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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Pre­digt zum vier­ten Advent (EfG Gries­heim)

Maria und Eli­sa­bet (http://www.anne-worbes.de/index.html)

Der Lob­ge­sang der Maria“ – so wird der Text der Pre­digt zum dies­jäh­ri­gen vier­ten Advent gewöhn­lich über­schrie­ben, lie­be Gemein­de. Nach sei­nem Anfang in der latei­ni­schen Bibel ist er auch als Magni­fi­kat bekannt. Er ist immer wie­der musi­ka­lisch dar­ge­stellt wor­den, ich selbst ver­eh­re in jün­ge­rer Zeit die Ver­to­nung durch die Chor­mu­sik des est­ni­schen Kom­po­nis­ten Arvo Pärt.

Den Text davor haben wir eben in der Schrift­le­sung teil­wei­se gehört. Die schwan­ge­re Maria ist ins judäi­sche Gebir­ge geeilt, um die eben­falls schwan­ge­re Eli­sa­bet zu besu­chen, die den Täu­fer Johan­nes gebä­ren wird. Es bestehen also gewis­ser­ma­ßen freund­schaft­li­che Bin­dun­gen zwi­schen Eli­sa­bet und Maria bei die­sem in den Hei­li­gen Schrif­ten der Juden vor­aus­ge­sag­ten Neu­an­fang in der Geschich­te Isra­els, der für alle Men­schen Heil brin­gen wird. Unser Pre­digt­text lau­tet:

Und Maria sag­te:

Mei­ne See­le preist den Herrn

und mein Geist jubelt über Gott, mei­nen Ret­ter! –

weil er die Nied­rig­keit sei­ner Skla­vin ange­schaut hat.

Denn sie­he von jetzt an prei­sen mich alle Geschlech­ter selig.

Denn der Mäch­ti­ge hat mich groß gemacht.

Und sein Name ist hei­lig.

Und sein Erbar­men währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die Ehr­furcht vor ihm haben.

Er übt mit sei­nem Arm Gewalt aus

und ver­wirrt die Stol­zen mit ihren Her­zens­er­wä­gun­gen.

Er stößt Herr­scher von Thro­nen her­un­ter;

und erhöht Schwa­che.

Hun­gern­de sät­tigt er mit Gutem –

und die Rei­chen lässt er leer aus­ge­hen.

Er küm­mert sich um sei­nen Skla­ven Isra­el –

und erin­nert sich sei­ner Barm­her­zig­keit.

So hat er zu unse­ren Vätern gespro­chen, zu Abra­ham und sei­nen Nach­kom­men in Ewig­keit.“

Maria blieb drei Mona­te bei Eli­sa­bet. Dann kehr­te sie nach Hau­se zurück.

Die­ses Tref­fen der bei­den Frau­en Eli­sa­bet und Maria im judäi­schen Gebir­ge ist von dem Bewusst­sein bestimmt, dass die Geschich­te Isra­els sich wen­det – und die posi­ti­ven Hoff­nun­gen der jüdi­schen Reli­gi­on nun die Wirk­lich­keit bestim­men. Die­se kön­nen, so hof­fe ich, auch unse­re Advents­zeit erhel­len. Das könn­te auch dann sein, wenn dies­mal die Advents­zeit beson­ders schwer ist, wenn wir krank sind oder wenn ein Mensch von uns gegan­gen ist, mit dem wir lan­ge ver­bun­den waren.

In der Advents­zeit neh­men wir uns viel­leicht eine Aus­zeit von unse­ren gewöhn­li­chen Beschäf­ti­gun­gen. Wenn man wie ich zwei klei­ne Kin­der hat, geht es glück­li­cher­wei­se manch­mal nicht anders.

