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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Zurück zur gesellschaftlichen Dominanz des Mechanismus (VHs Neckargemünd)!

1               Erinnerung an den 21.03.2011

Der freie Wil­le wird bei den Prag­ma­tis­ten im Rah­men der Demo­kra­tie und der Men­schen­rech­te betrach­tet, Mecha­nis­men wer­den als Teil der Rea­li­tät nicht geleug­net, aber weder das Uni­ver­sum noch die Gesell­schaft sind Maschi­nen. Tat­säch­lich sind alle mög­li­chen Bezie­hun­gen zu den bei­den Ner­ven­sys­te­men, zu „I“ und „Me“ und zu den zukünf­ti­gen Fol­gen mei­ner Wil­lens­hand­lun­gen zu betrach­ten. Sind die Wider­stän­de auf den jewei­li­gen Ebe­nen zu groß, besteht eben kein frei­er Wil­le. Die­ser zeigt sich stets öffent­lich und kör­per­lich, wo für das Indi­vi­du­um auch ent­spre­chen­de Wider­stands­phä­no­me­ne auf­tre­ten.

In Erwei­te­rung der aris­to­te­li­schen Posi­ti­on kann man mit den klas­si­schen Prag­ma­tis­ten also sagen:

Ich will, dass in Zukunft mein Ziel der Fall ist – und ver­wirk­li­che dies nur, wenn die Fol­gen sich als gut bewer­ten las­sen.“

Der letz­te­re Aspekt ist für die Erfas­sung der Bedeu­tung des Prag­ma­tis­mus aus­schlag­ge­bend: Es gibt eben Selbst­be­schrän­kun­gen des frei­en Wil­lens, was natür­lich eben­falls eine Mög­lich­keit des frei­en Wil­lens ist.

Phi­lo­so­phie­ge­schicht­lich lässt sich am Prag­ma­tis­mus beob­ach­ten, wie die Refle­xi­on von der Kate­go­rie der Sub­stanz zu der­je­ni­gen der Rela­ti­on wech­selt. Jeden­falls nach Peirce las­sen sich alle wesent­li­chen Phä­no­me­ne nur über Bezie­hun­gen erfas­sen, was ich retro­spek­tiv auch für das Aris­to­te­les­ver­ständ­nis unter­stellt habe, wobei es gegen­tei­li­ge Aus­sa­gen des Aris­to­te­les zu geben scheint. Doch in sei­nen ethi­schen Schrif­ten und den­je­ni­gen zu Kunst­leh­ren wie der „Rhe­to­rik“ ist dies nach mei­nem Urteil der Fall.

Wei­ter ist dem Prag­ma­tis­mus zufol­ge das ins­be­son­de­re in Deutsch­land belieb­te Sub­jekt-Objekt-Pro­blem nicht exis­tent, weil wir in einer pro­zes­sua­len Rea­li­tät leben, zu der wir gehö­ren und stets in prak­ti­schem Kon­takt zu den „Objek­ten“ sehen, wobei es allen Prag­ma­tis­ten klar war, dass alle soge­nann­ten objek­ti­ven Mes­sun­gen natür­lich stets von den von Men­schen gebau­ten Maschi­nen abhän­gen, was dann in der Quan­ten­me­cha­nik auch expe­ri­men­tell hart bestä­tigt wur­de – und bis­her nicht wider­legt, aber ger­ne PR-mäßig in den Hin­ter­grund gestellt wur­de.

Mit Kant tei­len die Prag­ma­tis­ten die Auf­fas­sung, dass die Rea­li­tät nur ein­heit­lich betrach­tet wer­den kann. Aller­dings unter­stel­len sie, dass die ein­heit­li­che Betrach­tung nicht durch ein mecha­nis­ti­sches Modell geleis­tet wer­den kann, daher kein Zwei­fel an der Frei­heit und den Mög­lich­kei­ten, durch beson­ne­nes Han­deln schon in der Erzie­hung Selbst­be­stim­mung und Demo­kra­tie zu errei­chen.

