war.

2 Und es ver­sam­mel­ten sich vie­le, sodass sie nicht genü­gend Raum hat­ten, auch nicht drau­ßen vor der Tür; und er sag­te ihnen das Wort.

3 Und es kamen eini­ge zu ihm, die brach­ten einen Gelähm­ten – die­ser wur­de von vier Men­schen getra­gen.

4 Und da die Trä­ger ihn wegen der Men­ge nicht zu ihm brin­gen konn­ten, deck­ten sie das Dach auf, wo Jesus war, mach­ten ein Loch und lie­ßen das Bett her­un­ter, auf dem der Gelähm­te lag.

5 Als nun Jesus ihr Ver­trau­en sah, sprach er zu dem Gelähm­ten:

Mein Sohn, dei­ne Sün­den sind dir ver­ge­ben!“

6 Es saßen da aber eini­ge Schrift­ge­lehr­te und dach­ten in ihren Her­zen:

7 „Was redet der da so?

Er läs­tert Gott!

Wer kann außer Gott allein Sün­den ver­ge­ben?“

8 Und Jesus erkann­te sogleich in sei­nem Geist, dass sie so bei sich selbst dach­ten, und sprach zu ihnen:

Was denkt Ihr so etwas in Euren Her­zen?

9 Was ist leich­ter, zu dem Gelähm­ten zu sagen:

Dir sind dei­ne Sün­den ver­ge­ben, oder zu sagen:

Steh auf, nimm Dein Bett und geh umher?

10 Damit Ihr aber wisst, dass der Men­schen­sohn Voll­macht hat, Sün­den zu ver­ge­ben auf Erden“ – Dabei wand­te er sich zu dem Gelähm­ten –:

11 „Ich sage Dir, steh auf, nimm Dein Bett und geh heim!“

12 Und die­ser stand auf, nahm sein Bett und ging sofort hin­aus vor aller Augen, sodass sie sich alle ent­setz­ten und Gott prie­sen und spra­chen: Wir haben so etwas noch nie gese­hen.

 

Lie­be Gemein­de,

 

nach heu­ti­ger medi­zi­ni­scher Ein­sicht beru­hen Läh­mun­gen mit ganz über­wie­gen­der Wahr­schein­lich­keit auf z. T. schwe­ren Stö­run­gen des Zen­tra­len Ner­vem­sys­tems, auch der peri­phe­ren Ner­ven, die medi­zi­ni­scher The­ra­pie zugäng­lich sind, wie das bei mei­nem Schlag­an­fall war, dann geht man nach eini­ger Zeit wie­der umher. Oder die­se Stö­run­gen des Ner­ven­sys­tems sind der medi­zi­ni­schen The­ra­pie bis­lang nicht zugäng­lich, dann bleibt man sit­zen – zumin­dest im Roll­stuhl. Es ist ein schwe­res Schick­sal.

Die Schwe­re der Krank­heit wird in unse­rer Erzäh­lung aus Kapharnaum betont. Jesus ist wie immer unter­wegs und ver­kün­digt sei­ne Bot­schaft vom Evan­ge­li­um, das nahe­ge­kom­men ist, eben das Wort – und dem man Ver­trau­en schen­ken und ent­spre­chend von sei­nem bis­he­ri­gen Lebens­wan­del umkeh­ren soll.

Das Inter­es­se der Men­schen ist groß. Das Haus, in dem Jesus sich befin­det, ist über­füllt. Auch vor dem Haus ist alles über­füllt. Den­noch brin­gen vier Men­schen einen Gelähm­ten zu Jesus, durchs Dach, es wird von den Vie­ren auf­ge­gra­ben. Jesus sieht das Ver­trau­en der vier Men­schen, die sich gegen Wider­stän­de durch­set­zen. Damit ist nach der Logik des Mar­ku­sevan­ge­li­ums eigent­lich das Pro­blem gelöst. Wer auf das Evan­ge­li­um ver­traut, nimmt an der Schöp­fer­macht Got­tes Teil – und ver­mag ganz Außer­ge­wöhn­li­ches zu leis­ten, wie es die vier Trä­ger des Gelähm­ten auch tun. Sie gra­ben das Dach über Jesus auf, umge­hen so die Men­ge und brin­gen den Gelähm­ten zu Jesus, damit er ihn hei­le.

