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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


„Kom­pa­ti­bi­lis­mus“ bei Ernst Tugend­hat – Akzep­tiert den „Mythos des Sisy­phos“!">Kom­pa­ti­bi­lis­mus“ bei Ernst Tugend­hat – Akzep­tiert den „Mythos des Sisy­phos“!

 

Mythos des Sisy­phos, 530 v. d. Z.

Ernst Tugend­hat hat am 28.07.2007 in einem taz-Inter­view auf den offen zuta­ge lie­gen­den Sach­ver­halt hin­ge­wie­sen, dass der aus­lö­sen­de Fak­tor der neue­ren Debat­te weit­ge­hend gegen­stands­los ist, weil gar kei­ne belast­ba­ren wis­sen­schaft­li­chen Ergeb­nis­se vor­lie­gen:

Bei der Hirn­for­schung fin­de ich ziem­lich ver­rückt, was da heu­te läuft. […] Man kann ledig­lich fest­stel­len, in wel­chen Berei­chen des Gehirns wel­che Typen von Pro­zes­sen ablau­fen. Aber dann kom­men die­se Pro­fes­so­ren der Gehirn­phy­sio­lo­gie und stel­len Theo­ri­en über die Nicht­exis­tenz mensch­li­cher Frei­heit auf, die sich nur dar­auf stüt­zen, dass sie sagen, wir sind Wis­sen­schaft­ler und glau­ben an den Deter­mi­nis­mus. Sie neh­men die phi­lo­so­phi­sche Lite­ra­tur der gan­zen letz­ten Jahr­zehn­te über­haupt nicht wahr, in der ver­sucht wird, Deter­mi­nis­mus und Wil­lens­frei­heit nicht als Gegen­satz zu sehen. Das hal­te ich für eine völ­lig halt­lo­se Spe­ku­la­ti­on. […] In hun­dert Jah­ren kann die Hirn­phy­sio­lo­gie viel­leicht inter­es­sant wer­den für die Phi­lo­so­phie, aber bis­her ist sie es nicht. Ich bin frei­lich ein Natu­ra­list, ich sehe den Men­schen als einen Teil der bio­lo­gi­schen Ent­wick­lung. Aber was in den bio­lo­gi­schen Wis­sen­schaf­ten mit Bezug auf den Men­schen gemacht wird, da ist sehr wenig Sinn­vol­les.“ (http://www.taz.de/?id=digitaz-artikel&ressort=do&dig=2007/07/28/a0001&no_cache=1://)

Die Lek­tü­re die­ses Inter­views ist in vie­len Fra­gen hilf­reich, auch zu Hei­deg­gers Ver­hält­nis zu Tugend­hat bzw. des­sen Miss­ver­ständ­nis im Blick auf das natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Enga­ge­ment Hei­deg­gers.

Auch wenn die gegen­wär­ti­ge Hirn­for­schung kei­ne rele­van­ten Ergeb­nis­se dazu lie­fert, ist das The­ma „Wil­lens­frei­heit und Deter­mi­nis­mus“ rele­vant. Ich zitie­re nach der Aus­ga­be in der Auf­satz­samm­lung „Anthro­po­lo­gie statt Meta­phy­sik“, Mün­chen 2007, 57ff, zumal dort auch ein sonst wohl kaum zugäng­li­cher „Nach­trag“ dazu (74ff) vor­liegt.

