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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Aris­to­te­les (Vhs Neckar­ge­münd [07.03.2011])

Aris­to­te­les hat mit den Stoi­kern, deren Phi­lo­so­phie noch in sei­ner Zeit begann, die Grund­la­ge für den abend­län­di­schen Dis­kurs über den „frei­en Wil­len“ gelegt. Wir sahen in der ers­ten Sit­zung zum The­ma vom 28.02., dass die Rät­sel ziem­lich über­schau­bar sind. Es lässt sich rela­tiv leicht fest­stel­len, dass die Pro­ble­me des „frei­en Wil­lens“ dann auf­tre­ten, wenn der Wider­stand zu groß scheint, den wir über­win­den müs­sen. Denn „Wil­le“ ist dadurch bestimmt, dass jemand etwas will, was prin­zi­pi­ell in der Zukunft liegt. Das kann rein instinkt­ge­steu­ert sein, wie Hun­ger und Sex, aber auch ein Ziel betref­fen, das wir errei­chen möch­ten. Weder instinkt­ge­steu­er­te noch gewähl­te Zie­le unse­res Wol­lens kön­nen ohne Hin­der­nis­se oder Wider­stän­de erreicht wer­den.

Für die aris­to­te­li­sche Ethik ist es aus­schlag­ge­bend, dass wir zwei Ziel­ar­ten besit­zen:

  • Zie­le, die wir um ihrer selbst wil­len wäh­len – die­se betref­fen die eigent­li­chen ethi­schen Sach­ver­hal­te, wobei es bei die­sen stets um das Glück des Gemein­we­sens geht.
  • Zie­le, die wir als Mit­tel wäh­len, um die ethi­schen Zie­le zu errei­chen.

Jedes prak­ti­sche Kön­nen und jede wis­sen­schaft­li­che Unter­su­chung, eben­so alles Han­deln und Wäh­len strebt nach einem Gut, wie all­ge­mein ange­nom­men wird. Daher die rich­ti­ge Bestim­mung von ‚Gut‘ als ‚das Ziel, zu dem alles strebt“. Dabei zeigt sich aber ein Unter­schied zwi­schen Ziel und Ziel: Das eine Mal ist es das rei­ne Tätig­sein, das ande­re Mal das Ergeb­nis des Tätigseins: das Werk“. (Niko­ma­chi­sche Ethik I.1)

Dabei tre­ten unter den Zie­len, die das „Werk“ als Ergeb­nis haben, Ziel­kon­flik­te auf, die man ent­spre­chend erken­nen und bewer­ten muss:

So wer­den Zie­le so geord­net, das „eines um des ande­ren wil­len ver­folgt wird“ (vgl. ebd.) – wobei Aris­to­te­les zufol­ge das Glück der Gemein­schaft obers­tes Ziel ist.

Dabei gibt es ent­spre­chend unse­rer Ana­ly­se auch ent­spre­chen­de Wider­stän­de:

  • Lei­den­schaf­ten wie Zorn, Gier, Hoch­mut, Stolz kön­nen uns am Errei­chen ins­be­son­de­re des Glücks der Gemein­schaft hin­dern (Niko­ma­chi­sche Ethik, III.1-7; Rhe­to­rik II.1-9). In unse­rer Spra­che sind dies emo­tio­na­le Wider­stän­de.
  • Um hohe Zie­le zu errei­chen, benö­tigt man Mit­tel, um die­se errei­chen zu kön­nen. Daher ist, wie wir in der letz­ten Sit­zung schon sahen, berück­sich­tigt Aris­to­te­les auch sozia­le Wider­stän­de. Dazu gehört neben Armut auch sozia­ler Zwang.
  • Die drit­te Form der Wider­stän­de sind natür­li­che oder bio­ti­sche Wider­stän­de. Die­se Form ver­an­schau­licht Aris­to­te­les an den Sklav/inn/en.

Dass also der Streit [um die Adli­gen] einen Grund hat und nicht alle Men­schen ein­fach von Natur Freie oder Skla­ven sind, ist klar, aber auch, dass die­ser Unter­schied in eini­gen Fäl­len tat­säch­lich besteht, wo es denn für den einen zuträg­lich und gerecht ist, zu die­nen, und für den ande­ren zu herr­schen; und zwar muss jedes in der Art regiert wer­den oder regie­ren, wie es sei­ner Natur ent­spricht, was denn auch zum Her­ren­ver­hält­nis füh­ren kann. Schlech­tes Regie­ren ist für bei­de Sei­ten unzu­träg­lich; denn das Zuträg­li­che ist das­sel­be für den Teil wie für das Gan­ze, für den Kör­per wie für die See­le. Und der Skla­ve ist ein Teil des Herrn, gewis­ser­ma­ßen ein beseel­ter, aber getrenn­ter Teil des Lei­bes. Dar­um gibt es auch etwas Zuträg­li­ches und eine gegen­sei­ti­ge Freund­schaft zwi­schen einem Herrn und einem Skla­ven, die die­ses Ver­hält­nis von Natur aus ver­die­nen. Besteht es aber nicht von Natur, son­dern nach Gesetz und Gewalt, so gilt das Gegen­teil.“ (Poli­tik I.7)