Jesus sieht das Ver­trau­en der vier Trä­ger. Sei­ne Reak­ti­on ist aber etwas auf­fäl­lig:

Mein Sohn, Dei­ne Sün­den sind Dir ver­ge­ben!“ – sagt er zu dem Gelähm­ten.

Das ist eine merk­wür­di­ge Pro­vo­ka­ti­on. Sie reagiert dar­auf, dass in eini­gen jüdi­schen und bibli­schen Tex­ten sol­che Krank­hei­ten wie die­je­ni­ge des Gelähm­ten als Fol­ge sei­ner Ver­stö­ße gegen das Gesetz Got­tes ver­stan­den wur­den. Ich selbst bin reli­gi­ös mit die­ser Tra­di­ti­on erzo­gen wor­den.

Jesus dis­ku­tiert das nicht wei­ter, son­dern ver­gibt dem Gelähm­ten sei­ne Sün­den. Das emp­fin­den nun die „Schrift­ge­lehr­ten“ als unge­heu­er­li­che Pro­vo­ka­ti­on. Sie sit­zen im Haus:

Was redet der da so?

Er läs­tert Gott!

Wer kann außer Gott allein Sün­den ver­ge­ben?“ – so den­ken sie. Jesus kann Gedan­ken lesen:

Was denkt ihr sol­ches in euren Her­zen?

9 Was ist leich­ter, zu dem Gelähm­ten zu sagen:

Dir sind dei­ne Sün­den ver­ge­ben, oder zu sagen:

Steh auf, nimm dein Bett und geh umher?

10 Damit ihr aber wisst, dass der Men­schen­sohn Voll­macht hat, Sün­den zu ver­ge­ben auf Erden – so sprach er zu dem Gelähm­ten:

11 Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim!“

Das macht der bis­her Gelähm­te und alle sind erstaunt und guter Din­ge.

Der Text erweckt den Ein­druck, als ob sogar die Schrift­ge­lehr­ten in den all­ge­mei­nen Lob­preis Got­tes ein­stim­men, mit­hin ihre reli­giö­se Empö­rung ver­ges­sen oder über den Hau­fen gewor­fen haben. Aus dem wei­te­ren Ver­lauf des Mar­ku­sevan­ge­li­ums wis­sen wir aber, dass die Mehr­heit der Schrift­ge­lehr­ten auf jeden Fall am Vor­wurf der Got­tes­läs­te­rung fest­hält. Jesus wird zudem als mes­sia­ni­scher Auf­rüh­rer ver­däch­tigt und so den Römern prä­sen­tiert, damit die­se ihn am Kreuz hin­rich­ten.

Jesus ver­mei­det den­noch nicht die Pro­vo­ka­ti­on der Schrift­ge­lehr­ten. Denn ihm geht es um dem gelähm­ten Men­schen, der von den vier Trä­gern mit Ver­trau­en auf das Evan­ge­li­um gebracht wird. So ist er im Hori­zont des Evan­ge­li­ums, des Ver­trau­ens und der Umkehr. Er par­ti­zi­piert über die ver­trau­en­de Akti­on der Trä­ger an der Schöp­fer­macht Got­tes. Dass er gesün­digt hat, wird schon so sein, Jesus ver­gibt ihm sei­ne Sün­den. Aber das eigent­li­che Hemm­nis sind die Schrift­ge­lehr­ten, die reli­gi­ös empört im Haus sit­zen.

Jesus stellt ihnen eine argu­men­ta­ti­ve Fra­ge. Es ist ein Schluss vom Klei­ne­ren auf das Grö­ße­re – oder umge­kehrt, je nach Posi­ti­on:

 Was ist leich­ter, zu dem Gelähm­ten zu sagen:

Dir sind dei­ne Sün­den ver­ge­ben, oder zu sagen:

Steh auf, nimm dein Bett und geh umher?“

Ja, was ist leich­ter?