Tugend­hat war für Tei­le mei­ner Gene­ra­ti­on der aus­schlag­ge­ben­de Leh­rer, wenn es um Fra­gen der Rele­vanz ins­be­son­de­re der sprach­ana­ly­ti­schen Phi­lo­so­phie im Sin­ne des spä­ten Witt­gen­steins ging. Aus die­ser Per­spek­ti­ve hat er in „Selbst­be­wusst­sein und Selbst­be­stim­mung“ (1979) auch schon wesent­li­che Bei­trä­ge zu unse­rem The­ma gelie­fert. So inter­pre­tier­te er den Hei­deg­ger von „Sein und Zeit“ (1927) so, dass des­sen exis­ten­zia­le Ana­ly­se sich fol­gen­der­ma­ßen rekon­stru­ie­ren las­se: Der Mensch ist als ein­zel­nes Wesen ein Wesen, das sich stets zu sich selbst ver­hält, indem es sich zu sei­ner Zukunft ver­hält. Die­se Bestim­mung wird auch in der Spät­pha­se von Tugendhats Phi­lo­so­phie auf­recht­erhal­ten. Schwie­rig­kei­ten in die­ser Spät­pha­se tre­ten wohl vor allem auf, weil er an der ande­ren Ein­sicht nicht mehr so ganz genau fest­hält: Es gibt kein „Ich“, son­dern wir neh­men in Kom­mu­ni­ka­ti­ons­si­tua­tio­nen mit dem Aus­druck „ich“ auf uns selbst Bezug – rela­tiv zu ande­ren Men­schen, die wir mit „Du“, „Sie“ usf. anre­den kön­nen. Die spä­ten „anthro­po­lo­gi­schen“ Tex­te wie Ego­zen­tri­zi­tät und Mys­tik sind in der Tat einem kom­ple­xen Natu­ra­lis­mus gewid­met, der inter­es­sant ist, aber m. E. gele­gent­lich die Prä­zi­si­on der frü­he­ren Tex­te ver­mis­sen lässt. „Kom­ple­xer Natu­ra­lis­mus“ heißt: Der Mensch ist als natür­li­ches Wesen so, dass unse­re Natur alles das­je­ni­ge ein­schließt, was man frü­her als „Geist“ bezeich­net hat­te, also er nimmt in unse­rem Kon­text eine Posi­ti­on wie die Prag­ma­tis­ten und in spe­zi­fi­scher Wei­se wie Tho­mas Fuchs ein, kommt aber in dem­je­ni­gen, was er unter „Frei­heit“ ver­steht, zu einer ganz ande­ren Auf­fas­sung.

Zu Beginn sei­nes Auf­sat­zes geht Tugend­hat auch auf Libet und des­sen Expe­ri­men­te ein (57). Was Libet unter­sucht habe, sei gar kei­ne „Wil­lens­frei­heit“ gewe­sen, son­dern „Hand­lungs­frei­heit“. War­um? Weil es bei Fra­gen der „Wil­lens­frei­heit“ stets um unse­re Ver­ant­wor­tung gin­ge – und die­se sei beim Expe­ri­ment­de­sign gar nicht erfragt. Und nur um die­se Fra­ge küm­mert sich Tugend­hat dann in der Fol­ge. Tugend­hat bestrei­tet nicht, dass man die Wil­lens­frei­heit auch für sich selbst nur dar­stel­len kann, wenn man tut, was man tun will. Aber eigen­tüm­li­cher­wei­se sind nur die­je­ni­gen Hand­lun­gen rele­vant, für die man von ande­ren zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen wer­den kann.

Wir sagen: Es hängt von mir ab, ob ich einem Wunsch nach­ge­be oder nicht; es hängt von mir ab, ob ich mich ent­schei­de, gemäß einem Wunsch oder einem ande­ren zu han­deln.“ (57f)

Die­se For­mu­lie­rung negiert fak­tisch die zuvor gemach­ten. Denn wenn ich nicht han­deln kann, habe ich auch kei­ne dar­stell­ba­re Wil­lens­frei­heit mehr. Mit­hin impli­ziert Wil­lens­frei­heit auch die Mög­lich­keit, dass ich das­je­ni­ge öffent­lich dar­stel­le, was ich will. Denn mein Wil­lens­ent­schluss ist dann genau die Hand­lungs­re­gel, wel­che ein Ver­hal­ten (Hand­he­ben oder Bewe­gung eines Fin­gers) wie im Libet-Expe­ri­ment zu einer Hand­lung macht. Tugend­hat hät­te hier eigent­lich die­se Unter­schei­dung von „Ver­hal­ten“ als Reak­ti­on auf einen Reiz-Reak­ti­ons-Mecha­nis­mus und „Han­deln“ als regel­be­stimm­tes Ver­hal­ten tref­fen müs­sen. Aber auch dann wäre das Expe­ri­ment­de­sign gar nicht betrof­fen. Natür­lich hät­ten sich die Test­per­so­nen ent­schei­den kön­nen, gele­gent­lich dem Design zu wider­spre­chen und nicht die Hand zu heben. Denn Hand­lungs­re­geln sind dadurch defi­niert, dass sie negiert wer­den kön­nen. Dann wäre die Test­per­son, wel­che über eine län­ge­re Zeit die Hand nicht geho­ben oder einen Fin­ger bewegt hat­te, von Libet zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen wor­den. „Was ist los?“ „War­um heben Sie Ihren Fin­ger nicht?“ – „Ich habe mich anders ent­schie­den!“ Dass es um ein nor­ma­ti­ves Expe­ri­ment-Set­ting gehan­delt hat, wird häu­fig und hier auch – hor­ri­bi­le dic­tu – von Ernst Tugend­hat über­se­hen bzw. nicht berück­sich­tigt. Vgl. aber immer­hin: Micha­el Pau­en, Frei­heit: Wie viel Spiel­raum bleibt in einer gesetz­lich bestimm­ten Welt, in: Fuchs/Schwarzkopf 2010, 229-248, 244f.

