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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Die „Pragmatische Maxime“ – eine kulturphilosophische Regel

Wir haben uns in der Sit­zung vom 17.10. um ein aus­rei­chen­des Ver­ständ­nis des all­ge­mei­nen und umfas­sen­den Phi­lo­so­phie­an­sat­zes von Charles Peirce bemüht – und sogar eines der meta­phy­si­schen Pro­ble­me bespro­chen, das Peirce tat­säch­lich behan­delt: die Got­tes­fra­ge, wobei Peirce vie­le all­ge­mei­ne Äuße­run­gen hin­zu­zieht, wel­che ihn anre­gen. Neben Tra­di­tio­nen von Juden­tum, Chris­ten­tum und Islam spie­len bei Peirce auch Neo­hin­du­ide­en eine nicht unbe­acht­li­che Rol­le. Dies war alles am Ende des 19. Jahr­hun­derts und zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts in den USA bekennt und wur­de kon­tro­vers dis­ku­tiert.[1] Phi­lo­so­phie ver­ar­bei­tet sol­che Tra­di­tio­nen und reflek­tiert sie kri­tisch dar­auf, ob sie Erfah­rungs­ge­hal­te sym­bo­li­sie­ren – oder ob man auf­grund sol­cher Bil­der Erfah­run­gen machen kann. Wel­ches The­ma man meta­phy­sisch durch all­ge­mei­ne Unter­stel­lun­gen angeht: Peirce hält nichts von geschmäck­le­ri­schen, viel­leicht schön­geis­ti­gen Theo­rie­de­bat­ten, weil Theo­ri­en selbst durch Pra­xis gewon­nen wur­den, prak­tisch über­prüft und ggf. dann ver­än­dert oder auch ver­wor­fen wer­den. Die prag­ma­tis­ti­sche Phi­lo­so­phie kon­zen­triert sich mit­hin auf den kul­tu­rel­len Kon­text der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts, in dem klar wur­de, dass die sozia­le Aus­dif­fe­ren­zie­rung der Wis­sen­schaf­ten soge­nann­tes „Wis­sen“ bereit­stellt, das es ermög­licht, prak­ti­sche Regeln zu ent­wer­fen, die sich the­ra­peu­tisch, päd­ago­gisch und öko­no­misch sehr gut bewähr­ten. Das sind ent­we­der Tech­ni­ken oder Kunst­leh­ren.

  • Um Tech­ni­ken han­delt es sich, wenn sol­che Regeln Hand­lun­gen bestim­men, die das ange­streb­te Ziel stets errei­chen, also z. B. Glüh­bir­nen pro­du­zie­ren, die immer dann leuch­ten, sofern man auf einen Schal­ter drückt (Th. A. Edi­son).
  • Um Kunst­leh­ren han­delt es sich, wenn sol­che Regeln Hand­lun­gen bestim­men, bei denen der Erfolg im Ein­zel­fall nicht sicher ist, die mit­hin stets vom Ein­zel­fall her ange­passt wer­den müs­sen (etwa Päd­ago­gik, Medi­zin).

Das ist kei­ne typisch „ame­ri­ka­ni­sche“ Ent­de­ckung. Aber im ame­ri­ka­ni­schen Prag­ma­tis­mus bra­chen sich – ver­mit­telt durch den „Ame­ri­ka­ni­schen Tran­szen­den­ta­lis­mus (Emer­son, Tho­reau, Ful­ler u. a.) die Ide­en, die von den Frühromantiker/innen, Goe­the, Schlei­er­ma­cher und Hum­boldt stam­men, eine Bahn. Ich habe daher auch auf den Kon­text der Demo­kra­tie ver­wie­sen, der für das Ver­ständ­nis der Wer­ke von Peirce, James und Dew­ey sehr aus­schlag­ge­bemd ist, der natür­lich in Deutsch­land in einem ernst­haf­ten Sinn erst nach 1968 exis­tier­te, im Kern erst in den 1970er Jah­ren bestim­mend wur­de. Denn die Mög­lich­kei­ten poli­ti­scher Frei­heit setz­ten die Ener­gi­en frei, wel­che ein Leben in Selbst­be­stim­mung schön machen kön­nen. Das for­mu­liert in der Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung die Rede vom „pur­su­it of hap­pi­ness). Aber – so reflek­tiert die soge­nann­te „prag­ma­ti­sche Maxi­me“, wel­che prak­ti­sche Fol­gen bzw. Wir­kun­gen eine wis­sen­schaft­li­che Theo­rie haben kann, soll­te abge­schätzt wer­den.

