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Die Ökonomisch-Philosophischen Manuskripte des jungen Karl Marx

Die­ser Kurs des Phi­lo­so­phie­krei­ses Hei­del­berg befasst sich mit der frü­hen Phi­lo­so­phie von Karl Marx. Auch die Marx-Engels-Wer­ke haben rela­tiv spät die­se Tex­te auf­ge­nom­men. Sie erge­ben einen eher ande­ren Blick auf das Werk von Marx, ­als die­ser immer noch gewöhn­lich ist. Natür­lich ist auch The­ma des Kur­ses, ob Marx’ Auf­fas­sung unter heu­ti­gen Bedin­gun­gen über­haupt noch etwas besagt – ist nicht „Ent­frem­dung“ eher etwas, dass bei­spiels­wei­se unse­re „Ein­sam­keit“ oder die Bedro­hung durch den „Kon­sum­ter­ror“ betrifft?

Im Vor­der­grund der ers­ten Sit­zung stand das Manu­skript über „Die ent­frem­de­te Arbeit“. (Auch in der zwei­ten Sit­zung ist die­ser Text Gegen­stand.) Dabei sticht im Unter­schied zu den spä­te­ren Kon­zep­tio­nen Marx’ ins Auge, dass er hier einen stark roman­tisch gepräg­ten Indi­vi­dua­li­täts­be­griff ver­tritt, der z. B. in der „Deut­schen Ideo­lo­gie“ auch zu der berühm­ten Vor­stel­lung des Kom­mu­nis­mus als „Reich der Frei­heit“ führ­te:

Sowie näm­lich die Arbeit ver­teilt zu wer­den anfängt, hat Jeder einen bestimm­ten aus­schließ­li­chen Kreis der Tätig­keit, der ihm auf­ge­drängt wird, aus dem er nicht her­aus kann; er ist Jäger, Fischer oder Hirt oder kri­ti­scher Kri­ti­ker und muss es blei­ben, wenn er nicht die Mit­tel zum Leben ver­lie­ren will – wäh­rend in der kom­mu­nis­ti­schen Gesell­schaft, wo Jeder nicht einen aus­schließ­li­chen Kreis der Tätig­keit hat, son­dern sich in jedem belie­bi­gen Zwei­ge aus­bil­den kann, die Gesell­schaft die all­ge­mei­ne Pro­duk­ti­on regelt und mir eben dadurch mög­lich macht, heu­te dies, mor­gen jenes zu tun, mor­gens zu jagen, nach­mit­tags zu fischen, abends Vieh­zucht zu trei­ben, nach dem Essen zu kri­ti­sie­ren, wie ich gera­de Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kri­ti­ker zu wer­den“ (MEW 3, 1969, 33).

Die­ser Zwang in der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft der Arbeits­tei­lung beruht auf der unum­geh­ba­ren phy­si­schen Not­wen­dig­keit der Sub­sis­tenz, d. h., die Arbei­ten­den müs­sen arbei­ten, um sich zumin­dest mini­mal selbst erhal­ten zu kön­nen. Dar­aus ent­steht die Ent­frem­dung der Arbeit bzw. des Arbei­ten­den. Die­ser möch­te durch­aus arbei­ten, er will pro­duk­tiv sein. Er möch­te sich ent­äu­ßern. D. h., er stellt ein Arbeits­pro­dukt her, in dem er sei­ne eige­ne Krea­ti­vi­tät gegen­ständ­lich anschau­en kann. Im kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tem nimmt ihm der Kapi­ta­list frei­lich die­ses Pro­dukt fort, er ver­kauft es zu markt­mög­li­chen Prei­sen wei­ter – und zahlt dem Arbei­ten­den mög­lichst nur den phy­si­schen Sub­sis­tenz­wert, eine The­se, die Marx im Wesent­li­chen von David Ricar­do über­nahm.