Daher ist in der Fol­ge bei Tugend­hat auch die Unter­stel­lung von alter­na­ti­ven Mög­lich­kei­ten zu wenig prä­zi­se. Er spricht ziem­lich häu­fig von „hät­te auch anders kön­nen“, inter­es­sant gera­de für die Wil­lens­frei­heits­fra­ge scheint mir nur die Fra­ge zu sein, ob man jeweils auch „hät­te anders han­deln kön­nen“.

Hand­lung“ ist das­je­ni­ge Ver­hal­ten, das einer negier­ba­ren Regel folgt.

Ver­hal­ten“ ist ein Ereig­nis, das in einem Reiz-Reak­ti­ons-Mecha­nis­mus erfolgt.

Folg­lich gibt es „Wil­lens­frei­heit“ nur dann, wenn ich auch anders hät­te han­deln kön­nen.

Wor­auf will Tugend­hat nun eigent­lich hin­aus?

Das zen­tra­le Pro­blem hin­sicht­lich der Wil­lens­frei­heit ist seit Lan­gem in der Fra­ge gese­hen wor­den, ob der freie Wil­le mit dem kau­sa­len Deter­mi­nis­mus kom­pa­ti­bel ist oder nicht. Aber vie­le haben nicht ver­stan­den, dass das ein Pro­blem ist, das sich nicht hin­sicht­lich des all­ge­mei­nen Phä­no­mens des Wol­lens ergibt, das sich durch das Heben eines Fin­gers exem­pli­fi­zie­ren lässt, son­dern nur hin­sicht­lich des über­leg­ten, refle­xi­ven Wol­lens. … Dass eine Hand­lung frei ist, heißt, dass sie vom eige­nen Wol­len bestimmt ist, und das ist der Fall, wenn die Hand­lung nicht unter Zwang steht, und dass das Wol­len sei­ner­seits voll­stän­dig deter­mi­niert ist, erscheint unpro­ble­ma­tisch. Es ist ein Feh­ler, das kau­sa­le Deter­mi­niert­sein als Zwang anzu­se­hen. Erst beim refle­xi­ven Wol­len ent­steht eine Schwie­rig­keit. Wenn wir von Selbst­kon­trol­le und Ver­ant­wort­lich­keit spre­chen, impli­zie­ren wir, dass, was man tut, nicht nur von den Wün­schen der Per­son abhängt, son­dern auch teil­wei­se von ihr selbst, und es ist die­ses Phä­no­men, von dem man mei­nen kann, dass es mit dem Deter­mi­nis­mus nicht kom­pa­ti­bel ist.“ (59)