Wir haben im Advent sehr viel Glück in unse­rer Welt­ge­gend. Die Römi­sche Kir­che hat den Weih­nachts­ter­min auf den 25. Dezem­ber gelegt, sodass er – was den Ger­ma­nen dann auf­fiel – unge­fähr mit der Win­ter­son­nen­wen­de zusam­men­fiel. Ab dann wird es all­mäh­lich wie­der deut­lich hel­ler – und im Jah­res­rhyth­mus erscheint so die erhel­len­de Kraft Chris­ti. Die­se macht unser Leben hel­ler, bis Chris­tus wie­der­kommt. In der Advents­zeit vor Weih­nach­ten aber tritt der gegen­tei­li­ge Pro­zess ein, sofern Jesus noch nicht wie­der­ge­kom­men ist. Das erle­ben wir hier in Darm­stadt durch­aus deut­lich. Es wird nicht mehr vor acht Uhr am Mor­gen rich­tig hell. Und es wird schon vor sieb­zehn Uhr dun­kel, kaum mehr als ein Drit­tel des Tages sind also hell.

Und natür­lich haben wir Ker­zen in unse­ren Häu­sern, viel­leicht auch an Arbeits­stel­len und in Büros. Aber wir haben auch die Mög­lich­keit, genau hin­zu­hö­ren, wenn uns der vor­weih­nacht­li­che Rum­mel davon nicht abhält. Maria und Eli­sa­bet machen es uns vor, wie es eigent­lich gehen soll­te:

Maria blieb drei Mona­te bei ihr. Dann kehr­te sie nach Hau­se zurück.“

Die Advents­zeit ist eine Zeit des War­tens, aber auch eine Zeit der Besin­nung. War­um? Weil wir dar­an teil­neh­men, dass sich im Sin­ne des „Lob­ge­sangs der Maria“ radi­ka­le Ver­än­de­run­gen voll­zie­hen, wel­che die gesam­te Gesell­schaft betref­fen.

Gott, der Gott Isra­els, stößt Herr­scher vom Thron. Er ver­wirrt die Stol­zen, Hoch­mü­ti­gen noch stär­ker, als die­se dies ohne­hin schon sind. Die Hun­gern­den sät­tigt er, Nied­ri­ge wie Maria selbst macht er ganz groß. Er gedenkt sei­nes Skla­ven Isra­el – und eröff­net ihm neu­es Heil. Die­ses gilt allen Men­schen, wie es Abra­ham in 1. Mose 12 von Gott vor­aus­ge­sagt wor­den war:

Ich will seg­nen, die dich seg­nen, und ver­flu­chen, die dich ver­flu­chen; und in dir sol­len geseg­net wer­den alle Geschlech­ter auf Erden.“

Dar­auf spielt Maria am Schluss des Tex­tes an.

So spricht Maria begeis­tert, es ist wohl eine Art visio­nä­rer Sprech­ge­sang, fei­er­lich, den sie da vor­trägt – und der immer wie­der zur Ver­to­nung ange­regt hat.

Er hebt den posi­ti­ven Bei­trag Isra­els und des Juden­tums zur reli­giö­sen Welt und zur Welt­ge­schich­te her­vor.

Es geht dabei im Wesent­li­chen um drei Punk­te:

Zunächst sol­len die Herr­schafts­for­men der Gesell­schaft ver­än­dert wer­den; auch der Reich­tum soll sei­ne Macht­ge­stalt ver­lie­ren.

Sodann sol­len die sozia­len Ver­hält­nis­se welt­weit so geord­net wer­den, dass nie­mand hun­gern muss.

Und schließ­lich wird sich der Gott Isra­els als der eine Gott erwei­sen, der auch der Gott der ande­ren Kul­tu­ren ist, so auch schon der Sinn von 1. Mose 12. Dabei ist im Ange­sicht Got­tes voll­kom­me­ne Wahr­haf­tig­keit und Trans­pa­renz erfor­der­lich, so eine ganz wich­ti­ge Vor­aus­set­zung des Lob­ge­sangs. Auch der Lob­ge­sang ist schon von der „Klar­heit des Herrn“ durch­leuch­tet, die dann bald den Hir­ten erscheint.

Das alles kommt mit den bei­den Kin­dern Johan­nes und Jesus zustan­de, sagt die wer­den­de Mut­ter Maria zur wer­den­den Mut­ter Eli­sa­bet – oder singt es ihr vor.