Marx folgt dar­in Adam Smith, dass auch das „Kapi­tal“ aus „Arbeit“ ent­steht, eine The­se, die heu­te ins­be­son­de­re noch von der Enzy­kli­ka „Labo­rem exer­cens“ Johan­nes Pauls II. (1981) ver­tre­ten wird, mit­hin einen wesent­li­chen Lehr­be­stand der „Katho­li­schen Sozi­al­leh­re“ dar­stellt. Danach wäre, wenn es sich so ver­hiel­te, wie Marx unter­stellt, der Ver­kauf des Pro­duk­tes am Markt durch­aus ein Akt der Ent­eig­nung des Arbei­ten­den. Marx geht aber im Manu­skript phi­lo­so­phisch wei­ter. Er unter­stellt, dass der arbei­ten­de Mensch hier von sei­ner Mensch­lich­keit ent­frem­det wird, mit­hin sei­ner Men­schen­rech­te ver­lus­tig geht. Denn zu die­sen gehört, sich frei wirt­schaft­lich aus­drü­cken zu kön­nen. D. h., der arbei­ten­de Mensch müss­te den mög­li­chen Gewinn aus sei­nem Pro­dukt am Markt selbst ein­neh­men kön­nen. Phi­lo­so­phisch wich­tig ist, dass Marx den Men­schen als frei­es Selbst­ver­hält­nis zur eige­nen Mensch­lich­keit, zu sei­nem „Gat­tungs­we­sen“ defi­niert.

Die Dis­kus­si­on in der Sit­zung dreh­te sich haupt­säch­lich um aktu­el­le Sach­ver­hal­te, bei denen nach mei­ner Wahr­neh­mung jedoch eher die The­se Marx’ bestä­tigt wur­de, dass auch die heu­ti­ge Gesell­schaft eine sozi­al gemä­ßig­te Kon­kur­renz­ge­sell­schaft dar­stellt. Die sozia­le Mäßi­gung nahm in dem Maße im Ver­gleich zu den frü­hen 1970er Jah­ren ab, als tat­säch­li­che Konkurrent/inn/en zu in Deutsch­land erzeug­ten Pro­duk­ten wahr­nehm­bar auf­tra­ten.

Als mög­li­che wei­te­re Kursthe­men wur­den Andre­as Webers semio­tisch ange­rei­cher­te Bio­lo­gie und Hans Blu­men­bergs „Lebens­wel­ten“ genannt.

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Info:
Die Ökonomisch-Philosophischen Manuskripte des jungen Karl Marx ist Beitrag Nr. 1836
Autor:
Martin Pöttner am 20. August 2010 um 11:32
Category:
Homo oeconomicus,Politik,Was ist der Mensch?,Wie wollen wir leben?,Wirtschaft und Philosophie
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5 Comments »

  1. Fritz Feder

    Sicher­lich gibt es viel zu sagen zur obi­gen Deu­tung der „Pari­ser Manu­skrip­te“ von Marx im Kreis der phi­lo­so­phisch Rei­sen­den.

    Ich möch­te (fast) nur die Schluss­kon­klu­si­on des Bei­trags (Pro­to­kolls) auf­grei­fen. Es wird gesagt (genau­er: geschrie­ben), dass die heu­ti­ge Gesell­schaft eine „sozi­al gemä­ßig­te Kon­kur­renz­ge­sell­schaft“ dar­stel­le. Die­ser Aus­druck erscheint mir miss­ver­ständ­lich oder zumin­dest dop­pel­deu­tig. Was heißt „gemä­ßigt“?

    Heißt dies, dass – rein öko­no­misch betrach­tet – weni­ger Wett­be­werb vor­han­den sei, indem sich der Wett­be­werb per se mode­ra­ter geben wür­de oder gezähmt wor­den sei? Oder heißt dies, dass die Bis­marck­schen Sozi­al­ge­set­ze und all ihre Fol­ge­ge­set­ze bis hin zu den neu­er­li­chen Bil­dungs­gut­schei­nen für Hartz IV-Kin­der der smar­ten Arbeits­mi­nis­te­rin qua­si den Wett­be­werb qua staat­li­cher Inter­ven­ti­on erfolg­reich abge­mil­dert hät­te – in Deutsch­land, in Tei­len Euro­pas?