M. E. lie­gen die Gegen­ar­gu­men­te auf der Hand (s. o.) Der Argu­men­ta­ti­on, dass „Zwang“ kei­ne Form der kau­sa­len Deter­mi­na­ti­on sei, ver­mag ich nicht zu fol­gen. Unter allen kau­sa­len Deter­mi­na­tio­nen gibt es auch sozia­len Zwang, was man bei einer Anders­ent­schei­dung oder einem Anders­han­deln auch im Libet-Expe­ri­ment hät­te erfah­ren kön­nen. Hand­lun­gen im dar­ge­stell­ten Sinn sind also stets nor­ma­tiv – eine Test­per­son hat­te sich also zuvor ent­schie­den, genau den Anwei­sun­gen Libets Fol­ge zu leis­ten usf. Wei­ter ist an der Fra­ge­stel­lung Tugendhats unzu­rei­chend, dass er ent­ge­gen frü­he­ren Ein­sich­ten unter­stellt, dass sich zwi­schen den „Wün­schen einer Per­son“ und „ihr selbst“ ernst­haft eine Unter­schei­dung durch­füh­ren las­se. Wir sehen nun, wel­che Leis­tung Tho­mas Fuchs mit sei­ner Kon­zep­ti­on des „dia­lo­gi­schen Selbst­ver­hält­nis­ses der Per­son“ erbracht hat. Die­ses Kon­zept fand in der letz­ten Sit­zung erfreu­li­cher­wei­se all­ge­mei­ne Zustim­mung. Unse­re Wün­sche, Trieb­re­gun­gen usf. gehen als tat­säch­li­che Ele­men­te in unser Selbst­ver­hält­nis ein, das wir sind. Dazu gehö­ren natür­lich auch im güns­ti­gen Fall auto­nom, also selbst­be­stimmt ent­wor­fe­ne sitt­li­che Nor­men, im ungüns­ti­ge­ren Fall uns von außen zuge­mu­te­te Nor­men, die wir mehr oder weni­ger wider­stre­bend bzw. gleich­gül­tig befol­gen. Wir kön­nen mora­lisch oder auch recht­lich von ande­ren zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen wer­den, wenn wir die­se nicht befol­gen. Und wir wer­den bei­spiels­wei­se straf­recht­lich genau dann zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen, wenn wir anders hät­ten han­deln kön­nen, weil wir die Regel des tat­säch­li­chen Han­delns hät­ten negie­ren kön­nen. Unse­re gan­ze Per­son, ihr dia­lo­gi­sches Selbst­ver­hält­nis kommt ins Gefäng­nis, kei­nes­wegs nur „wir selbst“, wie man der zumin­dest miss­ver­ständ­li­chen, im Kern aber höchst unprä­zi­sen For­mu­lie­rung Tugendhats ent­neh­men könn­te. In unse­rem Bil­dungs­pro­zess bil­den sich im güns­ti­gen Fall all­mäh­lich nor­ma­ti­ve Meta­re­geln aus, die wir uns zu befol­gen ent­schlie­ßen, wel­che u. a. das­je­ni­ge sind, was Tugend­hat mit „Selbst­kon­trol­le“ bezeich­net. Ihm zufol­ge sind eigent­lich nur die „inne­ren Zwän­ge“, die wir hier unter bio­ti­sche oder emo­tio­na­le Wider­stän­de gefasst haben, für das Feh­len der Wil­lens­frei­heit rele­vant – auf­grund der pro­ble­ma­ti­schen, wenn auch auf den ers­ten Blick ein­gän­gi­gen Unter­schei­dung von „Hand­lungs­frei­heit“ und „Wil­lens­frei­heit“. Wir müs­sen uns ent­schei­den, ob wir bes­ser das eine oder das ande­re tun, also ent­spre­chen­de Hand­lungs­mög­lich­kei­ten ima­gi­nie­ren, ihnen zustim­men oder die­se negie­ren – vgl. auch Fuchs.

Bei der Fra­ge nach der Wil­lens­frei­heit und deren Ver­hält­nis zum Deter­mi­nis­mus geht es Tugend­hat also nur dar­um, ob man anhand einer Kon­zep­ti­on des Guten oder ähn­li­chen nor­ma­ti­ven Regeln jenen Spiel­raum von Mög­lich­kei­ten hat, die es erlau­ben, in mei­nem Sinn auch anders han­deln zu kön­nen. Hier wird nun die an sich recht ein­leuch­ten­de For­mu­lie­rung „es lag an Dir“ zur sub­stan­zon­to­lo­gi­schen Fal­le, die wir schon auch an der Rede von „wir selbst“ im Blick auf die Per­son fest­ge­stellt haben. Denn die­se soll dafür ste­hen, dass „der nor­ma­le Kau­sal­fluss von Moti­ven zu Hand­lun­gen unter­bro­chen ist und an sei­ne Stel­le ich tre­te“. Das ist m. E. nicht der Fall, son­dern es tre­ten nor­ma­ti­ve Meta­re­geln ein, die ich ent­wor­fen oder denen ich zuge­stimmt habe. Obwohl Tugend­hat „ich“ immer noch im Anschluss an Witt­gen­stein klein schreibt, ist das sub­stan­zon­to­lo­gi­sche Per­son­den­ken doch wie­der zurück­ge­kehrt. Wie auch immer: Dass es die­se Unter­bre­chung gibt, lässt sich deter­mi­nis­tisch nicht bestrei­ten, obgleich Tugend­hat nicht den Weg von Chis­holm wäh­len will, näm­lich eine ande­re Form der Kau­sa­li­tät zu pos­tu­lie­ren, sozu­sa­gen eine „Ers­ter-Bewe­ger-Kau­sa­li­tät“ (vgl. 65ff), son­dern eher eine, die an Fuchs’ Erwä­gun­gen erin­nert, wobei er merk­wür­dig unklar vom „Ich­ge­sche­hen“ spricht. Dabei bleibt er zu stark an sei­ner hohen For­mu­lie­rung „es liegt an mir“ hän­gen, weil die indi­vi­du­el­le Per­son nicht durch Nei­gun­gen wie Geschmack usf. beein­flusst sein darf. Wie­so gehört es nicht zu mir, ob ich bestimm­te „Tor­ten­stü­cke“ oder „Eis­ar­ten“ (vgl. 69) bevor­zu­ge, sodass es bei der­ar­ti­gen Wah­len kein Pro­blem des frei­en Wil­lens geben soll? Wenn ich eine Nei­gung aus­ge­bil­det habe und zu die­ser ste­he, gibt es kla­rer­wei­se die­ses Pro­blem, weil es sich um „refle­xi­ves Wol­len“ han­delt.

