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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Der „Alleszermalmer“ Kant hatte eine konstruktive Idee

1               Erinnerung an die letzte Sitzung

Nach mei­ner Über­zeu­gung hat die aris­to­te­li­sche Auf­fas­sung des Wil­lens, die in ein umfas­sen­des Ethik­kon­zept, das auch gesell­schafts­theo­re­tisch argu­men­tiert, ein­ge­bet­tet ist, einen der wesent­li­chen Bei­trä­ge auch zum „frei­en“ Wil­len erbracht. Die Ein­schrän­kun­gen des frei­en Wil­lens lie­gen vor allem in emo­tio­na­len, sozia­len und bio­ti­schen Zwän­gen, die mehr oder weni­ger unüber­wind­ba­re Wider­stän­de zu sein schei­nen. Die Ethik des Aris­to­te­les ist eine Güter­ethik, Tugen­den und Pflich­ten sind die­ser zuge­ord­net, sie erläu­tern, wie ein Gut erbracht wird.

Inso­fern lässt sich die Auf­fas­sung des Aris­to­te­les so fas­sen:

 

Ich will, dass in Zukunft mein Ziel der Fall ist.“

 

Die­se For­mu­lie­rung muss stets im Kon­text aller mög­li­chen Wider­stän­de gele­sen wer­den. Das Glei­che gilt auch dafür, dass man etwas nicht will, was bei mei­ner Toch­ter recht häu­fig ganz expli­zit der Fall ist. Dabei besteht oft der Wider­stand in den Über­zeu­gun­gen mei­ner Frau und mei­ner­seits – und ent­spre­chen­den Erzie­hungs­be­mü­hun­gen. Wil­lens­frei­heit lässt sich also nur so kon­trol­lie­ren, ob ent­spre­chen­de Hand­lun­gen Wider­stän­de über­win­den kön­nen. Das Kon­zept des Aris­to­te­les ist daher erfolgs- und hand­lungs­ori­en­tiert. Es lässt sich dann also öffent­lich kon­trol­lie­ren, ob es so etwas wie den frei­en Wil­len gibt. Man konn­te das in Grie­chen­land leicht in der Rats­ver­samm­lung, an der alle frei­en Bür­ger teil­nah­men, wahr­neh­men. Per­sön­lich lässt sich die Aus­bil­dung des Stre­bens usf. auch leicht spü­ren, an Mus­kel­an­span­nun­gen usf. Wenn die­ses Stre­ben sich nicht in Hand­lun­gen wie gewünscht äußern kann, war der Wider­stand zu groß.

Der Ansatz des Aris­to­te­les ist dyna­misch, pro­zess­ori­en­tiert und auf die Bezie­hun­gen des Men­schen bezo­gen, wel­cher wil­lens­be­stimmt behan­delt.

Der Deter­mi­nis­mus, der im Kurs z. T. als „modern“ galt, geht auf die Idee Des­car­tes’ zurück, zumin­dest als Kör­per sei der Mensch eine Maschi­ne. Soll­te die­se Hypo­the­se nicht zutref­fen, ist es jeden­falls für den Men­schen  als frei­es Wesen fak­tisch aus mit jener Hypo­the­se, die sicher zwi­schen 1650 und 1900 bei­spiels­wei­se die Mehr­heit der Wissenschaftler/innen und auch einen beträcht­li­chen Teil der Philosoph/inn/en fas­zi­niert hat­te. In der Tat ist in den letz­ten Jah­ren vor allem in einer Wis­sen­schaft, näm­lich einem Teil der Neu­ro­phy­sio­lo­gie, der Glau­be an den Deter­mi­nis­mus und damit auch der Glau­be dar­an, dass der Mensch eine Maschi­ne sei, wie­der stark affir­miert wor­den. Ob das begrün­det erschei­nen kann, wer­den wir noch genau unter­su­chen. Aus der aris­to­te­li­schen Sicht kla­rer­wei­se jeden­falls nicht.

Wenn Sie sich zum 28.03. genau­er vor­be­rei­ten wol­len, dann lesen Sie bit­te Wolf Sin­gers berühm­ten Auf­satz: „Ver­schal­tun­gen legen uns fest. Wir soll­ten auf­hö­ren von Frei­heit zu spre­chen“, in: Chr. Gey­er, Hirn­for­schung und Wis­sen­schaft, 2004 (es 2387), 30ff. Die­sen Auf­satz wer­de ich para­phra­sie­ren.