Beden­ken Sie, wel­che Wir­kun­gen, die denk­ba­rer­wei­se prak­ti­sche Rele­vanz haben könn­ten, wir dem Gegen­stand unse­rer Kon­zep­ti­on zuschrei­ben. Folg­lich besteht die Kon­zep­ti­on die­ser Wir­kun­gen aus dem Gan­zen unse­rer Kon­zep­ti­on des Gegen­stands!

(Charles Peirce, How to make our ide­as clear, 1878)

Pape hat schon in den 1980er Jah­ren (z. B. Ein­lei­tung zu „Phä­no­me­no­lo­gie und Logik der Zei­chen“) dar­auf ver­wie­sen, dass Grund­fra­gen des „Prin­zips Ver­ant­wor­tung“ (Hans Jonas, ein Hei­deg­ger­schü­ler) hier völ­lig klar for­mu­liert wer­den. Wenn also zu den abge­schätz­ten mög­li­chen Wir­kun­gen sol­che gehö­ren, die sitt­lich miss­bil­ligt wer­den müs­sen, erge­ben sich kon­flikt­rei­che ethi­sche Auf­ga­ben. Wie ist z. B. eine demo­kra­ti­sche Kon­trol­le der Wis­sen­schaf­ten mög­lich? Peirce setzt also dar­auf, dass neben der phi­lo­so­phi­schen Tätig­keit der Wissenschaftler/innen ein uni­ver­sa­ler Hori­zont in der Gesell­schaft ent­steht, der eben ver­ant­wort­lich dar­über ent­schei­det, wel­che tech­ni­schen und kunst­mä­ßi­gen Pro­jek­te durch­ge­führt wer­den – und wel­che bes­ser unter­las­sen wer­den soll­ten, weil ihre Wir­kun­gen die Mög­lich­keit der Frei­heit negie­ren.

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof (EGH) hat in die­ser Woche in die­sem Sin­ne eine ent­spre­chen­de Ent­schei­dung zur Stamm­zel­len­for­schung getrof­fen, die den Wün­schen und gedank­li­chen Ambi­tio­nen der Zivil­ge­sell­schaft in Tei­len Euro­pas ent­spricht – ein Bei­spiel für die Insti­tu­tio­na­li­sie­rung sol­cher demo­kra­ti­scher Mei­nungs­bil­dungs­pro­zes­se, die auch Peirce für not­wen­dig hielt. Natür­lich lässt sich öko­no­misch bes­ser mit (finan­zi­el­ler und tech­ni­scher) Indus­trie­un­ter­stüt­zung for­schen. Aber die hier­zu erfor­der­li­che Paten­tie­rung von bestimm­ten prak­tisch her­vor­ge­ru­fe­nen Zell­ver­än­de­run­gen wider­spricht ele­men­ta­ren Prin­zi­pi­en der Men­schen­rech­te. Um dies zu ver­ste­hen, muss man nur all­ge­mein gebil­det sein, wel­ches eine Vor­aus­set­zung von Demo­kra­tie im Sin­ne von Peirce und sei­nem Schü­ler Dew­ey ist.

  • Die in den Wis­sen­schaf­ten ent­wor­fe­nen Abduk­tio­nen (Hypo­the­sen)
  • wer­den mit­hin deduk­tiv auf Über­prü­fungs­kon­tex­te in der kunst­mä­ßig oder tech­nisch model­lier­ten Erfah­rung (etwa des Labors) bezo­gen,
  • wo sie auf ihre induk­ti­ve Taug­lich­keit in immer neu­en Erfah­run­gen über­prüft wer­den.