Wenn wir uns jetzt auf die­ser Basis dem Pro­blem des Deter­mi­nis­mus zuwen­den, kann man in zwei Schrit­ten vor­ge­hen. In einem ers­ten Schritt lässt sich sagen: Durch das Ich­ge­sche­hen ergibt sich wirk­lich ein „War­um­stopp“: Anstel­le des Kau­sal­flus­ses der Moti­ve wer­de ich ver­ant­wort­lich gemacht, denn ich habe in den Kau­sal­fluss ein­ge­grif­fen oder hät­te in ihn ein­grei­fen kön­nen, indem ich die unmit­tel­ba­ren Moti­ve auf ein Ziel hin sus­pen­dier­te oder sus­pen­die­ren konn­te. Ande­rer­seits liegt es nahe, die­se Sus­pen­si­on nun ihrer­seits als kau­sal bedingt anzu­se­hen. Man kann sich zur Ver­an­schau­li­chung einen Bind­fa­den vor­stel­len, in dem ein Kno­ten ange­bracht ist. Der Bind­fa­den steht für das Flie­ßen der Kau­sa­li­tät. Durch den Kno­ten, der für das Ich­ver­hal­ten in den zwei Spiel­räu­men steht, ist die Kau­sa­li­tät tat­säch­lich unter­bro­chen und durch mei­ne Tätig­keit ersetzt, und doch besteht auch der Kno­ten nur aus Bind­fa­den. Man kann zwar nicht bewei­sen, dass das Ich­ge­sche­hen kau­sal bestimmt ist, aber es scheint auch kei­nen Grund zu geben, die Art, wie das Ich­ge­sche­hen abläuft, als nicht in sich kau­sal bestimmt anzu­se­hen. War­um soll die Art, wie ich zwi­schen den Grün­den abwä­ge, also wel­ches Gewicht ich dem gebe, was ich für gut hal­te im Gegen­satz zu mei­nen unmit­tel­ba­ren Moti­ven, nicht bestimmt sein, und eben­so die Ich­stär­ke, die mir im Fest­hal­ten an einem Ziel zur Ver­fü­gung steht? ‚War­um­stopp‘ und Deter­mi­niert­heit wider­spre­chen sich also nicht. Man muss nur die Vor­stel­lung ver­mei­den, als könn­te sich die Per­son sagen: Weil es bestimmt ist, brau­che ich nicht abzu­wä­gen oder mich anzu­stren­gen. Das wäre das Miss­ver­ständ­nis des Fata­lis­mus, dem­zu­fol­ge das Ergeb­nis unab­hän­gig von mei­nem Auf­wand deter­mi­niert wäre, wäh­rend die The­se ist, dass der Kau­sal­zu­sam­men­hang so ver­stan­den wer­den muss, dass er durch das Ich­ge­sche­hen hin­durch­läuft.“ (69f)

Das ist die Lösung, die Hegel und Marx auch hat­ten, lei­der auch Schlei­er­ma­cher. Hier wird also gedacht, dass Frei­heit und Not­wen­dig­keit ein­an­der nicht wider­spre­chen, son­dern ein und das­sel­be aus zwei Per­spek­ti­ven sind: „Dem Kom­pa­ti­bi­lis­mus zufol­ge ver­su­che ich nicht das auf­zu­hal­ten, was gesche­hen muss, son­dern das, was ohne mein Ein­grei­fen gesche­hen wür­de, zu ver­än­dern, wobei mein Ein­grei­fen selbst ein Teil des­sen ist, was gesche­hen muss­te.“ (70 Anm. 11) Bloß nicht hän­gen las­sen! Anstren­gen! Es liegt an Dir!