2               Transzendentale moralische Freiheit: Immanuel Kant

Kant war der der Phi­lo­soph des mecha­nis­ti­schen Zeit­al­ters. Die Idee Des­car­tes’ hat­te sich in Wis­sen­schaft­ler- und Intel­lek­tu­el­len­krei­sen weit­ge­hend durch­ge­setzt. Neben New­tons mecha­ni­scher Phy­sik gab es vor allem die Öko­no­mie, in der die Idee, Kör­per sei­en Maschi­nen gro­ßen Anklang fand. Pro­zes­se und Gesell­schafts­grup­pen wur­den als Kör­per auf­ge­fasst.  Die wirt­schaft­li­chen Ereig­nis­se, auch die poli­ti­schen Ereig­nis­se las­sen sich als der­ar­ti­gen Kör­per inter­pre­tie­ren, mit­hin sind sie Maschi­nen: http://alltagundphilosophie.com/2010/03/31/erinnerung-an-den-29-03-vhs-neckargemund/. Die Ver­brei­tung die­ser Hypo­the­se haben wir im letz­ten Kurs von Brod­beck belegt gefun­den.

Des­car­tes selbst ent­ging den fata­len Kon­se­quen­zen sei­nes sub­stan­zia­lis­ti­schen Kon­zepts dadurch, dass er beim Men­schen eine zwei­te Sub­stanz neben der res exten­sa („aus­ge­dehn­te Sub­stanz“) unter­stell­te, näm­lich die res cogi­tans („den­ken­de Sub­stanz“), die nicht aus­ge­dehnt sei. Sie war für Den­ken, Füh­len und Wol­len zustän­dig. Da sie nicht aus­ge­dehnt war, fiel sie sozu­sa­gen nicht unter die „Natur­ge­set­ze“. Die­se kar­te­si­sche Posi­ti­on ist in der Neu­zeit bis in die soge­nann­te „Moder­ne“ immer als Mög­lich­keit geblie­ben. Etwa der schwe­di­sche sehr bedeu­ten­de Ana­tom und  umfas­send arbei­ten­de Emma­nu­el Swe­den­borg, der in der Roman­tik trotz Kants Pro­test stark rezi­piert wur­de, war von ihr abhän­gig. Man kann vor­sich­tig sagen, dass vie­le „spi­ri­tua­lis­ti­sche“ Ansät­ze den Aus­weg des Des­car­tes wähl­ten, um zugleich Selbst­er­fah­rung und wis­sen­schaft­lich-mecha­nis­ti­sches Vor­ge­hen sowie Auf­fas­sen mit­ein­an­der mehr oder weni­ger beschwer­de­frei ver­ein­ba­ren zu kön­nen. Das mecha­nis­ti­sche Zeit­al­ter ist – lei­der – noch nicht zu Ende, aber die Dis­kus­si­on beim letz­ten Mal hat ja gezeigt, dass es durch­aus mög­lich ist, nicht-mecha­nis­ti­sche Ansät­ze zur Kennt­nis zu neh­men.

Kant akzep­tier­te den mecha­nis­ti­schen Ansatz weit­ge­hend – und hielt die­sen auch für den wis­sen­schaft­lich ein­zig bewähr­ten. Er zeig­te zudem bzw. glaub­te, dies zu zei­gen, dass die wis­sen­schaft­lich ver­wen­de­ten Kate­go­ri­en den Ver­wen­dun­gen bewusst­seinsbe­zo­gen („tran­szen­den­tal“) vor­aus­la­gen, also z. B. Ursa­che und Wir­kung, Raum und Zeit usf. Sie sind uns mit­hin ein­ge­schrie­ben, wir kön­nen gar nicht anders Erfah­run­gen machen. Und im stren­gen Sinn kann man kei­ne Sach­ver­hal­te erken­nen, die nicht unter Raum und Zeit sowie Ursa­che und Wir­kung fal­len. Anders als Aris­to­te­les besaß Kant kein kom­ple­xes Ursa­chen­kon­zept, wir haben jenes en pas­sant erör­tert. Jedes Ereig­nis oder Sach­ver­halt hat vier Ursa­chen:

  • For­m­ur­sa­che
  • Mate­ri­al­ur­sa­che
  • Wir­k­ur­sa­che
  • Final­ur­sa­che (Ziel, Zweck usf.)