    Ich füh­le mich weit davon ent­fernt, dem Leni­nis­mus das Wort zu reden, aber in einem Punkt (wenn nicht eini­gen wei­te­ren?) hat­te Lenin, der sich als Exeget und Erwei­te­rer der Marx­schen Theo­rie ver­stand, doch wohl recht. Näm­lich in der Aus­sa­ge, dass dem Kapi­ta­lis­mus eine Ten­denz hin zum Mono­pol­ka­pi­ta­lis­mus, zum orga­ni­sier­ten Kapi­ta­lis­mus, inhä­rent ist. In moder­ner öko­no­mi­scher Aus­drucks­wei­se spricht man von vor­scih­tig Oli­go­pol­bil­dung.

    Und gera­de in die­sen Tagen haben wir ein hüb­sches Demons­tra­ti­ons-bei­spiel, wie sol­che Oli­go­po­le funk­tio­nie­ren bzw. sich gerie­ren, wenn wir an die vier Rie­sen der Ener­gie­wirt­schaft den­ken, die gera­de die deut­sche Gesell­schaft zu erpres­sen ver­su­chen. Dies ist also das Eine. Fiat lux!

    Das Ande­re betrifft den Umstand, dass wir die Kon­kur­renz­ge­sell­schaft heu­te nicht mehr – teil­wei­se auch frü­her schon nicht – rein natio­nal­staat­lich den­ken kön­nen, denn das führt in die Irre. Auch hier haben wir wort- und sprach­ge­wal­ti­ge Ver­tre­ter des „Alt­kom­mu­nis­mus“, näm­lich Leo Trotz­ki und Rosa Luxem­burg mit ihren The­sen zur „Glo­ba­li­sie­rung“, wie man heu­te sagen wür­de.

    Aber auch bei Marx klingt das schon an, dass die „Akku­mu­la­ti­on des Kapi­tals“ logi­scher­wei­se kein Ende kennt. Das kapi­ta­lis­ti­sche Sys­tem wit­tert selbst dort das Geschäft, wo die Men­schen im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes im Was­ser trei­ben – wie der­zeit in Paki­stan. So hart das klingt! Akku­mu­lieret (und spe­ku­lieret? F.F.), das ist Moses und die Pro­phe­ten.

    Kurz­um: Gewiss haben wir einen mode­ra­te­ren Wett­be­werb in den moder­nen Indus­trie­na­tio­nen, sofern es dar­um geht, das Sozia­le in den Blick zu neh­men, das pha­sen­wei­se aber immer wie­der auzu­he­beln ver­sucht wird. Wir haben aber gleich­zei­tig einen „nach außen“ getra­ge­nen, äußerst bru­ta­len Wett­be­werb, bei dem Oli­go­po­le und Mono­po­le welt­weit die Rich­tung ange­ben und die Poli­tik eher in die Defen­si­ve gera­ten ist (allem demont­ra­ti­ven Geschwätz der Vor­zei­ge­po­li­ti­ker zum Trotz). Also einen extrem zuge­spitz­ten glo­ba­len Wett­be­werb. Tur­bo­ka­pi­ta­lis­mus schein­bar ohne Kon­kur­renz!

    Leb­te Marx noch, ich bin eini­ger­ma­ßen sicher, er hät­te das genau­so gese­hen (quod esset demonstran­dum!). Er hat­te durch­aus auch einen inter­na­tio­na­len Welt­blick (asia­ti­sche Pro­duk­ti­ons­wei­se, iri­sche Fra­ge, Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se in Russ­land, etc.).