M. E. wird hier wort­reich und kunst­fer­tig am Frei­heits­pro­blem und am Pro­blem der Wil­lens­frei­heit vor­bei­ge­schrie­ben, das ist auch bei Micha­el Pau­en der Fall (Pau­en 2010, 232-234). Es geht um das Ein­ver­ständ­nis mit dem­je­ni­gen, was gesche­hen muss­te, Frei­heit ist genau die­ses eige­ne, selbst­be­stimm­te Ein­ver­ständ­nis. Bei Tugend­hat ist die­se Lösung immer­hin sitt­lich-mora­lisch klar bestimmt, mit hohen Maß­stä­ben. Aber Tugend­hat weiß auch, dass er hier nichts ande­res als den „Mythos des Sisy­phos“ (Albert Camus) und damit die Absur­di­tät der Frei­heit inter­pre­tiert. Dar­in liegt der Unter­schied zum „Fata­lis­mus“. War­um soll­te Sisy­phos ein unglück­li­cher Mensch sein? Ist er nicht, weil er es geschafft hat, das Ein­ver­ständ­nis mit sei­nem schwe­ren und unaus­weich­li­chen Schick­sal (schwe­ren Stein eine Anhö­he in der Unter­welt hoch­schie­ben, der dann wie­der her­un­ter­rollt und immer so wei­ter) aus­zu­bil­den – und kei­nen Wider­spruch dazu, es ist ja aus­sichts­los. Bewusst beja­hen, wenn er die Anhö­he ohne Stein wie­der hin­un­ter­geht!

Frei­heit liegt m. E. nur dann vor, wenn ich selbst­be­stimmt den Gang der Ereig­nis­se so ver­än­dern kann, wie es zuvor nicht vor­her­be­stimmt war bzw. kom­men „muss­te“. Das Ergeb­nis ist lei­der durch die mir vor drei Jah­ren auch kurz­zei­tig ein­mal plau­si­bel erschei­nen­de Unter­schei­dung von „Wil­lens­frei­heit“ und „Hand­lungs­frei­heit“ weit­ge­hend vor­aus­seh­bar. Vgl. auch zu den Aus­füh­run­gen über Deter­mi­nis­mus bei Fuchs. Nur die Posi­ti­on der rea­len Frei­heit ist mit den grund­le­gen­den Tex­ten wie der UN-Men­schen­rechts­er­klä­rung oder der ent­spre­chen­den Äuße­rung Sar­tres zu ver­ein­ba­ren, im Not­fall auch die­je­ni­ge der „tran­szen­den­ta­len Frei­heit“.

Zur nächs­ten Sit­zung

Bit­te über­le­gen Sie, wel­che Argu­men­te vor­ge­kom­men sind.

  1. Was ist „frei­er Wil­le“?
  2. War­um kann behaup­tet wer­den, es gebe ihn nicht?
  3. War­um mei­nen wie­der ande­re, dass es ihn gebe?
  4. Gibt es wei­te­re Fra­gen und Argu­men­te, die Sie für wesent­lich hal­ten?

« Das freie Spiel des dia­lo­gi­schen Selbst­ver­hält­nis­ses der Per­son. Der Ansatz von Tho­mas Fuchs – Das „Abend­mahl“ als Ritu­al (Uni HD, Semi­nar­raum im Deka­nat, Di 18-20 Uhr, ab 17.04.2012) »

Info:
Kom­pa­ti­bi­lis­mus“ bei Ernst Tugend­hat – Akzep­tiert den „Mythos des Sisy­phos“! ist Beitrag Nr. 2181
Autor:
Martin Pöttner am 6. April 2011 um 13:24
Category:
Bildung,Biologie,Gehirn,Mensch und Universum,Phänomen,Religion und Mystik
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