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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Geldgier 1 – die Hauptleidenschaft bei Karl-Heinz Brodbeck

Uni Zürich, Prof. Dr. Ernst Fehr, Geld­gier

Kapi­tel 5.1, aber auch das gesam­te Kapi­tel 5 unter­stel­len, dass die Men­schen glo­bal im Wesent­li­chen, wenn auch mit Inten­si­täts­un­ter­schie­den, durch die­sel­be Lei­den­schaft bestimmt sind, es han­delt sich um die Geld­gier. Die­se wird durch den sozia­len Kon­takt mit der „Geld­rech­nung“, mit­hin mit­tels einer kon­kre­ten Lebens­pra­xis bestimmt. Es han­delt sich also nicht ein­fach um eine anthro­po­lo­gi­sche Grund­kon­stan­te, son­dern die­se Lei­den­schaft und ihre hohe Stel­lung unter allen Lei­den­schaf­ten wird durch gesell­schaft­li­che Gewöh­nung erzeugt. Sie prägt immer stär­ker unse­re Ver­hält­nis­se, die Brod­beck als „Ich-Du-Es-Bezie­hun­gen“ cha­rak­te­ri­siert.

Die Berech­nung, die Sor­ge ums Geld erfüllt den Geist und den All­tag, und jeder noch so fer­ne Gedan­ke fin­det frü­her oder spä­ter sein mone­tä­res Aber.“ (848)

Eine inter­es­san­te Poin­te von Kapi­tel 5.1 besteht in der Beschrei­bung des Natur­ver­hält­nis­ses, das sich mit­tels der Tech­nik vor dem Hin­ter­grund der Geld­gier ergibt. Dabei zeigt sich die Lei­den­schaft „Geld­gier“ als angeb­li­che Ratio­na­li­tät, als küh­le Berech­nung.

An der Bedürf­nis­pro­ble­ma­tik, die seit der Anti­ke erör­tert wird, ver­sucht Brod­beck zunächst die Irra­tio­na­li­tät der „küh­len Berech­nung“ nach­zu­wei­sen. Die Rela­ti­on „Bedür­fen“ wird ihm zufol­ge als „Bedürf­nis haben“ falsch dar­ge­stellt – und dadurch vor­der­grün­dig sprach­lich schon auf Güter, Eigen­tum und Besitz kon­zen­triert. Dar­an knüp­fe sich die angeb­li­che Knapp­heit jener Güter an. Und u. a. daher muss man dann dafür arbei­ten, um an die begehr­ten Güter (even­tu­ell in Kon­kur­renz mit ande­ren Men­schen) zu kom­men. Wobei sowohl Meis­ter Eck­hart als auch Kant set­zen dem­ge­gen­über aber eine ande­re Poin­te, der höchs­te Sin­nenge­nuss, wel­cher „gar kei­ne Bei­mi­schung von Ekel bei sich führt, ist im gesun­den Zustan­de Ruhe nach der Arbeit.“ (vgl. 855)

Brod­beck ver­sucht dies mit­tels der Vier-Ursa­chen-Theo­rie des Aris­to­te­les als pro­ble­ma­ti­sche Hand­lungs­theo­rie ins­be­son­de­re im Blick auf die „Natur“ zu erfas­sen. Hier wer­de die Natur als blo­ße „Mate­rie“ und mit­hin als cau­sa mate­ria­lis ver­stan­den, wobei dies der Vor­läu­fer der car­te­si­schen Qua­li­täts­lo­sig­keit der res exten­sa sein soll. Tat­säch­lich ist die Natur aber wider­stän­dig, sie lässt sich nicht ein­fach das von der Geld­gier gesteu­er­te Bedürf­nis über­stül­pen, was sich Brod­beck zufol­ge in der öko­lo­gi­schen Kri­se beson­ders deut­lich zeigt. Die Tech­nik ist nun das unter­stell­te Hilfs­mit­tel, mit der man der Natur sei­ne Wün­sche auf­zwingt. Tat­säch­lich gelingt es Brod­beck, den in vie­len Wis­sen­schaf­ten ste­cken­den tech­no­lo­gi­schen Zwang sicht­bar zu machen. Die Schwä­che sei­ner Ana­ly­se besteht m. E. dar­in, dass er bestimm­te moder­ne Betrach­tungs­wei­sen umstands­los bei Aris­to­te­les wie­der­fin­den will. Aber der aris­to­te­li­sche und der pla­to­ni­sche Begriff der tech­ne ist gar kein Tech­nik­be­griff, son­dern einer der Kunst, nach der das Regel­wis­sen über bestimm­te Pra­xis­si­tua­tio­nen im Ein­zel­fall nicht zwin­gend greift, son­dern krea­tiv fort­ge­schrie­ben wer­den muss. Tat­säch­lich ist im moder­nen Sinn „Tech­nik ein Wis­sen funk­tio­nie­ren­der Hand­lun­gen“ (858). Und über die­se tech­no­lo­gi­sche Poin­te wird die Lei­den­schaft Geld­gier auf die Natur über­tra­gen.

