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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Philosophie in der Demokratie – der „freie“ Wille ist im Pragmatismus eher unproblematisch

Erinnerung an den 14.03.2011

Die kan­ti­sche Posi­ti­on rech­net mir der empi­ri­schen Gül­tig­keit des Mecha­nis­mus, wel­cher zugleich ein Deter­mi­nis­mus ist – nach Kants Kate­go­ri­en­leh­re ist dies auch gar nicht anders mög­lich, weil kei­ne Kate­go­rie wirk­lich über­zeu­gend auf Spon­ta­nei­tät o. Ä. hin­weist. Der Wider­stand im empi­ri­schen Bereich geht also gegen 100 %, mit­hin gibt es kei­ne Frei­heit. Aller­dings müs­sen wir uns „zum Behu­fe“ der prak­ti­schen Ver­nunft als frei den­ken – und in die­sem Sinn gibt es auf der tran­szen­den­ta­len Ebe­ne Frei­heit, frei­er Wil­le, Selbst­be­stim­mung, Selbst­ge­setz­ge­bung. Wir ent­wer­fen das Sit­ten­ge­setz und den kate­go­ri­schen Impe­ra­tiv selbst, sofern wir uns als tran­szen­den­tal freie Wesen rich­tig ver­ste­hen. Weil wir das nicht empi­risch-mecha­nis­tisch bestä­ti­gen kön­nen, wird gera­de das rich­ti­ge auto­no­me Selbst­ver­ständ­nis und Selbst­ver­hält­nis ent­wor­fen. Ansons­ten wären wir nicht auto­nom, son­dern als Maschi­ne aktiv.

Eini­ge

Teil­neh­men­de argu­men­tier­ten gegen Kant, dass es doch zwei empi­ri­sche Wel­ten geben müs­se, bei­spiels­wei­se wie ich mich selbst erfah­re – und wie ich von außen bei­spiels­wei­se wis­sen­schaft­lich-maschi­nell betrach­tet wer­de. Sehr wich­tig erscheint in die­sem Zusam­men­hang die empi­ri­sche Wider­le­gung des geschlos­se­nen Ursa­che-Wir­kungs-Zusam­men­hangs der Wir­k­ur­sa­che in der Quan­ten­me­cha­nik Hei­sen­bergs.

Charles Peirce und William James

Der Prag­ma­tis­mus besteht seit den 1860er Jah­ren als eigen­stän­di­ge, US-ame­ri­ka­ni­sche Phi­lo­so­phie­form, die sich nach dem Bür­ger­krieg deut­li­cher ent­wi­ckel­te. John Dew­ey hat­te 1909 einen der Haupt­punk­te, der Grund­über­zeu­gun­gen aller Prag­ma­tis­ten fol­gen­der­ma­ßen zusam­men­ge­fasst:

Sofern sich jemand schon auf die Über­zeu­gung ver­pflich­tet hat, dass die Rea­li­tät sau­ber und abschlie­ßend in einem Paket mit einem Band ver­packt ist, das nicht mehr auf­ge­schnürt wer­den kann, es mit­hin kei­ne unvoll­ende­ten The­men oder neue Aben­teu­er gibt, wird er der Auf­fas­sung wider­spre­chen, dass Wis­sen eine Dif­fe­renz erzeugt, wie man auch sonst jedem unver­schäm­ten auf­dring­li­chen Men­schen wider­spricht. Doch sofern man davon über­zeugt ist, dass sich die Welt selbst im Über­gangs­pro­zess befin­det, war­um soll­te dann die Über­zeu­gung, dass das Wis­sen der bedeu­tends­te Modus ihrer Modi­fi­ka­ti­on und das ein­zi­ge Organ ihrer Lei­tung sei, a prio­ri schäd­lich sein? (Does Rea­li­ty Pos­sess a Prac­tical Cha­rac­ter?, The Essen­ti­al Dew­ey I, 124ff, 125).