2               „Verschaltungen legen uns fest: Wir sollten aufhören, von Freiheit zu sprechen“

Der berühm­te Auf­satz im Kon­text der zunächst in der „Süd­deut­schen“ und dann schließ­lich immer stär­ker in der „Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung“ geführ­ten Dis­kus­si­on äußert nun pro­gram­ma­tisch noch ein­mal nach 2000 wich­ti­ge Gegen­the­sen zu denen des Aris­to­te­les und den­je­ni­gen der Prag­ma­tis­ten.

Das von Sin­ger ange­ziel­te „neue Men­schen­bild“ ist frei­lich nur PR-mäßig ein sol­ches, tat­säch­lich ist es ein sehr altes mecha­nis­ti­sches Men­schen­bild, dass die Moder­ne auf Sin­gers Zen­tral­or­gan bezo­gen seit etwa dem Beginn des 19. Jahr­hun­derts beglei­tet und von dem Arzt Franz Josef Gall aus Pforz­heim (1758-1828) mit sei­ner Phre­no­lo­gie expli­zit ver­tre­ten wur­de. Danach zeig­ten sich an den For­men des Schä­dels bestimm­te phy­sio­lo­gi­sche Eigen­schaf­ten des Gehirns, wodurch alle Per­sön­lich­keits­merk­ma­le eines Men­schen bestimmt sei­en. Zwar fand das nicht in der Form der Schä­del­mes­sung usf. Zustim­mung, wohl aber prin­zi­pi­ell:

In a cer­tain sen­se Gall was the first to seek to exp­lain in detail how the brain could sub­ser­ve our men­tal ope­ra­ti­ons. His way of pro­cee­ding was only too simp­le (Wil­liam James, Princi­ples of Psy­cho­lo­gy I, New York 1890, 27)

James benutzt hier den auch von Her­bert Spen­cer in sol­chen Kon­tex­ten ver­wen­de­ten Aus­druck sub­ser­ve, ob das die Mei­nung von Gall war, wage ich zu bezwei­feln. Aber natür­lich ist es die Mei­nung von James. Wir sind nicht unser Gehirn, son­dern unser Gehirn unter­stützt unse­re men­ta­len Ope­ra­tio­nen – hier liegt also ein ganz­heit­li­ches, rela­tio­na­les Ver­ständ­nis des Mensch­seins vor, was wir in der letz­ten Sit­zung ver­sucht haben, zu bespre­chen.

Nun ist es eine der Grund­be­haup­tun­gen der neue­ren Gehirn­for­schung vor allem in der Bun­des­re­pu­blik (z. B. nicht in den USA [vgl. Anto­nio R. Dama­sio, Der Spi­no­za-Effekt. Wie Gefüh­le unser Leben bestim­men, Mün­chen 22005]):

Das Erklä­ren­de, unser Gehirn, setzt sei­ne eige­nen kogni­ti­ven Werk­zeu­ge ein, um sich selbst zu begrei­fen, und wir wis­sen nicht, ob die­ser Ver­such gelin­gen kann.“ (Sin­ger, 31)

Danach gin­ge es in der Hirn­for­schung um Selbst­er­kennt­nis des Gehirns – und damit auch des Men­schen als sol­chen. Dies erklärt sozu­sa­gen wis­sen­schafts­theo­re­tisch, war­um sich eine recht klei­ne wis­sen­schaft­li­che Dis­zi­plin anmaßt, der­art uni­ver­sa­le Ansprü­che zu erhe­ben.