Wir wis­sen medi­zi­nisch, dass gegen­wär­tig kei­nes­wegs alle Läh­mun­gen geheilt wer­den kön­nen, ganz im Gegen­teil. Bei mei­ner war es wahr­schein­lich, wenn auch kei­nes­wegs sicher. Ich habe vie­le Patient/inn/en erlebt, bei denen eine Hei­lung nicht ein­trat – die Ärzt/inn/e/n waren rat- und hilf­los. Weil ich Theo­lo­gie­pro­fes­sor bin, sag­te der Chef­arzt der Schmie­der-Kli­ni­ken zu mir: „Wir machen kei­ne Heils­ver­spre­chen!“ Gemeint war: „Das könnt ihr schon machen! Aber hier geht es um stets unsi­che­re Hei­lungs­wahr­schein­lich­kei­ten …“

Daher dürf­ten wir aus unse­rer Erfah­rungs­per­spek­ti­ve wahr­schein­lich ant­wor­ten: „Es ist leich­ter zu sagen: Dei­ne Sün­den sind Dir ver­ge­ben!“ So was kön­nen Theolog/inn/en immer behaup­ten, über­prü­fen kann man es ohne­hin nicht …

Natür­lich lässt Jesus die Debat­te nicht ganz offen, er heilt den Gelähm­ten.

Er hat natür­lich die Voll­macht Sün­den zu ver­ge­ben und er heilt den Gelähm­ten. Wäre die Leh­re rich­tig, dass Sün­den die Ursa­che von Krank­hei­ten sind, ist damit aus Jesu Per­spek­ti­ve den­noch klar: Es geht um den Gelähm­ten im Hori­zont des Ver­trau­ens sei­ner Trä­ger auf das Evan­ge­li­um.

 

Lie­be Gemein­de,

 

das ist nach mei­ner Über­zeu­gung der Kern die­ser Erzäh­lung, die auch in unser z. T. durch schwe­res Lei­den gezeich­ne­tes Leben ein­grei­fen, uns den­noch akti­vie­ren und trös­ten kann. Wer auf einer Leh­re beharrt, dass Krank­hei­ten durch Sün­den ver­ur­sacht sind, hat die Logik des Evan­ge­li­ums und des Ver­trau­ens auf es nicht ver­stan­den – und ver­sucht sich selbst in den Vor­der­grund zu spie­len.

Ich bin ganz gesund, also habe ich nicht gesün­digt. Also bin ich gut und gerecht.“

Nach Jesu Mei­nung ist dies nicht der Fall. Er sei zu den Kran­ken gekom­men, die Gesun­den bedürf­ten ja kei­nes Arz­tes, wie er in der Fol­ge­er­zäh­lung iro­nisch sagen wird, die wir in der Schrift­le­sung gehört haben. Die­se Über­heb­lich­keit der reli­gi­ös Tol­len und sich als Gerech­te ver­ste­hen­den Men­schen geht Jesus hier pro­vo­ka­tiv an.

Zugleich hält die Erzäh­lung aber auch einen Hoff­nungs­über­schuss für die­je­ni­gen bereit, wel­che die Gren­ze ärzt­li­cher Kunst erfah­ren muss­ten und ein schwe­res Schick­sal meis­tern müs­sen: Selbst wenn mir direkt nicht gehol­fen wird, so gibt es doch ande­re Trä­ger, die für mich ver­trau­en. Das tun viel­leicht nicht vie­le, aber doch eini­ge – die­se Erfah­rung habe ich im letz­ten hal­ben Jahr machen dür­fen. Ohne sol­che Trä­ger geht es nicht. In einer sol­chen Situa­ti­on trennt sich die Spreu vom Wei­zen. Und es bleibt wahr, dass es gut ist, dass Ver­trau­en und die Hoff­nung nie ganz auf­zu­ge­ben. Inso­fern stim­me ich nach dem letz­ten hal­ben Jahr in den Lob­preis Got­tes ein.

« Der Pri­mat der Ethik VHs Neckar­ge­münd) – TUD: Röm 3,28 »

Info:
EFG-Gries­heim ist Beitrag Nr. 2241
Autor:
Martin Pöttner am 30. Oktober 2011 um 17:34
Category:
Gehirn
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