    Nun noch ein kur­zer Schwenk zur The­ma­tik der „Ent­frem­dung“: Da kommt Marx, wie bekannt, von Hegel her, stellt ihn aber auf die Füße. Jedoch, indem er die Arbeits­wert­leh­re auf­baut, hält er auch Kurs gegen die zu jenen Zei­ten noch ein­fluss­rei­che Leh­re der Phy­sio­kra­ten, die mit ihrer Boden­leh­re zuneh­mend anti­qua­risch, will sagen: über­holt geriet (der Boden schafft die Wer­te).

    Marx woll­te den Phy­sio­kra­ten (Ques­nay, u.a.) den Gar­aus machen, indem er die Arbeits­pro­duk­ti­vi­tät in sei­ner Mehr­wert­leh­re der Leh­re der Phy­sio­kra­ten ent­ge­gen­stell­te, wonach allein der Boden die Wer­te schaf­fe, also die Natur. Er mein­te zu recht: Arbeit muss schon sein, um Ent­wick­lung vor­an­zu­brin­gen. Aber wie?

    Gleich­zei­tig wies Marx dar­auf hin, dass die ehe­ma­li­gen „Urer­zeu­ger“, näm­lich die Bau­ern, mehr und mehr in eine Lage gera­ten waren (im Zuge des indus­tri­el­len Fort­schritts von damals), sich an neue, nicht unbe­dingt immer „net­te Geber“ zu ver­din­gen, den kapi­ta­lis­ti­schen Unter­neh­mer von damals näm­lich (ähn­lich den heu­ti­gen chi­ne­si­schen Wan­der­ar­bei­tern). Sozu­sa­gen der „Zahn der Zeit“.

    Und hier­aus lei­tet er fol­ge­rich­tig sei­nen Aus­beu­tungs- und Ent­frem­dungs-begriff ab, der ein ganz ande­rer ist, als der der katho­li­schen Sozi­al­leh­re, wenn­gleich sich phä­no­me­no­lo­gisch mit­un­ter mit die­ser deckend.

    Womit wir – neu­zeit­lich gewen­det – bei Camus wären. Der war skep­tisch gegen­über Marx. Denn Camus sah , in die­sem Punkt ähn­lich Sart­re, die Ent­frem­dung bis zu einem gewis­sen Gra­de als „anthro­po­lo­gi­sche Kon­stan­te“, das heiß über­grei­fend über die Marx­sche Klas­sen­ge­sell­schaft in his­to­ri­schen Epo­chen. Die Camus­sche und Sar­tre­sche Fremd­heit oder auch Seria­li­sie­rung.

    Das fin­de ich ein span­nen­des aktu­el­les The­ma. Wohl­an!

    Ansons­ten fän­de ich es span­nend, gera­de nicht (nur) den „jun­gen Marx“ in der Lek­tü­re her­vor­zu­ho­len (trotz sei­ner dort ver­tre­te­nen eher indi­vi­du­el­len Frei­heit­lich­keit im Anschluss an Hegel und Kant), son­dern sich die vor­aus­ge­sag­ten Gesetz­mä­ßig­kei­ten der öko­no­mi­schen Ent­wick­lung anzu­schau­en, in denen wir m. E. mit­ten­drin ste­cken, nach­dem der Kapi­ta­lis­mus ubi­qui­tär gewor­den ist – für eine Wei­le.

    Da liegt das neu­zeit­li­che Poten­zi­al des halb­jü­di­schen Pro­tes­tan­ten aus Trier mit sei­nen ihn quä­len­den Hämor­rhoi­den begra­ben, sofern wir es nicht ent­de­cken. Und wir kämen dann doch irgend­wie, wür­den wir uns befas­sen, zu den Struk­tu­ra­lis­ten, allen vor­an Althus­ser.

    Kei­ne Ahnung, ob wir die­ses Fass auf­ma­chen sol­len!

    Bes­te Grü­ße

    Fritz Feder

    #1 Comment vom 21. August 2010 um 20:17

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