Die­se Form der Hirn­for­schung erkennt vor allem „neu­ro­na­le Mecha­nis­men“ (30 u. ö.), „kogni­ti­ve Mecha­nis­men“ (ebd.), wel­che in der Evo­lu­ti­on nach Dar­win­scher Ver­si­on zum „Über­le­ben“ und  zur „Repro­duk­ti­on“ (30) die­nen und „zweck­mä­ßi­ge Ver­hal­tens­re­ak­tio­nen“ (31) her­vor­brin­gen. Im Lau­fe des Lebens des Gehirns kom­men Erfah­run­gen hin­zu, wel­che das „plas­ti­sche“ Gehirn dazu brin­gen, auto­po­ie­tisch „Ver­schal­tun­gen“ (pas­sim), d. h. eine Koope­ra­ti­on von neu­ro­na­len Zel­len oder Zell­ver­bän­den auf­zu­bau­en. Neu­ro­na­le Pro­zes­se ver­lau­fen ent­spre­chend gemäß „Ver­ar­bei­tungs­al­go­rith­men“ (41). Sin­gers Text ist übri­gens ein wich­ti­ger Gegen­be­leg zu den The­sen Thi­lo Sar­ra­zins, weil Sin­ger das Gehirn expli­zit für lern­fä­hig und zur Selbst­ver­än­de­rung im Kon­text der Lebens­er­fah­rung für fähig hält. Aller­dings nur so, wie sich eine kom­ple­xe, ver­netz­te Rechen­ma­schi­ne ver­än­dern kann.

Wenn man es so defi­niert, erge­ben sich beacht­li­che Pro­ble­me mit dem Evo­lu­ti­ons­pro­dukt Mensch, schon lan­ge macht es sich offen­bar Gedan­ken über sich selbst (37f). Anstatt sich recht gelas­sen als evo­lu­tio­när hervorgebrachte/n Maschine/Mechanismus zu ver­ste­hen, hat es Selbst­emp­fin­dun­gen, die ihm so etwas wie eine geis­ti­ge Welt vor­spie­geln. So glaubt der Mensch, dass sei­ne Erkennt­nis­se real und mäch­tig sei­en, tat­säch­lich ist das Gehirn aber nur zum „Über­le­ben“ und zur „Repro­duk­ti­on“ bestimmt – und folg­lich ist sei­ne Kapa­zi­tät auch sehr gering. Bit­te nicht über­an­stren­gen! – lau­tet daher der eher skep­ti­sche Sin­ger­sche Impe­ra­tiv.

Die Lösung: Äuße­run­gen des Men­schen, die er in der ers­ten Per­son Sin­gu­lar aus­drückt, gehö­ren zum Men­schen schon lan­ge dazu, des­halb auch Ide­en zum frei­en Wil­len. Lei­der aber kann sich der Mensch auch in der drit­ten Per­son „objektiv“-maschinell betrach­ten, näm­lich natur­wis­sen­schaft­lich-mecha­nis­tisch – und unter dem Gehirn­scan­ner las­sen sich nur ver­ur­sach­te Ereig­nis­se fest­stel­len:

Wir gehen davon aus, dass es im Prin­zip mög­lich ist, all die­se Phä­no­me­ne im Rah­men natur­wis­sen­schaft­li­cher Beschrei­bungs­sys­te­me fas­sen und erklä­ren zu kön­nen.“ (35)

