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Zinsen?

Der Ein­druck im Kurs war wohl recht all­ge­mein, dass Brod­beck in 5.3.3 und 5.3.4 sei­ne The­se, der Aus­druck des Geld­sub­jekts sei die mathe­ma­ti­sier­te Buch­hal­tung bzw. buch­hal­te­ri­sche Mathe­ma­tik deut­lich über­zieht. Gele­gent­lich wur­de ver­mu­tet, er scha­de sich und sei­nem Buch mit die­ser extre­men The­se. Zwei­fel gab es auch bei eini­gen Teilnehmer/inn/en, ob tat­säch­lich alles auf die

Geld­gier zurück­führ­bar sei bzw. die Gesell­schaft und das bekann­te indi­vi­du­el­le Leben tat­säch­lich der­art stark von ihr domi­niert sei, wie es Brod­beck unter­stel­le.

5.3.5 und 5.3.6 zei­gen nun, wie trotz der tra­di­tio­nel­len reli­giö­sen Kri­tik in Juden­tum, Chris­ten­tum und Islam letzt­end­lich doch der Kapi­ta­lis­mus mit Zins­wirt­schaft domi­nier­te. Brod­beck über­sieht eigent­lich nur, dass schon Hil­lel der Älte­re fak­tisch eine Ent­schei­dung traf, die den Zins für Han­dels­un­ter­neh­mun­gen erlaub­te – woge­gen sich wohl Jesus von Naza­ret gewen­det hat (vgl. auch http://alltagundphilosophie.com/2010/11/25/geldgier-3-wo-kommt-das-geld-her-was-ist-geld/#more-1945). Domi­nant bleibt die Auf­fas­sung des Aris­to­te­les, das Geld als ein öko­no­mi­sches Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­um betrach­tet wer­den müs­se, wel­ches nicht pri­va­ti­siert wer­den dür­fe, weil es wesent­lich sozi­al sei (so in der Ten­denz: Poli­ti­ka 1257 a 34 – b 10). D. h., das Zins­neh­men ist unsitt­lich, mit Brod­beck eben nichts ande­res als Aus­druck der Geld­gier. Die moder­ne Rede von der Prä­mie für den Ver­zicht auf eige­ne Liqui­di­tät bzw. umge­kehrt als Liqui­di­täts­prä­mie scheint den Sach­ver­halt eher zu ver­dun­keln, dar­in kann man Brod­beck fol­gen. Es geht bei den Zins­ver­bo­ten aber kei­nes­wegs nur um Moral, son­dern um eine ande­re Öko­no­mie. Der Zins ist eines der Ver­fah­ren, den sozia­len und öko­no­misch hilf­rei­chen Geld­fluss zu ver­lang­sa­men und eige­nen Reich­tum auf­zu­bau­en, was nicht im Inter­es­se gesamt­wirt­schaft­li­cher Pro­fi­ta­bi­li­tät liegt. Das ist m. E. der ratio­na­le Kern der Zins­kri­tik, der schwer­lich wider­legt sein dürf­te.

Wäh­rend Luther wie so oft den Schriftsinn erkann­te und in die­sem Fall auch als nor­ma­tiv gel­tend betrach­te­te, ist die Auf­fas­sung von Kal­vin als nicht schrift­ge­mäß zu beur­tei­len. Man muss aller­dings sehen, dass schon Hil­lel der Älte­re ers­te Ver­su­che gemacht hat­te, dazu kom­men die von Brod­beck notier­ten Unklar­hei­ten bei Tho­mas von Aquin, der im Wesent­li­chen die Leh­re des Aris­to­te­les wie­der­hol­te, aber wie Hil­lel in eini­gen Punk­te Kom­pro­mis­se ein­ge­hen woll­te. Über­zeu­gend am vor­lie­gen­den Kapi­tel ist, wie die Ent­ste­hung des Kapi­ta­lis­mus und sei­ner Akzep­tanz mit den bei­den gro­ßen Kir­chen unse­rer Welt­ge­gend ver­knüpft wird.

Brod­beck ver­wech­selt wie ande­re Öko­no­men auch gele­gent­lich „Zins“ mit „Unter­neh­mens­ge­winn“, aller­dings wohl mit ent­ge­gen­ge­setz­ter Absicht. Letz­te­rer ist zumin­dest mit­tel­fris­tig nötig, weil die Men­schen, wel­che das Unter­neh­men füh­ren, zumin­dest ihren Lebens­un­ter­halt erzie­len müs­sen. Das geht über län­ge­re Zeit nicht mit Ver­lus­ten oder einem nur gerin­gen Gewinn bzw. einem Null­sum­men­spiel. Man kann das wei­ter­hin wie Binswan­ger mit dem Inves­ti­ti­ons­ri­si­ko begrün­den. Da die­ses sich erst in der Zukunft ein­löst, steht den Unter­neh­men­den ein gewis­ser Gewinn zu. Glei­che Argu­men­te las­sen sich für den Zins nicht fin­den.

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Info:
Zinsen? ist Beitrag Nr. 1976
Autor:
Martin Pöttner am 9. Dezember 2010 um 20:46
Category:
Religion und Mystik,Wirtschaft und Philosophie
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