Aris­to­te­les sieht die Men­schen also als bio­ti­sche, sozia­le und indi­vi­du­ell selbst­be­stimm­te Wesen an, wobei er unter­stellt, dass die bes­te Selbst­be­stim­mung des ein­zel­nen Men­schen dar­in bestehe, zum Glück der Gemein­schaft bei­zu­tra­gen. Dar­an kön­nen ihn sowohl die Emo­tio­nen als auch mög­li­cher­wei­se zu gerin­ger Besitz behin­dern. Wer wenig zu essen hat und von der Hand in den Mund lebt, ist kein beson­ders für sol­che Ethik geeig­ne­ter Mensch. Aris­to­te­les hat­te zudem das Dilem­ma der anti­ken Auf­fas­sung von der Skla­ve­rei klar erkannt, wobei er dazu ten­diert, jeden­falls einen beacht­li­chen Teil als bio­tisch zum/r Sklave/i/n bestimm­ten Men­schen zu bese­hen. Aber Aris­to­te­les sah natür­lich auch, dass Sklav/inn/en oft Kriegs­ge­fan­ge­ne waren, wes­halb das bio­ti­sche Argu­ment nicht zie­hen konn­te.

Die Skla­verei­auf­fas­sung ist klar der Schwach­punkt, der an sich sehr dif­fe­ren­zier­ten aris­to­te­li­schen Auf­fas­sung. Dass die Skla­ve­rei in der Anti­ke selbst­ver­ständ­lich ein Fall von „Gesetz“ und „Gewalt“ war, ist für ihn kei­nes­wegs undenk­bar, er zieht die­se Kon­se­quenz aber deut­lich nicht. Daher kann die Skla­verei­auf­fas­sung des Aris­to­te­les als Bei­spiel dafür gel­ten, dass dem „frei­en Wil­len“ auch bio­ti­sche Sach­ver­hal­te als Wider­stän­de ent­ge­gen­ste­hen kön­nen.

Zwei Anmer­kun­gen

1.     Ich stre­be an, jeweils spä­tes­tens Don­ners­tag­abend einen Text für die fol­gen­de Sit­zung unter www.alltagundphilosophie.com zu ver­öf­fent­li­chen. Dazu sen­de ich Ihnen eine E-Mail zu, dass der Text erschie­nen ist.

2.     Am 02.04., zwi­schen 14 und 16.30 Uhr, bie­te ich an der Vhs Neckar­ge­münd ein neu­es For­mat „Phi­lo­so­phie aktu­ell und kom­pakt“ an. Die ers­te Fol­ge han­delt von den Ereig­nis­sen der von Gut­ten­berg-Pha­se des letz­ten Halb­jahrs und fragt phi­lo­so­phisch nach den Hin­ter­grün­den:

In bestimm­ten Medi­en wur­de von Gut­ten­berg auch im Kon­text sei­ner Frau als mög­li­cher kom­men­der Kanz­ler, min­des­tens aber bay­ri­scher Minis­ter­prä­si­dent dar­ge­stellt. Die Begrün­dung bestand dar­in, dass er ein ver­trau­ens­wür­di­ge­rer Berufs­po­li­ti­ker als die übli­chen „Ber­li­ner“ Politiker/innen sei. Dem stan­den aber kei­ne eige­nen belast­ba­ren poli­ti­schen Leis­tun­gen von Gut­ten­bergs gegen­über. Selbst die Bun­des­wehr­re­form ist nach sei­nem Rück­tritt am 01.03. noch nicht ein­mal hin­rei­chend geplant. Der Rück­tritt kam nach drei öffent­li­chen Lügen von Gut­ten­bergs zustan­de, weil am 12.02.2011 der Bre­mer Jurist Andre­as Fischer-Lesca­no in einer Rezen­si­on der Dis­ser­ta­ti­on von Gut­ten­bergs meh­re­re Pla­gia­te nach­wies. Danach wur­de durch die Inter­net­platt­form http://de.wikipedia.org/wiki/GuttenPlag_Wiki gegrün­det, die mit moder­nen Metho­den nach­wies, dass begrün­det von etwa 73 % Sei­ten der Dis­ser­ta­ti­on gespro­chen wer­den kön­ne, auf denen sich Pla­gia­te befän­den. Die Uni­ver­si­tät Bay­reuth ent­zog von Gut­ten­berg schließ­lich am 23.02.2011 den Dok­tor­ti­tel. Erst danach ließ die Zustim­mungs­ra­te zu Gut­ten­berg als Poli­ti­ker nach. Ob die Uni­ver­si­tät Bay­reuth auch Straf­an­zei­ge stellt, ist noch offen.

Phi­lo­so­phisch stellt sich die Fra­ge, wie kön­nen wir die Rea­li­tät im poli­ti­schen Raum beur­tei­len? Ist es uns wich­tig, dass Berufspolitiker/innen ehr­li­che Lebens­leis­tun­gen erbracht haben? Ist es über­haupt rich­tig, dass wir so viel von Berufspolitiker/innen erwar­ten? Tra­gen wir durch eine gewis­se Inak­ti­vi­tät dazu bei, dass die­se uns durch ein gespens­ti­sches Bild von sich zu täu­schen ver­su­chen? Wie ist die Rol­le der Medi­en? Und wel­che Chan­cen bie­tet das Inter­net?

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Info:
Aris­to­te­les (Vhs Neckar­ge­münd [07.03.2011]) ist Beitrag Nr. 2113
Autor:
Martin Pöttner am 5. März 2011 um 11:34
Category:
Administratormitteilungen,Biologie,Was ist der Mensch?,Wie wollen wir leben?
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