Das ist ein wich­ti­ger Satz, der typisch für Sin­gers Den­ken ist. Er ist ein seriö­ser Wis­sen­schaft­ler, inso­fern äußert er hier sei­ne meta­phy­si­sche Hypo­the­se: Alle Phä­no­me­ne könn­ten so erfasst wer­den, aber Sin­ger „geht“ nur „davon aus“, kei­nes­wegs ist dies so oder gar wis­sen­schaft­lich erwie­sen. Anders als vie­le Rezep­tio­nen z. T. mit Vehe­menz unter­stel­len, hat Sin­ger m. W. nie­mals behaup­tet, dass bei­spiels­wei­se die Expe­ri­men­te Ben­ja­min Libets (vgl. im Übri­gen des­sen gegen­tei­li­ge Selbst­fest­le­gung: Haben wir einen frei­en Wil­len?, in: Gey­er (es 2387 [2004], 268ff)  defi­ni­tiv den „frei­en Wil­len“ wider­legt hät­ten – das ist nur in der gro­ben Rezep­ti­on von Sin­gers Tex­ten so. Natür­lich haben sie das nicht, zumal Libet nur (gegen sei­ne Vor­an­nah­me) fest­ge­stellt hat­te, dass es vor der im Expe­ri­ment­set­ting vor­ge­se­he­nen Fin­ger­be­we­gung bei Beob­ach­tung in der „drit­ten Per­son Sin­gu­lar“ einer sich dre­hen­den Schei­be offen­bar ein „Bereit­schafts­po­ten­zi­al“ in moto­ri­schen Area­len des Gehirns gibt, das der Fin­ger­be­we­gung 550 ms vor­aus­geht. Dann kommt das Bewusst­sein der Hand­lung­in­ten­ti­on 350-400  ms nach dem „Bereit­schafts­po­ten­zi­al“, danach die moto­ri­sche Hand­lung wei­te­re 200 ms spä­ter. Das ist ohne Wei­te­res mit wei­ten Tei­len der phi­lo­so­phi­schen Tra­di­ti­on ver­ein­bar, weil m. W. kaum jemand einen abso­lu­ten frei­en Wil­len ver­tre­ten hat, wir sahen ja, dass es seit Aris­to­te­les bio­ti­sche, emo­tio­na­le und sozia­le Wider­stän­de geben kann, die alle direk­te oder indi­rek­te Spu­ren auf dem Gehirn­scan­ner hin­ter­las­sen. Libet sagt expli­zit: „Der Wil­lens­pro­zess wird … unbe­wusst ein­ge­lei­tet. Aber die Bewusst­seins­funk­ti­on kann den Aus­gang immer noch steu­ern; sie kann die Hand­lung durch ein Veto ver­bie­ten.“ Zu den Lächer­lich­kei­ten der Dis­kus­si­on gehört also, dass das Expe­ri­ment nach Libet gar nicht besagt, was es angeb­lich besa­gen soll. Bei Libet fehlt frei­lich eine kri­ti­sche Refle­xi­on dar­auf, dass das expe­ri­men­tel­le Set­ting selbst die von ihm gemes­se­nen Ergeb­nis­se her­vor­ge­bracht oder jeden­falls stark beein­flusst haben könn­te (vgl. auch z. B. Höf­fe [es 2387], 180). Es gehört zu den Ver­diens­ten Chris­ti­an Gey­ers durch sei­ne Text­aus­wahl die teil­wei­se absur­den Züge der Debat­te offen­zu­le­gen. Für den Katho­li­ken Libet ist das Ergeb­nis sogar reli­gi­ös-dog­ma­tisch befrie­di­gend.

Aber Sin­ger setzt m. E. offen­siv dar­auf, dass die Rezep­ti­on so läuft, wie sie gelau­fen ist. Wer ein neu­es Men­schen­bild ver­spricht, das dann auch noch medi­zi­nisch genutzt wer­den kann, in den Medi­en prä­sent ist, zur Geburts­tags­fei­er von Ange­la Mer­kel als Lau­da­tor gela­den wird – der darf dar­auf hof­fen, auch mal Maschi­nen leicht erwer­ben zu kön­nen, mit denen dann belast­ba­re For­schungs­er­geb­nis­se erzielt wer­den könn­ten. Auf einem Kon­gress an der Uni­ver­si­tät Olden­burg hat mir 2007 ein Neu­ro­bio­lo­ge erzählt, dass neu­ro­bio­lo­gisch vie­les unbe­kannt sei, man sei aber Sin­ger dank­bar, dass er die PR so seri­ös über­neh­me, was lei­der für den Kol­le­gen Ger­hard Roth nicht in glei­cher Wei­se gel­ten kön­ne.

Man muss daher den berühm­ten Text zu den „Ver­schal­tun­gen“ so lesen: Es gäbe kei­nen „frei­en Wil­len“, wenn „Ver­schal­tun­gen“ uns mecha­nisch so „fest­leg­ten“, wie Sin­ger o. a. dann noch zei­gen wür­den, wenn sie bes­se­re Maschi­nen hät­ten.

Was soll der Text (außer PR) bewir­ken?