Kant stimm­te im Prin­zip der Bana­li­sie­rung und iso­lie­ren­de Über­ver­ein­fa­chung des Ursa­chen­kon­zepts auf die Wir­k­ur­sa­che zu, die seit Des­car­tes domi­nant gewor­den war. Man braucht nur noch einen Aspekt zu beob­ach­ten – und schon liegt das Ergeb­nis vor. Inso­fern hät­te Kant wohl durch­aus der moder­nen Hirn­for­schung von Sin­ger und Roth etwas abge­win­nen kön­nen (vgl. Ott­fried Höf­fe, Der ent­larv­te Ruck. Was sagt Kant den Gehirn­for­schern?), in: Gey­er (s. o.), 177ff, weil die­se eine Neu­auf­la­ge einer mecha­nis­ti­schen Theo­rie vor­le­gen, was auch im Kon­text einer auto­po­ie­ti­schen Sys­tem­theo­rie mög­lich erschei­nen mag.

Anders als Des­car­tes gibt es im Men­schen daher kei­ne zwei­te Sub­stanz, wie fein sie auch immer sein mag. Wie die Ana­to­mie schon durch Sek­tio­nen zeig­te, aber gewiss nicht ein­hel­lig, gab es kei­ne Orte der res cogi­tans oder „See­le“, obwohl vie­le Spi­ri­tua­lis­ten davon über­zeugt waren. Er weist einem Kol­le­gen sei­ner Uni­ver­si­tät Königs­berg nach, dass auch die Idee, die See­le befin­de sich in der Gehirn­flüs­sig­keit (Liquor cere­bos­pi­na­lis) unhalt­bar sei, weil die See­le dann räum­lich aus­ge­dehnt sein und dem Ursa­che-Wir­kungs­prin­zip unter­lie­gen müs­se.

Nun glaub­te Kant durch­schaut zu haben, dass die kate­go­ria­le Struk­tur, mit der wir die Welt und uns selbst erfas­sen, unse­rer Bewusst­seinstruk­tur zugrun­de liegt, mit­hin weder von uns ein­fach nur erfun­den noch empi­risch über­prüf­bar sei, weil wir gar nicht anders den­ken, wahr­neh­men und erfah­ren kön­nen. Ande­rer­seits fand Kant in Tex­ten wie denen des Aris­to­te­les, auch reli­giö­sen Tex­ten eine ganz ande­re Anschau­ung, die lei­der wis­sen­schaft­lich und auf­grund der tran­szen­den­ta­len Bewusst­seins­struk­tur gar nicht bestä­tigt wer­den konn­te. Kant ist ein bedeu­ten­der Phi­lo­soph gewor­den, weil er die­ses Dilem­ma aus­hielt und mit die­sem Dilem­ma sei­ne Phi­lo­so­phie ent­warf.

Die Lösung bestand dar­in, dass „wir uns zum Behu­fe der prak­ti­schen Ver­nunft“ dazu auf­schwin­gen könn­ten, die gro­ßen meta­phy­si­schen The­men wie „Gott, Frei­heit, Ver­nunft, See­le, Glück­se­lig­keit“ den­ken müss­ten, weil wir ange­sichts der Tra­di­ti­on, auch man­cher unse­rer Gefüh­le ein der­ar­ti­ges Stre­ben nicht leug­nen könn­ten. Lei­der aber sei­en wir nicht in der Lage, die­se erfah­rungs­be­zo­gen zu erken­nen, weil uns die Kate­go­ri­en u. a. mit dem Ursa­che-Wir­kungs-Prin­zip dies nicht ermög­lich­ten, son­dern ver­schlös­sen. Zum Zusam­men­bruch die­ser Unter­stel­lung, die iro­ni­scher­wei­se expe­ri­men­tell bestä­tigt wer­den konn­te: http://alltagundphilosophie.com/2010/12/02/philosophie-und-quantenmechanik-iii/#more-1960; dort auch zu den  wahr­haft exem­pla­ri­schen Schwie­rig­kei­ten der Kan­tia­ne­rin Gre­te Hart­mann.