Der Haupt­punkt besteht dar­in, dass wir selbst ein kon­ti­nu­ier­li­cher Teil der Rea­li­tät sind, ihr nicht gegen­über­ste­hen usf. Es gibt wie in der Phä­no­me­no­lo­gie daher kein Sub­jekt-Objekt-Pro­blem, als Teil der Rea­li­tät neh­men wir prak­tisch wahr, wie Rea­li­tät für uns ist – und kön­nen sie auch ver­än­dern. Die Rea­li­tät ist daher in kei­ner Wei­se sta­tisch, son­dern als dyna­mi­scher Pro­zess ver­stan­den. Mit Kant unter­stel­len die klas­si­schen Prag­ma­tis­ten also, dass die Rea­li­tät eine ein­heit­li­che Struk­tur auf­weist. Kei­ner der Prag­ma­tis­ten akzep­tier­te frei­lich die kan­ti­sche Tran­szen­den­tal­phi­lo­so­phie, son­dern alle unter­stell­ten sicher auf ver­schie­de­ne Wei­se, dass die Rea­li­tät und die Kate­go­ri­en erst wer­den, mit­hin sich in der Erfah­rung prak­tisch auch bewäh­ren müs­sen.

Inso­fern gilt fol­gen­de prag­ma­ti­sche Maxi­me, die sich auf alle Wis­sens­for­men bezieht:

Beden­ken Sie, wel­che Wir­kun­gen, die denk­ba­rer­wei­se prak­ti­sche Rele­vanz haben könn­ten, wir dem Gegen­stand unse­rer Kon­zep­ti­on zuschrei­ben. Folg­lich besteht die Kon­zep­ti­on die­ser Wir­kun­gen aus dem Gan­zen unse­rer Kon­zep­ti­on des Gegen­stands!“

(Charles Peirce, How to make our ide­as clear, 1878)

Wich­tig und höchst fol­gen­reich für ernst­haf­te moder­ne auf Wis­sen bezo­ge­ne For­men ist der Wir­kungs­be­griff, der sich auf mög­li­che prak­ti­sche Rele­vanz bezieht. Man kommt in allen Wis­sens­for­men kaum aus dem prak­ti­schen Bezug her­aus.

Und die­ser prak­ti­sche Bezug impli­ziert natür­lich immer Frei­heit bzw. den „frei­en Wil­len“, weil ich über­le­gen muss, wie sich ein Kon­zept oder Begriff hand­lungs­mä­ßig oder prak­tisch dar­stel­len wird – der prak­ti­sche Bezug ist stets auf den Zeit­ho­ri­zont der Zukunft bezo­gen, dies ver­hält sich ähn­lich wie bei Aris­to­te­les.