Der Text gehört klar zur ver­gan­ge­nen Domi­nanz des neo­li­be­ra­len Den­kens in der Öffent­lich­keit, aus Vor­läu­fern des­sen (Mal­thus) ist ja auch die Evo­lu­ti­ons­theo­rie Dar­wins nach des­sen eige­nem Zeug­nis und der maß­geb­li­chen Kri­tik Peirce’ her­vor­ge­gan­gen. Dies sind For­men mecha­nis­ti­schen Den­kens (Brod­beck). So ist die Beschei­den­heit der Erkennt­nis des Men­schen durch­aus mit von Hay­eks Posi­ti­on ver­ein­bar, der Mensch darf sich gar nicht dazu auf­schwin­gen, Pro­zes­se selbst zu bestim­men oder gar zu pla­nen. Dies wider­spricht klar den Erwä­gun­gen der Prag­ma­tis­ten, die das wie Dew­ey natür­lich in der Welt­wirt­schafts­kri­se nach 1929 für rich­tig hiel­ten. „Frei­heit“ in die­sem sozi­al­theo­re­ti­schen Sinn, die sich öffent­lich und kon­trol­lier­bar äußert, gibt es nach Sin­ger jeden­falls natur­wis­sen­schaft­lich nicht. Es exis­tie­ren natur­wis­sen­schaft­lich-mecha­nis­tisch aus­schließ­lich die Anpas­sungs­zwän­ge der Evo­lu­ti­on. Und nur für die­se ist das Gehirn aus­ge­legt. Und Ent­schei­dun­gen wer­den hirn­in­tern häu­fig ohne Bewusst­sein durch „Wett­be­werb“ ver­schie­de­ner neu­ro­na­ler Mus­ter bzw. Ver­schal­tun­gen fest­ge­legt:

In Dut­zen­den, räum­lich getrenn­ten, aber eng mit­ein­an­der ver­netz­ten Hirn­area­len wer­den Erre­gungs­mus­ter mit­ein­an­der ver­gli­chen, auf Kom­pa­ti­bi­li­tät geprüft und, falls sie sich wider­spre­chen, einem kom­pe­ti­ti­ven Pro­zess aus­ge­setzt, indem es schließ­lich einen Sie­ger geben wird.“ (56)

Genau­so ver­läuft der wirt­schaft­li­che Pro­zess im neo­li­be­ra­len Sinn von Hay­eks. Wie gegen von Hay­ek ist aber auch gegen Sin­ger zu sagen: Es ist ganz rich­tig, kein orga­ni­sie­ren­des Zen­trum im Men­schen zu ver­mu­ten. Das ist aber auch nur von einem sub­stanz­ori­en­tier­ten Modell aus nötig, was bei Des­car­tes vor­lag (res cogi­tans, den­ken­de Sub­stanz). Tat­säch­lich bie­tet die auto­po­ie­ti­sche Sys­tem­theo­rie aber die Mög­lich­keit sta­bi­ler Regeln, die aus Bezie­hun­gen bestehen, auf deren aktu­el­le Aus­bil­dung das inde­xi­ka­li­schen Zei­chen „ich“ ver­weist, wenn ich eine eige­ne Per­spek­ti­ve gegen­über ande­ren äuße­re und auf mich selbst für mich selbst Bezug neh­me. Die häu­fi­ge Groß­schrei­bung „Ich“ bzw. Sub­stan­ti­vie­rung durch Sin­ger ver­weist auf die­sen phi­lo­so­phisch längst über­hol­ten sub­stan­zon­to­lo­gi­schen Sinn.