Der Schluss Kants lau­tet unge­fähr: Wenn wir der Natur mit­tels unse­rer Kate­go­ri­en schon vor­schrei­ben kön­nen, wie sie zu erschei­nen hat, dann sind wir auch dazu in der Lage, die sitt­li­che Welt­ord­nung rein men­tal, „z. B. zum Behu­fe der prak­ti­schen Ver­nunft“ zu gestal­ten. Dar­aus folgt der kate­go­ri­sche Impe­ra­tiv, dass jede unse­rer Hand­lungs­ma­xi­men so beschaf­fen sein müs­se, dass sie auch die Maxi­me aller ande­ren Men­schen sein kön­ne. Wei­ter die Idee, dass der freie Wil­le dann tran­szen­den­tal selbst­ver­ur­sa­chend sei, ohne ande­re Ursa­che, die vor­her­geht, weil wir ansons­ten Selbst­be­stim­mung, Selbst­ge­setz­ge­bung, Auto­no­mie nicht den­ken könn­ten. Wir sei­en als auto­no­me Wesen dazu in der Lage, die­ses Dilem­ma stän­dig aus­zu­hal­ten, das müss­ten wir sogar. Denn wäre es anders, wären wir hete­ro­no­me Wesen, die z. B. eine tra­di­tio­nel­le Moral wie die „Zehn Gebo­te“ als nor­ma­len Stan­dard anse­hen. Nach Kant müs­sen wir aber alle Moral, das „Sit­ten­ge­setz“ selbst her­vor­brin­gen, ansons­ten sei­en wir kei­ne auto­no­men Men­schen.

Das Argu­ment ist rich­tig, ansons­ten wäre das Sit­ten­ge­setz eine Ver­an­stal­tung für Sklav/inn/en. Doch die Frei­en gebie­ten nur sich selbst – wobei sie alle ande­ren Men­schen stets berück­sich­ti­gen müs­sen.

Des­we­gen ist Kant mit Recht ein berühm­ter Phi­lo­soph gewor­den, der viel­leicht als ers­ter (aber Spi­no­za!) die Gel­tung der Men­schen­rech­te ganz klar ver­stan­den hat­te. Der Vor­zug sei­ner Lösung besteht dar­in, dass die tran­szen­den­ta­le prak­tisch-phi­lo­so­phi­sche Begrün­dung der Men­schen­rech­te nicht an bestimm­ten kör­per­li­chen Eigen­schaf­ten des Men­schen oder bestimm­ten Fähig­kei­ten des­sel­ben anset­zen muss. Die Men­schen sind per se auto­nom – und müs­sen auch als sol­che Men­schen behan­delt wer­den.

Die Fra­ge ist, kann das über­zeu­gen – und wie? Wie Höf­fe (s. o.) ganz unauf­ge­regt bemerkt, kann man also die Deter­mi­nis­ten ruhig wer­keln las­sen, weil sie selbst vom tran­szen­den­ta­len Argu­ment sei­tens Kants Kate­go­ri­en­leh­re abhän­gig sind.

Ernst­haf­te Phi­lo­so­phen wie Peirce u. a. haben aber schon bald gezeigt, dass Kants Dilem­ma eher skan­da­lös ist, daher auch die Kate­go­ri­en­leh­re nicht stim­men kann. Posi­tiv bleibt aber erhal­ten: Phi­lo­so­phisch besteht zumin­dest tran­szen­den­tal in einer mecha­nis­ti­schen Welt die Mög­lich­keit vom „frei­en Wil­len“ zu spre­chen, weil man sich prak­tisch und die etwa von Aris­to­te­les und der „Berg­pre­digt“ kom­mu­ni­zier­ten sitt­li­chen Grund­sät­ze gar nicht erklä­ren könn­te. Man darf sie sich nur nicht gegen­über­stel­len, son­dern muss sie auto­nom, selbst­ge­setz­ge­be­risch ent­wer­fen.

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Der „Alleszermalmer“ Kant hatte eine konstruktive Idee ist Beitrag Nr. 2124
Autor:
Martin Pöttner am 11. März 2011 um 11:26
Category:
Alltag,Biologie,Erfahrung,Gehirn,Homo oeconomicus,Körper,Psyche,Quantenphysik,Was ist der Mensch?,Wie wollen wir leben?
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