Wie Wil­liam James mein­te, kom­me es dabei gar nicht so sehr auf den Begriff des „frei­en Wil­lens“ an, son­dern dass Men­schen zukunfts­be­zo­gen han­deln und sich so empi­risch über­prüf­bar ent­wer­fen. Es gibt also ein Selbst­ver­hält­nis, das sich prak­tisch äußert – und das äußert sich prak­tisch, indem es sich auf ande­re bezieht. Zur Psy­cho­lo­gie James’ gehört eine der bedeu­tends­ten Unter­schei­dun­gen, die dann spä­ter auch sozi­al­psy­cho­lo­gisch und sozio­lo­gisch wirk­sam wur­de: Wir ent­wi­ckeln uns, indem wir die uns mit­ge­teil­ten Rezep­tio­nen der ande­ren Men­schen als ein Bild kon­fi­gu­rie­ren, das soge­nann­te „Me“. Die­se bei uns reprä­sen­tier­ten Wahr­neh­mun­gen und Bewer­tun­gen unse­rer Per­son durch ande­re Men­schen ver­glei­chen wir mit unse­rer eige­nen Per­spek­ti­ve auf uns selbst, dem soge­nann­ten „I“. D. h.: Auch bei dem stär­ker auf das Indi­vi­du­um bezo­ge­nen James gibt es kei­ne iso­lier­te Eigen­per­spek­ti­ve, son­dern die­se ist stets auf die Per­spek­ti­ve der Ande­ren auf uns bezo­gen, so wie wir die­se wahr­neh­men. James war einer der wich­tigs­ten Neu­ro­phy­sio­lo­gen sei­ner Zeit, mit­hin tra­ten in sei­ner Pra­xis auch die heu­te angeb­lich neu­en Fra­gen auf. Die­se sind nur dann wirk­lich aus­schlag­ge­bend, sofern man die neu­ro­phy­sio­lo­gi­sche Bedingt­heit des Men­schen ein­sei­tig inter­pre­tiert. Ohne Neu­ro­phy­sio­lo­gie kei­ne Gefüh­le, kein Han­deln und kein Den­ken.  Dabei berück­sich­tigt James das Vege­ta­ti­ve Ner­ven­sys­tem im Bereich der Gefüh­le sehr stark. Wohl nicht halt­bar ist, dass die Gefüh­le, deren Kör­per­lich­keit er mit Recht stark betont, aus­schließ­lich mit die­sen zusam­men­hän­gen. Es ist wohl mit guten Grün­den in der letz­ten Zeit eine beacht­li­che Funk­ti­on der Amyg­da­la (des Man­del­kerns) im Kon­text des Lim­bi­schen Sys­tems (Zen­tra­les Ner­ven­sys­tem) behaup­tet wor­den.

Aber wie sich empi­risch zeigt, hin­dert uns die Neu­ro­phy­sio­lo­gie gar nicht dar­an, das­je­ni­ge im Kon­text ande­rer zu tun, was wir uns Ziel set­zen. Wir müs­sen man­che Sach­ver­hal­te üben, vor allem aber müs­sen wir auf Koope­ra­ti­on mit ande­ren Men­schen set­zen – und damit opti­mal auf deren frei­es Ein­ver­ständ­nis. Das geht, weil wir die­se stets im Spiel von „I“ und „Me“ in unse­rem auf ande­re Men­schen bezo­ge­nen Selbst­ver­hält­nis haben. Bei Peirce wird m. E. nur stär­ker mit Recht dar­auf ver­wie­sen, dass die ver­schie­de­nen Ebe­nen (sozi­al, indi­vi­du­ell, bio­tisch) inein­an­der über­setz­bar sind. Auf die­sen Ebe­nen kann es jeweils Wider­stän­de geben – wir sahen dies schon bei Aris­to­te­les. Da alle Aspek­te wie das Selbst­ver­hält­nis auf Ande­re und ande­res bezo­gen ist, gibt es kei­nen abso­lu­ten frei­en Wil­len, aber auch nur im Fall unüber­wind­ba­rer Wider­stän­de den gänz­lich unfrei­en Wil­len.

Daher liegt hier ein sys­te­ma­ti­scher durch Bezie­hun­gen bestimm­ter Bei­trag vor, der uns dazu anlei­tet, genau zu bestim­men, wo und in Bezug auf was wir in unse­ren Wil­lens­hand­lun­gen genau unfrei oder frei sind. Undif­fe­ren­zier­te und iso­lier­te Debat­ten schei­ne sich doch eher zu erüb­ri­gen bzw. kön­nen ruhig ein wenig „geer­det“ wer­den.

 

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Info:
Philosophie in der Demokratie – der „freie“ Wille ist im Pragmatismus eher unproblematisch ist Beitrag Nr. 2144
Autor:
Martin Pöttner am 16. März 2011 um 20:16
Category:
Bildung,Biologie,Erfahrung,Körper,Mensch und Universum,Psyche,Quantenphysik,Vegetatives Nervensystem,Wie wollen wir leben?
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