Aus dem Haupt­strom der moder­nen Auf­fas­sung nimmt Brod­beck den frü­hen Marx aus, der den Men­schen ursprüng­lich als sinn­li­che Akti­vi­tät ver­steht, die sich ent­äu­ßern möch­te. Tat­säch­lich ver­ge­gen­ständ­licht aber Marx schließ­lich auch die sinn­li­che Tätig­keit, das prak­ti­sche Selbst­ver­ständ­nis des Men­schen über die Tech­ni­ken des indus­tri­el­len Zeit­al­ters (861). Marx wie Smith erkann­ten aber die Ver­ein­sei­ti­gung der mensch­li­chen Tätig­keit und des mensch­li­chen Geis­tes, die durch die Arbeits­tei­lung der indus­tri­el­len Pra­xis erfolgt.

Im Kern folgt Brod­beck hier wie auch sonst öfter der „alten“ kri­ti­schen Theo­rie von Hork­hei­mer und Ador­no. Die gesamt­ge­sell­schaft­li­che Ent­wick­lung bestimmt das ein­zel­ne Bedürf­nis durch die uni­ver­sal gewor­de­ne Geld­gier. Das ist ein etwas ande­res Modell als in den Medi­en zur Zeit der aku­ten Finanz­kri­se im Blick auf die „Gier der Banker/innen“ vor­herrsch­te. Es gäbe die Finanz­kri­se nicht ohne die­se kon­kre­te Gier. Das ist natür­lich abwe­gig, denn die Banker/innen haben die mehr­fach kre­dit­ver­brief­ten Papie­re eben tat­säch­lich auch an Bürger/innen wie Du und ich ver­kauft. Und wohl nur weni­ge pri­va­te Ren­ten­ver­trä­ge kamen ohne sol­che Papie­re aus, nicht nur in den USA.

Die Ver­häng­nis­the­se von Ador­no und Hork­hei­mer ist inso­fern lei­der immer noch nicht unplau­si­bel, weil eines der Haupt­ar­gu­men­te für sie kaum von der Hand zu wei­sen ist. Es ist näm­lich erkenn­bar mög­lich, den Hun­ger der 925 Mil­lio­nen Men­schen zunächst ein­mal zu stil­len, weil es welt­weit genü­gend Nah­rungs­mit­tel dazu gibt (vgl. 866). Hier sind das Geld­gier­ar­gu­ment und die Dia­gno­se der ver­blen­den­den Ten­denz der Geld­gier tat­säch­lich rele­vant. Und das gilt nicht nur für Bush, Acker­mann, Mer­kel u. a., son­dern für sehr vie­le, denn an sich müss­te hier­zu­lan­de die Men­schen durch­schnitt­lich monat­lich auf 100 € ver­zich­ten – und das Pro­blem des Hun­gers wäre wohl weit­hin gebannt. Auch die Moral sei daher in unse­ren Gesell­schaf­ten so von der Geld­gier domi­niert, dass nur wenig Gegen­tei­li­ges pas­sie­re.

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Info:
Geldgier 1 – die Hauptleidenschaft bei Karl-Heinz Brodbeck ist Beitrag Nr. 1916
Autor:
Martin Pöttner am 12. November 2010 um 16:07
Category:
Alltag,Homo oeconomicus,Psyche,Was ist der Mensch?,Wie wollen wir leben?,Wirtschaft und Philosophie
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