Ent­spre­chend sind die angeb­lich sozi­al­theo­re­ti­schen kon­struk­ti­vis­ti­schen Äuße­run­gen Sin­gers zu ver­ste­hen. Wir haben zwar im Kon­text ande­rer ein kon­stru­ier­tes Selbst­mo­dell, wel­ches die nütz­li­che Illu­si­on der Frei­heit und des frei­en Wil­lens ent­hält. (Die­se wer­den von Sin­ger frei­lich so dar­ge­stellt, wie sie sich nach mei­nem Urteil empi­risch sel­te­ner zei­gen.) Sin­ger rät­selt, wes­halb die­se Illu­sio­nen sich trotz der evi­den­ten natur­wis­sen­schaft­lich-mecha­nis­ti­schen Ergeb­nis­se hal­ten (46ff). Zunächst wer­den uns nicht alle im Gehirn prä­sen­ten Moti­ve bewusst. Und er kommt wei­ter auf eine recht intel­li­gen­te und auch wit­zi­ge Lösung. Könn­te es nicht so sein, dass unse­re Klein­kin­der von uns Erwach­se­nen schon früh auf Frei­heits­be­wusst­sein kon­di­tio­niert wer­den? Nach Sin­ger ord­nen wir an, was die Kin­der tun sol­len und was nicht. Dabei kann das Kind wegen der Ver­bo­te und Gebo­te auf die Idee kom­men, es kön­ne auch anders han­deln – und sei frei bzw. habe einen frei­en Wil­len (Sin­ger 49-51). Mit­hin wäre der freie Wil­le eine durch auto­ri­tä­re Erzie­hungs­maß­nah­men indu­zier­te welt­frem­de Idee. Allen Kin­dern geschieht das in glei­cher Wei­se, wohl, wie Sin­ger ver­mu­tet, in der Pha­se, wo sie noch kein „dekla­ra­ti­ves Gedächt­nis“ besit­zen. Daher ver­ges­sen sie die auto­ri­tär-kon­di­tio­nier­te Gene­se der Fik­ti­on bzw. Illu­si­on des frei­en Wil­lens. Dar­über klärt uns nun Sin­ger auf, aber sol­len wir des­halb mit auto­ri­tä­ren Erzie­hungs­maß­nah­men auf­hö­ren? Das geht nicht, Kin­der brau­chen bestimm­te Attrak­to­ren im Gehirn, sonst lau­fen sie ein­fach so über die Stra­ße. Erzie­hung bleibt also im dar­wi­nis­ti­schen Zug rein auf „Über­le­ben“ und „Repro­duk­ti­on“ und die hier­zu not­wen­di­gen Anpas­sungs­leis­tun­gen bezo­gen. Wie weit Sin­ger hier von demo­kra­ti­schen Über­zeu­gun­gen ent­fernt ist, sieht man an der Erzie­hungs­theo­rie Dew­eys, die wir beim letz­ten Mal ansatz­wei­se ange­spro­chen haben. Dew­ey wies empi­risch nach, dass hohe Bil­dungs­leis­tun­gen ein­schließ­lich Demo­kra­tiefä­hig­keit nur dadurch brei­ter zu errei­chen sind, wenn die­se schon ab vier Jah­ren durch eige­ne Übung im Kon­text mit ande­ren Schüler/innen bei einer geeig­ne­ten Schul­um­ge­bung erwor­ben wer­den. Bei Sin­ger ist dem­ge­gen­über nur von vor­de­mo­kra­ti­schen und gegen die Auto­no­mie gerich­te­ten Erzie­hungs­maß­nah­men die Rede. War­um? Weil es in der natur­wis­sen­schaft­lich-mecha­nis­ti­schen Welt kei­ne Frei­heit gibt, allen­falls nütz­li­che Vor­stel­lun­gen hier­von, die höhe­re Anpas­sungs­leis­tun­gen erbrin­gen. Auch dass sind wie bei vie­len Biolog/inn/en teils intel­li­gen­te, vor allem aber unbe­leg­te Ver­mu­tun­gen.

Die Idee des „frei­en Wil­lens“ ist mit­hin eine nütz­li­che Illu­si­on, die vor dem Hin­ter­grund der neu­ro­na­len Pro­zes­se in der Inter­ak­ti­on mit ande­ren Gehir­nen über Spra­che, Berüh­rung usf. emer­giert.

Es fehlt von Galls Pro­gramm fak­tisch nichts, auch nicht die Straf­tä­ter­dis­kus­si­on (63f).

 

 

 

 

 

 

 

 

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Zurück zur gesellschaftlichen Dominanz des Mechanismus (VHs Neckargemünd)! ist Beitrag Nr. 2149
Autor:
Martin Pöttner am 22. März 2011 um 15:49
Category:
Alltag,Biologie,Gehirn,Homo oeconomicus,Mensch und Universum,Phänomen,Quantenphysik,Vegetatives Nervensystem,Wahrheit
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