Wir soll­ten uns in die­ser Advents­zeit vom Lob­ge­sang der Maria anste­cken las­sen, von ihren groß­ar­ti­gen visio­nä­ren Bil­dern, die unser all­täg­li­ches Leben bestim­men möch­ten. Wir hören von ihr, dass Hun­ger vor Gott nicht gerecht­fer­tigt ist. Reich­tum auch nicht, Herr­schaft eben­falls nicht. Die Schwa­chen wer­den erhöht. Die­je­ni­gen, die sich selbst als stark füh­len und sich brüs­ten, wer­den ver­wirrt.

Wir hören die­sen Lob­ge­sang der Maria zu einer Zeit, in der 925 Mil­lio­nen Men­schen welt­weit hun­gern. Dabei ist unbe­strit­ten, dass sie gesät­tigt wer­den könn­ten. War­um wer­den sie nicht gesät­tigt? Das ist unge­fähr ein Sieb­tel der Mensch­heit. War­um wer­den die­se Men­schen nicht gesät­tigt? „Weil etwas erst ver­teilt wer­den kann, wenn es erwirt­schaf­tet wor­den ist. Und wir haben so viel noch nicht erwirt­schaf­tet!“ – so höre und lese ich es nicht sel­ten …

Ach so, das hat­ten Gott und Maria also über­se­hen! Der „Lob­ge­sang der Maria“ – also ein visio­nä­rer Über­schwang einer Gut­men­schin, die außer­dem mit nicht sel­te­nen psy­chi­schen Aus­nah­me­erschei­nun­gen einer Schwan­ge­ren zu kämp­fen hat? „Wer Visio­nen hat, soll zum Arzt gehen!“ – hat­te auch der in Deutsch­land belieb­tes­te Poli­ti­ker Hel­mut Schmidt gesagt.

Maria wen­det ein: „So reden die Men­schen, die sich der Macht Got­tes ent­ge­gen­stel­len wol­len – ihre Her­zens­er­wä­gun­gen sind beson­ders ver­wirrt!“

Natür­lich soll­ten Sie auch Äuße­run­gen wie die­je­ni­ge Hel­mut Schmidts in ihre Advents­be­sin­nun­gen ein­ge­hen las­sen. Hören Sie nicht nur Maria zu, son­dern auch Hel­mut Schmidt. Denn er redet von öko­no­mi­scher Ver­nunft. Gott und Maria sind nach die­sem Maß­stab „unver­nünf­tig“. In sei­ner Auto­bio­gra­fie hat Schmidt 2008 nach vie­len Äuße­run­gen zuvor daher Ver­ständ­nis dafür geäu­ßert, dass man­che die „Berg­pre­digt“ als „welt­fremd“ bezeich­nen. Tex­te wie die „Berg­pre­digt“ oder der „Lob­ge­sang der Maria“ sind nach sei­ner Ansicht „gesin­nungs­ethisch“. D. h., dar­in spricht sich eine mensch­li­che Sehn­sucht aus, die aber poli­tisch-ver­nünf­tig allen­falls als Ten­denz, als Rich­tung des Han­delns gel­ten kann.

Tat­säch­lich sind der Lob­ge­sang der Maria und die Berg­pre­digt sehr viel erfolg­rei­cher als dies zur­zeit öffent­lich ger­ne dar­ge­stellt wird. Man muss nur die Men­schen­rechts­er­klä­rung der UNO und auch die UNO-Char­ta lesen, um fest­zu­stel­len, dass heu­te recht­lich sehr wohl die Über­zeu­gun­gen Mari­as und Jesu Welt­gel­tung haben. Da wir frei­lich in einer offen­bar wenig von der Klar­heit des Herrn erleuch­te­ten „Ja-Aber-Vielleicht-vor–allem: Bitte–nicht–so–genau, das–könnte–langweilig–sein-Gesellschaft“ leben, wird meis­tens dar­auf hin­ge­wie­sen, dass lei­der, lei­der vor allem die ande­ren das aber nicht ein­hal­ten. Und dann kön­nen „wir“ das aber natür­lich auch viel­leicht nicht so ganz machen …

Ist dies die Klar­heit und Trans­pa­renz Got­tes? Oder sind unse­re Her­zens­er­wä­gun­gen eher ver­wirrt?

