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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


NT">Witt­gen­stein I – Reli­gio­si­tät und Bild­lich­keit im NT

Die Sit­zung dien­te der kur­so­ri­schen Kennt­nis­nah­me der Haupt­the­sen Witt­gen­steins zu reli­giö­ser Kom­mu­ni­ka­ti­on. Der Text wur­de als etwas dis­pa­rat wahr­ge­nom­men. Das scheint auch mir zutref­fend, frei­lich ist dies der sehr wohl über­leg­te Stil der Spät­phi­lo­so­phie Witt­gen­steins. Die Vor­le­sun­gen, wel­che das Buch ent­hält, schei­nen 1938ff gehal­ten wor­den zu sein, es han­delt sich z. T. um Manu­skrip­te von Nach­schrif­ten.

Die Spät­phi­lo­so­phie Witt­gen­steins unter­stellt, dass wis­sen­schaft­li­che oder auch im enge­ren Sinn natur­wis­sen­schaft­li­che Ratio­na­li­tät nicht nur nicht die ein­zi­ge Form von Ratio­na­li­tät inner­halb der moder­nen Gesell­schaft dar­stellt. Es kann auch ande­re For­men der Ratio­na­li­tät geben. „Ratio­na­li­tät“ impli­ziert stets den Bezug auf „Grün­de“. Frei­lich gibt es nicht nur eine Form von Grün­den; d. h., es gibt ver­schie­de­ne Ratio­na­li­tä­ten, die jeweils anders begrün­det sind. Damit geht Witt­gen­stein einen deut­li­chen Schritt wei­ter als in sei­ner Früh­schrift „Trac­ta­tus logi­co-phi­lo­s­phi­cus“ (1918/1921), wo er für die phi­lo­so­phi­sche Refle­xi­on an sich nur Sät­ze der Natur­wis­sen­schaf­ten zulas­sen will. Zugleich aber teilt er dort mit, dass die­se phi­lo­so­phisch eigent­lich wenig bedeut­sam sind. Es gehe in der Phi­lo­so­phie doch um die Fra­gen von Ethik und Reli­gi­on, also um Fra­gen, wie wir leben wol­len. Die Ant­wor­ten lie­ßen sich natur­wis­sen­schaft­lich nicht dar­le­gen, son­dern wür­den „mys­tisch“ erschlos­sen. Dar­über kön­ne man „phi­lo­so­phisch“ im Sin­ne natur­wis­sen­schaft­li­cher Sät­ze nicht spre­chen. Daher müs­se man schwei­gen.

Die „Vor­le­sun­gen über den reli­giö­sen Glau­ben“ gehör­ten offen­bar zu einer Vor­le­sung über Glau­ben (belief) ins­ge­samt. Witt­gen­stein wählt dar­in nicht den Weg belief und faith ein­an­der stark ent­ge­gen­zu­set­zen, also im Deut­schen: Glau­ben vs. Ver­trau­en. Son­dern er unter­schei­det Grün­de, die für einen Glau­ben wis­sen­schaft­li­cher oder reli­giö­ser Art grund­le­gend sind.

Ein völ­lig ande­rer Weg, Glau­be zu ver­glei­chen, besteht dar­in zu sehen, wel­che Grün­de jemand dafür gibt.“ (Vor­le­sun­gen und Gesprä­che über Ästhe­tik, Psy­cho­ana­ly­se und reli­giö­sen Glau­ben, Frank­furt a. M. 32005, 77)

Für wis­sen­schaft­li­che Glau­bens­aus­sa­gen sind in den Natur­wis­sen­schaf­ten Expe­ri­men­te aus­schlag­ge­bend, die immer wie­der wie­der­holt wer­den kön­nen und auch müs­sen. Für reli­giö­se Glau­ben­aus­sa­gen sind dage­gen exis­ten­zi­el­le Lebens­ent­schei­dun­gen grund­le­gend. Sie stel­len die Grün­de für die bild­haf­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wei­se der hier vor­zugs­wei­se unter­such­ten christ­li­chen Reli­gi­on dar. Gleich­wohl gel­ten die Aus­sa­gen zum „Jüngs­ten Gericht“ eben­falls für Juden­tum und Islam.

Das theo­lo­gisch auch in der evan­ge­li­schen Theo­lo­gie bis heu­te umstrit­te­ne The­ma „Auf­er­ste­hung Jesu von Naza­ret“ wird von Witt­gen­stein m. E. sach­ge­recht behan­delt. His­to­ri­sche Argu­men­te kön­nen hier­zu über­haupt nicht aus­rei­chen, man kommt damit aller­höchs­tens (vgl. aber Mk 16,1-8) auf Erschei­nun­gen des Auf­ge­stan­de­nen – aber die­se sind nicht beweis­kräf­tig, son­dern ganz leicht in mehr­fa­cher Wei­se deut­bar. Folg­lich müs­sen die Grün­de des christ­li­chen Glau­bens für sei­ne Bil­der ande­re sein. Nach Witt­gen­stein geht es dar­um:

Es ist tau­send­mal von intel­li­gen­ten Men­schen gesagt wor­den, dass die Unbe­zwei­fel­bar­keit in die­sem Fall nicht aus­reicht. Selbst wenn es genau­so vie­le Bewei­se wie für Napo­le­on gäbe. Denn die Unbe­zwei­fel­bar­keit wür­de nicht aus­rei­chen, um mein gan­zes Leben zu ändern.“ (80)

Dar­in sieht Witt­gen­stein also den Haupt­grund reli­giö­ser Bil­der wie den­je­ni­gen des „Jüngs­ten Gerich­tes“ oder auch der „Auf­er­ste­hung Jesu von Naza­ret“. Es geht dar­um, ob ich mein gesam­tes Leben ändern will. „Vater O’Hara“ (81) steht in Witt­gen­steins Text als Bei­spiel für einen fal­schen Weg, die reli­giö­sen Bil­der oder den reli­giö­sen Glau­ben zu ver­tei­di­gen. Er ver­sucht, die­se als eine Art wis­sen­schaft­li­cher Ratio­na­li­tät dar­zu­stel­len. Witt­gen­steins fin­det das eher lächer­lich, weil Vater O’Hara hier nur mit sehr angreif­ba­ren Grün­den sei­nen Glau­ben ver­tei­digt.

In der Sit­zung am 08.11. müs­sen wir Witt­gen­steins Bild­be­griff näher klä­ren. Beden­ken Sie dazu auch fol­gen­de For­mu­lie­rung: Reli­giö­se Bil­der sei­en „Lebens­re­geln in Bil­der geklei­det“ (Ver­misch­te Bemer­kun­gen. Frank­furt a. M. 1994, 67).

Am 15.11. ist dann der Peirce­text dran. Vgl. Sie ihn bit­te mit Witt­gen­steins Posi­ti­on!

« Phi­lo­so­phie und Quan­ten­me­cha­nik II – Mar­kus 14,3-9 – Die Frau, deren Han­deln stets erin­nert wer­den soll »

Info:
Witt­gen­stein I – Reli­gio­si­tät und Bild­lich­keit im NT ist Beitrag Nr. 1892
Autor:
Martin Pöttner am 1. November 2010 um 12:06
Category:
Allgemein,Alltag,Erfahrung,Religion und Mystik,Was ist der Mensch?,Wie wollen wir leben?
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