Die „prag­ma­ti­sche Maxi­me“ for­mu­liert die­sen durch und durch prak­ti­schen Zusam­men­hang. Und Hand­lun­gen gehö­ren ganz klar in den Bereich der Ethik. Es gehört zu den nega­ti­ven – und wie wir heu­te u. a. an der Kli­ma­ka­ta­stro­phe und Fuku­shi­ma sehen – fata­len Fol­gen des Erfolgs von Posi­ti­vis­mus und Neo­po­si­ti­vis­mus, dass sie die Peirce’sche Idee, wie Ide­en klar gemacht wer­den, aus dem Bereich der Ethik in einen angeb­lich „neu­tra­len“ wis­sen­schaft­li­chen Bereich trans­for­miert haben, wo (was nicht so ger­ne zuge­ge­ben wird) letzt­lich kurz­fris­ti­ge öko­no­mi­sche Inter­es­sen den Aus­schlag geben, sie­he den sich immer noch brüs­ten­den Oli­ver Brüst­le (Uni­ver­si­tät Bonn).

Logisch-semio­tisch ver­hält es sich so: Das Ziel wäre eine The­ra­pie für Par­kin­son. Die Abduk­ti­on lau­tet: Die­ses Ziel kann durch gen­tech­no­lo­gi­sche Mani­pu­la­ti­on von Zel­len „über­zäh­li­ger Embryo­nen“ erreicht wer­den, weil sich hier­aus geeig­ne­te Prä­pa­ra­te gegen Par­kin­son gewin­nen las­sen. Deduk­tiv fin­det die­se Mani­pu­la­ti­on seit drei Jah­ren oder mehr statt. Eine Über­prü­fung, die induk­tiv den Erfolg eini­ger­ma­ßen sicher­stel­len könn­te, ist noch nicht in Sicht. Der EGH hat klar aus der Sicht der Men­schen­rech­te die Kon­se­quen­zen gezo­gen. Embryo­nen dür­fen nicht als Mit­tel behan­delt wer­den. Sie tra­gen die rea­le Mög­lich­keit des Mensch­seins in sich. Im posi­ti­vis­ti­schen und neo­po­si­ti­vis­ti­schen Kon­text wer­den ent­spre­chen­de ele­men­ta­re ethi­sche Fra­gen bewusst aus­ge­klam­mert. Mit­hin sind die Ide­en sol­cher Wissenschaftler/innen und Philosoph/inn/en Peirce zufol­ge unklar.

  • War­um?
  • Und hat Peirce recht oder unrecht?
  • Wie hät­te der Papst argu­men­tiert?

Pape hat mit Recht vor gut 30 Jah­ren dar­auf ver­wie­sen, dass die Phi­lo­so­phie durch eine der­ar­ti­ge logisch-semio­ti­sche Sub­ti­li­tät gesell­schaft­li­che Streit­fra­gen klä­ren hel­fen kann – und dadurch dazu bei­trägt, die geis­ti­ge „Umwelt­ver­schmut­zung“ zu mil­dern. Das ist eine schö­ne Auf­ga­be der Phi­lo­so­phie.


[1] Es ist unbe­strit­ten, dass es auch Cow­boys und Cow­girls gab. Sie waren kul­tu­rell aber weni­ger bedeu­tend, als das Gen­re „Wes­tern“ nahe­le­gen könn­te. Auch im Mitt­le­ren Wes­ten und an der Fron­tier wur­den phi­lo­so­phi­sche Fra­gen dis­ku­tiert, wie man sich an dem Begrün­der der Osteo­pa­thie Andrew Tay­lor Stil exem­pla­risch klar machen kann.

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Info:
Die „Pragmatische Maxime“ – eine kulturphilosophische Regel ist Beitrag Nr. 2221
Autor:
Martin Pöttner am 20. Oktober 2011 um 09:09
Category:
Alltag,als Künstler/in,Bildung,Biologie,Erfahrung,Gehirn,Homo oeconomicus,Kultur,Kunstlehre,Mensch und Universum,Ökologie,Phänomen,Politik,Religion und Mystik,Technik,Wahrheit,Was ist der Mensch?,Was ist Philosophie?,Wie wollen wir leben?,Wirtschaft und Philosophie,Zeichen und Philosophie
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