So scheint es Maria zu sehen. Aber – so muss man ernst­haft gegen Mari­as Lob­ge­sang ein­wen­den: Ist das nicht eigent­lich Got­tes Pro­blem? Wie­so lässt er 925 Mil­lio­nen in Hun­ger leben, wäh­rend ande­re die Ver­ant­wor­tung abschie­ben? Könn­te er da nicht mal ordent­lich dazwi­schen­schla­gen?

Ich habe auf die Fra­ge kei­ne schlüs­si­ge Ant­wort, war­um sich das Han­deln Got­tes nicht so ein­fach zeigt, wie Maria es visio­när zu sehen scheint. Jeder und jede muss die­se Ant­wort selbst für sich, durch­aus im Gespräch mit ande­ren, fin­den. Gott han­delt ja mit unse­rer Mit­tä­tig­keit. Sind wir selbst zu untä­tig? Alle soll­ten sich daher vom „Lob­ge­sang der Maria“ zumin­dest beun­ru­hi­gen las­sen. Kommt also Jesus nun schon gut 2.000 Jah­re nicht wie­der, weil der „Lob­ge­sang der Maria“ nicht rich­tig ernst genom­men wur­de? Fei­ern wir daher schon fast 1.300 Jah­re in unse­rer im Novem­ber und Dezem­ber dunk­len Welt­ge­gend Advent, weil Jesus erst dann wie­der­kommt, wenn wir unse­ren Anteil tat­säch­lich über­nom­men haben?

So sagt oder singt Maria:

Denn der Mäch­ti­ge hat mich groß gemacht.

Und sein Name ist hei­lig.

Und sein Erbar­men währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die Ehr­furcht vor ihm haben.“

Und nach mei­ner Mei­nung bleibt die­ses Erbar­men bestehen, auch wenn wir ver­sa­gen. Dass wir aber offen­bar ver­sa­gen, scheint uns in die­sem Advent Mari­as Lob­ge­sang ganz deut­lich zu sagen.

Kann Mari­as Sohn uns dabei hel­fen? Ganz als Mari­as Sohn pries Jesus die Armen selig und ver­fluch­te jeden­falls im Luka­sevan­ge­li­um die Rei­chen. War­um? Weil er der Ansicht war, dass Reich­tum stets jeman­dem weg­ge­nom­men wor­den ist, der dann mehr oder weni­ger arm wird. Armut ist Jesus zufol­ge also schwer­lich bloß selbst ver­schul­det. Jesus hielt es dem­ge­gen­über mit den Lili­en auf dem Fel­de und den Vögeln unter dem Him­mel. An ihnen kön­ne man ler­nen, dass in der Schöp­fung hin­rei­chend viel für alle vor­han­den sei. Die Schöp­fung sei ein von Gott bestimm­ter Regel­kreis, dem man ver­trau­en kön­ne. Er war also ein Ver­tre­ter der Annah­me, die Schöp­fung sei nicht auf Knapp­heit, son­dern eher auf Über­fluss ange­legt. Gefor­dert ist mit­hin nur eige­ne Beschei­den­heit, die ande­ren nichts weg­nimmt. Und wer doch Schät­ze ansam­melt, soll sie als­bald wie­der in den Regel­kreis der Schöp­fung ein­spei­sen.

Ob das für Sie eine advent­li­che Bot­schaft sein kann, über­las­se ich Ihnen. Jeden­falls ich den­ke inten­siv dar­über nach, ob es stimmt – und für unse­re an Jesus, Mari­as Sohn, ori­en­tier­te Lebens­pra­xis wich­ti­ge Hin­wei­se geben kann. Viel­leicht ist doch in der christ­li­chen Gemein­de, so hof­fe ich, viel Krea­ti­vi­tät da, um dem Lob­ge­sang der Maria ent­spre­chen zu kön­nen …

« Die Weih­nachts­ge­schich­te nach Lukas – Jah­res­en­de – und Aus­blick »

Info:
Pre­digt zum vier­ten Advent (EfG Gries­heim) ist Beitrag Nr. 2008
Autor:
Martin Pöttner am 22. Dezember 2010 um 16:10
Category:
Bildung,Politik,Religion und Mystik,Wie wollen wir leben?,Wirtschaft und Philosophie
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